Schmitz, Bernhard

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„Das Tragische ist, dass die kleinen Jungen, die zwischen 1914 und 1918 die Bilderbücher zum Ersten Weltkrieg lesen, ab 1939 wieder in den Krieg gehen werden.“ 

Der Kurator des Bilderbuchmuseums Troisdorf Bernhard Schmitz über seine Arbeit, das Medium Bilderbuch und die Ausstellung „Das Kinderbuch erklärt den Krieg“ 

 


lesepunkte: Ich begrüße heute bei den lesepunkten den Sammlungskustos des Bilderbuchmuseums der Stadt Troisdorf Bernhard Schmitz! Was kann der Besucher hier bei Ihnen im Museum erwarten?

 

Bernhard Schmitz: Das Bilderbuchmuseum Troisdorf existiert seit 1982 und sammelt vor allem Bilderbuchoriginalillustrationen, von denen wir mittlerweile einen Bestand von 20.000 Blatt haben. Wir beschäftigen uns auch mit den gedruckten Buchausgaben ab dem 15. Jahrhundert, von denen wir inzwischen etwa 35.000 Bände haben, die wir hier unseren Besuchern zeigen können. Wir bieten im Jahr mindestens sechs Wechselausstellungen an und verschiedene kleinere Kabinettausstellungen. Sie finden bei uns außerdem das normale museumspädagogische Programm, Führungsangebote, Seminare und Workshops, aber z.B. auch den Geburtstag im Museum.

lesepunkte: Seit wann gibt es Bilderbücher und was versteht man eigentlich unter einem Bilderbuch?

 

Bernhard Schmitz: Da gibt es verschiedene Definitionen: Die einfachste wäre diejenige, dass ein Bilderbuch ein Buch ist, das vom Bild dominiert wird und bei dem der Text nachrangig ist. Es gibt viele Bilderbücher, die nur durch das Bild verständlich werden und bei denen der Text den Bildern nur erklärend hinzugefügt wird. Seit wann es Bilderbücher gibt, ist ebenfalls eine Frage der Definition. Man kann sagen, das Sachbilderbuch beginnt im 17. Jahrhundert mit Johann Amos Comenius' „Orbis pictus“. Das unterhaltende Bilderbuch kann man mit dem „Struwwelpeter“ (Erscheinungsjahr 1845; Anm. d. Red.) von Heinrich Hoffmann ansetzen. Der Comic beginnt etwa zu der gleichen Zeit mit Rodolphe Töpffer, einem Genfer Zeichner, der die ersten modernen Bildgeschichten entworfen hat.

lesepunkte: Was ist das älteste Bilderbuch, das man hier im Museum finden kann?

 

Bernhard Schmitz: Das älteste Kinderbuch ist von 1498, das älteste Bilderbuch ist eine Comenius-Ausgabe von 1677 und dann der „Struwwelpeter“ in verschiedenen Ausgaben ab etwa 1850.

lesepunkte: Unter einem Bilderbuch stellt man sich zunächst etwas für Kinder vor. Kann man das so behaupten?

 

Bernhard Schmitz: Bilderbücher waren in einem bestimmten Zeitraum vor allen Dingen ein Medium und Ausdrucksmittel für Kinder. Wenn wir in die Vergangenheit zurückkehren, ist dies nicht so sehr der Fall und in der Gegenwart auf jeden Fall auch nicht mehr. Es gibt sicherlich einen großen Bestand an Büchern mit grafischen Erzählungen, die für alle Altersgruppen gemacht sind oder vorrangig für Erwachsene. Mein Lieblingsbeispiel ist die Carl-Barks-Werkausgabe, das ist der Zeichner von Donald Duck. Die gab es bei einem deutschen Verlag für etwa 1600 € und war umgehend ausverkauft. Hier würde ich davon ausgehen, dass 1600 € für einige Bücher nicht unbedingt ein Taschengeldpreis waren.

lesepunkte: Was ist Ihre Aufgabe hier im Museum?

 

Bernhard Schmitz: Meine Aufgabe besteht in der Betreuung der historischen Buchbestände, d.h. zu mir kommen Sie eigentlich erst, wenn Sie schon nicht mehr auf der Erde sind. Alles, was alt und staubig ist, landet in der historischen Abteilung, zeitlich einzuordnen bis etwa 1950. Hier geht es darum, die Sammlungen zu pflegen, sie auszustellen, sie zu beschreiben, aber auch soweit wie möglich zu ergänzen und fehlende Teile einzufügen.

lesepunkte: Das Gedenkjahr zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurde zum Anlass für eine Sonderausstellung unter dem Titel „Das Kinderbuch erklärt den Krieg“ genommen. Was gibt es dort zu sehen?

 

Bernhard Schmitz: Die Ausstellung ist ein Gemeinschaftsprojekt mit der Staatsbibliothek Berlin und verschiedenen privaten Sammlern. Die Staatsbibliothek Berlin stellt auch den überwiegenden Teil der Exponate, weil sie von ihrem historischen Werden her schon damals hat sammeln können und über sehr große Bestände verfügt. Wir versuchen drei Dinge zu zeigen: einmal wie stark die Militarisierung gerade der deutschen Zivilgesellschaft vor 1914 war, wie stark das Militär und das Militärische als Ideal vorgeführt wurden. Der zweite und größte Teil beschäftigt sich natürlich mit den Publikationen im Krieg, und zwar aus verschiedenen europäischen Ländern, die fast alle der Kriegspropaganda gedient haben. Ein dritter Teil der Ausstellung zeigt auf, wie sich gerade nach 1918 wieder verstärkt pazifistische, kriegsgegnerische Strömungen in Deutschland und Österreich entwickelt haben.

lesepunkte: Warum sollten denn gerade Kinder, die ja nicht als Soldaten am Krieg teilnahmen, ideologisch auf den Krieg vorbereitet werden?

 

Bernhard Schmitz: Kinderliteratur hat einen stark pädagogischen Charakter. Es gibt nur wenige Kinderbücher, die nicht auch Werte und Inhalte vermitteln sollen. Insofern ist es logisch, bei dieser Altersgruppe anzusetzen, weil man davon ausgeht, dass sie besonders gut zu prägen ist. Sie sollten für die Zukunft auf bestimmte nationale, patriotische Werte eingeschworen werden. Das Tragische ist, dass die kleinen Jungen, die zwischen 1914 und 1918 diese Bücher hatten, zu derjenigen Generation gehören, die ab 1939 wieder in den Krieg gehen wird.

lesepunkte: Was waren die Strategien in den Kinderbüchern? Wurde das Thema Krieg beispielsweise lustig dargestellt, um es den Kindern nahe zu bringen?

 

Bernhard Schmitz: Generell fährt man zwei Strategien: Einmal werden die Gegner als minderwertig und lächerlich, aber gleichzeitig auch als bedrohlich und gefährlich dargestellt. Zum anderen wird die eigene Position idealisiert und die eigenen Soldaten überhöht. Es ist ein bisschen so wie in bestimmten Märchen, z.B. „Rotkäppchen und der Wolf“: Die jeweils andere Seite stellt den bösen Wolf dar, die eigene Nation ist das gefährdete Rotkäppchen und das Militär ist der Jäger, der am Ende alles retten muss und kann.

lesepunkte: In der Ausstellung sind nicht nur deutsche Bücher zu sehen, sondern auch britische, russische, französische oder italienische. Gibt es Unterschiede in der Darstellung und in den Botschaften oder versuchten die verschiedenen Länder, ihre Kinder in gleicher Weise zu beeinflussen?

 

Bernhard Schmitz: Die Botschaften sind sehr ähnlich, die Darstellungsmittel können unterschiedlich sein. Es gibt in der Kinderliteratur und der Kinderunterhaltungskultur durchaus unterschiedliche Strömungen in den verschiedenen Ländern, die zu unterschiedlichen Herangehensweisen führen. Die Botschaften sind sich allerdings frappierend ähnlich.

lesepunkte: Kriegsspiele für den Computer oder die Konsole sind heute bei Jugendlichen äußerst beliebt. Gab es vor hundert Jahren etwas Vergleichbares?

 

Bernhard Schmitz: Kriegsspielzeug ist sicherlich mit das älteste industriell oder handwerklich gefertigte Spielzeug, das beginnt mit den Zinnfiguren. Typischerweise ist das Jungenspielzeug, ob es Zinnfiguren und Soldaten aus anderem Material wie Holz, Masse oder Kunststoffen oder diverse Brettspiele sind. Mädchen werden reduziert auf die Funktion der Lazaretthelferin, Sockenstrickerin oder Sammlerin von Altmaterialien. In dieser Zeit sind die Spiele noch sehr geschlechtsspezifisch zugeordnet.

lesepunkte: Welche Spiele kann man hier in der Ausstellung sehen?

 

Bernhard Schmitz: Wie haben einige sehr schöne private Leihgaben, vor allem von deutschen Brettspielen und Würfelspielen, die das Kriegsthema aufgreifen. Sie funktionieren als Spiel immer ähnlich, wie etwa das Mensch-ärgere-Dich-nicht-Spiel oder andere Brettspielprinzipien, die übernommen wurden und auf die der Krieg als Bild oder Muster gelegt wurde.

lesepunkte: Momentan erscheinen ja zahlreiche Comics und Graphic Novels zu historischen Themen sowohl für ein jugendliches als auch für ein erwachsenes Publikum. Hier im Museum wurde etwa das „Tagebuch 14/18“ ausgestellt, das den Ersten Weltkrieg aus deutsch-französischer Sicht beleuchtet. Worin liegt Ihrer Meinung nach das Potential von Comics in der Vermittlung historischer Themen?

 

Bernhard Schmitz: Der Historiencomic kommt aus der frankobelgischen Tradition. Wir kennen ihn in einer satirischen, humoristischen Form, das wäre „Asterix“. „Asterix“ hat man nie in die USA verkaufen können, weil die Leser das einfach von ihren Traditionen her nicht verstehen und nachvollziehen können. Der frankobelgische Comic hat schon immer historische Themen behandelt. Zum Ersten Weltkrieg fällt mir Jacques Tardi ein, der sich seit Jahrzehnten mit diesem Thema beschäftigt. Bei uns ist es etwas relativ Neues, weil der Comic erst vor etwa zwanzig Jahren aus der „Schmuddelecke“ herausgekommen ist, und sich auch jetzt erst Zeichnerinnen und Zeichner finden, die das Thema gestalten können. Der Comic erlaubt eine neue, andere Sichtweise, weil er einfach medial anders funktioniert, in seiner Verbindung von Text und Bild sowie einer sehr großen Bildmächtigkeit. Wenn er sich an Erwachsene richtet, unterliegt er nicht so sehr den Beschränkungen, denen das Bilderbuch für Kinder immer noch unterliegt. Ein Bilderbuch für Kinder zum Ersten Weltkrieg wird in der Regel keine drastischen Kriegsszenen darstellen. Dort sieht man keine Verstümmelten oder Leute, die kein Gesicht mehr haben, das sehen Sie dann in den Erwachsenengeschichten. Das ist wieder eine neue Ebene, auf der man sinnlich anders angesprochen werden kann.

lesepunkte: Was fasziniert Sie persönlich an Bilderbüchern und was sind Ihre beiden persönlichen Lieblingsbilderbücher, einmal aus wissenschaftlicher und einmal aus privater Sicht, etwa das Lieblingsbuch Ihrer Kindheit?

 

Bernhard Schmitz: Die Beschäftigung mit dem Bilderbuch hat sich aus der Beschäftigung mit Geschichte und Literatur ergeben. Bilderbücher sind von den eigentlich zuständigen Kunsthistorikerinnen und -historikern lange Zeit eher ignoriert worden. Insofern gab es eher einen Zugang von der Textseite her, also von der Literaturwissenschaft, was auch mein Zugang dazu war. Das Faszinierende an Bilderbüchern ist, dass sie über den Zeitraum von 150 Jahren und mehr sehr viel transportieren, was einmal zeittypisch ist und andererseits sehr gut den Eigensinn und die Individualität vieler Künstler und Autoren widerspiegelt, wie es eben bei Kunst insgesamt ist. Das wichtigste Bilderbuch in wissenschaftlicher Sicht und nach wie vor eines der interessantesten ist sicherlich der „Struwwelpeter“, weil er eines der ersten klassischen Bilderbücher ist und sehr viele Kontroversen und interpretierbare Inhalte transportiert. Es ging so weit, dass es in den 1970/80er Jahren als „Unbuch“ und schwarze Pädagogik mit Grausamkeiten angesehen wurde und nicht mehr benutzt werden sollte. Bei den modernen gibt es einige Künstler, die mich besonders faszinieren. Das sind diejenigen, die nicht genau zum Kinderbilderbuch zuzuordnen sind, sondern auch für Erwachsene arbeiten: Der Australier Shaun Tan macht sehr schöne Bücher. Bei den Comics finde ich Tardi sehr interessant. Bei den klassischen Bilderbüchern würden mir sehr viele einfallen. Mein Lieblingskinderbuch ist bis auf den heutigen Tag „Pooh, der Bär“, ein Buch, das sehr viele Ebenen hat und über viele Jahre hinweg interessant und interpretierbar ist.

(Interview: Philipp Scherber) 

 

 

Empfohlene Zitierweise

Interview mit Bernhard Schmitz (Philipp Scherber). In: lesepunkte 9 (2014), Nr. 3, URL: http://www.lesepunkte.de/no_cache/persistent/artikel/10464/

Bitte setzen Sie beim Zitieren dieses Beitrags hinter der URL-Angabe in runden Klammern das Datum Ihres letzten Besuchs dieser Online-Adresse.



Erstellt: 23.09.2014

Zuletzt geändert: 23.09.2014

 

 

Fotos der Ausstellung


Die Ausstellung "Das Kinderbuch erklärt den Krieg" kann noch bis 12.10.2014 in Troisdorf besucht werden.

 

 

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