Zolling, Peter

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Mit der Machete durch den Dschungel der Tatsachen 

Peter Zolling über sein Buch „Deutsche Geschichte von 1871 bis zur Gegenwart“ 

 


lesepunkte: Als langjähriger Redakteur beim SPIEGEL haben Sie historische Themen für Erwachsene aufbereitet, warum nun ein Jugendbuch?

 

Peter Zolling: Ich sehe da gar keinen so großen Unterschied. Mein Kollege Wolfgang Malanowski und ich haben beim SPIEGEL damals versucht historische Stoffe so zu bearbeiten, dass sie für jedermann spannend erzählt klingen und verständlich sind, aber dennoch ein erklärender Anspruch damit verbunden ist. Analyse und Erzählung sollten zusammenkommen. Das ist uns hoffentlich gelungen – ab und zu jedenfalls. Und genau diesen Ansatz habe ich im Grunde in diesem Buch fortgeführt. Es ist ein Buch für Jugendliche, aber nicht ausschließlich. Die Resonanz, die ich bisher habe, zeigt auch, dass es ein All-Age-Book ist, also ein Buch, das für alle Generationen gedacht ist. Die Generationen können sich über ihre Altersunterschiede hinweg über das Buch und seine Themen unterhalten.

lesepunkte: Ein Rezensent der F.A.Z. hat Sie gelobt, dass Sie „der Komplexität des Gegenstandes ganz und gar gerecht geworden“ seien. Mal andersrum gefragt, was macht denn die Kunst des Weglassens aus?

 

Peter Zolling: Das habe ich beim Spiegel gelernt, dass man wie mit einer Machete durch den Dschungel der Tatsachen marschiert und den Mut haben muss, sich von bestimmten, vielleicht sogar auch wichtigen Tatsachen zu trennen, sie beiseite zu lassen und sich auf die großen Zusammenhänge zu konzentrieren und diese zu illustrieren. Wir haben ja in Deutschland hervorragende Historiker, hervorragende Wissenschaftler – aber, was man bei denen leider etwas vermisst, ist die Kunst des Schreibens, die etwa viele angelsächsische Historiker beherrschen: zu erzählen und zu analysieren und dabei den Mut zu haben, das eine oder andere wegzulassen.

lesepunkte: Um Jugendlichen Geschichte nahe zu bringen, muss man Geschichten erzählen?

 

Peter Zolling: Ja, das würde ich sagen. Das Erzählen von Geschichten, sich über Einzelheiten dem Allgemeinen nähern, mit Szenen arbeiten. Ich beginne ja mein Buch mit der berühmten „Kaiserkrönung“ in Versailles 1871. Das war eine sehr gespenstische Szene mit gedrückter Atmosphäre, die man sehr schön schildern kann. Anhand dieser Szene wird eigentlich bereits die gesamte Hypothek, die dieses Deutsche Kaiserreich mit sich trug, veranschaulicht und deutlich.

lesepunkte: Wo liegen die Grenzen der Vereinfachung?

 

Peter Zolling: Man darf halt nichts weglassen, was unbedingt dazugehört. Vielleicht trägt ein bisschen die Erfahrung, die man im Laufe seines Lebens mit solchen Stoffen gemacht hat, dazu bei, dass man das besser erkennt. Ich würde allerdings für mich in Anspruch nehmen, dass ich versucht habe, bis in detailliertere Bereiche hinein die Tatsachen zu erfassen. Ich habe sicherlich einige Themen eher etwas am Rande behandelt, den Entwicklungen auf den Gebieten der Kunst aber etwa dafür in den 1920er-Jahren wieder mehr Raum gegeben, weil sie für das Lebensgefühl der Weimarer Republik eine große Rolle spielten. Aber es ist ja in erster Linie eine politische Geschichte, eine politische Geschichte des Deutschland, wie es bis heute geworden ist – unter einem bestimmten Leitmotiv, nämlich dem Leitmotiv von Einheit und Freiheit.

lesepunkte: Sie sprechen das Leitmotiv Ihres Buches an: der Zwiespalt von Einheit und Freiheit in der Deutschen Geschichte. Das heißt aber doch nicht, dass Ihre Geschichte auf den glücklichen Endpunkt der Deutschen Einheit zuläuft?

 

Peter Zolling: Nichts läuft in der Geschichte auf irgendetwas zu. Ich wollte zum einen verdeutlichen, wie offen Geschichte ist und war – auch im Hinblick übrigens auf das „Dritte Reich“. Viele Historiker haben ja oft die Geschichte vor 1933 als eine Art Vorgeschichte oder Einbahnstraße hin zum „Dritten Reich“ gedeutet. Das sehe ich etwas anders, es gab viele Weichen, die in diese Richtung wiesen. Es hätte aber auch anders kommen können und darauf will ich hinweisen. Und das, was 1989 kam, die Einheit in Freiheit, war alles andere als zwangsläufig.

Mir ist nur sehr klar geworden, wie wichtig es ist, diese offene Geschichte zu erzählen, als ich auf eine Umfrage stieß, die besagte, dass ein Drittel aller Deutschen mit diesem Datum 9. November 1989 nichts mehr anfangen kann – und das 15, 16 Jahre nach der Deutschen Einheit. Da dachte ich mir, das ist Grund genug, sich mit diesen mehr als 150 Jahren seit 1848 zu beschäftigen, damit auch junge Menschen, die nach der Wende geboren wurden, ein bisschen Orientierung haben und wissen, woher sie eigentlich kommen. 

lesepunkte: Sie waren im Jahr 1989 Rundfunkjournalist, wie haben Sie selbst die Einheit erlebt?

 

Peter Zolling: Als die Einheit kam, war ich beruflich im Wechsel begriffen. Ich war noch beim Fernsehen des Süddeutschen Rundfunks und im Jahr darauf ging ich dann zum SPIEGEL. Den Mauerfall habe ich vorm Fernseher verfolgt. Ein Jahr später bei der Einheitsfeier war ich als geborener Berliner selbstverständlich dann dabei. Ich bin ganz allein sehr viel herumgelaufen in der Stadt, von Ost nach West und eigentlich die ganze Nacht auf den Beinen gewesen und habe mich sehr gefreut, ohne in irgendein nationales Pathos zu verfallen. Das ging mir aber schon ans Herz. Man merkte ganz deutlich: Eine Epoche geht zu Ende und eine neue beginnt.

lesepunkte: In der populären Geschichtsschreibung ist wieder die Tendenz zu beobachten, den Lauf der Geschichte auf das Wirken großer Persönlichkeiten zu reduzieren. Dieser Gefahr sind Sie entgangen.

 

Peter Zolling: Wenn Sie das so sagen, freue ich mich. Wobei ich ganz freimütig einräume, dass ich die Geschichte auch entlang von Personen erzählen wollte. Nicht weil ich glaube, dass sie darin aufgeht. Mein eigenes Geschichtsstudium war noch stark beeinflusst von den Perspektiven einer Strukturgeschichte, stark sozialgeschichtlichen Ansätzen, von denen ich sehr profitiert habe und die ich nach wie vor für sehr wichtig halte. Gleichwohl denke ich, um in den Geschichtsstoff hineinzukommen, als Schüler oder als Student oder als jemand, der sich als Laie dafür interessiert, muss man erst mal wissen, was eigentlich passiert ist – wer die Verantwortlichen waren. Wer die Protagonisten und Antagonisten waren, von denen natürlich schon einiges abhängt. Auch wenn man nach den langfristig wirkenden Tendenzen und Strukturen immer wieder fragen sollte. Aber das ist dann doch erst der zweite Schritt.

lesepunkte: Würden Sie auch für ein kanonisiertes Wissen plädieren?

 

Peter Zolling: Alles andere artet in Schwafelei aus. Sie kommen nicht umhin, wenn Sie sich auf Englisch unterhalten wollen, sich einen gewissen Vokabelschatz anzueignen. Das gilt für alle Bereiche, die auf Fakten basieren und damit selbstverständlich auch für die Historie. Gewisse Grundbegriffe und Daten müssen bekannt sein, damit Zusammenhänge sichtbar werden. Sonst versteht man nichts.

lesepunkte: Wie haben Sie denn Ihren eigenen Geschichtsunterricht in Erinnerung?

 

Peter Zolling: In nicht so guter Erinnerung. Ich muss gestehen, dass ich dem Geschichtsunterricht in der Oberstufe skeptisch gegenüber stand. Das kam alles sehr dröge und unkritisch daher.

lesepunkte: Sie sind nicht nur Buchautor, sondern auch Partner bei coram publico, einem Dienstleister für Kommunikationsberatung in Hamburg. Hat Ihr Umgang mit den aktuellen politischen und wirtschaftlichen „Eliten“ auch den Blick auf die historischen Akteure verändert?

 

Peter Zolling: Insofern geschärft, als ich da immer schon kritisch hinschaute – das tue ich nach wie vor. Umgekehrt befähigt einen der historische Hintergrund vielleicht mitunter auch dazu, Unternehmen und Führungspersönlichkeiten zu mehr Weitblick zu verhelfen, wenn es um deren Echo in der Öffentlichkeit geht. Hinzu kommt, dass meine Partner und ich bei coram publico aus dem Journalismus kommen, wir also wissen, was die Akteure in Wirtschaft und Politik unterlassen bzw. besser machen sollten, um vor den kritischen Augen der Medien bestehen zu können.

lesepunkte: Haben Sie auch wieder ein neues Buchprojekt?

 

Peter Zolling: Ja, und zwar wende ich mich in meinem neuen Buch unserer Verfassung zu, dem Grundgesetz. Das soll eine historisch-politische Einführung in das für die Deutschen und deren Demokratie ja schlechthin wichtigste Dokument werden – für jedermann verständlich, „Verfassung zum Anfassen fürs Volk“ sozusagen. Ziel ist es, auf unterhaltsame Weise historisch und begrifflich zu erläutern, was das Grundgesetz ist, wie und weshalb es so entstand, und was es für den einzelnen Bürger bedeutet. Sie wissen, dass das Verfassungsbewusstsein in den Vereinigten Staaten viel verbreiteter ist, dass dort eine höhere Identifikation – in Teilen der Bevölkerung jedenfalls – mit der amerikanischen Konstitution besteht. Und so etwas wie ein republikanisch-bürgerdemokratisches Selbstverständnis in den Köpfen und Herzen der Menschen zu verankern – das halte ich gerade auch angesichts der Herausforderungen einer Einwanderungsgesellschaft wie in Deutschland für außerordentlich wichtig. Dazu soll mein jetziges und auch mein nächstes Buch Orientierungshilfe geben.

(Interview: Jochen Pahl) 

 

 

Empfohlene Zitierweise

Interview Peter Zolling. lesepunkte 1 (2006), Nr. 1, in: lesepunkte, URL: http://www.lesepunkte.de/no_cache/persistent/artikel/4322/

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Erstellt: 10.10.2006

Zuletzt geändert: 11.10.2006

Kurzbiographie


Der 1955 in Berlin geborene Peter Zolling war langjähriger politischer SPIEGEL-Redakteur und kennt das Mediengeschäft seit rund 20 Jahren. Der promovierte Historiker und Stipendiat der „London School of Economics & Political Science“ begann beim Süddeutschen Rundfunk als Journalist und Moderator im Hörfunk und Fernsehen.

Im Bundestagswahlkampf 1998 betreute er als Medienexperte, Coach und Spin Doctor den Computer-Unternehmer Jost Stollmann, damals Kandidat von Gerhard Schröder für das Amt des Wirtschaftsministers.

Seit 2004 ist der Publizist und Buchautor Peter Zolling Partner bei „coram publico“, einem Zusammenschluss von Kommunikationsberatern in Hamburg.

 

Deutsche Geschichte von 1871 bis zur Gegenwart. Wie Deutschland wurde, was es ist. (Hanser, 2005).