Tuckermann, Anja

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„Das ist der größte Erfolg für mich: Wenn tatsächlich Gefühle und innere Welten von Lesern nachempfunden werden können.“ 

Anja Tuckermann über deutsch-türkische Geschichten und das  Schreiben ohne Schulzwänge

 


lesepunkte: Das Gastland der diesjährigen Frankfurter Buchmesse ist die Türkei. Gibt es da Berührungspunkte mit Ihrem Leben, welche Rolle spielt die Türkei für Sie?

 

Anja Tuckermann: Sie spielt eine große Rolle. Ich bin ja in Berlin aufgewachsen und hatte schon seit der Schulzeit türkische Freundinnen und Freunde. Im vergangenen Jahr war ich sieben Wochen lang für das Goethe-Institut als Stadtschreiberin in Ankara. Dort sollte ich ein Internettagebuch schreiben mit der Vorgabe, dass es um „Jung sein heute“ geht. Also bin ich in Ankara viel unterwegs gewesen, habe viele Leute – vor allem Jugendliche – kennen gelernt. Ich habe mit den Jugendlichen unter anderem eine Schreibwerkstatt gemacht. Wenn Sie mich jetzt fragen: „in welcher Sprache“? ... Ich habe immer mal wieder versucht Türkisch zu lernen und durch Freunde und Bekannte oft die Sprache gehört und viele Wörter gelernt und mir so einen relativ großen Wortschatz zugelegt. Allerdings ohne Grammatik. In der Türkei habe ich dann erst versucht, möglichst korrekt zu sprechen, was überhaupt nicht ging. Mit meinem Kauderwelsch bin ich aber ganz gut zurechtgekommen. Die Leute haben mich zwar nicht immer auf Anhieb verstanden – sie haben sich dann aber manchmal zusammengetan und überlegt, was ich meinen könnte, und das dann ins richtige Türkisch übersetzt.

lesepunkte: Aber für Ihren Blog hatten Sie dann eine Übersetzerin, die Ihren Text ins Türkische übersetzt hat?

 

Anja Tuckermann: Ja, aber ich hatte auch zum Teil auch unterwegs Leute dabei, die für mich übersetzt haben. Das war sehr spannend, weil es oft türkische Menschen waren, die in Deutschland gelebt hatten, und von sich aus auf mich zugekommen waren. Für den Blog selbst gab es eine literarische Übersetzerin, Zehra Aksu Yılmazer, die jetzt auch in Frankfurt auf der Buchmesse ist. Die wird auch weiter für mich übersetzen. Ich schreibe jetzt gerade ein Jugendtheaterstück für eine türkische Gruppe in Ankara. Dieser Kontakt ist dort entstanden und das Internettagebuch war eigentlich die Recherche für dieses Stück. Das hat sich ganz wunderbar ergeben.

lesepunkte: Was waren denn die größten Unterschiede zwischen den türkischstämmigen deutschen Jugendlichen und den türkischen Jugendlichen, die Ihnen in den sieben Wochen Türkei aufgefallen sind?

 

Anja Tuckermann: Also ein junger Mann, der in Deutschland Student ist und auch in Deutschland aufgewachsen ist, war sehr verwirrt und meinte, er hätte nicht damit gerechnet, dass er sich in der Türkei so fremd fühlen würde. Er wollte eigentlich das Land seiner Eltern kennen lernen und durch die ganze Türkei reisen. Das hat ihn dann ziemlich durcheinander gebracht. Eine andere Schwierigkeit ist die andere Art von Höflichkeit in der Türkei; zum Teil sind die Menschen eben viel höflicher und Deutsche werden als sehr direkt empfunden. Das ist dann für die türkischen Jugendlichen, die in Deutschland aufgewachsen sind, manchmal eine Gratwanderung. Dann gibt es natürlich oft sprachliche Probleme. Die Leute in Ankara haben mir auch oft gesagt: „Die aus Deutschland erkennt man sofort, die sind ja so riesig“. Die Jungs haben eben auch oft im Sportstudio trainiert, was man ihnen dann  ansieht.

lesepunkte: Unterscheidet sich denn das Leben in Großstädten wie Istanbul oder Ankara stark von dem in Berlin?

 

Anja Tuckermann: Es unterscheidet sich insofern, dass in der Türkei keiner alleine bleibt. Man fällt nicht so einfach raus und ist nicht einsam. In einem anderen Internet-Blog habe ich von einem deutschen Student gelesen, dass er in seinem Auslandssemester in Istanbul mehr Leute kennen gelernt hat als in vier Jahren Studium in Deutschland. Das ist wohl schon so: Man wird viel einbezogen und nicht so leicht ausgegrenzt.

lesepunkte: Ausgrenzung ist ja ein großes Thema in den Medien, wenn von türkischen Jugendlichen in Deutschland die Rede ist. Integration wird immer gefordert, aber um Teilhabe an der Gesellschaft geht es wohl weniger?

 

Anja Tuckermann: Es wird immer Integration verlangt, aber eigentlich wird immer nur etwas gefordert von diesen Jugendlichen. Das war auch schon zu meiner Schulzeit so. Viele Menschen haben das vielleicht nicht so mitbekommen. Aber meine damaligen türkischen Freundinnen zum Beispiel mussten ohne Ohrringe zur Schule kommen – die haben damals Nahkampf mit ihren Brüdern geübt, damit sie in der Schule nicht untergehen. In den Pausen mussten die sich einer Horde von deutschen Mitschülern stellen und sich prügeln. Das klingt jetzt extrem, aber damals ist vieles an den Augen der Lehrer vorbeigegangen. Oder die Lehrer haben eben damals, in diesem speziellen Fall, nicht geholfen.
Man muss sehen, dass diese Generation jetzt herangewachsen und die Elterngeneration der heutigen Jugendlichen ist, über die so viel geschimpft wird. Wenn man so was durchgemacht hat, dann gibt es wohl verschiedene Wege: Entweder man unterstützt die eigenen Kinder dann besonders in der Bildung oder aber man sagt ‚Meinem Kind passiert das nicht’ und besteht darauf, dass die Kinder sich wehren, wirklich auch wehrhaft sind. Das verstehe ich dann auch. Aber man kann schlecht pauschal über so ein Thema reden. Es gibt in Deutschland so viele Menschen mit türkischem Hintergrund, da gibt es einfach jede Sorte von Mensch. Von dumm bis klug, von arm bis reich, von gebildet bis ungebildet.

lesepunkte: Anlässlich der Buchmesse ist jetzt ein Buch von Ihnen wieder aufgelegt worden, das auch von einer deutsch-türkischen Geschichte handelt. In „Ein Buch für Yunus“ macht sich der kleine Yunus auf die Suche nach den Geschichten seiner Familie, die sich aus vier Nationen zusammensetzt. Wie ist die Idee zum Buch entstanden?

 

Anja Tuckermann: Ich bin ja viel unterwegs in Schulen und ich kenne es auch aus meinem eigenen Leben, dass viele Familien aus mehreren Nationalitäten zusammengesetzt sind. Ein anderes Thema sind Kinder aus Scheidungsfamilien. Das war die Motivation für mich, das Buch zu schreiben. In meinem Buch sind die Eltern und die Großeltern von Yunus geschieden und haben neue Partner, wodurch neue Nationalitäten dazugekommen sind. Oft wird ja der Eindruck erweckt, dass ein Kind aus einer geschiedenen Familie zwangsläufig verhaltensgestört ist. Das ist aber nicht so, diese Biografien sind das normale Leben und sind mittlerweile ja so verbreitet, dass sie in den Schulklassen eher die Mehrheit darstellen. Ich wollte einfach an dieses Thema herangehen und zeigen – ohne das Traurige daran zu verschweigen – dass das Leben weitergeht und es auch schöne Seiten gibt. Man muss ja nicht alle Menschen um sich herum verlieren, wenn zwei Erwachsene auseinander gehen.
Der kleine Yunus in meinem Buch ist neugierig, will seine Familie mal sortieren und etwas über sie erfahren. Er will selbst ein Buch schreiben, kann das aber nicht so gut, weil er erst in die zweite Klasse gekommen ist. Er überredet dann seine Mutter, das zu tun, seinen Vater, Stiefvater und auch seine Großeltern. Er klebt die Geschichten dann in sein Heft hinein und gleichzeitig gibt es in dem Buch aber auch eine Gegenwartsebene, in der Yunus in die Schule geht, und etwas mit seiner Familie und seinen Freunden erlebt. Er sammelt zum Beispiel Zaubersprüche und rechnet gerne. Das ist ein Buch, das mir selbst auch großen Spaß gemacht hat. Eine Absicht war dabei, ein Buch zu schreiben, das man an jeder Stelle aufschlagen kann, um los zu lesen. Wenn man es von vorne nach hinten liest, hat man natürlich ein Gesamtbild und bekommt mehrere Aspekte mit.

lesepunkte: Kinder und Jugendliche fragen auf Lesungen ja oft, wie viel vom wirklichen Leben des Autors im Buch drin steckt. Ist das denn in diesem Buch so, dass die Mutter ’Maike’ viel von Anja Tuckermann hat?

 

Anja Tuckermann: Ja klar, da bleibt ja nicht aus. Auch mein Familien- und Freundeskreis ist sehr international. Manche denken vielleicht, dass die Geschichte sehr übertrieben und konstruiert ist, aber das ist nicht so. Gerade in den großen Städten wie Berlin, Hamburg, Frankfurt und Köln gibt es solche zusammengewürfelten Familien.

lesepunkte: Sie sind überhaupt sehr präsent in Ihren Texten. Man hat beim Lesen das Gefühl, dass Sie als Autorin versuchen, sich in ihre Figuren hineinzuversetzen und das Geschehen mitzuerleben. Das ist bei „Yunus“ so, das spürt man aber auch in ihrer Biografie des Sinto Hugo Höllenreiner „Denk nicht, wir bleiben hier!“, für die Sie vor zwei Jahren den Deutschen Jugendliteraturpreis gewonnen haben. Ist das Nachempfinden solcher Geschichten Ihre Herangehensweise?

 

Anja Tuckermann: Es ist tatsächlich so, dass es für mich ein Miterleben ist. Ich sehe und fühle das was ich schreibe und kenne mich da dann ganz genau aus und versuche es zu beschreiben. Das ist natürlich der größte Erfolg für mich, wenn tatsächlich Gefühle und innere Welten von Lesern nachempfunden werden können. Wenn im Kopf des Lesers ein Film losgeht.

lesepunkte: Wie machen Sie das denn rein technisch? Steht man da als Autorin morgens auf, versucht den Kopf frei zu kriegen und sich einzudenken in die Figur?

 

Anja Tuckermann: Ich selbst muss es genau sehen und bin da auch sehr optisch. Ich mache mir wirklich Bilder, damit beim Leser Bilder entstehen können. Einen Roman zu schreiben erfordert dann natürlich eine zusammenhängende Zeit. Ich denke, das ist bei fast allen Autoren so; wenn man einen langen, zusammenhängenden Text schreibt, braucht man eine Zeit, in der man da nicht rausgerissen wird und emotional und geistig dabei bleibt.

lesepunkte: Zum einen gibt es ja eine starke Fantasy-Welle in der Jugendliteratur, andererseits habe ich den Eindruck, dass Authentizität sehr wichtig für Kinder und Jugendliche ist. Die schätzen es doch sehr, wenn wirkliche historische Personen hinter den Figuren stehen. Machen Sie diese Erfahrung auch bei Ihren Kontakten mit Jugendlichen?

 

Anja Tuckermann: Ja, das ist sehr stark und auch sehr viel mehr geworden. Der Wunsch ist größer geworden, zu erfahren, ob es die Personen wirklich gibt. Ich habe das für mich so interpretiert, dass das eine Sehnsucht nach echtem, wahrem Leben ist. Es wird ja immer von der virtuellen Welt gesprochen. Mir hat neulich ein junger Mann, der schon dreißig war, erzählt, dass er immer so gut im Golf und im Baseball war. Als ich ihn gefragt habe, wo er das gespielt hat, hat er mir gesagt: „An der Playstation“. Also ist das seine Kindheitserinnerung – das hat er gar nicht sinnlich erfahren. Natürlich sind da auch irgendwelche Sinne angesprochen, aber es ist immer zu Hause, an einem Tisch oder irgendwo im Liegen vor dem Bildschirm. Scheinbar ist da wirklich eine neue Sehnsucht nach erfahrenem Leben. Früher hat mich bei Lesungen nie jemand gefragt, ob das auch wahr ist und ob ich das erlebt habe. Da wurde ich eher gefragt, wie ich das gemacht habe, wie es sprachlich umgesetzt ist und wie ich darauf gekommen bin.

lesepunkte: Sie veranstalten ja auch Schreibwerkstätten. Das Schreiben ist ja eine andere Möglichkeit Jugendliche ihr Leben erfahren zu lassen. Wie bringen Sie denn die Jugendlichen zum Schreiben, geht das von selbst?

 

Anja Tuckermann: Es geht ganz bestimmt nicht von selbst. Gerade die Jugendlichen erleben Schreiben als etwas, was sie immer nur müssen, vor allem in der Schule. Bei Kindern geht das noch leichter. Jugendliche erleben das Schreiben aber meist nicht als Freude, und wenn ich mit einer Gruppe zusammen mit anderen Künstlern arbeite, wenn etwa Musiker oder Theaterleute dabei sind, kann es passieren, dass keiner schreiben will. Meine Aufgabe ist erst einmal, mich total von der Schule abzugrenzen und keine Aufgaben zu geben – den Jugendlichen Tricks zu zeigen, durch die sie merken, dass es Spaß macht, sich öffnen zu können und spielerisch etwas zu entdecken. Das klingt jetzt so einfach…
Oft ist es auch so, dass zum Schreiben die kommen, die denken, dass sie beim Theater auf die Bühne müssen und von allen gesehen werden und deshalb lieber zur Schreibwerkstatt gehen. Das sind dann aber die Jugendlichen, die letztlich am meisten von sich zeigen. Sie erzählen von sich selbst etwas, was sie in der Schule nie getan hätten, und lesen das dann vor größerem Publikum vor. Ich habe von Kindern, die schreiben, auch selbst eine Menge gelernt. Manchmal gibt es so wunderbare Texte, wo Kinder auf einer halben Seite alles sagen und mehr ist nicht nötig. Das finde ich einfach toll. Ich habe zu Hause noch kistenweise Texte von Kindern und Jugendlichen, die ich dem „Archiv für Kindertexte“ an der Universität Halle überlassen will. Wenn ich sie nicht vorher doch noch veröffentliche…

lesepunkte: Sie haben in Ihrem Blog ja angekündigt, dass Sie einen Text schreiben wollen, der in der Türkei spielt. Das wird dann wohl das Theaterstück sein, das sie eingangs erwähnt haben?

 

Anja Tuckermann: Ganz genau. Es handelt von drei jungen Leuten, die aus verschiedenen Gegenden der Türkei zum Studium in die Großstadt kommen. Sie leben dort zum ersten Mal ohne Familie. Die Familienbindung ist in der Türkei ja oft sehr eng und die Jugendlichen werden in der Türkei eigentlich recht spät selbständig, weil sie weder räumlich noch finanziell viele Möglichkeiten haben und nicht aus der Umklammerung der Familie heraus kommen. Dann sind diese Jugendlichen also auf einmal in der Großstadt und müssen alleine zurechtkommen. Es geht dann viel um Lüge und Wahrheit: Was erzählt man den Eltern, was dem Freund oder der Freundin, die man hat – vor allem wenn dann Liebesgeschichten entbrennen oder auseinanderbrechen. Dieser Umgang mit Lüge und Wahrheit soll vor allem erzählt werden.

(Interview: Jochen Pahl) 

 

 

Empfohlene Zitierweise

Interview mit Anja Tuckermann (Jochen Pahl). lesepunkte 3 (2008), Nr. 5, in: lesepunkte, URL: http://www.lesepunkte.de/no_cache/persistent/artikel/6156/

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Erstellt: 27.10.2008

Zuletzt geändert: 27.10.2008

Biographie

Anja Tuckermann, geboren 1961, wuchs in Berlin-Kreuzberg auf. Sie schreibt, seit sie schreiben gelernt hat. Nach der Schule verdiente sie mit verschiedenen Arbeiten Geld für ihren Lebensunterhalt und schrieb ihr erstes Buch.

Von 1980 - 1991 engagierte sich in der feministischen Mädchenarbeit, war Mitbegründerin des Treffpunkts "Mädchenladen Spandau" in Berlin, gründete "Tigermädchen", eine Zeitschrift mit Texten von Kindern und Jugendlichen, organisierte Reisen für Kinder und Jugendliche in die Türkei und andere Länder mit.

Sie war von 1988 - 1992 festangestellte Redakteurin beim RIAS Kinderfunk, von 1992 - 1997 arbeitete sie freiberuflich für die Redaktion. Durch die Arbeit beim Kinderfunk kam sie zum Schreiben auch für einen jüngeren Leserkreis. Und durch den Roman "Muscha" kam sie zum Schreiben für das Theater.


Heute schreibt sie Belletristik für Erwachsene, für Kinder, Theaterstücke, Texte für Musik, für Film, Kurzprosa. Gern arbeitet sie mit bildenden Künstlern, anderen Schriftstellern oder mit Musikern zusammen. Sie leitet regelmäßig Schreibwerkstätten und Seminare für Prosa und Theater, bisher u.a. am Staatstheater Stuttgart, auf Einladung des Goethe-Instituts in Istanbul, Ankara, Chennai/Indien und Beirut, an der Universität Augsburg und besonders häufig mit Kindern in Schulen in Deutschland und der Schweiz, im Jugendkunst- u. Kulturzentrum „Schlesische 27“ Berlin, in der Akademie der Künste Berlin, bei LesArt in Berlin.

(Quelle: www.literaturport.de)

 

Bibliographie (Auswahl)

"Denk nicht, wir bleiben hier!" Die Lebensgeschichte des Sinto Hugo Höllenreiner, dtv (Reihe Hanser) 2008, ISBN 978-3-423-62336-0
(Deutscher Jugendliteraturpreis 2006)

Ein Buch für Yunus. Eine deutsch-türkische Geschichte, dtv (Reihe Hanser) 2008, ISBN 978-3-423-62375-9

Mano. Der Junge, der nicht wusste, wo er war, Hanser Verlag 2008, ISBN 978-3-446-23099-6