Partsch, Susanna

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"Ich versuche jungen Menschen das Hingucken nahe zu bringen." 

Susanna Partsch über Kunst und wie Kinder und Jugendliche sie sehen. 

 


lesepunkte: Sie sind nun schon seit knapp zwanzig Jahren erfolgreich als Autorin von Kunstbüchern für Kinder und Jugendliche tätig. War Ihnen von Anfang an klar, dass Sie gerne jungen Menschen Kunst vermitteln möchten?

 

Susanna Partsch: Ja, eigentlich schon. Das hat sich dann zwar im Studium erstmal wieder geändert. Aber ich bin damit eigentlich angetreten Kunstgeschichte zu studieren. In Bonn, wo ich mein Abitur gemacht habe, gab es eine ganz lebendige Museumspädagogik, damals schon. Das war 1972. Das hat mich begeistert. Dann ist das im Studium ein bisschen versackt, doch danach hab ich relativ schnell eine Stelle als Museumspädagogin bekommen. Da rollte sich das dann wieder auf.

lesepunkte: Vor wenigen Monaten erschienen zwei Bücher, die Sie zusammen mit der Kunst- und Museumspädagogin Rosemarie Zacher geschrieben haben, nämlich "Spieglein, Spieglein an der Wand. Wie Rembrandt & Co. sich selbst malten" und "Maler des Augenblicks. Wie Monet & Co. die Farbe entdeckten". Wie gehen Sie vor? Machen Sie sich zuerst Gedanken darüber, was die Bilder einem Kind sagen könnten oder was das Kind in den Bildern sieht - sprich: gehen Sie zuerst vom Bild oder vom jungen Betrachter aus?

 

Susanna Partsch: Man überlegt sich, gerade bei dieser Reihe, was überhaupt Sinn macht den Kindern nahe zu bringen. Beim Porträt muss ich mir überlegen, wo setze ich an, dass das noch spannend bleibt. Ich käme nie auf die Idee ein Buch über Madonnenbilder des 14. Jahrhunderts zu machen und das Kindern anzubieten. Das wäre viel zu langweilig. Ich gehe deshalb erst einmal vom Kind aus. Gerade in den Büchern, die ich zusammen mit Rosemarie Zacher mache, sagt sie mir dann, wo sie ansetzen möchte, um die praktischen Arbeiten mit einzubringen. Das ist etwas, wovon ich überhaupt nichts verstehe. Und da sind wir ein richtig gutes Team. Wir setzen uns erst hin, wälzen alle möglichen Bücher und machen uns ein Konzept. Wir gehen also natürlich vom Kind aus und überlegen, welche Bilder interessant sein könnten.
Mein allererstes Kinderbuch war ja das "Haus der Kunst", diese Kunstgeschichte vom Anfang bis heute. Ich hatte das Mittelalter-Kapitel gerade so in groben Zügen fertig, da schloss die Alte Pinakothek, und die wichtigsten Werke waren in der Neuen Pinakothek zu sehen. Ich musste darüber für eine Zeitung schreiben. Und - ich weiß nicht mehr warum - ich musste meine Kinder mitnehmen. Und wir gingen da durch, und im dritten Saal kam dann von ihnen: "Schon wieder Madonnen!" Daraufhin hab ich dann alles noch einmal umgeschrieben. Da wurde mir klar, dass ich ganz stark von den kunsthistorischen Ideen ausgegangen war. Ich hab dies dann alles der Ritterbegeisterung meines Sohnes angepasst (lacht).

lesepunkte: Bekommen Sie auch Anregungen und Vorschläge von Kindern und Jugendlichen?

 

Susanna Partsch: Ja. Aber die Bücher selber entwickle ich eher mit Verlegern oder Agenten.

lesepunkte: Und wie wichtig waren und sind Ihre eigenen zwei Kinder bei der Konzeption Ihrer Bücher? Was sagen sie zu Ihren Büchern, sind Sie Ihre ersten und wichtigsten Lektoren?

 

Susanna Partsch: Jetzt sind sie ja keine Kinder mehr. Aber sie waren sehr wichtig. Ich hab ja freiberuflich angefangen zu schreiben, um für meine Kinder da zu sein. Ich bin dann mit dem Kindergarten meiner Tochter ins Lenbachhaus gegangen, und wir haben uns zusammen Franz Marc angeschaut. Danach bin ich auf die Idee gekommen, ich könnte doch was über Franz Marc für Kinder schreiben. Das hab ich dann rumgeschickt an verschiedene Verlage und bin es nicht los geworden - ich weiß heute auch warum. Aber ein Verlag, der Hanser Verlag, hat dann gesagt, sie würden zwar diese Story nicht nehmen, aber ob ich nicht Lust hätte eine Kunstgeschichte für Kinder zu machen. Das war ja etwas, was ich schon lange versucht hatte. Und mir hatten damals alle Verlage gesagt, das verkaufe sich nicht. Das war zu einer Zeit, in der dieser Kinder-Kunstbuchmarkt noch nicht so florierte. Und meine Tochter war dann auch meine erste Lektorin.

lesepunkte: Ist es Ihnen auch ein Anliegen junge Menschen dafür zu sensibilisieren, was gute Kunst von schlechter Kunst unterscheidet?

 

Susanna Partsch: Das muss man erst einmal selber definieren, was gute und was schlechte Kunst ist. Mit all meinen Büchern versuche ich jungen Menschen nahe zu bringen, dass sie lernen hinzugucken. Ich glaube, das ist viel wichtiger. Und wenn man dann mal hinguckt, dann sieht man es auch von selber.

lesepunkte: Inwiefern hat sich das Studium der Pädagogik, das Sie im Nebenfach studierten,  auf das Schreiben von Büchern zur Kunstvermittlung an Kinder und Jugendliche ausgewirkt?

 

Susanna Partsch: Überhaupt nicht. Das hatte ich mir völlig anders vorgestellt. Da wurden nur solche Themen angeboten wie beispielsweise die Geschichte der Pädagogik oder irgendwelche Kurse für Lehrer, die mich auch nicht interessierten. Das Pädagogikstudium war ganz nett, aber ich hab mich dann eher privat mit alternativen Pädagogikentwürfen wie Freinet und Maria Montessori beschäftigt. Das hat mir eigentlich viel mehr gebracht als das direkte Studium.

lesepunkte: Sie haben auch ein Buch über die 101 wichtigsten Fragen zu moderner Kunst geschrieben. Was sagt Ihre Erfahrung – ist es allgemein schwieriger Kunst aus dem 20. Jahrhundert zu erklären?

 

Susanna Partsch: Zu erklären vielleicht nicht, aber für viele Leute ist es wohl schwierig, sie anzugucken. Denn da kommt dann: "Das kann ich auch!" – und ähnliches. Und wenn man die Leute so ein bisschen zwingt genauer hinzusehen, dann kapieren sie doch eine ganze Menge, was gerade in der abstrakten Kunst vor sich geht. Das kann man auch schön mit Kindern machen. Und diese "101 Fragen" hat eine mit mir befreundete Kunstlehrerin genommen und hat jeden Morgen einer ihrer Klassen immer eine Frage und eine Antwort vorgelesen. Sie hat gesagt, das wäre supertoll gewesen. Es war immer ihr Einstieg in den Kunstunterricht.

lesepunkte: Waren Sie selbst als Kind auch öfter im Museum?

 

Susanna Partsch: Ja. Ich komme aus einem Elternhaus, in dem Kultur eine große Rolle spielte. So war ich manchmal auch zwangsweise im Museum. Doch genau in so einem Moment habe ich für mich eine ganz wichtige Erfahrung gemacht. In dem Buch "Sternstunden der Kunst" hab ich das auch beschrieben. Meine Mutter wollte unbedingt die Holbeins im Städel in Frankfurt angucken. Und mich haben diese Bilder überhaupt nicht interessiert. Ich fand die unglaublich langweilig. Aber da hing irgendwo dieser riesige Rembrandt von der Blendung Simsons. Davor hab ich mich dann gesetzt. Es war mir völlig egal, von wem dieses Bild war und was das eigentlich für eine Geschichte erzählt. Ich wollte mir meine eigene Geschichte ausdenken. Und es war dann so ein Hingucken und wieder Weggucken wegen dieser Grausamkeit. Ich glaube, ich habe etwa zwei Stunden, während meine Mutter sich diese Holbeins angeguckt hat, vor diesem Bild verbracht.

lesepunkte: Wie sind Sie als Jugendliche Kunst begegnet?

 

Susanna Partsch: Da fing bei mir die Begeisterung für die moderne Kunst an. Und ich habe als Schülerin angefangen, in einer Galerie zu arbeiten. Hinzu kam, dass ich in Bonn eine ganz tolle Kunstlehrerin bekam. Sie hat mir ganz viele Welten eröffnet.

lesepunkte: Sollte man mit Kindern mehr ins Museum gehen?

 

Susanna Partsch: Das kommt auf die Kinder drauf an, denke ich. Man sollte auch nicht zu viel mit ihnen ins Museum gehen, dann wird es ihnen nämlich langweilig dort. Es hängt auch davon ab, wie man mit ihnen ins Museum geht – ob es ein fürchterlicher Lernort ist oder ob man einfach vor Bildern assoziiert und Spaß hat.

(Interview: Valentina Baldauf) 

 

 

Empfohlene Zitierweise

Interview mit Susanna Partsch (Valentina Baldauf). lesepunkte 3 (2008), Nr. 1, in: lesepunkte, URL: http://www.lesepunkte.de/no_cache/persistent/artikel/5703/

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Erstellt: 12.02.2008

Zuletzt geändert: 12.02.2008

Kurzbiographie

geboren 1952, studierte Kunstgeschichte, Ethnologie und Pädagogik in Heidelberg und arbeitete danach am Ludwigshafener Wilhelm-Hack-Museum. Sie lebt seit 1985 als freie Autorin in München. Für ihr Buch "Haus der Kunst" wurde sie 1998 mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet.

Bibliographie

(zusammen mit Rosemarie Zacher) Spieglein, Spieglein an der Wand. Wie Rembrandt & Co. sich selbst malten
Berlin Verlag 2007, ISBN 978-3-8270-5213-1

Klee, Taschen Verlag 2007, ISBN 978-3-8228-6361-9

Marc, Taschen Verlag 2007 (8. Aufl.), ISBN 978-3-8228-5585-0

(zusammen mit Rosemarie Zacher) Maler des Augenblicks. Wie Monet & Co. die Farbe entdeckten (Bd. 1), Berlin Verlag 2007, ISBN978-3-8270-5216-2

(zusammen mit Olaf Benzinger) Das Wichtigste über Kunst & Musik. Einfach wissen, dtv 2006, ISBN 978-3-423-34366-4

Lexikon der Künstler. Von Giotto bis Keith Haring, Carl Hanser Verlag 2006, ISBN 978-3-446-20707-3

(zusammen mit Rosemarie Zacher) Kinder entdecken den Starnberger See. Ein Erlebnis- und Mitmach-Reiseführer, Genz S. Verlag 2006, ISBN 978-3-935736-16-9

Die 101 wichtigsten Fragen. Moderne Kunst, C. H. Beck Verlag 2005, ISBN 978-3-406-51128-8

Gustav Klimt – Maler der Frauen, Prestel Verlag 2004, ISBN 978-3-7913-3243-7

Sternstunden der Kunst. Von Nofretete bis Andy Warhol, C.H. Beck Verlag 2003, ISBN 978-3-406-49490-1

Wie die Häuser in den Himmel wuchsen. Die Geschichte des Bauens, dtv 2002, ISBN 978-3-423-62110-6

Gustav Klimt. Leben und Werk, Parkland Verlag 2002, ISBN 978-3-89340-057-7

Haus der Kunst. Ein Gang durch die europäische Kunstgeschichte von der Höhlenmalerei bis zum Graffiti, Carl Hanser Verlag 1997, ISBN 978-3-446-18885-3