Singer, Theresia

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„Wir dürfen nicht lügen bei den Geräuschen.“

Die Hörspielregisseurin, -produzentin und -autorin Theresia Singer über das Erschaffen akustischer Welten und unterhaltsame Wissensvermittlung 

 


lesepunkte: Frau Singer, Sie haben auf der Skywalker Ranch mit dem Oscar-Preisträger Randy Thom gearbeitet. Für alle nicht-Eingeweihten: Auf der Skywalker-Ranch wurde der Soundtrack von Filmen wie Star Wars, Fluch der Karibik, Ice Age oder auch Avatar erstellt. Wie müssen wir uns die Arbeit dort vorstellen: Ist das ein Arbeitsplatz wie jeder andere, oder laufen einem dort Jedi-Ritter und Klon-Krieger über den Weg?

 

Theresia Singer: Also Jedi-Ritter habe ich nicht gesehen, auch keine sonstigen wilden Figuren, aber das ist schon ein ganz anderer Arbeitsplatz, als wir ihn uns vorstellen können. Es ist wirklich eine komplette Ranch. Das heißt, wenn man reinfährt auf dieses Ranchgebiet, sieht man auf der linken Seite erst mal die Gärten, wo das Gemüse angepflanzt wird für die Restaurants. Es gibt dort verschiedene Gebäude, die aber sehr verstreut auf diesem Ranch-Gebiet sind. Es gibt ein sogenanntes „technical building“, da passieren die ganzen soundtechnischen Arbeiten. Dann gibt es ein Bürogebäude mit einem riesigen Wintergarten, wo George Lucas sein Büro hat oder hatte – er hört ja jetzt auf. Dort befindet sich zum Beispiel auch eine riesige Bibliothek. Und dann gibt es ein Schwimmbecken, wo sich Mitarbeiter sportlich betätigen können; es gibt eine Basketball-Halle, es gibt ein Fitness-Center – also all das, was man sich so eigentlich wünschen würde [lacht] als Arbeitnehmer, aber was man hier nicht hat. Es wird schon sehr viel Wert darauf gelegt, dass die Mitarbeiter sich dort wohlfühlen. Das Beeindruckendste war: Wenn man in dieses technische Gebäude kommt, gibt es auf der rechten Seite eine Glasvitrine, da stehen die ganzen Oscars drin, und das ist schon schön, wenn man das sieht.
Das technische Gebäude ist auch sehr lustig eingerichtet. Es gibt sogar einen sogenannten „Heidi-Room“. Er sieht so aus, wie Amerikaner sich eine schöne, kitschige bayerische Stube vorstellen. Und das Schönste in diesem Gebäude ist der riesige Kinosaal, in dem abgemischt wird. Hier findet die letztendliche Mischung für die Kinofilme statt, mit einem Mischpult, das um die zehn Meter lang ist.

lesepunkte: Und wie hat die Zeit auf der Skywalker Ranch Ihre Arbeit geprägt?

 

Theresia Singer: Sie hat sie schon sehr geprägt. Weil Randy Thom mir sehr beigebracht hat, was man mit Geräuschen alles machen kann. Natürlich war ich vorher schon in der Hörspielarbeit. Beim WDR habe ich im Hörspielbereich gearbeitet, fast 19 Jahre lang. Aber wenn man mit jemandem zusammenarbeitet, der wirklich in der obersten Liga arbeitet, was Filmproduktion und Sounddesign betrifft, dann kann man einfach nur dazulernen, schon vom Zuschauen. Was mich beruhigt hat, ist, dass seine Hauptarbeit in einem sehr, sehr kleinen technischen Raum stattfindet, an einem Protosystem. Das ist nichts Großartiges. Die kochen auch nur mit Wasser. Aber das Entscheidende ist, was im Kopf steckt. Das hat mich schon sehr geprägt; weil einerseits Randy Thom sehr viel Achtung vor der Hörspiel-Arbeit hat. Er war ja schon hier beim WDR und hat dort auch Produktionen gemacht. Und er sagt: „Wie schnell ihr arbeitet, das ist unglaublich.“ Wie langsam beziehungsweise wie genau man bei Filmen arbeitet, das ist auch unglaublich für mich. Wie viel Zeit man auch haben kann, um zum Beispiel irgendwelche neuen Schritte eines Roboters zu designen. Das ist schon ein Luxus, mit so viel Zeit und mit so viel Genauigkeit irgendetwas zu produzieren.

lesepunkte: An welchen Filmen haben Sie dort mitgearbeitet?

 

Theresia Singer: Es liefen gleichzeitig drei verschiedene Filme. Ich habe an einer französischen Nachsynchronisation von „Saving Private Ryan“ mitgearbeitet. Dann habe ich an einem Film mitgearbeitet , der hieß „The Robot“. Das war ein Film über einen Roboter, der zu einem Jungen kam und immer menschlicher wurde. Man musste die Schritte des Roboters designen und die Sprache immer mehr anpassen, je menschlicher dieser Roboter wurde. Für die Schritte allein hat eine Assistentin 14 Tage gearbeitet. Und dann gab es noch einen Katastrophenfilm, mit Matt Damon. Da habe ich mitgeholfen, einen Flugzeug-Crash zu simulieren. Dazu gibt es natürlich keine Geräusche und deshalb muss man alles neu machen.
Dazu steht ein riesiges Geräuscharchiv zur Verfügung. Das war umwerfend, wie viele Geräusche sie schon fertig produziert haben. Ungefähr ein Drittel davon auch Serien aus einem Geräuscharchiv, mit denen wir auch arbeiten, aber zwei Drittel waren selbst aufgenommen. Wenn man Zeit hat und gerade kein Film produziert wird, wird man losgeschickt, um Geräusche aufzunehmen. Verrückte Geräusche, zum Beispiel ein Boot wird übers Eis gezogen, das hat dann so ein krachendes Geräusch, was man für etwas ganz anderes nutzen kann. Das ist der Vorteil im Film: Das Bild dominiert und man kann sehr viele Geräusche unterbringen, die eigentlich nicht passen. Wenn man die Augen zumacht, sagt man: Was soll das sein, ich kann es nicht erkennen, aber mit Bild zusammen funktioniert es. Das ist glaube ich auch das, was Randy Thom so fasziniert hat: Dass wir es hinbekommen, ein realistisches Bild im Hörspiel zu zeigen, mit richtigen Geräuschen, mit echten Geräuschen. Wir dürfen nicht lügen bei den Geräuschen. Das hat ihn schon fasziniert, dass man das so gut hinbekommen kann.
Auf der Skywalker Ranch wird aber nicht nur für die großen Hollywood-Filme gearbeitet und nicht nur für George Lucas gearbeitet, sondern auch für ganz viele andere Produktionsfirmen.

lesepunkte: 1997 haben Sie dann mit headroom sound production Ihre eigene Firma mit Verlag und Tonstudio gegründet. Wie war Ihr Weg dorthin, und warum haben Sie gesagt: Jetzt mache ich was Eigenes?

 

Theresia Singer: Also seitdem ich denken kann, seitdem ich zwölf bin, wollte ich immer zum Radio und wollte immer zum Hörspiel. Ich hatte einen eigenen Kassettenrekorder und wollte damit Aufnahmen machen. Als Zwölfjährige habe ich kleine Mini-Hörspiele gemacht.
Eigentlich wollte ich Toningenieurin werden, das hat aus verschiedenen Gründen nicht so schnell geklappt. Ich wurde Tontechnikerin. Bin dann zum WDR gegangen, habe erst in der aktuellen Produktion gearbeitet und dann bin ich sehr schnell zum Hörspiel gekommen. Dort in der Hörspielabteilung wurde mir die Chance gegeben, Toningenieurin zu werden, mich als Toningenieurin weiterzubilden. Ich war dann die erste Frau, die im WDR im Hörspiel-Bereich als Toningenieurin gearbeitet hat. Das hat mir wahnsinnig viel Spaß gemacht, irre viel Spaß gemacht. Und irgendwann allerdings, dann entwickelt man sich halt weiter und man möchte ein bisschen mehr machen; ich wollte mehr so in diesen Bereich Regie reinriechen. Und das kann man dann in so einer „Behörde WDR“ einfach nicht. Diese Grenzen zu überspringen zwischen Produktion, zwischen Technik und dem künstlerischen Bereich, das geht eben nicht. Und deswegen hab ich mich dann selbstständig gemacht und habe angefangen, Produktion zu machen, Hörspiele zu machen, für Hörbuchverlage. Auch für Rundfunkanstalten.

lesepunkte: Und jetzt einmal ganz grundlegend noch: Wie entsteht ein Hörspiel? Und: Wie erdenke ich mir eine akustische Welt?

 

Theresia Singer: Wie entsteht ein Hörspiel – Man muss eine Vorlage haben, das ist das Wichtigste natürlich. Man braucht einen Text. Entweder gibt es Originalhörspiele. Das ist heutzutage nicht mehr so häufig der Fall. Meist läuft der Weg so, dass man eine textliche Vorlage hat, die noch keine Struktur eines Hörspiels beinhaltet. Also, man hat irgendein Buch, ich sage jetzt mal ein Kinderbuch, das man dann bearbeiten muss. Das heißt, irgendjemand muss sich überlegen, wie kann ich diesen Fließtext umsetzen? Wo sind Dialoge, die ich sowieso schon nutzen kann, wo muss ich noch was hinzufügen? Das ist also ein Bearbeiter, der so einen Text so hinsetzt, dass er akustisch funktioniert. Was im Buch beschrieben wird, muss man nicht unbedingt noch als Text hören, sondern man kann es als akustische Welt darstellen. Ja und dann braucht man einen Regisseur, der darüber hinaus die richtigen Schauspieler auswählt und sich eine Vorstellung macht, wie es akustisch klingen soll. Dann geht man in ein Studio, hat die Schauspieler, nimmt erst den Sprachtext auf. Danach fängt man an, sich eine akustische Welt, ein akustisches Bild nach seinen Vorgaben zu machen. Das ist eine große, schwierige Aufgabe. Soll es düster sein, soll es eine helle Welt sein – das muss man alles entscheiden. Das ist die kreativste Phase überhaupt. Natürlich mit den Schauspielern zu arbeiten, die so hinzubekommen, dass sie genau die Person verkörpern, die man sich vorgestellt hat. Dann muss man gucken, wie man mit Musik arbeitet: Arbeitet man mit einem Komponisten zusammen, um das zu stützen, um die Emotionen zu stützen.

lesepunkte: Bearbeiter, Regisseur, Schauspieler, Komponist – wer arbeitet sonst noch an der Entstehung eines Hörspiels mit?

 

Theresia Singer: Natürlich ein Techniker, ein Toningenieur. Wenn wir jetzt davon ausgehen, dass das Hörspiel dann nur gesendet wird, dann ist es immer noch im Rundfunk ein Redakteur, der das Ganze begleitet, der die Stoffe einkauft. Die ganze Rechteabwicklung muss im Hintergrund passieren; dass man es wirklich auch veröffentlichen darf, dass man die Rechte von den Buchverlagen oder von dem Autor bekommt.
In einem Verlag, in einem Hörbuch-Verlag, ist das natürlich noch ein bisschen mehr, was man da machen muss, weil wir ja hinterher ein Produkt haben, ein haptisches Produkt, das eine Grafik braucht zum Beispiel. Also muss man mit Grafikern arbeiten, es müssen Rechte für die Bilder geklärt werden.
Und es braucht immer ein Lektorat. Das macht im Hörfunk die Redakteurin, und hier macht es der Regisseur oder noch eine Lektorin. Wir haben ja die Reihe „Abenteuer & Wissen“ zum Beispiel, das sind Originalautoren. Wenn die was schreiben, muss der Text natürlich lektoriert werden. Da sitzt immer jemand dabei, der Hilfestellung gibt, dem Autor gegenüber, der zum Beispiel sagt: „Die Dramaturgie stimmt hier nicht ganz, da musst du aufpassen; die Figur ist hier nicht ganz richtig dargestellt, da ist ein Sprung drin, das ist nicht eindeutig.“ Der ihm Tipps gibt, wenn er nicht weiter weiß. Das macht ein Lektor, der ist schon sehr entscheidend; der ist auch im Buchverlag eine der wichtigsten Personen in der Zusammenarbeit mit dem Autor.  

lesepunkte: Noch einmal zurück zu den Geräuschen. Können Sie noch kurz erklären: Wo kommen die her?

 

Theresia Singer: Geräusche kommen von überall [lacht]. Nein Quatsch. Es gibt sogenannte Sound Libraries, die man kaufen kann – muss natürlich. Das reicht aber meistens nicht. Oft fehlen typisch deutsche Geräusche. Auf den amerikanischen Libraries sind natürlich selten deutsche Polizeigeräusche oder so etwas drauf. Und grundsätzlich ist es so: Das Geräusch, was man sucht, findet man nie auf diesen Sound Libraries. Das heißt, man muss es selber machen. 50 Prozent aller Geräusche, die ich in einer Datei habe, sind von mir selber produziert worden, aufgenommen worden; und 50 Prozent sind von solchen Sound Libraries.
Man kann schon sehr viel machen. So ein Aufnahmegerät, das nimmt man überall mit hin als Toningenieur. Man ist so verrückt. Wenn man in den Urlaub fährt, ist das immer dabei. Als ich in San Francisco war, kommt dann halt so eine Beerdigung vorbei, so eine karibische Beerdigung, die absolut stark war, bei der Geräusche dabei sind, die man einfach sonst nie bekommt. Weil, das macht es ja aus, dass man nicht immer den Abklatsch eines akustischen Bildes macht, sondern dass da etwas Besonderes passiert. Und so muss man eigentlich immer auf der Suche sein. Man ist immer ein „Sound Hunter“.

lesepunkte: Und was ist die größte Herausforderung bei der Produktion eines Hörspiels?

 

Theresia Singer: Alles stimmig hinzubekommen. Alles so hinzubekommen, dass der Hörer nie aus der Welt herausgerissen wird, in der er sich beim Hören befindet. Also dass er nie denkt: „He, da war jetzt aber was Komisches“ oder „Was hat der jetzt gesagt?“ oder „Das klang jetzt aber seltsam“. Dass er eigentlich vergisst, dass dort Schauspieler und Sprecher sind; dass er vergisst, dass es aus dem Lautsprecher kommt. Dass man ein so rundes Bild schafft, dass man darin versinken kann, und wenn es aufhört, denkt: „Ups – wo bin ich jetzt?“ Das ist der größte Anspruch; wenn einem das gelingt, dass man da richtig reingesogen wird, dann hat man es eigentlich geschafft.

lesepunkte:Für unsere lesepunkte-Leser sind die beiden Hör-Feature-Reihen „Abenteuer & Wissen“ und „Rätsel der Erde“ besonders interessant. Wie wählen Sie die Themen aus?

 

Theresia Singer: Also mittlerweile haben wir ja schon über 40 Themen in dieser Reihe veröffentlicht. Deswegen wird es natürlich immer etwas schwieriger. Wir gucken: Was könnte interessant sein? Wir bringen jetzt zum Beispiel mal einen deutschen Erfinder raus, nämlich Carl Benz. Das Thema Technik hatten wir ja noch nicht so stark bisher. Wir merken aber, dass die Technik-Themen gefragt werden. Als wir über Thomas Alva Edison was gemacht haben, über den Erfinder der Glühbirne, da waren wir sehr überrascht davon, dass so viele verkauft wurden von diesem Hörspiel. Und da haben wir uns überlegt, dass wir doch ein bisschen von dieser Abenteurer-Schiene weggehen sollen.
Wie wählen wir aus? Wir wollen natürlich möglichst auch jemanden zeigen, der ein bisschen populärer ist, der etwas Besonderes gemacht hat und der auch etwas gemacht hat, was bis heute nachhaltig unsere Welt verändert hat. Das sind die Abenteurer, die wir auswählen.
Die Reihe „Rätsel der Erde“ ist ja mehr eine themenbezogene Reihe. Da wählen wir Themen aus, die prägnant sind, die auch unsere Welt verändert haben und die vielleicht auch im Schulunterricht vorkommen. Die Reihen werden ja viel gehört von Kindern ab acht, neun, zehn Jahren. Und die nutzen die sehr stark für die Schule. Und das können wir ja nur unterstützen. Das ist ja eine Wissensvermittlung auf eine ganz andere Art und Weise, als sie meistens noch in der Schule funktioniert, oder passiert. Das ist eine sehr emotionale Art und ich bin der festen Überzeugung dass, je emotionaler man Wissen vermittelt, umso besser bleibt es auch hängen.

lesepunkte: Können die Hörspiele denn direkt in den Unterricht eingebunden werden?

 

Theresia Singer: Ja, die werden auch schon direkt in den Unterricht eingebunden. Also wir haben schon sehr viele Anfragen von Lehrern gehabt, ob wir noch zusätzliches Material dafür haben. Wir haben auch oft ganz süße Mails von Kindern, die uns schreiben und sagen: „Ich hab das Hörspiel gehört und hab daraufhin ein Referat gemacht und ich hab eine Eins gehabt.“ Die freuen sich dann immer. Wenn man nach so einem Referat noch einen kleinen Ausschnitt aus dem Hörspiel bringen kann, das multimedial anbindet, dann klappt das schon mit der Eins [lacht].

lesepunkte: Steht denn bei „Abenteuer und Wissen“ und „Rätsel der Erde“ die Unterhaltung oder die Information im Vordergrund?

 

Theresia Singer: Ohne Unterhaltung würde die Information nicht funktionieren. Es ist einfach so: Für uns Erwachsene ist es kein Problem, wir machen uns ein Hörbuch an und sagen „Ja, ganz interessant“ und hören weiter und weiter. Bei Kindern ist es so, die schalten gnadenlos ab. Wenn die nicht nach drei Minuten gefesselt sind durch irgendeine Szene oder durch das Thema, dann schalten die einfach ab. Und dann kann man machen, was man will. Dann kriegt man die auch nicht wieder rein. Wir würden sagen als Erwachsene: „Mal gucken, ob es noch schön wird“, oder interessant wird. Das machen Kinder nicht. Das heißt also, es muss unterhaltend präsentiert werden. Sie sollen auch gar nicht denken, dass sie Wissen vermittelt bekommen. Das steht nicht im Vordergrund. Sondern es steht im Vordergrund, dass sie erst mal unterhalten werden, durch eine interessante Geschichte von einem interessanten Menschen. Und erst so durchs Hintertürchen merken sie, dass sie auch Wissen bekommen haben. Wenn es nicht unterhaltend ist, dann machen wir es nicht.

lesepunkte: Kann ein Hörspiel dennoch genauso gut über ein historisches Thema berichten wie ein Sachbuch?

 

Theresia Singer: Ja. Ich glaube, es schließt sich nicht aus. Ein Sachbuch hat manchmal den Vorteil, dass man darin blättern und sich raussuchen kann, was man angucken möchte. Ein Sachbuch hat den Nachteil, dass es eigentlich nie emotional sein kann. Und meine These ist wirklich, dass man emotional immer besser Wissen vermitteln kann. Wenn es mit allen Sinnen passiert, wenn es wirklich ins Herz geht und betroffen macht, und deswegen denke ich sogar, dass es noch besser mit einem Hörbuch zu machen ist als mit einem Sachbuch.

lesepunkte: Sie haben als Autorin selbst schon Hörspiele zum Regenwald, zu den Wikingern und zum Frankfurter Zoodirektor Bernhard Grzimek geschrieben. Was hat Sie persönlich an diesen Themen interessiert?

 

Theresia Singer: Ich bin ja selbst nach Costa Rica geflogen, dieses Land hat mich einfach interessiert. Und ein Mensch hat mich interessiert, nämlich Michael Schnitzler, der Enkel von Arthur Schnitzler. Den habe ich dort interviewt und der hat einfach ein großartiges Projekt dort hochgezogen, um den Regenwald zu retten. Und ich finde es immer bewundernswert, wenn so einzelne Menschen einfach mal was tun. Ohne groß nachzufragen, sondern einfach helfen, wo sie denken, helfen zu können. Also die Menschen dahinter interessieren mich.
Was mich bei Bernhard Grzimek interessiert hat – den kenne ich halt, damit bin ich groß geworden. Das war die einzige Sendung, die ich nach acht noch gucken durfte. [lacht] Und ich fand es toll, wie er mit den Tieren dort im Studio saß. Es hat mich dann halt interessiert, wie so jemand auch so einen großen Einfluss auf Deutschland gehabt hat, weil ohne ihn hätten wir hier überhaupt noch keinen einzigen Naturpark. Er hat dafür gekämpft, dass hier Naturbereiche  als Naturpark eingerichtet wurden, dass wir sie schützen. Wir können uns nicht immer hinstellen und sagen, die bösen, bösen Südamerikaner holzen ihren Regenwald ab und hier – ja, hier haben wir ihn schon abgeholzt. Also insofern fand ich das ganz gut, im Vergleich dazu nochmal über ihn zu berichten.
Was habe ich noch gemacht? Die Wikinger. Die Wikinger finde ich ja so toll [lacht]. Mit Wiki ist man ja auch groß geworden. Und was ich dort so interessant fand, war, dass wir uns natürlich die Wikinger ganz anders vorstellen, als sie eigentlich waren. Wir sehen halt nur die Krieger. Das sind die Wikinger auch, die auf Wikingfahrt gehen. Aber wir haben nicht gewusst, dass es absolut tolle Kunsthandwerker waren. Ich zumindest habe es nicht gewusst. Dass es Händler waren, die bis runter in den Orient gefahren sind, die Handelswege durch Russland aufgebaut haben. Die, einfach unglaublich, bis nach Amerika gesegelt sind. Das wussten wir natürlich. Das ist einfach ein Wahnsinn. Und das ein bisschen aufzudröseln und das Bild ein bisschen zu verändern von den Wikingern, das wir durch Wiki immer noch im Kopf haben, das war einfach die Absicht dahinter.

lesepunkte: Wie umfangreich sind die Recherchen für ein Hörspiel?

 

Theresia Singer: Also die sind schon sehr umfangreich. Da muss man schon lange suchen. Also bei den Wikingern zum Beispiel war ich in Haithabu, in dem Wikinger-Museum. Haithabu ist die südlichste Wikinger-Siedlung und liegt noch in Deutschland, bei Schleswig. Es war total interessant. Ich habe da mit der Leiterin vom Wikinger-Museum gesprochen, die toll erzählen konnte, darüber, wie Wikinger früher dort gelebt haben. Das war ein Handelsumschlagplatz.
Ja, dann muss man natürlich viele Bücher lesen. Man braucht schon ein paar Monate, um sich so in das Thema eingelesen zu haben, dass man dann sagen kann: So, und jetzt kann ich was daraus schreiben. Und dann muss man noch Experten dazu suchen, die vielleicht was Neues dazu sagen können. Es muss ja immer noch ein bisschen was anderes sein, als es vorher  schon gegeben hat. Also die Recherchen sind schon sehr lang und aufwändig.

lesepunkte: Zum Schluss: Zu welchem Thema wollten Sie eigentlich immer mal ein Hörspiel machen und warum haben sie es bisher nicht gemacht?

 

Theresia Singer: Ich wollte schon immer ein Hörspiel machen zu Mahatma Gandhi, und ich habe es bisher nicht gemacht, weil ich eigentlich dafür nach Indien reisen will [lacht]. Und das steht irgendwie noch nicht an und das muss man einfach länger vorbereiten: Was man da macht und welche Orte man da besucht. Aber ich glaube, ich werde es in den nächsten fünf Jahren schaffen, dieses Thema anzugehen [lacht].  

lesepunkte: Dann freuen wir uns darauf und – Frau Singer, vielen Dank für das Gespräch.

 

Theresia Singer: Danke.

(Interview: Philipp Scherber, Maren Walther)
(Foto: nonnenmacher-photographie)

 

 

Empfohlene Zitierweise

Interview mit Theresia Singer (Philipp Scherber und Maren Walther). lesepunkte 8 (2013), Nr. 1, in: lesepunkte, URL: http://www.lesepunkte.de/no_cache/persistent/artikel/9798/

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Erstellt: 18.03.2013

Zuletzt geändert: 18.03.2013

Kurzbiographie

Theresia Singer wurde 1959 in Dinklage geboren und nahm bereits mit zwölf Jahren ihr erstes Hörspiel auf. Sie arbeitete als Tontechnikerin beim WDR und qualifizierte sich dort in der Hörspiel-Abteilung zur Toningenieurin weiter. 1997 gründete sie die Firma headroom sound production mit Verlag und Tonstudio in Köln. Dort ist Theresia Singer als Produzentin, Regisseurin und Autorin aktiv. In dem Verlag erscheinen Hörbuch-Produktionen für Kinder und Erwachsene. Theresia Singers erstes selbst geschriebenes Hör-Feature „Professor Grzimek. Ein Leben für die Serengeti“ aus der Reihe „Abenteuer & Wissen“ erhielt 2011 mit dem HÖRkulino den Publikumspreis des Buchhandels.

Weitere Informationen zum Verlagsprogramm und den aktuellen Neuerscheinungen findet ihr unter http://headroom.info/