Prins, Marcel

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„Eigentlich ist keine Geschichte exemplarisch, weil sie alle so verschieden sind.“ 

Marcel Prins, niederländischer Filmemacher und Autor, über sein Projekt „Versteckt wie Anne Frank“ und das Untertauchen von Kindern und Jugendlichen in den Niederlanden im Zweiten Weltkrieg 

 


lesepunkte: Sie haben auf der lit.COLOGNE zwei ausverkaufte Lesungen zu Ihrem Buch „Versteckt wie Anne Frank“ gehalten. Warum ist das Interesse an Ihrem Buch und an diesem Thema so groß?

 

Marcel Prins: Viele Leute denken, dass wir so viel gelesen haben über den Zweiten Weltkrieg, über diese Geschichte, dass es jetzt reicht. Aber in jeder neuen Generation gibt es Jugendliche, die etwas darüber wissen wollen. Und ich denke, es ist auch wichtig, diese Geschichte immer wieder zu erzählen, weil Jugendliche noch nichts darüber gelesen haben oder darüber wissen. Ich habe versucht, ein Projekt zu machen, das für Jugendliche zugänglich ist. Deswegen habe ich in meinem Projekt neue und alte Medien kombiniert, also eine Website und ein Buch.

Wenn es um Überlebensgeschichten jüdischer Kinder und das Verstecken geht, denkt eigentlich jeder in Holland an die Geschichte von Anne Frank. Das ist ein sehr bekanntes Buch, eine einzigartige Geschichte. Viele Menschen denken dann, dass die Verstecke immer so aussahen wie bei Anne Frank. Als ich aber mit der Recherche angefangen habe für dieses Projekt, bemerkte ich sehr schnell, dass die Geschichten alle sehr verschieden sind, und dass die Geschichte von Anne Frank nur eine dieser Geschichten ist. Eine sehr berühmte und wichtige Geschichte, aber jede dieser Geschichten ist anders. Und man kann eigentlich auch nicht sagen, dass die Geschichte von Anne Frank exemplarisch für das Untertauchen in der NS-Zeit war. Deswegen fand ich es auch sehr wichtig, so ein Projekt zu machen.

lesepunkte: Warum haben Sie sich dennoch dazu entschieden, das Projekt „Versteckt wie Anne Frank“ zu nennen?

 

Marcel Prins: In Holland heißt mein Buch „Andere Achterhuizen“. „Achterhuiz“ ist holländisch für „Hinterhaus“, und jeder verbindet damit die Geschichte von Anne Franks „Hinterhaus“. Das Tagebuch von Anne Frank heißt in Holland übersetzt auch „Das Hinterhaus“. Also wenn man sagt „Andere Achterhuizen“, dann versteht jeder, es handelt sich um Versteckorte, die dem Hinterhaus Anne Franks ähneln, aber letztlich sind es andere Versteckorte und andere Geschichten. Auf Deutsch funktioniert diese Anspielung auf „Andere Hinterhäuser“ nicht. Also habe ich gedacht, wir nennen das Buch „Versteckt wie Anne Frank“: „versteckt wie“ - aber es sind eben ganz andere Geschichten.

lesepunkte: Ist das Projekt denn in den Niederlanden auch auf so eine große Resonanz gestoßen?

 

Marcel Prins: Ja, die Resonanz war sehr gut. Zuerst haben wir das Projekt gemacht und ein Buch für Erwachsene geschrieben. Schließlich hat der Herausgeber gefragt, ob wir nicht auch ein Kinderbuch dazu machen könnten, weil das Thema auch für Kinder sehr interessant ist. Und weil die Website auch für Kinder sehr leicht zu verstehen ist, war es nicht so eine große Arbeit, das alles als Kinderbuch umzusetzen.

lesepunkte: Zurück zur Entstehung des Projektes: Wie kam Ihnen die Idee, die Geschichte Ihrer eigenen Mutter aufzugreifen und daraus zusammen mit denen weiterer Untergetauchter ein ganzes Buch zu machen?

 

Marcel Prins.: Ich bin von Beruf Filmemacher und wollte eigentlich einen Dokumentarfilm drehen über das Versteck von meiner Mutter, weil ich das Thema interessant fand. Und als ich mit der Recherche anfing, bemerkte ich sehr schnell, dass es viel mehr solcher Geschichten gab, und dass diese anderen Geschichten so verschieden sind, dass ich dachte: „Ja, das ist ein guter Ausgangspunkt für ein größeres Projekt“.
Anne Frank war zum Beispiel an einem einzigen Ort versteckt, bis sie verraten worden ist. Dann gab es wiederum einen Jungen, der hatte nacheinander 42 Verstecke. Es gab Leute, die waren in der Stadt, andere waren auf dem Land; manche mussten sehr viel bezahlen, andere brauchten eigentlich nichts zu bezahlen. Vom Verrat bis zu guter oder schlechter Behandlung der Untergetauchten finden sich viele Schicksale. Also es ist eigentlich, wie es immer ist im Leben: Es ist sehr verschieden, aber dann wie in einem Druckkochtopf zusammengepresst. Deswegen finden wohl auch viele diese Geschichten interessant, weil hier alle Arten von psychologischen Prozessen so komprimiert sind. Deswegen ist es auch sehr interessant, darüber zu lesen und mehr zu erfahren.  

lesepunkte: Und wie haben Sie die Leute dazu gebracht, Ihnen ihre Geschichte überhaupt zu erzählen?

 

Marcel Prins: Ich habe natürlich erklärt, was ich machen wollte, und dann habe ich Ihnen das Beispiel gezeigt, das ich schon hatte. Viele fanden das schnell sehr interessant. Oft hatten diese Leute ihre Geschichte noch nie erzählt. Es sind zum einen sehr schlimme Erinnerungen. Außerdem wurden kurz nach dem Krieg die Geschichten der Juden bekannt, die im Konzentrationslager gewesen waren. Es gab dann so ein bisschen eine „Hierarchie des Leidens“. Letztere waren so schlimme Geschichten, dass die Leute, die damals untergetaucht gewesen waren, es vielleicht schwierig fanden, von ihren eigenen Erlebnissen zu berichten. Also viele von diesen Geschichten sind nie erzählt worden. Wenn dann jemand wie ich kommt, der das wirklich wissen will... Da haben sie mir das natürlich erzählt, weil sie es selbst eigentlich auch wichtig finden, dass es nicht in Vergessenheit gerät.

lesepunkte: Auf der Website – wir haben schon kurz davon gesprochen – sind ja mehr Schicksale dokumentiert, als die 14 aus dem Buch. Nach welchen Kriterien haben Sie die Geschichten für das Buch ausgewählt?

 

Marcel Prins: Es gab Leute, die sehr jung waren, als sie untergetaucht sind und nur noch sehr wenig erzählen konnten, aber dann vielleicht eine sehr interessante Erinnerung haben, die ich auch wichtig finde. Dazu habe ich dann einen Animationsfilm gemacht. Aber für eine ganze Geschichte im Buch war das eigentlich zu wenig.
Ich habe versucht, sowohl Männer als auch Frauen auszuwählen, die auch unterschiedlich alt gewesen waren. Auch als das Buch fast fertig war, habe ich noch weiter Leute interviewt  für die Website – und es kam vor, dass ich hinterher gedacht habe: „Oh, das wäre schön für das Buch gewesen.“ Aber da war dann kein Platz mehr.

lesepunkte: Was ist denn eigentlich das Besondere an der Situation von Kindern und Jugendlichen, die untertauchen müssen?

 

Marcel Prins: Schlimm finde ich, dass diese Jugendlichen oder Kinder oft kein normales Verhältnis mehr zu ihren Eltern hatten. Als die Kinder untertauchen mussten, wussten sie gar nicht genau, was mit ihnen geschieht. Manche waren sehr jung. Und wenn sie dann nach dem Krieg ihre Eltern wiedersahen, dann waren das eigentlich nicht mehr die Eltern, an die sie sich erinnert hatten. Sie hatten sich eine Vorstellung gemacht, die dann gar nicht diesen ganz anderen Leute entsprach. Aber auch die Eltern haben andere Kinder wiederbekommen, als sie zurückgelassen hatten. Zum Beispiel ein Kind von zwei Jahren – und dann kam ein Kind von fünf zurück, da liegen Welten dazwischen.
Ich finde sehr schlimm, dass sehr viele dieser Beziehungen nach dem Krieg zerstört waren, als man doch eigentlich gehofft hatte, nun wird alles wieder gut. Es gab Kinder, zum Beispiel meine eigene Mutter, die wollten eigentlich lieber bei ihren Pflegeeltern bleiben, weil das Verhältnis so gut war. Alle diese Kinder sind wie Chamäleons. Haben sich immer wieder anpassen müssen. Das ist natürlich für Kinder schwer zu verstehen. Und es gab auch viele Kinder, die nach dem Krieg keine Eltern mehr hatten, weil sie ermordet worden waren. So wurde wurde ihr ganzes Vertrauen in normale Beziehungen zerstört. Und das ist natürlich sehr traurig.

lesepunkte: Wissen Sie denn, wie das Verhältnis zu den ehemaligen Pflegefamilien nach dem Krieg aussah?

 

Marcel Prins: Das ist auch sehr verschieden. Es gab sehr liebe, nette Leute, mit denen die Beziehungen sehr gut gewesen sind; eigentlich sogar besser, als mit den eigenen Eltern. Aber es gab Beispiele, dass jemand in einer Familie war, wo er geschlagen und sehr schlecht behandelt wurde. Und da war nach dem Krieg natürlich kein Kontakt mehr da.
Die Eltern haben die Kinder ja auch wieder zu sich mitgenommen, und dadurch konnte es sehr schwierig sein, weiterhin mit den Pflegeeltern über die Entfernung Kontakt zu halten. Es gab nicht so einfache Verbindungen damals. Aber viele haben gute Beziehung auch nach dem Krieg behalten.

lesepunkte: Sie haben das gerade angesprochen, dass die Kinder sehr wandelbar sein mussten. Es wurde auch schon deutlich, dass die Bedingungen für die Kinder zum Teil sehr schwierig waren beim Untertauchen. Sie waren an unangenehmen Orten versteckt, sie wurden schlecht behandelt, sie hatten viel Angst. Wie haben es die Kinder und Jugendlichen geschafft, damit umzugehen?

 

Marcel Prins: Viele hat womöglich gerettet, dass es doch jemanden gegeben hat, der nett und lieb zu Ihnen gewesen ist. Das zeigt zum Beispiel die Geschichte von Leni Meijer: Sie wurde sehr schlecht behandelt, aber dann gab es auf ihrem Weg doch auch jemanden, der sehr nett zu ihr war. Und dadurch ergibt sich dann, denke ich, immer noch Hoffnung auf bessere Zeiten.
Das sieht man heute auch zum Beispiel bei Kindersoldaten, oder bei Kindern, die im Krieg aufwachsen oder deren Eltern ermordet worden sind oder so etwas. Wenn es jemanden gibt, der für sie sorgt und gut zu ihnen ist, dann kann am Ende noch etwas geheilt werden, glaube ich. Aber wenn es niemanden gibt, dann bleiben diese Leute, denke ich, für ihr ganzes Leben verletzt, fast behindert.

lesepunkte: Wissen Sie, wie viele Juden insgesamt im Zweiten Weltkrieg in den Niederlanden versteckt waren, und wie viele – anders als Anne Frank – den Krieg überlebt haben?

 

Marcel Prins: Ungefähr 28.000 Juden waren versteckt und ungefähr 16.000 haben überlebt. Das sind natürlich Schätzungen. 12.000 sind verraten oder doch noch aufgespürt worden und wurden in die Konzentrationslager deportiert. Sie sind fast alle umgebracht worden. Auch weil sie nicht nur als Juden deportiert worden sind, sondern auch als Verbrecher, weil sie sich versteckt hatten. Das galt als ein Verbrechen und verschlimmerte ihre Situation. Sie wurden noch schneller abgeurteilt, kann man sagen.

lesepunkte: Die Kinder und Jugendlichen mussten aufgrund ihres Jüdischseins untertauchen. Welche Rolle spielte das Jüdischsein aber für diese selbst?

 

Marcel Prins: Eigentlich wussten sie das oft gar nicht. Viele haben mir erzählt, dass sie eigentlich erst im Krieg jüdisch geworden sind. Dass sie das vorher nicht ganz realisiert hatten, dass sie Juden waren.
Zum Beispiel meine eigene Mutter war sich dessen nicht bewusst. Es gab natürlich ein paar Rituale oder Bräuche; dass man Freitagabends nur bestimmte Dinge aß, aber das spielte nicht so eine große Rolle. Also ich habe mit vielen gesprochen, die nicht gläubig gelebt hatten, manche waren wiederum sogar katholisch. Als der Krieg ausbrach, da haben sie es allerdings realisiert; die Eltern wurden nervös, und es spielte dann plötzlich eine Rolle, dass sie jüdisch waren.
Es gibt im Buch das Beispiel eines Jungens, der Jaap Sitters heißt. Die Geschichte von ihm heißt „Drei Klaviere“ und darin spielt er immer mit einem Jungen. Und plötzlich, zu Beginn des Krieges schlägt ihm dieser Junge ins Gesicht und sagt, „ich darf nicht mehr mit dir spielen, du bist ein Jude“. Also für viele war das eine Überraschung, kann man sagen. In Deutschland war das auch so; es gab so viele Juden, die integriert waren, und nicht darüber nachgedacht haben, dass sie Juden waren.

lesepunkte: Zum Schluss noch einmal zum jüdischen Leben in den Niederlanden heute: Wie groß und lebendig sind die Gemeinden, und spielen die Erinnerungen der Untergetauchten in den Gemeinden eine Rolle?

 

Marcel Prins: Jaja sicher, die Erinnerungen spielen eine Rolle. Die Gemeinden sind nicht so groß, es gibt nicht mehr so viele Juden in Holland. Die Gemeinden sind lebendig und vielfältig; orthodox und liberal, daneben auch nicht-gläubige Juden. Also alle Arten eigentlich. Das ist immer auch das schwierige wenn man über „Juden“ redet: Das ist ein Sammelname – aber es sind alles verschiedene Menschen.
Aber diese Geschichten spielen natürlich eine wichtige Rolle, weil es noch immer Überlebende gibt, die sich an diese Geschichten erinnern und darüber erzählen können. Es werden weniger und weniger, aber es gibt noch viele Zeitzeugen. Und so lange es möglich ist, finde ich es auch sehr wichtig, ihre Geschichten zu hören.

(Interview: Maren Walther) 

 

 

Empfohlene Zitierweise

Interview mit Marcel Prins (Maren Walther). In: lesepunkte 8 (2013), Nr. 2., URL: http://www.lesepunkte.de/no_cache/persistent/artikel/9884/

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Erstellt: 13.06.2013

Zuletzt geändert: 13.06.2013

Kurzbiographie

Marcel Prins, Jahrgang 1962, ist ein niederländischer Kameramann, Filmemacher und Autor. Seit 1994 dreht er Dokumentationen und Kurzfilme zu verschiedenen Themen, u.a. aus den Bereichen Kunst, Musik oder auch Geschichte. Mit "Andere Achterhuizen" hat er ein Crossmedia-Projekt realisiert, das sich mit der Flucht und dem Verstecken jüdischer Kinder in der NS-Zeit beschäftigt. Auf einer interaktiven Landkarte kann der User hier die verschiedenen Schicksale der Kinder und Jugendlichen nachvollziehen. Aus diesem Projekt ist auch sein Buch "Versteckt wie Anne Frank" enstanden, das 2013 in Deutschland erschienen ist.

Über folgende Links könnt ihr die angesprochene interaktive Website erreichen oder euch über die Arbeit von Marcel Prins informieren:

http://www.verstecktwieannefrank.de/uber.php

http://marcelprins.com/