Tietäväinen, Ville

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„Wir brauchen mehr als Kunst, um die Situation zu verändern.“

Ville Tietäväinen, finnischer Grafikdesigner und Comiczeichner, über die Ausbeutung nordafrikanischer Immigranten auf europäischen Plantagen und seine Graphic Novel „Unsichtbare Hände“ 

 


lesepunkte: Ville Tietäväinen stellt auf der Frankfurter Buchmesse die deutsche Übersetzung seiner Graphic Novel „Unsichtbare Hände“ vor. Schön, Sie als Vertreter des diesjährigen Ehrengastlandes Finnland treffen zu dürfen. Die erste Frage könnte etwas komisch klingen, aber sie steht in direkter Verbindung zu Ihrem Buch: Würden Sie spanische Tomaten im Supermarkt kaufen?

 

Ville Tietäväinen: Seitdem ich die ethischen und ökologischen Probleme kenne, die wir auf unserem Lebensmittelmarkt haben, fühle ich mich jedes Mal fast wie ein Krimineller, wenn ich einen Supermarkt betrete. Es gibt vor allem in Finnland jedoch keine guten Alternativen. In Deutschland gibt es einen Wandel zu ökologischer Produktion, was eine bessere Lösung sein könnte. Ich glaube nicht wirklich, dass dieser persönlich-moralische Boykott den Leuten hilft, die wie moderne Sklaven in Europa arbeiten und fast unser gesamtes finnisches Wintergemüse und Obst produzieren. Ich möchte das Bewusstsein herstellen, dass es in Europa diese extremen Orte gibt, in denen keine Gesetze und kein EU-Recht gilt, obwohl es eine Menge Subventionen für diese Produkte gibt. Ich möchte, dass die großen Abnehmer und Lebensmittelketten in jedem Land aufhören zu glauben, dass an diesen Produktionsstätten  keine unregistrierten Immigranten arbeiten und keine verbotene Pestizide und chemischen Düngemittel verwendet werden. Man müsste schon sehr weltfremd sein, um nicht zu bemerken, dass diese Dinge in Europa passieren.

lesepunkte: Glauben Sie, dass die EU und die europäischen Konzerne diese Situation bereitwillig akzeptieren, um die Verbraucher mit billigen Produkten zu versorgen? Und denken Sie, dass sich daran in den nächsten Jahren etwas ändern wird?

 

Ville Tietäväinen: Ich muss leider sagen, dass ich in dieser Hinsicht sehr pessimistisch bin. Meine Recherche, bei der ich Almeria in Südspanien besucht habe, habe ich bereits 2005, also vor fast zehn Jahren, begonnen. Seitdem haben sich die humanitären und ökologischen Probleme vervielfältigt. Und es gibt ja nicht nur Almeria, das ist lediglich das größte Beispiel. Ich war geschockt, als ich realisiert habe, dass fast jede Gesellschaftsschicht mitarbeitet, um diese Situation zu bewahren: Grenzschutz, Polizei, Medien, Landwirte, Schlepper und Menschenhändler, finnische und deutsche Verbraucher. Sie alle arbeiten zusammen, um diese Sache am laufen zu halten.

lesepunkte: Verfolgen Sie mit dem Buch ein politisches Ziel? Wollen Sie einen Wandel der Politik und der öffentlichen Meinung bezüglich Immigration anstoßen?

 

Ville Tietäväinen: Als ich die Idee zu diesem Buch hatte, hatte ich kein politisches Ziel vor Augen. Ich war total überrascht und geschockt, als ich gesehen habe, was in Europa passiert. Ich war bei meinen Untersuchungen vor allem interessiert an der mentalen und körperlichen Gesundheit der illegalen Immigranten: Was geschieht mit einem menschlichen Wesen, wenn er oder sie nicht berechtigt ist, er bzw. sie selbst zu sein. In der Region um Almeria gibt es zehntausende Menschen ohne jegliche Menschenrechte. Sie haben nicht einmal das Recht, auf europäischem Boden zu existieren. Was geschieht mit einem Menschen, wenn dies jahrelang so weitergeht? Sie müssen sich vor der Gesellschaft und den Behörden verstecken. Sie müssen ihre Familien, die zuhause zurückgeblieben sind, anlügen. Vielleicht kontaktieren sie sie gar nicht, weil sie sich derart dafür schämen, dass sie nicht tun können, was sie sich vorgenommen haben.

lesepunkte: Ist es im Fall von „Unsichtbare Hände“ und bei dem Thema, das darin behandelt wird, ganz besonders wichtig für Sie, dass es nicht nur in Finnland veröffentlicht wird, sondern nun z.B. auch in Deutschland Aufmerksamkeit erhält?

 

Ville Tietäväinen: Ich bin extrem froh zu sehen, wie ernst die Menschen hier diese Geschichte nehmen und wie bewegt sie davon sind. Auf gewisse Weise fühlt sich das sogar besser an, als das Vertrauen der finnischen Leser zu gewinnen. Als ich anfing, glaubte ich nicht wirklich daran, dass irgendein finnischer Verlag solch ein Buch verlegen würde, dessen Handlung nicht in Finnland verortet ist. Ich dachte da eher an französische Verlagshäuser. Es war aber genau andersherum: In Finnland wurde es verlegt, was in Frankreich sehr schwierig war; erst nächsten Januar wird es auf Französisch erscheinen.

lesepunkte: Wünschen Sie sich Übersetzungen in anderen Sprachen, z.B. Spanisch, damit die Menschen aus dem Land, in dem der Großteil der Handlung spielt, es lesen können?

 

Ville Tietäväinen: Ich habe natürlich gegen keine Übersetzung etwas. Eine der interessantesten Übersetzungen wurde gerade fertiggestellt – die arabische. Diese ermöglicht es denjenigen Menschen, es zu lesen, aus deren Blickwinkel es geschrieben ist. Ich bin mir nicht sicher, ob ich die Idee mag, ihnen dieses düstere und bedrückende Bild zu zeigen. Ich möchte die Menschen nicht entmutigen, die sich nach einem besseren Leben für sich oder für ihre Familie sehnen. Ich kann mir allerdings vorstellen, dass dieses Buch sehr entmutigend wirken kann.

lesepunkte: Erzählt „Unsichtbare Hände“ eine wahre Geschichte? Basiert der Protagonist Rashid auf jemandem, den Sie während der Recherche getroffen oder über den Sie etwas gelesen haben?

 

Ville Tietäväinen: Im Großen und Ganzen ist die Geschichte fiktional. Sie ist jedoch eine Mischung aus vielen realen Orten, Ereignissen und Personen. Mein Hauptcharakter Rashid ist eine Verschmelzung aus vielen verschiedenen Immigranten, die ich in Marokko und Spanien gesehen habe. Es war eine bewusste Entscheidung, keine Dokumentation daraus zu machen. Von Alfred Hitchcock stammt der Satz, dass ein Drama das Leben abbildet, aus dem die langweiligen Stellen ausgeschnitten wurden. Und ich habe sehr viele Stellen ausgeschnitten, damit ich auf etwa 200 Seiten eine Geschichte über mehrere Jahre erzählen kann mit einem großen mentalen und physischen Wandel bei meinem Hauptcharakter, der viele dieser Menschen und deren Leid repräsentieren muss.

lesepunkte: Sie haben fünf Jahre an diesem Buch gearbeitet. Ich schätze, dass sich Ihre Recherche nicht nur an Ihrem Schreibtisch abgespielt hat.

 

Ville Tietäväinen: Zuerst habe ich versucht, soviel zu lesen, wie ich über Immigranten und deren Schicksal bekommen konnte. Ich musste aber feststellen, dass es nicht viele Bücher in finnischer oder englischer Sprache gab, die mir die Augen öffnen konnten. Sehr früh wusste ich, dass ich nach Marokko und Spanien gehen muss, besonders nach Almeria, das eine besondere Schwelle für die Einreise nach Europa ist. Für niemanden war dies das endgültige Ziel. Dieses Ziel oder das erhoffte Paradies lag weit dahinter, z.B. in Barcelona, wo meine Geschichte endet. Ich habe 2005 und 2006 zwei Reisen dorthin gemacht und merkte, dass ich anschließend über das nötige Wissen verfügte, ohne das ich die Geschichte nicht hätte machen können. In den nächsten vier Jahren, in denen ich das Skript geschrieben und die Zeichnungen angefertigt habe, versuchte ich absichtlich, nicht noch mehr über das Thema zu erfahren. Die Ereignisse, von denen ich erzähle, spielen sich alle kurz nach dem Millennium ab. Ich habe neue Informationen über ertrinkende Flüchtlinge usw. ignoriert, da ich nichts an meinem Vorgehen und meiner Geschichte ändern wollte.

lesepunkte: Wie sind Sie auf die Farmen und in die Gewächshäuser in Südeuropa gelangt? Sind diese nicht streng bewacht?

 

Ville Tietäväinen: Doch, viele sind es. Je mehr dubiose Machenschaften auf diesen Farmen stattfinden, umso stärker sind sie bewacht. Die Gewächshäuser sind alle von Stacheldraht umgeben, die gesamte Atmosphäre ist nicht sehr einladend. An Orten, die wir nicht selbst aufsuchen konnten, gaben wir einigen mutigen Immigranten versteckte Kameras mit. Sie konnten natürlich nicht von allen Dingen Fotos machen, die dort schief laufen. Das Wichtigste, das wir von ihnen bekamen, waren ihre Geschichten. Sie waren sehr offen, als sie uns von ihrem Leben erzählten. Sie zeigten uns, wo sie lebten; es waren Hütten, die sie aus allem möglichen Abfall und den Ruinen alter Gewächshäuser gebaut hatten. Es war ein sehr trauriges Bild, das sich uns von den Lebensumständen dort präsentierte.

lesepunkte: Müssen wir nun wieder fünf Jahre auf Ihren nächsten Comic warten?

 

Ville Tietäväinen: Ich habe danach noch einige Bücher gemacht zu komplett anderen Themen. Das nächste Buch habe ich mit meiner sechsjährigen Tochter über ihre Albträume gemacht. Ich war sehr erleichtert keine Fortsetzung für „Unsichtbare Hände“ machen zu müssen. Ich verstehe, dass keine visuelle Kunst, sei es Film oder Comic, die Gesamtsituation verändern kann. Ich hoffe aber, dass „Unsichtbare Hände“ das Bewusstsein für das Thema fördern kann. Aber wir brauchen mehr als Kunst, um die Situation zu verändern. Ich habe mir selbst und meiner Familie versprochen, dass ich für viele Jahre nicht mehr eine solch große Geschichte anpacken werde. Ich denke über eine Sci-Fi-Geschichte nach, welche die ganze Welt und die Zivilisation erklären soll, bin mir aber noch unsicher, wie viele Seiten es werden und welche Form es annehmen wird.

lesepunkte: Wir freuen uns auf weitere Arbeiten von Ihnen und wünschen Ihrem Buch „Unsichtbare Hände“ viel Erfolg in Deutschland, wo das Thema Flüchtlinge und Immigranten 2014 sehr präsent in den Medien ist.

 

Ville Tietäväinen: Unglücklicherweise ist es ein zeitloses Thema. Die Probleme haben sich seit Beginn meiner Recherchen vervielfacht. Ich habe das Gefühl, dass, je mehr Geld die EU für ihren Grenzschutz ausgibt, desto mehr solcher Dinge passieren werden. Ich erinnere mich an die Information, dass Spanien im Jahr 1991 die Visumspflicht für Marokkaner einführte und dies die Geburtsstunde des Menschenschmuggels war. Hinter diesen Maßnahmen steckt oft vielleicht eine gute Absicht, aber sie haben viele Konsequenzen. Ich bin Künstler, ich muss keine Lösungen anbieten. Aber ich versuche, es sichtbar zu machen.

(Interview: Philipp Scherber)

 

 

Empfohlene Zitierweise

Interview mit Ville Tietäväinen (Philipp Scherber). In: lesepunkte 9 (2014), Nr. 4, URL: http://www.lesepunkte.de/no_cache/persistent/artikel/10620/

Bitte setzen Sie beim Zitieren dieses Beitrags hinter der URL-Angabe in runden Klammern das Datum Ihres letzten Besuchs dieser Online-Adresse.



Erstellt: 16.12.2014

Zuletzt geändert: 16.12.2014

Kurzbiographie


Ville Tietäväinen, 1970 in Helsinki geboren, studierte ursprünglich Architektur, arbeitete aber nie in diesem Beruf. Er gründete 1995 eine Designagentur und verdient seither sein Geld als Illustrator, Grafikdesigner, Comicbuchautor und Zeichner. Mit seiner mehrfach ausgezeichnete Graphic Novel "Unsichtbare Hände" erscheint nun erstmals ein Werk von Tietäväinen auf Deutsch.

In diesem Buch erzählt er von dem Marokkaner Rashid, der sich in einem Flüchtlingsboot auf die gefährliche Überfahrt nach Europa begibt. Dort arbeitet er unter menschenunwürdigen Bedingungen auf einer spanischen Plantage, um seine Familie in der Heimat finanziell zu unterstützen.

Als Vertreter des Ehrengastlandes Finnland stellte er "Unsichtbare Hände" auf der Frankfurter Buchmesse 2014 vor. Erhältlich ist die Graphic Novel beim Avant Verlag.