Parigger, Harald

  / lesepunkte.de / Archiv / Autor im Profil / Parigger, Harald

„Jugendbücher zum Belehren: das ist der falsche Weg“ 

Harald Parigger über das Schreiben historischer Romane und das Leben in verschiedenen Welten 

 


lesepunkte: Ich halte Sie ja jetzt gerade von der Arbeit ab, Sie haben heute einen Schreibtag eingeplant – wie sieht es denn aus in der Schreibwerkstatt von Harald Parigger?

 

Harald Parigger: Chaotisch. Da liegen Stöße von Büchern, da liegen zum Beispiel drei Bände Staufer-Katalog, da liegt eine lateinische Bibel, alle möglichen historischen Sachbücher. Und dann steht da ein Computer und ein Bildschirm und ein Drucker und ringsherum dichte Stapel von Papieren und in der Mitte ich und ein Teller mit geschälten Äpfeln und eine Kanne Tee.

lesepunkte: Dieser Samstag heute, ist das ein Pflichttermin für Sie?

 

Harald Parigger: Na ja, wenn ich Zeit habe schon. Ich habe ja noch einen Nebenberuf, wie Sie wissen, und der nimmt mich doch ziemlich in Anspruch und am Samstag muss ich immer wieder schauen, dass ich aufhole.

lesepunkte: Ist das Schreiben denn überhaupt mehr Pflicht oder mehr Freude für Sie?

 

Harald Parigger: Ich müsste ja nicht, natürlich weitaus mehr Freude. Aber es ist halt so, dass Sie auf Basis eines Vertrages schreiben und Verträge müssen eingehalten werden. Dann kommen irgendwann die Termine, zu denen die Manuskripte abgeliefert werden müssen. Da können Sie nicht mal eben sagen „Ich bin eigentlich zu müde“. Sie müssen sich bewusst sein, dass die Werbung, die Illustratoren und das Lektorat und so weiter einen großen Vorlauf haben. Und wenn die Bücher dann schon angekündigt sind kann man nicht mehr ohne Weiteres sagen: „Ach, ich brauch’ jetzt ein paar Monate mehr Zeit“.

lesepunkte: Bevor es zu diesem Drumherum kommt, steht ja der eigentliche Stoff im Vordergrund, wie finden Sie den?

 

Harald Parigger: Na ja, das ist für mich eigentlich kein großes Problem. Wenn wir mal bei den historischen Büchern bleiben: das ist ja mein Beruf. Da gibt es so eine Fülle von Stoffen, auf die ich Lust habe, zu denen ich dann recherchiere und über die ich gerne schreibe. Da habe ich mir bisher noch nie den Kopf zerbrechen müssen. Es gibt gelegentlich Ideen von den Verlagen, da sage ich gelegentlich „nee, das möchte ich nicht machen“ oder „da muss ich mich erst mal reinvertiefen, bevor ich da was machen kann“. Aber im Allgemeinen gehen mir die Ideen nicht aus.

lesepunkte: Aber es gibt doch sicher Lieblingsepochen, in denen Sie sich besonders heimisch fühlen, wie zum Beispiel das Mittelalter?

 

Harald Parigger: Ja freilich. Ich hätte zum Beispiel Probleme, über die Zeit der Völkerwanderungen zu schreiben. Das ist kein Zeitalter der Schriftlichkeit gewesen. Man steht auf sehr unsicherem Boden, was die Alltags-, Mentalitäts- und Sozialgeschichte dieser Zeit betrifft. Deswegen schreibe ich etwa darüber nicht so gern. Sehr gerne hingegen über das Alte Rom, das ja bestens erschlossen ist, über das Hoch- und Spätmittelalter und die Frühe Neuzeit.

lesepunkte: Und wie sieht dann die Recherche für Ihre Themen aus?

 

Harald Parigger: Das hängt einfach davon ab, ob ich mich schon mit einmal intensiv mit einem Thema befasst habe. Ein Beispiel ist die Hexenverfolgung, da bin ich während meiner Promotion darauf gestoßen, habe mich damals eingearbeitet und mir auch schon eine Materialsammlung zugelegt und schließlich selbst wissenschaftlich darüber publiziert. Da brauchte ich eigentlich nicht mehr weiter zu recherchieren. In andere Themen musste ich mich komplett neu einarbeiten, wie etwa die Geschichte der antiken und mittelalterlichen Medizin. Und da vergehen dann schon einige Monate, bis man sich auf wirklich sicherem Boden befindet.
Man darf ja auch nicht immer nur bloß auf die Ereignisse und das Äußere schauen, sondern muss sich auch in das Denken der Leute einfühlen. Um mal ein Beispiel zu nennen: Sie können nicht einen mittelalterlichen Arzt beschreiben mit den mittelalterlichen Heilungsmöglichkeiten, die er hatte, und ihn zugleich wie einen modernen Arzt denken lassen. Sie müssen sich überlegen: Was war das für eine Mentalität damals?

lesepunkte: Sie sind zugleich Fachhistoriker, Lehrer – sogar Schulleiter – und eben Jugendbuchautor. Die Geschichte als „Lehrmeisterin“ kann aber auch ziemlich didaktisch und verdammt langweilig werden. Müssen Sie manchmal den Pädagogen in Ihnen unterdrücken?

 

Harald Parigger: Da haben Sie völlig recht, das ist natürlich ein Problem. Je älter ich werden, desto mehr entferne ich mich mehr davon, zu sagen, ich schreibe jetzt ein Buch, damit Ihr daraus etwas lernt. Ich will eine Geschichte erzählen, das ist mein oberstes Anliegen. Ich habe gelegentlich in meinen Anfängen doch so ein bisschen diesen Pädagogen raushängen lassen. Das mag ich heute überhaupt nicht mehr. Jugendbücher zum Belehren: das ist der falsche Weg.

lesepunkte: Was erwarten denn die Verlage von einem Jugendbuchautor?

 

Harald Parigger: Nicht, dass er belehrt. Gott sei Dank! Es sind häufig noch die Eltern, denen die Vorstellung vom sogenannten „guten Jugendbuch“ im Kopf herumschwirrt. Und die meinen, da muss das Kind jetzt etwas daraus lernen. Das benutzen die Verlage gelegentlich noch, um ein Buch anzupreisen. Indem sie etwa sagen, „nicht nur ein spannender Roman, sondern auch ein lebendiges Bild des Alten Roms, das Schüler mit der Geschichte vertraut macht“.
Aber mir ist das letztlich nicht das Wichtigste, und den Verlagen wohl auch nicht. Die wollen, dass es ein spannendes und unterhaltsames Buch wird.

lesepunkte: Greifen die Verlage noch stark in den Plot ein?

 

Harald Parigger: Bei mir überhaupt nicht. Das mag ich nicht. Das hängt aber auch mit der Arbeitsweise zusammen. Es gibt Autoren, die schnell, schnell machen und das Manuskript dann zum Lektorieren geben und sagen „jetzt macht mal was draus“. Ich mach das umgekehrt und bin eher empfindlich, wenn mir jemand in meine Manuskripte zu sehr hineinredigiert, vor allem wenn er mich nicht überzeugt. Ich liefere das Buch so ab, wie ich meine, dass es gedruckt werden könnte.

lesepunkte: Gehört zum historischen Roman auch immer eine unvermeidliche Liebesgeschichte?

 

Harald Parigger: Sie muss nicht unbedingt thematisiert werden. Mich hat aber mal einer von diesen famosen Jugendbuchkritikern, die so ganz und gar weltfremd sind, gefragt: „In Ihrem Buch über die Pest, da kommt auch eine Liebesgeschichte vor, ist das nicht eher ungewöhnlich für ein Jugendbuch?“ – und da musste ich ihm sagen, „nee, das ist nicht ungewöhnlich, das ist das Leben.“ Aber eine Liebesgeschichte als Thema eines ganzen Romans, so was habe ich noch nicht gemacht. Noch nicht.

lesepunkte: Eines der jüngeren Bücher, die Sie geschrieben haben, war der Krimi „Es tut fast gar nicht weh“. Darin geht es um Morde, die auf Verbrechen der Nazi-Zeit zurückführen. War das eine Gratwanderung für Sie, einerseits eine spannende Geschichte zu erzählen und dabei nicht in eine Betroffenheitshaltung hinein zu rutschen?

 

Harald Parigger: Ja, eine Gratwanderung aus mehreren Gründen. Zum einen die Gefahr, dass es eben so eine Betroffenheitsschreibe wird, die vor Gutmenschentum nur so trieft. Und zum andern meine ich, dass jemand heute noch nicht aus der Sicht eines KZ-Überlebenden schreiben kann. Ich kann wunderbar aus der Sicht eines Mönchs am Hof Karls des Großen schreiben, da habe ich kein Problem damit. Aber aus der Sicht eines Menschen zu schreiben, der diese Grauen überlebt hat, das käme mir zynisch vor. Deshalb habe ich mich eines literarischen Tricks bedient, und ein Tagebuch eingeführt, das gefunden wird. Damit hatte ich eine Zwischenstufe, eine Art Filter, durch den ich reden konnte. Weil ich ja auch diese Eindrücke wiedergeben musste, um das Ausmaß der Verbrechen zu verdeutlichen und die Romanhandlung voranzubringen. Mit diesem Tagebuch musste ich mich dann als Ich-Erzähler nicht selbst zum Betroffenen machen.

lesepunkte: Das Buch spielt ja in der Jetzt-Zeit. Da gab es dann sicher noch eine andere Problematik für Sie: die Sprache der heutigen Jugendlichen authentisch wiederzugeben.

 

Harald Parigger: Sie haben wirklich einen Blick für die Probleme, die es gibt. Es gibt Bücher, die passen sich da vollkommen an. In den Dialogen wimmelt es dann von „cool“ und „geil“ und was weiß ich, was im Moment noch so en vogue ist. Ich habe das früher auch probiert und würde das heute nicht mehr tun. Ich versuche im Großen und Ganzen meine eigene Sprache zu finden und mich nicht an Modesprachen zu orientieren. Meistens wirkt das nämlich wahnsinnig künstlich. Meine Erfahrung ist, auch von den Literaturtagen an meiner eigenen Schule, dass die Jugendlichen es nicht gern haben, wenn ein Erwachsener sie krampfhaft imitiert. Ich versuche meine eigene Erzählsprache zu finden. Da bleiben natürlich Probleme; wenn sie über das Mittelalter schreiben – wollen Sie da nun mitteloberdeutsch reden? Andererseits können Sie auch nicht ganz modern reden, weil es viele Metaphern, Vergleiche und Wendungen im Mittelalter gar nicht gab. Sie können nicht schreiben „er schob sich vorwärts wie eine Dampfwalze“ oder „ihr Gesicht leuchtete wie eine Orange“, das geht nicht im Mittelalterroman.

lesepunkte: Ertappen Sie sich manchmal dabei, dass Sie Ihre Schüler aus der professionellen Autorenperspektive beobachten, um herauszubekommen, wie Jugendliche heute ticken?

 

Harald Parigger: Na klar. Man guckt immer mit zweierlei Augen. Die Pädagogenaugen wird man nicht los und die Autorenaugen auch nicht. Dass man im Gespräch manchmal ganz versonnen wird und das Gegenüber plötzlich als Figur vor sich sieht – das passiert.

lesepunkte: Trennen Sie eigentlich Ihre Lebenswelten oder wäre es auch denkbar, dass das eigene Buch zur Schullektüre wird?

 

Harald Parigger: Ich selbst unterrichte ja eigentlich kaum noch. Käme ich in die Verlegenheit, würde ich meine Bücher natürlich nicht als Klassenlektüre nehmen. Weil der Vorwurf zu nahe läge, dass ich meine Verkaufszahlen beförderte. Das ist zwar lächerlich bei 30 Exemplaren, aber es hätte ein Gschmäckle. Aber meine Lehrer lesen – sofern ich das überhaupt zur Kenntnis bekomme – hin und wieder Bücher von mir in ihren Klassen. Und ich selbst mache auch Lesungen in der Schule, bei bestimmten Gelegenheiten. Das haben die Kinder auch ganz gerne, wenn ich mal komme und eine Stunde lang vorlese.

lesepunkte: Sie sind ja jetzt schon ein wirklich erfolgreicher Autor – träumt man da trotzdem noch von einem Megaseller, von einer Millionenauflage?

 

Harald Parigger: Wenn ich ehrlich bin: man träumt schon davon, dass man eines Tages etwas landet, was einem erlauben würde, ganz unabhängig zu arbeiten. Und ich könnte es mir dann leisten, ganz von meinem Genre weg zu experimentieren, etwa einen Band Lyrik zu schreiben. Und momentan bin ich zeitlich so eingespannt, dass ich mit Mühe das schaffe, was ich an Aufträgen bekomme, bis 2012 bin ich völlig ausgebucht. Das wäre natürlich schön, so unabhängig zu sein. Und natürlich genießt jeder auch den Bekanntheitsgrad – auch ich würde ihn genießen. Solange es nicht damit verbunden wäre, dass ich in irgendwelchen Talkshows auftreten müsste.

lesepunkte: Glauben Sie, dass Sie als Schüler auch gerne Harald Parigger-Romane gelesen hätten?

 

Harald Parigger: Ja. Ich lese die auch heute noch gerne, sonst würde ich sie nicht schreiben.

(Interview: Jochen Pahl) 

 

 

Empfohlene Zitierweise

Interview Harald Parigger. lesepunkte 1 (2006), Nr. 2, in: lesepunkte, URL: http://www.lesepunkte.de/no_cache/persistent/artikel/4763/

Bitte setzen Sie beim Zitieren dieses Beitrags hinter der URL-Angabe in runden Klammern das Datum Ihres letzten Besuchs dieser Online-Adresse.



Erstellt: 12.12.2006

Zuletzt geändert: 12.12.2006

Download

Das Interview zum Hören:


Kurzbiographie


Geboren 1953 in der nördlichsten Stadt Deutschlands, in Flensburg, dort auch zur Schule gegangen, aber immer mit einer heimlichen Sehnsucht nach dem Süden. Studentenzeit in Würzburg, Staatsexamen, Promotion in Geschichte, danach Referendariat in Coburg und Bamberg, Lehrer in Bamberg und Bayreuth. Einige Zeit später Lust auf etwas Neues: Fünf Jahre Arbeit am Haus der Bayerischen Geschichte in München. Dauerhaft von der Schule nicht losgekommen: Erst Seminarlehrer, ab 2000 Leiter des Gymnasiums Grafing.
Lebt mit seiner Frau und seinem Sohn bei Rosenheim, mit Alpenblick und nicht allzu weit weg von Italien, wohin er wegen der immer noch ungestillten Sehnsucht nach dem Süden so oft wie möglich fährt. Liebt Olivenbäume, Rotwein, gutes Essen, klassische Musik und Gedichte.

(Quelle: http://www.haraldparigger.com/, dort findet sich auch eine Bibliographie)

 

 

Es tut fast gar nicht weh (Sauerländer 2005)