Slomka, Marietta

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„Wenn ich nicht selbst begeistert wäre, könnte ich weder junge Leser begeistern, noch in meiner Sendung die Zuschauer für ein Thema interessieren.“ 

Marietta Slomka über Spaß an der Politik und ihre Rolle als Fernsehmoderatorin 

 


lesepunkte: Sie haben mit „Kanzler lieben Gummistiefel“ ein Buch geschrieben, das jungen Lesern die Spielregeln der Politik erklären soll. Nicht nur der nationalen Politik, auch Europa und die Weltpolitik werden erklärt. Warum wenden Sie sich speziell an ein junges Zielpublikum?

 

Marietta Slomka: Weil ich das Gefühl hatte, dass gerade Jugendliche oft den Eindruck haben, Politik sei etwas Trockenes und auch sehr kompliziert: „Ach, das versteh’ ich eh nicht und da hab’ ich auch noch nichts mit zu tun“. Dementsprechend sind sie dann eben oft verunsichert, wenn sie zum ersten Mal wählen dürfen. Ich hatte Lust, einfach mal aktuelle Politik zu beschreiben – natürlich geht es auch um Grundsätzliches –, aber vieles aus dem, was man in Nachrichtensendungen sieht, wird aufgegriffen und anhand solcher Beispiele beschrieben, wie Politik funktioniert. Ich hoffe, dass es so verständlich und in einigen Bereichen auch so unterhaltsam ist, dass es Jugendlichen Spaß machen kann. Das ist ein Angebot, ich will da nicht missionieren.

lesepunkte: Ist es auch ein bisschen ein verkapptes Erwachsenenbuch, dass für Erwachsene die Hemmschwelle senken soll, die sich gerne wieder die Basics zu Gemüte führen wollen?

 

Marietta Slomka: Es ist kein „verkapptes“ Erwachsenenbuch, aber das stimmt schon, es ist ein Buch, in dem sich sicher „erwachsene“ Themen und Kapitel finden, wo sich Erwachsene denken: „Ach ja, stimmt, das ist eine interessante Frage, das könnte ich auch mal lesen“. Ich werde auch im Alltag oft gefragt, ob das jetzt ein Taxifahrer oder eine Freundin ist: „Sag mal, Du weißt das doch bestimmt, wie ist das eigentlich, wenn ein Staat pleite geht“. Oder „Schwarze Kassen“ – das ist so ein Begriff, der ständig verwendet wird; ich bin mir aber nicht sicher, ob jeder Erwachsens, der nicht gerade selbst eine schwarze Kasse hat oder Geld wäscht, weiß, wie das so rein technisch funktioniert. Das sind so Sachen, die ich auch mal aufgegriffen habe. Mir sagte kürzlich eine Literaturkritikerin, die sich vor allem mit Kinder- und Jugendliteratur beschäftigt, mein Buch sei eigentlich ein „All-Ages-Book“. Den Begriff kannte ich nicht, nehme ihn aber gerne auf.

lesepunkte: Sie haben das Buch zusammen mit dem Co-Autor Daniel Westland geschrieben. Wie sieht so eine Co-Autorenschaft ganz konkret aus?

 

Marietta Slomka: Wir waren ganz froh, dass wir im Zeitalter von Internet, E-Mails und Textverarbeitungsprogrammen leben. Sonst hätten wir uns wohl monatelang zusammen in einen Raum einsperren müssen. So konnten wir viel über Mailkontakt machen und uns gegenseitig Passagen zuschicken. Wir haben natürlich auch viel telefoniert. Wir haben das Buch gemeinsam konzipiert – ich hatte Vorstellungen, was auf jeden Fall drin sein soll, und Daniel auch. Er hat zum Beispiel gesagt, „wir müssen unbedingt was über Spione machen, das liest mein Sohn als erstes“. Da wäre ich gar nicht darauf gekommen. Ich wollte wiederum unbedingt ein Insider-Vokabelheft zum Hauptstadt- und Politikjargon mit reinbringen. Das ist eine Idee, die mir kam, weil ich als Korrespondentin in Bonn, Berlin und Brüssel gearbeitet habe. So haben wir uns gegenseitig ergänzt und befruchtet, und das hat sehr viel Spaß gemacht. Mir war es wichtig, einen Jugendbuchautor dabei zu haben, der an manchen Stellen sagen kann: „Das ist nicht zu kompliziert, das kannst Du ruhig so machen“. Oder der mal sagt: „Ich glaube, das ist ein Thema, das für Jugendliche gar nicht so interessant ist, das lassen wir besser“.

lesepunkte: Sie schreiben sehr begeistert und auch anschaulich über Politik. Sind Sie doch Überzeugungstäterin, die einen pädagogischen Antrieb hat?

 

Marietta Slomka: Ach, ich will da eigentlich nicht die Oberlehrerin sein oder eine Missionarin, die sagt: „kommt liebe Kinder, interessiert euch endlich für Politik und kuckt euch den ganzen Tag Bundestagdebatten an“. Aber wenn ich nicht selbst begeistert wäre, könnte ich weder junge Leser begeistern, noch in meiner Sendung die Zuschauer für ein Thema interessieren. Ich habe mich immer für Politik interessiert, auch schon ganz früh, und habe auch Politik in meinem Elternhaus nie als etwas Verkrampftes wahrgenommen, sondern auch sehr spielerisch erlebt. Und wenn ich von dieser Begeisterung etwas rüberbringen kann – ja, dann ist es mir recht.

lesepunkte: Gab es auch bei manchen Passagen eine Art „Schere im Kopf“, wo Sie dachten, dass Sie nicht zu viel politische Überzeugung durchblicken lassen dürfen, weil Sie ja als Moderatorin neutral sein müssen – dass sich dann etwa irgendein Fernsehrat beschweren könnte?

 

Marietta Slomka: Also ich finde, dass für so ein Buch das gleiche gilt, wie für das „Heute-Journal“: Dass ich nicht irgendwelche parteipolitischen Meinungen oder Haltungen vertrete, das geht gar nicht. Als Journalist muss man unabhängig sein und dann auch gleichermaßen Distanz zu allen politischen Gruppen halten. Das ist für mich aber kein Problem und da brauche ich auch keine „Schere im Kopf“. Es ist auch deshalb kein Problem, weil ich selbst gar nicht einer Partei angehöre oder mich einer Partei extrem nahe fühle. Ich bin noch nicht mal Stammwählerin einer Partei und auch so daran gewöhnt, aus der Vogelperspektive zu beobachten und kein „Wir-Gefühl“ bei einer bestimmten politischen Gruppierung zu entwickeln, dass mir das ganz leicht fällt.

lesepunkte: Als Zuschauer hat man manchmal den Eindruck, dass Moderatoren und Nachrichtensprecher in Deutschland fast schon eine politische Instanz sind. Wie sind Sie mit dieser neuen Rolle zurechtgekommen, als Sie vor acht Jahren beim „Heute-Journal“ anfingen?

 

Marietta Slomka: „Politische Instanz“ würde ich so nicht sagen. Aber wir haben natürlich eine bestimmte Funktion in der Demokratie. Und das ist nicht nur informieren, sondern vor allem auch kritisch zu hinterfragen und manchmal den Finger in die Wunde zu legen. Das sehe ich schon als eine Aufgabe in unserer Demokratie an. So verstanden kann man von einer politischen Rolle sprechen. Das „Heute-Journal“ unterscheidet sich natürlich auch von einer kurzen Nachrichtensendung, wie z.B. der „Tagesschau“. Meine Rolle als Moderatorin ist auch anders, als die eines Nachrichtensprechers; sie ist klar journalistisch, mit einer persönlichen Ansprache an den Zuschauer. So habe ich das aber auch von Anfang an wahrgenommen und empfunden.

lesepunkte: Sie sagen in Interviews immer wieder, dass sie eigentlich auch leidenschaftlich gerne Reporterin sind. Was interessiert Sie denn an diesem Beruf so?

 

Mariette Slomka: Na, man erlebt natürlich mehr. Man erlebt zwar auch bei der Moderation einer Nachrichtensendung den Tag über eine Menge, aber das sind natürlich Secondhand-Erlebnisse, weil man über das berichtet, was anderen widerfährt. Sich selbst vor Ort etwas anzusehen, fremde Länder zu bereisen und mit Menschen zu sprechen, macht mir bei Reportagen besonders Spaß. Das sind dann eben auch Nicht-Profis. Beim „Heute-Journal“ habe ich es ja meist mit Polit-Profis zu tun und ich interviewe eher selten Menschen, die „ganz normale“ Menschen sind, ohne Funktionsträger zu sein. Und ich bin immer jemand gewesen, der den handwerklichen Aspekt schätzt: Das Filmedrehen, beim Schneiden mit dem Cutter im Schneideraum zu sitzen – mit Bildern. Musik und Tönen zu arbeiten, hat mir immer viel Spaß gemacht, das ist etwas sehr Sinnliches.

lesepunkte: Ist die persönliche Erfahrung und der Austausch mit den Menschen wichtig?

 

Marietta Slomka: Ja, das finde ich. Wenn ich selbst in Ländern wie Indien oder China war, habe ich eine andere Vorstellung davon, als wenn ich sie nur aus Zeitungsartikeln, Fernsehen oder Korrespondentenberichten kenne. Ich finde auch, dass man viel lernen kann, wenn man innerhalb Deutschlands als Reporterin unterwegs ist. Es ist gut zu wissen, wie es in einem Hartz-IV-Haushalt aussieht und das auch selbst gesehen zu haben – und nicht nur in diesem doch eher sterilen Nachrichtenstudio zu stehen.

lesepunkte: Und jetzt ein dickes Buch unter Termindruck zu schreiben – hat Sie das eher abgeschreckt oder Lust auf mehr gemacht?

 

Marietta Slomka: Es war etwas mehr Arbeit, als ich ursprünglich gedacht hatte. Ich dachte, dass es sich so nebenher schreibt und es wurde dann doch sehr intensiv und erinnerte mich sehr an das Schreiben meiner Diplomarbeit. Auch der Zeitdruck – man denkt anfangs „Ach, ich hab ja Zeit“, und dann wird es immer knapper. Auch Bücher sollen ja zu einem bestimmten Datum fertig sein. Aber es hat mir unheimlich Spaß gemacht.

lesepunkte: Das Buch ist ja nun erheblich frischer geschrieben als ein Schulbuch. Wenn es nun aber in der Schule benutzt würde und zum Schulbuchklassiker würde?

 

Marietta Slomka: Ich hätte nichts dagegen. Ich habe sogar schon von einigen Lehrern Briefe bekommen. Von einem Bekannten weiß ich zum Beispiel, dass seine Frau, die Lehrerin ist, das Buch an einem Wochenende gelesen hat. Sie hat sich dann direkt ein Kapitel kopiert, und es mit in den Unterricht genommen. Ich weiß von einer Schule in Berlin, dass da ein Leistungskurs Politik das Buch durchgearbeitet hat. Der Lehrer meinte, er sei dankbar dafür gewesen, sozusagen von einer Fernsehfrau so ein Buch vorlegen zu können, da wäre das Interesse doch erstmal ein anderes gewesen als bei einem Schulbuch und die Schüler hätten viel Spaß damit gehabt. Das finde ich toll, das freut mich.

(Interview: Jochen Pahl) 

 

 

Empfohlene Zitierweise

Interview mit Marietta Slomka (Jochen Pahl). lesepunkte 4 (2009), Nr. 2, in: lesepunkte, URL: http://www.lesepunkte.de/no_cache/persistent/artikel/6948/

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Erstellt: 17.04.2009

Zuletzt geändert: 17.04.2009

Kurzbiographie

Marietta Slomka (Jahrgang 1969) ist Diplom-Volkswirtin und war unter anderem als Korrespondentin tätig, bevor sie 2001 Frontfrau und »Anchorwoman« des ZDF-Flagschiffs »heute journal« wurde. Sie wünscht sich, dass junge Leute »Lust auf Nachrichten mit Hintergrund« haben. Darum stellt sie auch gerne und hartnäckig mal die Frage: »Warum ist das so, wie es ist?«

Quelle: Verlagshomepage


Kanzler lieben Gummistiefel. So funktioniert Politik, München: cbj 2009, ISBN 978-3-570-13555-6