Rathke, Mirko

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„Ich kann Dinge imaginieren, ich kann sie wieder zum Leben erwecken, wenn ich einfach nur ein paar Details weiß.“ 

Mirko Rathke über seine Arbeit als Illustrator und seine Verwurzelung in der Altmark 

 


lesepunkte: Sie sind freischaffender Künstler und vor allem als Illustrator für Kinder- und Jugendbücher tätig. Haben Sie immer Stift und Skizzenbuch dabei, um Ideen festzuhalten?

 

Mirko Rathke: Für das Interview hatte ich mich jetzt auf andere Dinge fokussiert, aber für gewöhnlich habe ich das immer dabei. Ich weiß nicht, ob ich für jeden sprechen kann. Viele der Illustratoren nutzen so etwas nicht mehr, die erarbeiten alles nur noch am Rechner oder sammeln Schnipsel aus ihrer Umgebung, kombinieren das, kleben es zusammen und schicken dies dann los. Die Herangehensweise, dass jemand noch wirklich handgemachte Sachen den Verlagen anbietet, ist nicht mehr so sehr verbreitet, aber auch das gibt es noch.

lesepunkte: Arbeiten Sie immer mit traditionellen Techniken wie Handzeichnung und Aquarell oder nutzen Sie auch den Rechner für den Entwurf und die Ausführung Ihrer Illustrationen?

 

Mirko Rathke: Also bei Verbesserungsmöglichkeiten nutze ich den Rechner mittlerweile. Wenn ich mich trotz hoher Konzentration an einem Bild vermalt habe und es darum geht, eine eingescannte Arbeit auf einer CD beim Verlag abzuliefern, dann schau ich natürlich vorher am Computer: Wo ist noch ein Fussel oder wo ist ein Strich ein bisschen ungeraten? Da korrigiere ich schon, aber das sind minimale Dinge. Andere Illustratoren wiederum nutzen dies verstärkt als Medium, gewissermaßen als Grundlage, indem sie auf so einem Scribbleboard arbeiten und dort zeichnen. Das ist eine virtuelle Herangehensweise, die ich mir noch nicht erschlossen habe. Ich bin noch so ein Bildermacher im ursprünglichen Sinne, der seine Zeichnungen haptisch begreift, so wie ein Uhrmacher…

lesepunkte: Also ist die Tätigkeit als Illustrator für Sie in erster Linie auch ein Handwerk?

 

Mirko Rathke: Ich sage mal, 70 Prozent der Arbeit sind handwerklicher Natur. Ich muss einen hohen Grad an Fertigkeiten an den Tag legen, um eine Diversität bei dem, was ich dem Kunden unterbreiten möchte, hinzubekommen. Ich möchte möglichst breite Spektren abdecken und Interessensgebiete bebildern können. Wenn ich Literatur von Verlagen zugesandt bekomme, liegt mein Hauptfokus darauf, dass ich nach unverbrauchten Bildideen suche, die ich dann gekonnt und vor allem lebendig umsetze, weil sonst manche Bilder umso steifer wirken würden, je komplexer, je realistischer man sie umsetzt.

lesepunkte: Wie stellt sich denn die Zusammenarbeit mit den Verlagen her, wie kommt ein Buch-Illustrator zu seinen Aufträgen?

 

Mirko Rathke: Während des Studiums waren es die Buchmessen, wo wir mit unseren Mäppchen artig uns in die Schlange anstellten und die Verlage Mappensichtungen gewährten. Das habe ich jahrelang eifrig gemacht, in Frankfurt, in Leipzig, aber auch viel in Bologna in Italien, wo jährlich eine internationale Kinderbuchmesse stattfindet. Durch das Griechenlandsachbuch (Die erste Demokratie. Athen im 5. Jahrhundert v.Chr., Hildesheim: Gerstenberg 2004) habe ich mir einen relativ guten Namen erarbeitet, was die Sachillustrationen angeht. Seitdem kamen immer wieder Anfragen. Natürlich muss man den Kontakt zu den Verlagen pflegen, sich immer wieder in Erinnerung rufen, neuere Arbeiten nachreichen, damit sie auf dem neuesten Stand sind. Und um als Illustrator wirklich bestehen zu können, sollte man sich mit einem Rückgrat zeigen, mit einer Wertschätzung zu den Dingen, zu dem Material, zu dem Beruf, den man ausübt. Nur so kann auch eine Fülle, eine Konsistenz in den Bildern herauskommen.

lesepunkte: Wer sind Ihre künstlerischen Vorbilder?

 

Mirko Rathke: Die lassen sich eigentlich ganz schnell benennen. Einer der für mich prägendsten Illustratoren ist Klaus Ensikat. Er war auch zeitweilig einer meiner Professoren in Hamburg und schon zu DDR-Zeiten einer der, wenn nicht sogar der renommierteste Illustrator neben Egbert Herfurth. Dann kann ich weitere Illustratoren aufzählen, die ich sehr schätze, z.B. Olga und Andrej Dugin oder Roberto Innocenti, großartige Altmeister der feinen Illustration. Sie können so wunderbar schöne Aquarellschichten zu magischen Momenten verdichten. Alle jene gehobenen Illustrationskünstler faszinieren mich, wegen ihres handwerklichen Könnens, aber auch wegen ihrer Eigensinnigkeit. Sie tragen ein wenig dieses Störrische gegen den saisonalen Trend in sich. Ihre Individualität macht sie so besonders. Was mich speziell an Klaus Ensikat reizt, ist sein Hang zur Sachlichkeit. Für ihn ist die Gestaltung eines Bildaufbaus immer auch eine Frage der genauen und ehrlichen Beobachtung, draußen vor Ort. Das ist bei Sachillustrationen wichtig, wo speziell die Körperlichkeit, die Anatomie stimmen soll. Durch seine Bücher hat er mir oft zu verstehen gegeben, dass ein Bild, auch im Detail, ganz anders brillieren wird, wenn man darauf achtet.

lesepunkte: Illustrationen für historische Sachbücher wie das Griechenlandbuch erfordern einiges an Vorbereitung und Vorwissen. Braucht es da manchmal auch Sachverstand von Experten?

 

Mirko Rathke: Als Basis dienlich war mir jedenfalls stets mein Interesse an Geschichte, das war auch in der Schulzeit schon so. Konkret habe ich mich für das Griechenlandbuch natürlich erst mal über den Verlag mit dem Textautor des Buches (Hartmut Leppin), einem Geschichtsprofessor aus Frankfurt am Main, in Verbindung gesetzt. Er gab mir Buchtitel, Hinweise, wo Abbildungen diverser Artefakte, Tonvasen usw. zu finden seien, wo eventuell ein Motiv schon das Thema beschreibt. Über das alte Griechenland weiß man ja relativ wenig, weil es zu wenig Überlieferungsdinge gibt. Man hat natürlich auf Ton dieses und jenes ausgegraben und weiß anhand von römischen Beschreibungen das eine oder andere. Doch Vieles bleibt im Verborgenen und dementsprechend muss man nach gutem archäologischen Material schauen. Von den sieben Monaten, die das Projekt in Anspruch nahm, habe ich ungefähr einen Monat mit Recherchen in der Bibliothek, u.a. im archäologischen Institut der Universität Hamburg verbracht.

lesepunkte: Wie entsteht so ein Buch ganz konkret? Erhalten Sie für die Erarbeitung der Illustrationen die fertigen Texte?

 

Mirko Rathke: Im Fall des Griechenlandbuches nicht. Da hat man mir nur in etwa beschrieben, dass z.B. auf einer Doppelseite die Akropolis oben zu sehen sein soll und darunter das Theater. Ja und dann geht es los, dann entwirft man, variiert das Thema der Buchseite und bietet das dem Verlag an. Der Geschichtsprofessor prüft anschließend meine Skizze auf Glaubhaftigkeit. Der Layouter bekommt diese Skizze und arrangiert sie auf der Doppelseite, fügt Blindtexte überall hinzu und auch einige Fotos. Aus den Blindtexten werden später die realen Texte. Mit dem fertigen Layout in der Hand kann ich aus der Skizze eine Feinzeichnung machen. Sie enthält schon alle Details, aber noch in schwarz-weiß, es ist eine lineare Zeichnung. Diese wird wiederum eingereicht, hier und da werden noch einmal Korrekturwünsche eingearbeitet. Wenn das steht, ist sozusagen Ebene drei erreicht, in der ich das Ganze koloriere. Da hatte ich mich hauptsächlich an der Layout-Gestaltung orientiert – es waren ja auch noch Fotografien zu sehen –, um nicht artfremde Farbigkeiten plötzlich auftauchen zu lassen, die diese Harmonie des Buches zerstören würden. Und ich denke mal, da fand eine sehr einfühlsame, intelligente Zusammenarbeit zwischen allen Agierenden statt, so dass letztendlich ein sehr ausgewogenes Buch entstand.

lesepunkte: Auf Ihrer Homepage sind neben den Verweisen auf Buchillustrationen viele in anderen Zusammenhängen entstandene Arbeiten zu sehen. Dabei tauchen immer wieder Motive und Landschaften aus der Altmark auf, einem Landstrich im Norden von Sachsen-Anhalt, aus dem Sie stammen. Ist Ihre Herkunft auch für Ihre künstlerische Identität prägend?

 

Mirko Rathke: Ja ich kann schon sagen, ich bin ein Kind meiner Umgebung und ich bin in der Altmark aufgewachsen. Ich hatte also das Glück, auch das Ländliche, das üppig Ländliche in vollen Zügen als Kind inhalieren zu können. Es sind Erinnerungen an diesen Geruch auf dem Dorf mit den Stallungen oder den Duft des Frühlings, wenn die Saat allmählich hochkam und die ersten Blüten überall zu sehen waren. Es war schön, auf den Friedhofsmauern umherzuspringen und in die Baumwipfel hochzuklettern. Das verbindet mich natürlich mit der Altmark. Selbst jetzt, wo ich in Leipzig lebe, kann ich unentwegt daraus schöpfen, weil dies sozusagen mein unbegrenztes Material darstellt. Ich verwirkliche zwar nicht nur Ländliches. Aber ich achte darauf, dass dies in meine Bildthematiken, und sei es auch in klassische Illustrationen, in klassischen Texten, hineinwirken kann. Dort sind immer auch kleine altmärkische Tendenzen spürbar. Man merkt dann so ein bisschen was Bruegelsches. Etwas stämmige, präsente Figurationen, die sind für mich wichtig.

lesepunkte: Neben Ihrer Tätigkeit als Illustrator engagieren Sie sich gegenwärtig als künstlerischer Berater an einer Sekundarschule in Ihrer Heimat und gestalten mit den Schülerinnen und Schülern die Unterrichtsräume neu. Was hat es damit auf sich?

 

Mirko Rathke: Bei der Lessingschule in Salzwedel ging es darum, dass Schüler innerhalb kurzer Zeit durch Eigeninitiativen Orte schaffen, wo sie sich wohlfühlen. Sie können sich auch gestalterisch und kreativ austoben und ihre Ideen formulieren, ohne dass das vom Lehrer vorgesetzt ist. Ich bin nur Impulsgeber, ich fungiere als eine Art Initiator, zeige die Möglichkeiten auf. Es sind die Schüler, die die Ideen haben, und ich versuche sie in den Raum zu projizieren, sage, wenn man die Wand braun macht, dann entsteht im Raum dieser und jener Eindruck, weil ich mir das gut vorstellen kann. Und dann wird heiß diskutiert, wie man das variieren kann. Damit die Schüler verstehen lernen, wie es ist, sich etwas vorzustellen, dies anhand von Proben anzutesten. Auch dass Ziel und Ergebnis manchmal zwei verschiedene Paar Schuhe bedeuten können. Erst durch Eigeninitiative lernen sie das überhaupt kennen. Wenn ihnen das immer abgenommen wird, können sie das Aha-Erlebnis nie erfahren.

lesepunkte: Bietet der Kontakt mit den Schülern, mit ihrer Kreativität auch für Sie selbst Impulse?

 

Mirko Rathke: Ja natürlich! Ich bin immer angeregt von der Lebendigkeit junger Menschen, die Ideen haben und diese Ideen gerne verwirklichen möchten. Aus eigenem Erleben kann ich nur bestätigen, dass es gut ist, wenn es Initiativen gibt, die das unterstützen und dadurch das eigenständige Arbeiten fördern. Ich mag jede Art an Erkenntniszuwachs.

lesepunkte: An was für einem Buch arbeiten Sie gerade als Illustrator?

 

Mirko Rathke: Ich kreiere gerade ein Buchprojekt, das vielleicht eins, zwei Jahre brauchen wird. Es ist ein Buch über die städtebauliche Entwicklung Leipzigs anhand von einigen sehr markanten Gebäuden bzw. Architekturen, die das Stadtzentrum bestimmen, wie die 600-jährige Entwicklung der Universität oder das Alte und Neue Rathaus. In dem Buch sollen Grundinformationen vermittelt werden, was in der Zeit los war, als die Gebäude entstanden, aber auch Einblicke in die Bauweise gegeben werden. Und der negative Aspekt einer Baustelle soll ins Positive gekehrt werden, um zu zeigen, dass dadurch auch immer wieder Veränderungen und Innovationen innerhalb der Stadt sichtbar werden.

lesepunkte: Also auch da wieder Ihr Faible für Geschichte?

 

Mirko Rathke: Ja natürlich, weil das einfach wahnsinnig interessant ist. Vor allem, was das für die Menschen ausmacht, wenn sie in einer geschichtsträchtigen Stadt leben, wo sie auf Kultur wandeln, auf Architektur wandeln, und sei es, dass die auch wieder geschleift wurde. Stadtgeschichte ist immer im Wandel, also ein lebendiger Prozess. Und genau da setzt ja meine Gabe auch ein, dass ich Dinge imaginieren kann, ich kann sie wieder zum Leben erwecken, wenn ich einfach nur ein paar Details weiß. Ich kann Dinge sozusagen plastisch machen, die jetzt verloren gegangen sind.

(Interview: Benjamin Sommer) 

 

 

Empfohlene Zitierweise

Interview mit Mirko Rathke (Benjamin Sommer). lesepunkte 4 (2009), Nr. 1, in: lesepunkte, URL: http://www.lesepunkte.de/no_cache/persistent/artikel/6825/

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Erstellt: 17.02.2009

Zuletzt geändert: 17.02.2009

Kurzbiographie

Mirko Rathke (Jahrgang 1976) studierte Buchillustration und an der HAW (Hochschule für angewandte Wissenschaften) Hamburg speziell Kinder- und
Sachbuchillustration sowie Freie Grafik, u.a. bei Rüdiger Stoye und Klaus Ensikat.
Im Jahr 2000 gewann der gebürtige Altmärker mit dem internationalen Wettbewerb "Figures Futurs" des Salon du Livre et de la Presse jeunesse in Paris einen der höchstdotierten Illustrations-Wettbewerbe Frankreichs.
2002 erhielt er ein Landesstipendium in Sachsen-Anhalt. Nach seinem Diplom (Note: 1,0) begann er seit 2005 in Leipzig als Freelancer zu arbeiten. Außerdem studierte er dort u.a. Kunst auf Lehramt. Darüber hinaus engagiert er sich für diverse Projekte mit Kindern und Jugendlichen.


Seine Arbeiten wurden in Ausstellungen in Deutschland, Italien, Lettland, Tschechien, den Niederlanden und Japan gezeigt. Die große Zahl seiner Auftraggeber bezeugt die breite Palette seines Schaffens; darunter finden sind z.B. Verlage wie Beltz, der Kronberger-Spiele-Verlag oder  der chinesische Hunan-Verlag aber auch ander Einrichtungen, wie z.B. das Max-Planck-Institut, Unicef oder der internationale Hansetag. Mirko Rathke ist ledig, lebt und arbeitet zur Zeit im Atelier Lichterloh in Leipzig.

Homepage:
www.mirkorathke.de 

Veröffentlichungen (Auswahl):

Die erste Demokratie. Athen im 5. Jahrhundert v.Chr. (Gerstenberg Verlag 2004)

Der erste Christ. Die Lebensgeschichte des Apostels Paulus (Beltz & Gelberg 2008, 2. Auflage)