Wegmann, Ute

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„Manchmal wünsche ich mir die Intensität des ersten Erlebens zurück.“ 

Ute Wegmann über „Coming-of-Age“-Romane und den Jugendbuchmarkt 

 


lesepunkte: In Ihrem Buch „Never alone“ aus dem Jahr 2008 sind vier Jungs die Protagonisten, in dem im Frühjahr 2011 erschienenen Buch „Sommer war gestern“ sind es zwei Mädchen. War es einfacher, sich in Jungs oder Mädchen einzufühlen?

 

Ute Wegmann: Ich habe mich ganz gut in die Jungs einfühlen können und hatte auch Lust dazu. Bei den Mädchenfiguren erinnert man sich an vieles, was man selbst empfunden oder gefühlt hat. Da ist man natürlich noch näher am persönlichen Erleben. Bei den Jungs habe ich mich an Geschichten von meinem Sohn und seinen Freunden erinnert und habe vielleicht ein bisschen mehr recherchieren müssen.

lesepunkte: Die Jungens-Geschichte ist im Grunde ein Loblied auf die Freundschaft – in „Sommer war gestern“ geht eine Freundschaft in die Brüche. Ist das ein geschlechtertypisches Setting – hier die etwas zickigeren Mädchen, dort die treuherzigen Jungs?

 

Ute Wegmann: Nein, so habe ich mir das nicht gedacht. „Loblied auf die Freundschaft“ stimmt absolut, Freundschaft ist immer ein wichtiges Thema in meinen Büchern. Zum Beispiel auch in „Weit weg … nach Hause“ (2007), wo das Mädchen Luisa nach Freundschaften sucht oder in„Sandalenwetter“ (2005), wo es um eine Freundschaft im Grundschulalter zwischen Jungs und Mädchen geht.
In „Sommer war gestern“ wollte ich mit der Geschichte zeigen, dass eine Sache, von der man glaubte, sie hält bis ans Lebensende, zu Ende gehen kann und etwas Neues anfängt, das auch gut ist. Die Worte „Loslassen lernen“ klingen vielleicht ein bisschen abgegriffen – aber dass man nicht allzu sehr an den Dingen festhalten darf und die Welt dann eben nicht untergeht, ist hier der wichtige Aspekt gewesen. Das hätte also auch eine Beziehungsgeschichte sein können. Ich habe mich nicht auf das geschlechts- oder genderspezifische Thema konzentrieren wollen.

lesepunkte: Was ist denn das spannende an der Pubertät – warum schreibt man „Coming-of-Age“-Romane?

 

Ute Wegmann: Ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich die Pubertät schrecklich fand, als ich selbst so alt war. Man wird ja ständig „ent-täuscht“, im wahrsten Sinne des Wortes. Spannend finde ich, dass alles so absolut und intensiv ist. Das extreme Hin- und Hergerissensein zwischen himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt. Das Suchen nach dem Weg, den man gehen will, nach dem eigenen Ich und die Offenheit, die damit verbunden ist – alles ist noch möglich und zugleich wahnsinnig emotionalisiert. Das möchte ich gerne festhalten; es ist ja eigentlich schade, wenn man diese intensiven Gefühle nicht mehr hat. Heute wünsche ich mir die Intensität des ersten Erlebens manchmal zurück, gerade im Hinblick auf erste Liebe und Bestätigung von Freundschaften.

lesepunkte: Bei der Lektüre „Sommer war gestern“ musste ich an den James Dean-Film „… denn sie wissen nicht, was sie tun“ (1955) denken. Nicht nur, weil dort auch Autorennen eine Rolle spielen: Im Original heißt er „Rebel Without a Cause“; dass passt doch gut zu dieser ständigen Unzufriedenheit, bei der man gar nicht weiß, was mit einem passiert und es vielleicht gar keinen Grund dafür gibt, rebellisch zu sein…

 

Ute Wegmann: Ja, zum einen Unzufriedenheit – zum anderen ist da immer das Gefühl, dass man eingeengt wird, weil man nicht selbst entscheiden kann; man ist ja für alles noch viel zu jung. Das provoziert natürlich diese tiefe Rebellion und bei Ela in „Sommer war gestern“ ist das Autorennen ein Moment des Freiseins, ein Gefühl, sich von allen Fesseln lösen zu können. Niemand kontrolliert sie. Die Autorennen, an denen Ela heimlich teilnimmt, sind wie ein Ausblick auf eine Zukunft, in die sie sich hinein wünscht. Sie will damit niemandem schaden, es ist eher eine Befreiung von einem Korsett. Sie lässt dann alles hinter sich und schaut nur noch nach vorne.

lesepunkte: Die Pubertät ist ja auch die Zeit der Generationenkonflikte. Sowohl in „Sommer war gestern“, als auch in „Never alone“ findet die Eltern-Generation kaum statt. Sie ist entweder ganz abwesend oder hat keine Zeit, sich um die Kinder zu kümmern. Wichtig werden dann in beiden Büchern die Großeltern – ist das eine Erfahrung aus der eigenen Realität?

 

Ute Wegmann: Ich glaube, da habe ich wirklich auf mein eigenes Erleben zurückgegriffen. Ich bin ein Kind von berufstätigen Eltern und meine Großeltern waren total wichtig für mich. Meine Großmutter kochte für uns und mein Großvater fuhr mich von A nach B, weil ich auf dem Land groß geworden bin. Ich habe also in meiner Kindheit und Pubertät meine Eltern eher als abwesend erlebt. Ich denke, das ist auch Phänomen unserer Gesellschaft, dass beide Eltern berufstätig und die Kinder Schlüsselkinder sind. Viele Kinder kommen mittags nach Hause, da steht ein vorbereitetes Essen und sie sind dann lange mit sich alleine. Diese Problematik ist vielleicht sogar noch ausgeprägter, als zu meiner Zeit und erreicht auch heutige Jugendliche.

lesepunkte: In beiden Roman bringen die Figuren der Eltern aber auch am wenigsten Verständnis für die Jugendlichen auf und können sich am wenigsten eindenken.

 

Ute Wegmann: Ja das stimmt, aber das kennt man ja aus vielen Erzählungen, dass zwischen Enkeln und Großeltern eine Bindung und eine Verständnisebene existieren, die es mit Eltern nie geben könnte. Großeltern können eher mal fünf gerade sein lassen, Eltern sind wichtig, um Grenzen zu setzen. Weil ich nun aber aus der Perspektive der Jugendlichen schreibe, ist mein Blick natürlich so, dass die Eltern einengen und ich sie lieber loswerden würde, weil sie mir die Freiheit nehmen.

lesepunkte: Sie sind ja selbst Mutter und in der Elterngeneration. Hilft das, den richtigen Ton zu treffen, wenn man die Figuren skizziert? Die Nagelprobe sind ja wahrscheinlich Lesungen vor Jugendlichen?

 

Ute Wegmann: Ein Feedback geben mir eher Erwachsene, die oft erstaunt sind, dass der Ton der Jugendlichen in den Dialogen gut getroffen ist und es trotzdem keine anbiedernde Jugendsprache ist. Das fände ich selbst auch schrecklich. Mein eigenes „Muttersein“ hat mir natürlich geholfen, sowohl in den Kommentaren, die die Mütter in den Büchern abgeben, da habe ich mich sicher ein stückweit selbst thematisiert und ironisiert. Aber auch, weil ich viel mit Jugendlichen zu tun hatte, viele zu Hause bei uns saßen und ich für sie Nudeln gekocht habe und genau hingehört habe, wie sie reden, wie ihr Umgangston ist und welche Themen sie beschäftigen. Mein Sohn ist mittlerweile erwachsen und ausgezogen und ich muss ehrlich sagen, dass ich diese alltägliche Kommunikation am Essenstisch vermisse. Ich habe das all die Jahre geliebt, in jedem Alter, auch, als die Kinder drei Jahre alt waren und man sich noch über kindliche Dialoge und Fragen amüsieren konnte.

lesepunkte: Sie sind nicht nur Jugendbuchautorin. Sie beschäftigen sich auch als Radiojournalistin und -Moderatorin mit Jugendliteratur und schreiben auch Drehbücher für Kinder- und Jugendfilme. Heißt das, dass Sie in allen Rollen auf gleiche Art und Weise in der Jugendkultur stecken?

 

Ute Wegmann: Es sind immer ganz verschiedene Zugänge. In meiner journalistischen Arbeit für den Deutschlandfunk, für die Sendungen „Büchermarkt“ oder „Die besten 7 Bücher für junge Leser“, kann ich meine Autorenschaft komplett von mir abspalten und bin ganz Journalistin. Da habe ich dann den Blick auf die Literatur der anderen und bin ganz weg von meinem eigenen Kram. Vielleicht hat das auch damit zu tun, dass ich zuerst als Journalistin gearbeitet habe und erst nach einiger Zeit mein erstes Buch geschrieben habe. Das Drehbuchschreiben ist wieder eine ganz andere Arbeit, bei der man mit ganz anderen Aspekten beschäftigt ist, weil man ganz anders auf eine Geschichte schauen muss. Ich bin jedes Mal in einer anderen Rolle und fokussiere den Blick neu.

lesepunkte: Was zeigt der journalistische Blick auf das Jugendbuch? Ist das Jugendbuch noch wichtig für Jugendliche - gerade seit die Neuen Medien in den vergangenen Jahren Riesensprünge gemacht haben?

 

Ute Wegmann: Schwierige Frage. Das Jugendbuch hat es total schwer, was man an den Verkaufszahlen sieht. Wenn ich als Autorin antworte, sehe ich es daran, dass ich weitaus öfter für Lesungen aus meinen Kinderbüchern gebucht werde, weil wir die Jugendlichen schlechter erreichen. Ich glaube aber, dass sich im Lauf der vergangenen Jahre wenig verändert hat, Veränderung der Medienlandschaft hin oder her. Es gab immer Leser und Nichtleser, die andere Dinge gemacht haben, Fernsehen geschaut haben oder draußen waren und heute vielleicht bei facebook abhängen. Es gibt wahnsinnig viel richtig gute Jugendliteratur, vor allem aus England und Amerika. Auf hohem literarischem Niveau präsentieren viele Autoren wunderbare Geschichten, die wohl immer nur von relativ wenigen Jugendlichen gelesen werden. Damit müssen wir uns abfinden und weder Journalisten, noch Autoren können daran arbeiten, einen Coup zu landen, auf den alle fliegen. Warum schaffen das dann trotzdem Autoren wie Stephenie Meyer mit Vampirgeschichten oder Cornelia Funke mit ihren Tintenwelt-Büchern? Es liegt unter anderem daran, dass diese Bücher auch von Erwachsenen gekauft und gelesen werden. Die Verlage bringen bestimmte Titel ja zum Teil schon in zwei Ausgaben heraus, damit auch ein „Erwachsenencover“ auf dem Markt ist. So war es zum Beispiel mit Markus Zusaks „Die Bücherdiebin“ (2008). Die hohen Verkaufszahlen sind also darauf zurückzuführen, dass auch etwa Frauen über 40 die Vampirgeschichten von Stephenie Meyer lesen.

lesepunkte: In Pubertätsromanen machen Jugendliche ja gerne viel Blödsinn. 15-jährige Jungs trinken gerne ein paar Bierchen und verlieren den Kopf nach einem verlorenen Fußballspiel, Mädchen fahren heimlich Auto – gibt es da auch Reaktionen von Lehrern, die sagen, dass Jugendliche solche Bücher nicht lesen sollen, weil sie sonst auf dumme Gedanken kommen?

 

Ute Wegmann: (lacht) Ich habe immer ein bisschen Angst vor den Lehrern, weil ich denke, die werden mir einen Riegel vorschieben, dass ich mit meinen Büchern auf Lesungen gehe. Bei „Never alone“ ist es ja so, dass einer der vier Jugendlichen von einer verheirateten erwachsenen Frau verführt wird, bei der er Babysitten sollte. Das ist natürlich eine brisante Geschichte und ich betone auch immer, dass das Buch ab 14 Jahren empfohlen wird. Die Dinge, die ich beschreibe, die heimlich getan werden und eigentlich verboten sind, ob das nun Bier trinken ist, Graffiti-Sprühen, Kiffen oder Sex unter 16 – das passiert ja und ist eine Form von Realität, die man nicht wegdiskutieren kann.

lesepunkte: Aber schreibt man da als Autorin mit angezogener Handbremse, weil man „Regeln des Anstands“ nicht verletzen darf?

 

Ute Wegmann: Am Anfang dachte ich, ich schreibe alles so, wie ich es mir vorstelle. Dann habe ich tatsächlich die Handbremse angezogen, aber aus einem anderen Grund. Ich habe gemerkt, dass Jugendliche gar nicht alles expressis verbis lesen wollen. Es ist besser, bestimmt Dinge nur anzudeuten und offen zu lassen. Es muss nicht alles auf dem Tablett präsentiert werden, das wäre ja auch peinlich.

lesepunkte: Gerade bei Sex im Jugendbuch stellt man sich ja auch vor, dass das Gekicher bei Lesungen groß ist.

 

Ute Wegmann: Die Stellen muss man ja nicht lesen (lacht). Das würde ich nicht machen, damit muss man aufpassen, weil es ein brisantes Feld ist, auf dem viele Unsicherheiten bestehen. Das weiß man ja noch von sich selbst aus der Jugendzeit. Ich würde aber nie eine bestimmte Sache nicht schreiben, weil ich denke „da lädt mich dann kein Lehrer mehr ein.“

(Interview: Jochen Pahl) 

 

 

Empfohlene Zitierweise

Interview mit Ute Wegmann (Jochen Pahl). lesepunkte 6 (2011), Nr. 3, in: lesepunkte, URL: http://www.lesepunkte.de/no_cache/persistent/artikel/9062/

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Erstellt: 19.09.2011

Zuletzt geändert: 19.09.2011

Kurzbiographie

Geboren 1959 in Düsseldorf, lebt in Köln. Studierte Germanistik, Romanistik und Pädagogik. Freie Journalistin und Moderatorin mit dem Schwerpunkt Kinder- und Jugendmedien, Dozentin an der Universität Duisburg-Essen.
Seit 1994 redaktionelle Mitarbeiterin für den „Büchermarkt“ beim Deutschlandfunk Köln. Regie und/oder Produktion diverser Bilderbuchverfilmungen: „Sein erster Fisch“ von Hermann Schulz, „Gehört das so?“ von Peter Schössow und „Die besten Beerdigungen der Welt“ von Ulf Nilsson. Autorin von Kinder- und Jugendbüchern sowie von Drehbüchern.

Sommer war gestern, dtv (Reihe Hanser) 2011, ISBN 978-3-423-62468-8

Never alone, dtv (Reihe Hanser) 2008, ISBN 978-3-423-62379-7

Weit weg … nach Hause, dtv (Reihe Hanser) 2007, ISBN 978-3-423-62299-8

Sandalenwetter, dtv (Reihe Hanser) 2005, ISBN 978-3-423-62219-6

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