Theisen, Manfred

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„Bei mir ist der Drachen schneller aus der Höhle.“ 

Manfred Theisen über seinen aktuellen Roman und ein neues Fantasy-Projekt. 

 


lesepunkte: Sie kommen gerade von einer Lesung – was bedeutet Ihnen denn der Kontakt mit den Jugendlichen?

 

Manfred Theisen: Der Kontakt mit den Jugendlichen bedeutet mir vor allen Dingen, dass ich direkt mitbekomme, wie sie über das denken, was ich vorlese. Außerdem bekomme ich von ihnen neue Eindrücke. Beispielweise beim Thema Mobbing („Täglich die Angst“, München: cbt 2007), da bin ich damals durch Jugendliche erst auf das Thema gekommen.

lesepunkte: Sie selbst als Jugendlicher waren eher Radsportfreak und hatten es wohl weniger mit dem Bücherlesen. Wie sind Sie denn dann zum Lesen und auch Schreiben gekommen?

 

Manfred Theisen: Eigentlich bin ich erst durch Frauen zum Lesen gekommen. Als ich fertig war mit meinem Abitur, hatte ich bis dahin eigentlich überhaupt nichts gelesen, höchstens Sachbücher – erzählende Literatur immer nur als Zusammenfassungen und damit habe ich mich irgendwie durchgemogelt … wie sich das so gehört. Als ich später angefangen habe zu studieren, war Deutsch das einzige, was ich vernünftig konnte. Ich habe auch eine Zeit lang in Paris zusammen mit einer Kanadierin gelebt und habe dadurch gut Englisch gelernt. Deshalb habe ich dann als zweites Fach Anglistik studiert.

lesepunkte: Ihr neuestes Buch „Die Rotte“ handelt von dem 16jährigen Marvin, der in einer Stadt „M“ – dahinter verbirgt sich Magdeburg – in die rechte Szene hineingerät. Vom Thema und von der Schreibe her hatten Sie wohl als Leser eher männliche Jugendliche im Blick?

 

Manfred Theisen: Die Hauptfigur benutzt eine sehr einfache, aber auch relativ lyrische Sprache mit vielen Bildern. Es gab da bei der Figur sprachlich ein Vorbild für mich. Das war eine Person, die ich bei der Recherche kennengelernt habe. Das war jemand aus der rechten Szene, der sehr brutal ist, bei dem ich mich aber darüber gewundert habe, dass er belesen ist und eine schöne Sprache benutzt. Ein Neonazi, der 27 Monate Gefängnis bekommen hatte, weil er in ein Asylbewerberheim eingebrochen war und dort mit dem Baseballschläger Asylbewerber verprügelt hat. Ich habe ihn dann auch gefragt: „wie kannst Du so was machen – Du bist belesen und hast von vielen Sachen Ahnung“. Da hat er mir geantwortet: „Ja aber schau mal, wir haben unser Ziel doch erreicht: Das Asylantenheim ist weg. Und wenn das morgen wieder da ist, fange ich von vorne an.“ Der war also ein Ideologe. Er war sozusagen dumm in seinem Handeln, aber er hat sich nicht dumm ausgedrückt. Das habe ich auch versucht in dem Buch rüberzubringen. Da sind nicht nur Dumme dabei und das ist auch das Gefährliche an der Sache.

lesepunkte: Sie haben es ja gerade selbst beschrieben. Die Neonazis in Ihrem Buch sind keine rechten Dumpfbacken. Die sind durchaus clever und intelligent, entpuppen sich aber im Verlauf der Handlung als ziemlich arme und verlogene Typen, die eigentlich doch nur nach dem Geld schauen und dafür sogar ihre „Kameraden“ verpfeifen.

 

Manfred Theisen: Genau. In dem Buch wird zum einem zum Beispiel Schutzgeld gepresst. Mir hat bei meiner Recherche der Verfassungsschutz erzählt, wie die das machen. Das habe ich dann auch so dargestellt. Außerdem arbeitet in dem Buch auch eine der Figuren als verdeckter Informant für den Verfassungsschutz. Diesen Typ bewundert die Hauptfigur Marvin besonders und findet den toll, um dann festzustellen, dass der Lack ganz schnell abblättert. Und die Hauptfigur Marvin selbst wird immer mehr zum Ideologen. Es ist nicht so, dass er am Schluss geläutert aus dem Buch heraus geht – eher im Gegenteil. Aber das ist mir eben auch klar geworden: Man hat es da mit Ideologen zu tun.

lesepunkte: Die Gedanken dieser Neonazis werden vor allem aus der Innensicht von Marvin geschildert. Da gibt es aber auch keinen Gegenpart in dem Buch, niemanden, der Argumente gegen die Ideen dieser Nazis liefert. Besteht da nicht die Gefahr, dass junge Leser damit überfordert sind, selbst Argumente dagegen zu finden?

 

Manfred Theisen: Ich hoffe, dass im Buch rauskommt, dass das Problem dann anfängt, wenn man sich überhaupt auf die Argumentation der Neonazis einlässt. Meiner Meinung nach ist es eine gute Methode, zu sagen: „Hör mal, im Grunde bist Du doch gar kein Nazi. Du bist stinkkonservativ.“ Der Punkt ist doch: Die wollen ihre Identität über dieses „Nazi-Dasein“ finden. Das heißt: Sie stellen sich in eine Ecke und wollen Darth Vader sein, das Böse. Wenn man denen dann noch sagt, „ja, Du bist ganz böse, was Du machst ist schrecklich“ – dann fühlen die sich erst wohl. Dazu darf man es aber nicht kommen lassen. Und ich hab versucht in dem Buch die Argumente der Neonazis dadurch zurückzudrängen, dass im Plot, also aus der Geschichte heraus klar wird, wie verlogen und vorgeschoben diese Argumente sind.

lesepunkte: Und für das Buch haben Sie sich intensiver mit der rechten Szene beschäftigt und auch Jugendliche aus der rechten Szene kennengelernt?

 

Manfred Theisen: Ja, ich habe rechte Jugendliche kennengelernt und war dann doch selbst entsetzt, was mir vorher so allgemein in den Medien von der rechten Szene berichtet wurde – der Verfassungsschutz dagegen kennt die Leute wirklich gut. Ein Punkt war zum Beispiel, dass ich mich darüber gewundert habe, dass die keine Springerstiefel oder Bomberjacken trugen und auch keine Glatzen hatten. Da sagten die zu mir: „Ja, aber wenn der MDR (Mitteldeutsche Rundfunk) kommt, dann ziehen wir schon mal wieder eine Bomberjacke an, damit die uns erkennen.“ Daran sieht man auch, dass das Bild, das die Medien uns zeigen, das Bild ist, das die Neonazis selbst gerne vermitteln wollen. In Wirklichkeit sind die aber nicht mehr so. Und das ist das Gefährliche an der Sache.

lesepunkte: Wie hat die Recherche dann konkret ausgesehen? Sind Sie einfach in ein Jugendzentrum hineingegangen?

 

Manfred Theisen: Ganz konkret hat die Recherche so ausgesehen, dass ich mich vorab informiert habe, wie der brave deutsche Journalist das so tut. Dann bin ich am ersten Tag vor Ort nach Burg gefahren, das liegt bei Magdeburg. Dort ging ich in ein Jugendzentrum hinein und da waren 17 Nazis! Mit denen habe ich mich unterhalten und die Gedanken, die ich mir vorher gemacht hatte, wie ich an die Szene herankomme, haben sich dann als schwachsinnig herausgestellt. Denn, die haben einfach zu mir gesagt: „Wir machen nachher noch was, willst Du nicht mitkommen?“ Die waren also gar nicht verschlossen. Mein großer Vorteil war aber auch, dass ich dort nicht als Journalist war. Die wussten, dass sie alle anonym behandelt werden und ich sie nicht als Quelle zitiere. Dann kam noch dazu, dass einer von denen im Gefängnis mein Buch „Amok“ gelesen hatte und fand das gut. Für den war es interessant, dass der Typ da ist, der das geschrieben hat. Das war also Glück, das man manchmal auch bei einer Recherche braucht.

lesepunkte: Wie ist das dann so, auf Lesereise in Magdeburg zu sein? Sagen die dann: „Da kommt der Rheinländer, steckt uns in eine Neonazi-Schublade – und jetzt liest er auch noch hier“?

 

Manfred Theisen: Wenn man das Buch liest, sieht man, dass dort niemand in eine Neonazi-Schublade gesteckt wird. Ich versuche da wirklich keinerlei Zeigefinger reinzubringen. Ich will die Leute nicht pauschal verurteilen, ich will niemanden in einer Ecke stehen haben. Dass man ein Buch über diese Szene macht, ist aber legitim, es muss darüber etwas gemacht werden. Vor allem über deren neue Argumente. So etwas wie die Holocaust-Lüge interessiert diese Jugendlichen nämlich gar nicht mehr.

lesepunkte: Welche Rolle spielt die Darstellung von Gewalt für Sie? Ist das ein Action-Element, das Spannung ins Buch bringen soll, oder dokumentieren Sie damit, wie die Szene funktioniert?

 

Manfred Theisen: Bei diesem Buch musste man Gewalt nicht mehr hineintragen, die gehört zur Szene. Im Fall von dem Jungen, der im Gefängnis gesessen hat, war es ja beispielsweise so, dass er mit dem Baseballschläger durch das Asylbewerberheim gegangen ist und die Leute verprügelt hat. Der war hochgradig brutal. Da muss ich nichts erfinden. Man ist aber völlig erstaunt, wenn man so jemanden vor sich sitzen hat, der eigentlich sympathisch rüberkommt – und man kann sich nur noch fragen: „Was denkt sich dieser Mensch?“

lesepunkte: Sie schreiben über aktuelle gesellschaftliche Themen wie Amokläufe oder Schul-Mobbing, aber immer wieder auch über historische Themen, zum Beispiel die Piratin Anne Bonny aus dem 18. Jahrhundert. Wie stoßen Sie auf so ein Thema?

 

Manfred Theisen: Auf die Piratin Anne Bonny bin ich vor langer Zeit zufällig gestoßen, als ich mich mit Piraterie beschäftigt habe. Das hatte ursprünglich nichts mit dem „Fluch der Karibik“ zu tun. Jedenfalls hat mich die Geschichte von dieser Piratin, die vor dreihundert Jahren gelebt hat, total interessiert. Die hat mit einer Frau zusammengelebt, die Mary Read hieß. Eigentlich ist die ganze Geschichte ein Erwachsenenthema. Denn Anne Bonny ist erst mit diesem Jack Rackham zusammen gewesen, der wohl eigentlich schwul war und mit einem Captain zusammenlebte. Anne Bonny hat sich dann aber eben in diese Mary Read verliebt. Jack Rackham hat daraufhin Kokain genommen und ist ein völlig abgedrehter Pirat geworden. Deshalb ist er wohl auch Vorbild für Jack Sparrow in den Film „Fluch der Karibik“ geworden.

lesepunkte: Also muss die Recherche für historische Themen nicht unbedingt trockener sein als die für aktuelle Themen?

 

Manfred Theisen: Nö. Und zum einen ist es so, dass die Themen mich interessieren, aber außerdem ist es auch eine finanzielle Frage, welche Themen gerade ankommen. Ich sitze jetzt zum Beispiel gerade an einem Fantasy-Roman – und ich weiß genau: Wenn du Fantasy machst, verdienst du auch mehr Geld.

lesepunkte: Und das schlägt dann der Verlag vor, mal einfach Fantasy zu machen?

 

Manfred Theisen: In diesem Fall hatte mich der Kölner Boje Verlag gefragt, ob ich so was machen würde. Da habe ich gerne zugesagt. Und ich hätte gar nicht gedacht, dass mir das so viel Spaß macht. Ein bisschen blöd ist nur, dass das Teil immer dicker und dicker wird…

lesepunkte: Muss man da nicht total in diesem Genre drin sein und auch fünfzig von diesen Schinken gelesen haben?

 

Manfred Theisen: Weiß ich nicht genau. Wenn man diese Genre-Welt mal im Kopf hat, geht das schon. Aber normalerweise braucht der Drache ja immer fünf Seiten, bevor er aus seiner Höhle raus kommt – da weigere ich mich. Bei mir ist der Drache schneller aus der Höhle. Aber das tut der Geschichte vielleicht auch ganz gut. Ich ertrage das nämlich selbst nicht, wenn ich Fantasy lese. Da habe ich dann vielleicht auch andere Fantasy-Leser als die üblichen. Außerdem macht es mir auch Spaß zu überlegen: Wenn so eine Elfe 600 Jahre alt wird – und die sind 600 Jahre verheiratet: Wie machen die das? Wir sind ja nur zehn Jahre verheiratet und dann schon wieder geschieden.

lesepunkte: Wann wird der Fantasy-Roman erscheinen?

 

Manfred Theisen: Der wird im Frühjahr 2009 erscheinen. Ich sitze jetzt am Schluss, aber der Roman ist mit über 800 Seiten noch viel zu dick. Wir hatten eigentlich 350 Seiten angedacht! Ich will jetzt insgesamt nicht über 500 Seiten kommen und bin am Schwitzen, was gekürzt werden kann. Der Roman darf ja auch nicht zu karg werden, weil das Genre das nicht zulässt.

lesepunkte: Diese Schreibdisziplin, kommt die auch von ihrer Radsportzeit, bei der sie gewohnt waren, jeden Tag zu trainieren?

 

Manfred Theisen: Ja, das hat damit zu tun. Damit, dass man lernt, sich wirklich hinzusetzen und etwas zu tun. Das habe ich auch in der Schule so mitbekommen, dass einige vier Stunden an ihren Hausaufgaben herumsaßen. Hätte man da wirklich konzentriert gesessen, hätte vielleicht auch eine Stunde gereicht. Der Punkt ist, dass der Sport einen so knechtet, dass man letztlich wirklich diszipliniert ist. Vielleicht hat man manchmal dann aber auch weniger Muße und Freude, das ist der Nachteil. Diese Disziplin hat also positive und negative Seiten.

(Interview: Jochen Pahl) 

 

 

Empfohlene Zitierweise

Interview mit Manfred Theisen (Jochen Pahl). lesepunkte 3 (2008), Nr. 3, in: lesepunkte, URL: http://www.lesepunkte.de/no_cache/persistent/artikel/5923/

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Erstellt: 18.06.2008

Zuletzt geändert: 18.06.2008

Kurzbiographie

Manfred Theisen wurde 1962 in Köln geboren. Er studierte Germanistik, Anglistik, und Politik. Forschte zwei Jahre für das deutsche Innenministerium in der Sowjetunion, gründete einen Entwicklungshilfe-Verein in Äthiopien, arbeitete als Redakteur und leitete eine Kölner Zeitungsredaktion. Heute lebt er als freier Autor in Köln.

(Quelle: Verlag)

Auszeichnungen:

1995: Auswahl zum "Peter-Härtling-Preis" mit "Regenzeit"
1999: Stipendium des "Stuttgarter Schriftstellerhaus"
2000: Nominiert für den "NRW-Literaturpreis" in der Sparte Jugendbuch
2002: Stipendium des Außenministeriums für Roman-Recherche über Kindheit und Jugend in Israel/Palästina.

Bibliographie (Auswahl):

Die Rotte, cbt 2008, ISBN 978-3-570-30458-7

Täglich die Angst, cbt 2007, ISBN 978-3-570-30363-4

Gesucht: Anne Bonny, Piratin, cbt 2006, ISBN 978-3-570-30373-3

Amok, cbt 2005, ISBN 978-3-570-30175-3

Checkpoint Jerusalem. Eine Liebe in Zeiten des Terrors, cbt 2004, ISBN 978-3-570-30249-1