Poppe, Grit

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„Wir hatten das Gefühl Jetzt ändert sich endlich alles!

Die Autorin Grit Poppe über das Jahr 1989 in der DDR, ihre Arbeit bei der Bürgerbewegung „Demokratie Jetzt“ und ihren neuen Jugendroman „Schuld“ 

 


lesepunkte: Sie haben soeben hier auf der Frankfurter Buchmesse Ihren Roman „Schuld“ vorgestellt. Nach „Weggesperrt“ und „Abgehauen“ ist dies der dritte Jugendroman zur DDR in der Zeit kurz vor der Wende. Gibt es eine inhaltliche Verbindung zu den beiden genannten Werken, ist es eine Vorgeschichte oder Fortsetzung der Geschichten von Anja und Gonzo?

 

Grit Poppe: Nein, das ist eine eigenständige Geschichte. Sie hat nichts mit den Figuren aus den anderen beiden Romanen zu tun, aber sie spielt auch wieder 1988/89. Sie thematisiert diesmal nicht die Jugendwerkhöfe, sondern die Stasi und die Überwachung innerhalb der Familie sowie die sogenannten Jugendhäuser. Das waren Jugendstrafanstalten in der DDR.

lesepunkte: Jakob wird wegen eines systemkritischen Flugblattes eingesperrt. Über die Haftbedingungen politischer Gefangener in der DDR ist ja bereits einiges bekannt. Wie wurde mit Jugendlichen umgegangen, die wegen politischer Delikte eingesperrt wurden?

 

Grit Poppe: Im Grunde nicht anders als mit den Erwachsenen, wobei der Erziehungsgedanke bei den Jugendlichen noch stärker war. Aber im Grunde waren sie den genau den gleichen Bedingungen wie die Erwachsenen ausgesetzt. Es wurden Straftäter zusammen mit politischen Gefangenen in der gleichen Zelle eingesperrt, das heißt, wenn man Pech hatte, hatte man auch Gewalttäter oder sogar Mörder mit dabei. Das war heftig für die Jugendlichen, die in dem Sinne gar nichts verbrochen hatten. Das war allerdings nicht das größte Problem. Das Problem war die Hierarchie innerhalb der Gruppenzelle: Da hat sich der Stärkere durchgesetzt. Schlechte Karten hatten diejenigen, die mit 14 darein kamen. Sie mussten die untersten Dienste leisten, und es gab auch verstärkt sexuellen Missbrauch und Gewalt untereinander.

lesepunkte: Sie sind selbst in der DDR – bei Meerblick auf die Ostsee, wie aus Ihrem Steckbrief hervorgeht – geboren und aufgewachsen und wussten schon früh, dass Sie Schriftstellerin werden wollen. Trotz guter Noten blieb Ihnen aber der Weg über Abitur und Studium zunächst versagt. Woran lag das?

 

Grit Poppe: Offiziell wurde das nicht begründet. Ich habe mich in der zehnten Klasse mit einem Einser-Abschluss für eine Berufsausbildung mit Abitur beworben und wurde ohne Begründung abgelehnt. Ich habe das dann so hingenommen und mich nur kurze Zeit darüber geärgert. Da ich ohnehin in die künstlerische Richtung wollte, habe ich mir Jobs gesucht, die mir praktisch weiterhelfen. In der DEFA (Die Deutsche Film AG, kurz DEFA, was das staatliche Filmunternehmen der DDR; Anm. d. Red.) war ich „Facharbeiter für Schreibtechnik“. Dort lernte ich Fähigkeiten, die ich dann auch nutzen konnte, wie Schreibmaschineschreiben und Stenographieren. Gleichzeitig erhielt ich Kontakt zu künstlerischen Bereichen, da ich als Springer durch alle Abteilungen gewechselt bin, wobei ich sehr viel kennengelernt habe. Ich war auch selber am Drehprozess beteiligt. Irgendwann bin ich dann an die Filmhochschule gewechselt, in die Dramaturgie. Dort habe ich auch schon angefangen, für Studenten Filmszenarien zu schreiben.

lesepunkte: Sie schafften es schließlich, am Literaturinstitut in Leipzig angenommen zu werden und dort zu studieren. Versuchten sie dabei aufgrund der früheren Erfahrungen immer auf „Linientreue“ zu achten und sich unauffällig zu verhalten, um die Chance nicht zu verspielen?

 

Grit Poppe: Nö! Ich habe auch am Literaturinstitut das geschrieben, was ich wollte. Die Geschichten waren nicht vordergründig politisch, sondern handelten viel von Kindheit und Unterdrückung in der Kindheit, was irgendwie schon immer mein Thema war. Das erste Bändchen, was in dieser Zeit entstanden und erschienen ist, handelte von Vampirgeschichten. Es ging unter anderem darum, dass jemand sein Spiegelbild verliert, weil er von seinem Vater misshandelt wird. Kurz davor habe ich auch das erste Mal erlebt, wie es ist, wenn jemand aus der eigenen Familie verhaftet wird. Darüber habe ich auch einen Text geschrieben und diesen abgegeben. Unter einem Vorwand durfte ich diesen Text dann aber nicht vorlesen. Dagegen haben ich und die anderen aus der Gruppe protestiert, bis ich den Text schließlich doch vorlesen durfte.

lesepunkte: Wie erlebten Sie das Jahr 1989 und welche Bedeutung hatte das für Ihren weiteren beruflichen und persönlichen Lebensweg?

 

Grit Poppe: 1989 war natürlich die beste Zeit in der DDR, ganz klar! Man hatte plötzlich ein ganz anderes Lebensgefühl und war euphorisch, dass sich alles ändern kann. Das war ja eigentlich auch so, auch wenn die Richtung anders war, als man dachte. Für mich war das wirklich eine Revolution, die erstaunlicherweise geglückt und ohne Blutvergießen abgelaufen ist. Besser kann es eigentlich nicht gehen. Es war sehr viel zu tun. In der Zeit habe ich auch nicht geschrieben, weil ich gar nicht dazu kam. Man hatte von morgens bis abends andere Sachen zu tun; ob es die Vorbereitung der nächsten Demo war oder der „Runde Tisch“ im Bezirk Potsdam. Aber die Leute waren plötzlich viel offener und haben auch über ihre Probleme geredet, die sie in der DDR hatten. Wir hatten das Gefühl „Jetzt ändert sich endlich alles!“

lesepunkte: Wie viel von Ihnen und den Erfahrungen, die sie eben geschildert haben, steckt in Ihren Protagonistinnen?

 

Grit Poppe: Sehr viel! Es ist ja kein Zufall, dass es immer in der Zeit spielt. Ich kann die sogenannte Wende auch immer ganz gut für meine Geschichten nutzen. Wenn man es in einer anderen Zeit spielen lassen würde, hätte man immer auch diese Trostlosigkeit. Und mit 1989 wird sichtbar, dass sich etwas ändern kann, weil man sich einig und solidarisch ist, und diese gesellschaftliche Umbruchstimmung vorhanden ist.

lesepunkte: Bis 1992 waren Sie Landesgeschäftsführerin in Brandenburg von „Demokratie Jetzt“. Sind Sie heute immer noch politisch aktiv?

 

Grit Poppe: Ich bin in keiner Partei, da ich keine Lust hatte, mich irgendwo politisch einzuordnen. Ich unterstütze aber z.B. viele Heimkinder, die jetzt auch zunehmend auf die Straße gehen. Vor Kurzem habe ich in Potsdam eine Demo für die Ex-Jugendwerkhöfler mitorganisiert, die ihre Rehabilitierung fordern. Bis auf die ehemaligen Insassen von Thorgau wurden diese bis heute nicht rehabilitiert. Es gibt theoretisch die Möglichkeit, sich rehabilitieren zu lassen, aber die Gerichte blockieren das. Daher haben wir zusammen mit Betroffenen eine Demo vor dem Justizministerium in Potsdam gemacht. So etwas mache ich zurzeit.

lesepunkte: Wollen Sie mit Ihren Romanen auch der Tendenz der „Ostalgie“ entgegenwirken?

 

Grit Poppe: Ja, klar! Das war mit der Grund, der zu „Weggesperrt“ führte. Ich wurde so langsam richtig wütend, weil immer mehr Aussagen kamen wie „Es war ja alles gut in der DDR. Alle hatten Arbeit, alle hatte Krippenplätze.“ oder so etwas. Aber niemand schaute hinter die Kulissen, wie z.B. die Krippenplätze aussahen. Das war einfach nur furchtbar. Die Kollektiverziehung fing ja dort schon bei den kleinen Kindern an. Ich wollte meine Kinder nicht in so eine Krippe stecken, das wusste ich ganz genau. Davon, dass die DDR eine Diktatur war, war gar nicht die Rede, schon gar nicht in den Schulen. Diese Verharmlosung hat mich natürlich zunehmend genervt.

lesepunkte: Ihre Bücher unterscheiden sich inhaltlich und in Bezug auf die Zielgruppe ja deutlich. Arbeiten Sie parallel an verschiedenen Werken und machen dann je nach Lust und Gemütslage mit dem historischen Jugendroman oder dem fantastischen Kinderbuch weiter? Oder beenden Sie immer zuerst ein Projekt, bevor es ans nächste geht?

 

Grit Poppe: Das kommt auch darauf an, wie die Verträge mit den Verlagen sind. Es kommt auch schon vor, dass ich parallel arbeite, aber meistens versuche ich, das zu vermeiden. Ich mache lieber erst eins fertig und fange dann das nächste an. Nachdem ich so ein Buch geschrieben habe wie „Weggesperrt“ oder „Abgehauen“, in die man ja selber auch mit hineingezogen wird und bei denen man viel mit den Leuten zu tun hat, die das erlebt haben, ist es fast eine Erholung, ein Kinderbuch zu schreiben.

lesepunkte: Also wird es als nächstes wahrscheinlich auch wieder ein Kinderbuch von Ihnen geben?

 

Grit Poppe: Das weiß ich jetzt noch nicht. Ich würde jetzt ganz gerne auch wieder etwas für Erwachsene machen.

(Interview: Philipp Scherber) 

 

 

Empfohlene Zitierweise

Interview mit Grit Poppe (Philipp Scherber). In: lesepunkte 9 (2014), Nr. 4, URL: http://www.lesepunkte.de/no_cache/persistent/artikel/10652/

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Erstellt: 17.12.2014

Zuletzt geändert: 17.12.2014

Kurzbiographie


Grit Poppe wurde 1964 in Boltenhagen an der Ostsee (DDR) geboren. Das Abitur und ein Studium wurden ihr zunächst verboten, da ihr Vater Gerd Poppe (später Bundestagsabgeordneter für Bündnis 90 / Die Grünen) in der Bürgerrechtsbewegung aktiv war und die Politik der SED kritisierte. Grit Poppe blieb jedoch hartnäckig und studierte schließlich ab 1984 am Literaturinstitut in Leipzig.

Sie selbst engagierte sich ebenfallsals Bürgerrechtlerin und war von1989 bis 1992 Landesgeschäftsführerin von "Demokratie Jetzt" in Brandenburg. Vor und nach dieser Zeit schrieb sie Bücher für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Während ihre Kinderbücher (z.B. "Monty Vampir") häufig fantastische Inhalte haben, beschäftigen sich ihre Jugendromane meist mit der politischen Situation und den Lebensumständen Jugendlicher in der DDR.

Grit Poppe hat zwei Kinder und wohnt heute in Potsdam.