Voorhoeve, Anne C.

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„Ohne spannende Geschichte würde es nicht gehen“ 

Anne C. Voorhoeve über historische Stoffe und packende Geschichten 

 


lesepunkte: Ihr erstes Jugendbuch „Lilly unter den Linden“ erschien im Jahr 2004. Sie hatten den Stoff zuerst als Drehbuch verfasst. War da die Jugendbuchfassung eher ein Zufallsprodukt?

 

Anne C. Voorhoeve: Auf den Gedanken, dass es ein Jugendbuch sein könnte, kam ich während der Arbeit am Drehbuch, als es von Seiten der Redaktion beim MDR hieß: „Wenn es aus der Perspektive des Mädchens erzählt ist, dann ist es ein Jugendfilm“. Im Film war es dann so, dass nicht aus der Perspektive des Mädchens erzählt wurde, damit es fürs Mittwochabendprogramm passte, mit gleichwertigen Kinder- und Erwachsenenrollen. So wurde es aber dann doch anders, als ich es geplant hatte, nämlich diese Geschichte aus der Perspektive von Lilly zu erzählen. Und ich dachte mir, „Sieh mal zu, dass du die Rechte behältst, daraus noch einen Roman zu machen“. Und beim Schreiben wurde mir dann klar, dass es wirklich ein Jugendroman ist; auch ein Buch für Leute, die nichts über die DDR wissen. Ich habe es dann vor allem Jugendbuchverlagen angeboten und von einem kam ja dann die Zusage.

lesepunkte: Was war denn so reizvoll daran, aus der Perspektive eines 13-jährigen Mädchens zu schreiben?

 

Anne C. Voorhoeve: Es sind ja zwei Geschichten – zum einen verliert Lilly ihre Mutter und hat niemanden mehr, ist als junges Mädchen von 13 Jahren gezwungen, ein ganz neues Leben zu beginnen. Zum anderen entdeckt Lilly ein ganz neues Land, von dem sie nichts weiß und in das sie sich sehr naiv begibt. Dort laufen Dinge anders, als sie es erwartet hat. Ich dachte, dass man das besser aus der Perspektive eines Kindes erzählen kann. Und was die DDR betrifft, war das ja auch meine eigene Perspektive. Ich wusste ja am Anfang auch fast nichts. Ich selbst stamme aus dem Westen und habe im Grunde erst nach der Wende richtig Kontakt gehabt zu früheren DDR-Bürgern. Zusammen mit Lilly habe ich das alles auch erst entdeckt.

lesepunkte: Warum sind Sie dann bei den nachfolgenden Büchern bei der Wahl eines jugendlichen Perspektivträgers geblieben?

 

Anne C. Voorhoeve: Ich muss sagen, dass das Alter zwischen 12 und 16 Jahren eine Zeit ist, an die ich mich selbst gut erinnere. Wie es mir ging und was meine Fragen ans Leben waren unterscheidet sich vielleicht gar nicht so sehr von heutigen Jugendlichen. Beim Schreiben von „Lilly“ habe ich gemerkt, dass mir das liegt. Und gerade im Zusammenhang mit den geschichtlichen Themen kann man bestimmte Dinge ganz wunderbar aus einer naiven Perspektive heraus erzählen. Zum Beispiel in „Liverpool Street“, wo es um Holocaust und Judenverfolgung geht, macht gerade die Kinderperspektive den Wahnsinn dieser Geschichte sehr deutlich.

lesepunkte: Erarbeiten Sie sich ihre Themen für die Romane immer selbst?

 

Anne C. Voorhoeve: Ja. Wenn ich weiß, über welches Thema ich schreibe, lese ich erst mal alles, was ich dazu finde. Und zwar wirklich alles. Dann hoffe ich, dass sich aus diesem Lesen schon eine Geschichte mit möglichen Figuren herausbildet. Das geht manchmal ganz schnell, bei „Liverpool Street“ war die Geschichte zum Beispiel ruck zuck da. Manchmal dauert es länger; bei der fiktiven Geschichte für „Einundzwanzigster Juli“, die im Hintergrund läuft und Probleme behandelt, die die Erzählerin neben der Sippenhaft durchlebt, hat es gedauert, bis ich eine Idee hatte. Da habe ich nach zwei Monaten auch ganz neu angefangen, weil die erste Geschichte nicht funktionierte.

lesepunkte: Ihre Bücher handeln von deutscher Zeitgeschichte. Sie haben Alte Geschichte und Amerikanistik studiert und hätten also auch thematisch in einem anderen Land und einer anderen Epoche landen können. Wie kam es zu Ihrem inhaltlichen Schwerpunkt?

 

Anne C. Voorhoeve: Bei der ganzen Auseinandersetzung mit Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg dachte ich eigentlich erst, dass das „durch“ ist und ich wollte gar nicht mehr dazu schreiben. Ich bin dann aber doch auf Themen gestoßen, über die ich gar nichts wusste – und im Nachfassen habe ich dann gemerkt, dass man da tolle Geschichten daraus machen könnte. Es kam also durch die Beschäftigung mit bestimmten Kapiteln der Zeitgeschichte. Das heißt aber nicht, dass ich nicht auch einmal etwas zu einer anderen Epoche machen möchte.

lesepunkte: Welche Rolle spielt für Sie das Thema Authentizität, die Beschreibung von wirklichem Geschehen und wirklichen Figuren?

 

Anne C. Voorhoeve: Ich finde sehr wichtig, dass der historische Zusammenhang stimmt, sonst wäre es peinlich. Wenn man von ganz falschen Voraussetzungen ausgeht oder versucht, die Geschichte zu sehr in eine bestimmte Richtung zu drehen, damit Sie zum eigenen Plot passt, ist das nicht korrekt. Ich versuche das schon so wahrheitsgemäß wie möglich darzustellen, was aber auch manchmal Probleme in sich birgt. Bei „Einundzwanzigster Juli“ wird die Verbringung der Familie in verschiedene Lager innerhalb kurzer Zeit zum Beispiel sehr unübersichtlich. Als Autorin stehe ich dann vor der Frage, ob ich mich dann diesen Fakten unterwerfe: Schreibe ich es so, dass es schön zu lesen ist – oder schreibe ich es so, wie es war. Im konkreten Fall habe ich mich dafür entschieden, in zwei Kapiteln zu schreiben, „wie es war“ und das Dokumentarische in den Vordergrund zu stellen. Auch wenn es für den Leser vielleicht ein bisschen schwieriger wird, zu folgen.

lesepunkte: In Ihrem Buch „Einundzwanzigster Juli“ taucht die Familie Stauffenberg nicht unter ihrem richtigen Namen auf. Wie kam es dazu, dass Sie hier einen anderen Namen gewählt haben?

 

Anne C. Voorhoeve: Einmal war es so, dass es von Seiten von Otto Philipp von Stauffenberg, mit dem ich zu tun hatte, verständlicherweise anfangs gewisse Vorbehalte einem Romanvorhaben gegenüber gab. Mir war auch klar warum – wer möchte sich schon als Figur in einem Roman sehen; und dann möglicherweise noch unter seinem richtigen Namen…
Als ich ihm mitteilte, dass ich einen anderen Namen wählen möchte, hat ihm das die Mitarbeit sehr erleichtert. Wer möchte, kann dann doch im Anhang die Stammbäume der tatsächlichen Familie mit den Romanfiguren vergleichen. Und auch durch die Erzählperspektive ist der fiktive Rahmen deutlich und es wird klar, dass man sich als Autor mehr Freiheiten nehmen kann. Man muss dann nicht einer historischen Figur Gedanken in den Kopf legen, die sie wohl nicht hatte. Auch für mich war das Schreiben viel leichter, als die Romankonstruktion klar war. Das hat mich befreit von diesem Zwang des großen Namens der Stauffenbergs.

lesepunkte: Das Pseudonym „Lautlitz“ hat aber auch eine Bedeutung für die Familie Stauffenberg?

 

Anne C. Voorhoeve: Das war ein Wortspiel mit dem Ort Lautlingen auf der Schwäbischen Alb. Das war der Sommersitz der Familie, der auch eine gewisse Rolle in dem Buch spielt, weil sich dort alle treffen, um ihren Sommerurlaub dort zu verbringen. Dort erreicht auch alle die Nachricht vom Attentat und die Erwachsenen werden dort verhaftet und die Kinder von dort aus ins Heim gesteckt.

lesepunkte: In „Einundzwanzigster Juli“ sind sowohl das Personal als auch die Handlung authentisch, bei „Liverpoolstreet“, das von Kinderverschickung nach England während des Zweiten Weltkriegs handelt, sind die Figuren allesamt erfunden. Was geht – und was geht nicht beim Historischen Roman?

 

Anne C. Voorhoeve: Es gibt ja dokumentarische Darstellungen von zahlreichen dieser Kinder, die damals dabei waren. Die haben zwar Unterschiedlichstes erlebt, aber bestimmte Dinge sind bei allen gleich: Dass sie Heimweh hatten, Probleme mit der Sprache, bis hin zu den Schuldgefühlen noch im Erwachsenenalter, weil sie überlebt haben und andere aus ihrem Familien- und Freundeskreis nicht. Da wusste ich dann, dass diese Sachen vorkommen müssen, die Figuren selbst habe ich erfunden. Da ich zu der Zeit, als ich den Roman schrieb, das Jüdische Museum „entdeckte“, mit seiner reichen Geschichte der Juden in Deutschland, wollte ich auch mehr darüber schreiben, was es bedeutet, Jude in Deutschland zu sein. Die Protagonistin Ziska, die selbst erst gar nicht weiß, dass sie Jüdin ist, weil sie als evangelische Christin getauft wurde, hasst es erst, jüdisch zu sein. Es bringt ihr nichts als Ärger. In der Zeit der Verfolgung erfährt sie viel über das Judentum und geht plötzlich darin auf und fühlt sich darin zu Hause. Diese beiden Stränge der Geschichte standen für mich relativ schnell fest.

lesepunkte: Bekommen Sie auch ein Feedback von jungen Lesern auf Ihre Romane – und wie sieht es aus?

 

Anne C. Voorhoeve: Speziell zu „Liverpool Street“ war es geradezu beglückend. Da habe ich ganz reizende Briefe bekommen. Von zwölfjährigen Mädchen, auch von älteren Lesern und sogar von älteren Damen, die selbst auf dem Kindertransport waren und denen jemand das Buch nach England mitgebracht hatte. Da war die Resonanz wirklich ganz enorm.

lesepunkte: Ihre Bücher sind auch allesamt sehr gut von der Kritik aufgenommen worden. Mit „Lilly unter den Linden“ waren Sie 2005 für den Jugendliteraturpreis nominiert und haben dann schließlich für „Liverpool Street“ den Buxtehuder Bullen erhalten. War das ein Ansporn oder kann so etwas auch belasten – gerade nach den allerersten Texten, die man veröffentlicht?

 

Anne C. Voorhoeve: Na ja – sowohl als auch. Diese Nominierung für „Lilly“ war der Preis der Jugendjury und das fand ich ganz toll. Das hat mich überhaupt nicht unter Druck gesetzt, sondern eher gezeigt, dass das der Stil sein könnte, den auch das Lesepublikum gerne mag. Das der nicht nur mir beim Schreiben Spaß macht. Ab dem Bullen für „Liverpool Street“ war ich ein bisschen unter Druck… vielleicht auch vorher schon, als ich Probleme mit „Einundzwanzigster Juli“ hatte. Damit habe ich nach ein paar Monaten ganz von vorne angefangen und habe gedacht „Wie kriegst Du das nur hin?“. Da war ich unter Druck, vor allem unter Zeitdruck, weil das Buch aus Marketinggründen zeitgleich mit dem Tom Cruise-Film erscheinen sollte. Da sind mir graue Haare gewachsen. Jetzt bei dem vierten Buch „Unterland“, das gerade erscheint, war es nicht mehr so.

lesepunkte: „Unterland“ spielt in und um Helgoland…

 

Anne C. Voorhoeve: Eigentlich spielt es zu einer Zeit, wo Helgoland schon nicht mehr bewohnt war. Die Bewohner mussten ja nach einem Großangriff und fast kompletter Zerstörung im April 1945 die Insel verlassen. Diesem Geschehen ging eine spannende Geschichte voraus. Die Insel sollte friedlich übergeben werden, was aber scheiterte, weil dieser Plan verraten wurde. Es gibt verschiedene Theorien, was da passiert sein könnte – und eine der Theorien ist entscheidend für die Handlung des Buches: Zwei Geschwister aus Helgoland haben sich vorgenommen, den Helgoland-Verräter zu finden. Da sie zusammen mit anderen Flüchtlingen im Hamburger Exil leben, spielen noch viele andere Themen der Nachkriegsgeschichte mit hinein: Schwarzmarkt, Naziverbrecher, Hamsterfahrten, Hunger und Kälte im Hungerwinter 1946/47… Das Buch heißt nicht nur „Unterland“, weil so ein Teil Helgolands heißt, sondern auch, weil dieser Titel symbolisch für den Zustand Deutschlands in der ersten Nachkriegszeit steht, ganz am Boden.

lesepunkte: Haben Sie das Gefühl, dass Jugendliche von dem historischen Thema geködert werden oder doch eher von der Konstellation der Geschichte, die spannend sein muss?

 

Anne C. Voorhoeve: Ohne spannende Geschichte würde es nicht gehen. Mich interessiert vorneweg erst mal die historische Thematik – aber in den Büchern mache ich es dann doch erst mal so, dass ich versuche, diese in eine Geschichte von Menschen zu verpacken. Die Fakten, sofern sie überhaupt nötig sind, erzähle ich eher nebenher mit. Speziell in „Liverpool Street“ läuft es so. Da ist die Handlung sehr stark angelehnt an die tatsächliche Kriegshandlung, und bestimmte Figuren aus dem Buch sind mit Episoden aus dem Kriegsverlauf verknüpft. Ein junger Mann ist bei der „Merchant Navy“ und macht die Seeblockade mit, ein anderer kämpft zum Beispiel gegen das Afrikakorps von Rommel. Damit wird deutlich, welche Spannweite das Geschehen hatte, das den ganzen Globus erfasste. Dabei gingen mir manche Zusammenhänge auch erst selbst beim Recherchieren auf.

lesepunkte: Durch das Schreiben erschließen Sie sich also selbst die Welt neu?

 

Anne C. Voorhoeve: Absolut. Auf keine andere Weise lernt man so viel, wie durch den Versuch, etwas selbst in einer Geschichte darzustellen. Plötzlich merkt man: „Das hast Du nicht verstanden, das musst Du noch mal nachlesen!“

(Interview: Jochen Pahl) 

 

 

Empfohlene Zitierweise

Interview Anne C Voorhoeve, in: historicum.net, URL: http://www.lesepunkte.de/no_cache/persistent/artikel/9175/

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Erstellt: 13.12.2011

Zuletzt geändert: 13.12.2011

Kurzbiographie

Anne C. Voorhoeve, geboren am 19. Dezember 1963, schrieb ihre erste Geschichte mit sechs Jahren.
Sie studierte nach der Schule Politikwissenschaft, Amerikanistik und Alte Geschichte in Mainz und arbeitete unter anderem als Assistentin an der University of Maryland, als Verlagslektorin, Drehbuchautorin und in der Öffentlichkeitsarbeit eines evangelischen Klosters.
Anne C. Voorhoeve interessiert sich besonders dafür, jüngste Geschichte für ihre Leser erlebbar zu machen. Die TV-Berichte zum zehnten Jahrestag des Mauerfalls bewogen sie zum Beispiel dazu, ihr erstes Jugendbuch "Lilly unter den Linden" zu schreiben. Im Juli 2004 erschien der Roman im Ravensburger Buchverlag und verschaffte der Autorin große Aufmerksamkeit.
Auch Anne C. Voorhoeves weitere Romane "Liverpool Street" und "Einundzwanzigster Juli" setzen sich mit historischen Themen der Gegenwart auseinander und sind bei Lesern und Kritikern gleichermaßen hoch anerkannt. Für "Liverpool Street" erhielt sie 2008 den Buxtehuder Bullen.
Anne C. Voorhoeve lebt in Berlin.


Quelle: Ravensburger Verlag

Einundzwanzigster Juli, Ravensburger Buchverlag 2011, ISBN 978-3-473-58379-9

Liverpool Street, Ravensburger Buchverlag 2007, ISBN 978-3-473-58296-9

Lilly unter den Linden, Ravensburger Buchverlag 2006, ISBN 978-3-473-58228-0