Nützel, Nikolaus

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„Ihr müsst keine Bücher lesen!“ 

Nikolaus Nützel über falsche Leseförderung, den Ersten Weltkrieg und das Holzbein seines Opas 

 


lesepunkte: Lieber Herr Nützel, herzlich willkommen auf der lit.Kid.Cologne, auf der Sie heute Ihr neues Buch „Mein Opa, sein Holzbein und der Große Krieg. Was der Erste Weltkrieg mit uns zu tun hat“ vorgestellt haben; ein etwas ungewöhnlicher Titel. Wieso war das Holzbein Ihres Großvaters in Ihrer Familie ein Grund zum Feiern?

 

Nikolaus Nützel: Das ist genau die Frage, die ich mir auch gestellt habe. Ich hatte mit dem Ersten Weltkrieg gedanklich vorher gar nichts zu tun, bis meine Mutter mir eine Anekdote erzählte: Jedes Jahr wurde gefeiert, dass mein Opa eines seiner Beine im Krieg verloren hat. Sie konnte mir klarmachen, dass er bereits Ende August 1914 verletzt wurde und damit der Krieg für ihn vorbei war. Denn mit einem Bein konnte er kein Soldat mehr sein, also konnte er überleben und seine Kinder und Enkel geboren werden. Wenn die Verletzung nicht passiert wäre, hätte es möglicherweise meine Mutter nicht gegeben und auch mich und meine Kinder nicht. Also ein guter Grund zum Feiern.

lesepunkte: Und was hat das Holzbein Ihres Opas mit mir zu tun?

 

Nikolaus Nützel: Seine ganze Lebensgeschichte hat etwas mit Ihnen zu tun, weil er ein Deutscher war, der nach Frankreich gegangen ist, weil man ihm gesagt hat, dass er nach Frankreich gehen und Franzosen erschießen soll. Sie sind auch ein Deutscher – viel später, aber wir Deutschen habe im Ausland eine Rolle und ein Bild, das man an uns heranträgt. Das, was mein Großvater und seine Generation gemacht haben, das ist etwas, das an deren Kinder und Enkel und auch an meine Kinder noch herangetragen wird. Meine Kinder sind in Frankreich Deutsche, und da laufen bei den Leuten eine ganze Menge Sachen durch die Köpfe. Wenn ich mit meinen Kindern durch Frankreich fahre, sehen wir eine ganze Menge Kriegsdenkmäler, an denen lange Listen mit Namen von Menschen sind, die von Deutschen getötet wurden. Wir kommen aus der Nummer nicht raus. Ich muss mich bei den Franzosen nicht dafür entschuldigen, dass Leute wie mein Opa vor hundert Jahren in das Land eingefallen sind, aber ich sollte mir dessen bewusst sein, dass das so ist.

lesepunkte: Dieses Jahr erscheinen ja zahlreiche geschichtswissenschaftliche Publikationen, Sachbücher und Romane zum Ersten Weltkrieg – was ist das Besondere an Ihrem Buch?

 

Nikolaus Nützel: Das Besondere ist, dass ich keine Ahnung von Geschichte hatte, als ich angefangen habe. Das sage ich ganz offen. Und damit habe ich mit etwa 98 % der jugendlichen aber auch der erwachsenen Leser etwas gemeinsam. Ich denke, man muss keine Angst haben, zu sagen „Ich habe keine Ahnung, was da los war. Ich habe nicht verstanden, warum dieses komische Attentat von Sarajevo ein Auslöser des Ersten Weltkriegs gewesen sein soll.“ Mit dieser Bekenntnis zur Unkenntnis nach den Spuren um mich herum zu schauen, das war mein Ansatz, der mir persönlich Spaß gemacht hat und den jeder für sich selber gehen kann: Zum Beispiel kann ich schauen, ob es in meiner Stadt eine Sedanstraße gibt und warum die nach dem Sedan benannt ist, in dem die Deutschen früher mal gekämpft haben, oder warum eine Straße, die früher mal Sedanstraße hieß, umbenannt wurde, wie dies in Leipzig geschehen ist. So kommt man immer weiter und das kann jeder machen. Das ist eine Technik, die ich in meinem Buch genutzt habe: gucken, obwohl man nichts weiß.

lesepunkte: Glauben Sie, dass gerade jetzt in Zeiten der Krimkrise und anderer Konfliktherde eine Beschäftigung mit dem Ersten Weltkrieg von besonderer Bedeutung ist?

 

Nikolaus Nützel: Ja, denn mir ist klar geworden, als ich das Buch geschrieben habe, dass dieser Weltkrieg nicht so ein isoliertes Ding war, sondern eine Beispiel für das Phänomen Krieg als solches. Und das Phänomen Krieg hat vor 600 Jahren große Ähnlichkeiten mit dem gehabt, wie es vor hundert Jahren war, und mit dem, was es heute noch ist. Dieses Muster, dass Menschen plötzlich einander töten, und zwar nicht aus persönlicher Feindschaft, sondern weil es ihnen gesagt wird, ist heute noch präsent. Wenn man sich darüber Gedanken macht, was Krieg an sich ist, dann bringt einem die Beschäftigung mit dem Ersten Weltkrieg etwas, um Krieg heute und morgen zu verstehen.

lesepunkte: Sie stimmen den Historikern zu, die von einem zweiten Dreißigjährigen Krieg sprechen. Können Sie uns diesen Begriff kurz erläutern?

 

Nikolaus Nützel: Ich bin wie gesagt kein Historiker, aber mir leuchtete ein, zu behaupten, dass 1914 ein großer Konflikt losging, der 1918 mit dem sogenannten Frieden von Versailles nicht wirklich zu Ende war. Deutschland und der Rest Europas waren danach nicht friedlich. Der Zweite Weltkrieg ab 1939 war dazu da, den Ersten zu einem Ende zu führen, wie die Deutschen es sich gewünscht hätten. Also kann man die beiden Kriege logisch zusammen denken, sie gehören zusammen. 1914 war der Frieden zu Ende und erst 1945 kam wieder so etwas wie Frieden, also ist dazwischen dreißig Jahre Krieg mit einer Art Waffenstillstand. Zweiter Dreißigjähriger Krieg, weil es ja von 1618 bis 1648 schon einmal einen gegeben hat. Das leuchtete mir ein, auch wenn ich keine Experte für Geschichtswissenschaft bin.

lesepunkte: Was fällt Ihnen zu dem Begriff Heldentum ein?

 

Nikolaus Nützel: Zunächst einmal gar nichts, ich fand das immer sehr komisch. Heldentum hat im deutschen Sprachgebrauch ja immer etwas mit Kampf und Krieg zu tun, in anderen Ländern auch. Als ich mich damit beschäftigt habe, was es bedeutet, im Krieg jemanden zu töten, habe ich festgestellt, dass das immer töten ist. Kurt Tucholsky hat diesen oft missverstandenen Satz „Soldaten sind Mörder“ über den Ersten Weltkrieg geschrieben, den man im Zusammenhang seiner Darstellung sehen muss. Er drückt damit eines aus: Wenn ein Soldat einen anderen Soldaten tötet, ist es töten, umbringen; und das hat nie etwas Heldenhaftes an sich.

lesepunkte: Welchen Fragen gehen Sie in Ihrem Buch noch nach?

 

Nikolaus Nützel: Ich bin der Frage nachgegangen – und junge Leser finden das interessanter, als ich dachte –, was denn wirtschaftlicher Wohlstand und große Firmen mit dem Ersten Weltkrieg zu tun haben. Dass die Firma BMW etwa auf einem Fundament steht, das im Ersten Weltkrieg gelegt wurde, wusste ich vorher nicht. Der Großvater der heutigen BMW-Großaktionärin, Susanne Klatten, hat diese Firma, die heute BMW ist, damals begründet – mit Uniformen interessanterweise, sie haben später erst mit dem Autobau begonnen. Da ist also ein Großvater einer heutigen Milliardärin und da ist mein Großvater, die haben etwas miteinander zu tun. Eine andere Frage war: Warum sind die europäischen Grenzen so, wie sie heute sind. Meine Kinder gehen mit jungen Ungarn auf die Schule, mit Kindern, deren Eltern aus Finnland, Kroatien oder Polen kommen – das sind lauter Nationen, die es in der heutigen Form vor hundert Jahren noch nicht gab.

lesepunkte: Ihre Bücher und Jugendsachbücher, die Sie zuvor geschrieben haben, hatten andere Themen. Wie kamen Sie auf das Thema Erster Weltkrieg?

 

Nikolaus Nützel: Das war letztlich reiner Zufall. Ich habe mir sozusagen das Profil erarbeitet, Themen für ein jugendliches Publikum aber auch für Erwachsene – denn die kaufen die Bücher ja letztendlich – verständlich darzustellen. Ich habe das Privileg, immer ein Buch über das machen zu können, was mich gerade interessiert, und keine Aufträge vom Verlag anzunehmen. Und da war es reiner Zufall, dass mir meine Mutter vor zweieinhalb Jahren diese Anekdote erzählt hat. Anschließend dachte ich, dass ich die Aufmerksamkeit, die es 2014 wegen des Jubiläums für das Thema geben würde, nutze, um ein Buch für junge Leser zu schreiben. Außerdem hat es mich einfach interessiert. Also kam die Anekdote mit dem Zufall und persönlichem Interesse zusammen. Ich werde aber wahrscheinlich kein zweites Buch über den Zweiten Weltkrieg oder andere historische Themen schreiben.

lesepunkte: Was sind denn sonst die Themen, die Sie gerne behandeln?

 

Nikolaus Nützel: Ich arbeite momentan mit einem Arzt zusammen an einem Projekt, bei dem wir versuchen für die Zielgruppe Jugendliche zu erklären, was wirklich riskant ist im Leben. Jungen Leuten wird ja oft gesagt, dass sie aufpassen müssen, dass sie nicht zu dick oder zu dünn werden, oder dass sie nicht irre werden, weil sie zu viele Computerspiele spielen. Jungen Mädchen wird beispielsweise gesagt, sie müssen sich gegen humane Papillomviren impfen lassen, das ist eine Impfung gegen Krebs. Oder auch die Frage: Wie gefährlich ist Sex? Gibt es HIV noch? Das sind Themen, die 16/17-Jährige beschäftigen sollten. Oder: Viele Eltern haben Angst, dass ihre Kinder auf der Straße nachts überfallen werden; die Statistik spricht total dagegen. So etwas zu erklären, das mache im momentan mit einem befreundeten Arzt.

lesepunkte: Sachbücher sind, wie das Wort schon sagt, in der Regel durch einen sachlichen Stil geprägt und um größtmögliche Objektivität bemüht. Warum haben Sie den Ansatz gewählt, in der Ich-Form zu schreiben und sich selbst immer wieder in Bezug zum Geschriebenen zu setzen?

 

Nikolaus Nützel: Das ist einfach eine Strategie gewesen, um mich auch gegen den Vorwurf zu schützen, als „unhistorisch“ beschrieben zu werden. Denn ich bin kein Historiker und ich wollte mich erst gar nicht in den Ring der Historiker hinein begeben. Deswegen habe ich ein paar historische Bücher gelesen und habe dann geguckt, was ich sehe, wenn ich herumlaufe. Das kann ja nicht falsch sein, denn es ist meine subjektive Sache; ich will gar nicht objektiv bewertbar sein. Ich hätte mir die Latte viel zu hoch gelegt, wenn ich ein richtig großes historisches Werk hätte schreiben wollen. Deswegen habe ich mir gesagt „Nimm die Latte ganz weg und schreib ein persönliches Werk aus der Ich-Perspektive. Das kann nicht falsch sein.“

lesepunkte: Sie haben dem Publikum eben erklärt, worin der Unterschied zwischen einem Acht- und einem 14-Jährigen besteht und wie sich das auf das Schreiben Ihrer Jugendsachbücher auswirkt. Würden Sie uns das auch noch einmal erläutern?

 

Nikolaus Nützel: Ich denke, dass ein 14-Jähriger, wenn er sich für ein Thema interessiert und sich darauf einlässt, genauso wie ein Erwachsener in der Lage ist, relativ komplexe Zusammenhänge zu verstehen, weil er an der Welt der Erwachsenen schon viel näher dran ist als ein Achtjähriger. Da ist schon ein großer Unterschied dazwischen. Deswegen kann ich 14-Jährigen sehr viel Komplexität zumuten – das Wort Komplexität allerdings nicht, das würde ich in einem Buch immer vermeiden. Aber einen 14-Jährigen mit auf eine Gedankenreise zu nehmen, dafür hat er die Ausdauer, die ein Achtjähriger noch nicht hat. Also sollten Kindersachbücher anders sein als Jugendsachbücher. Jugendsachbücher haben wiederum im Unterschied zu Erwachsenensachbüchern, die sehr anspruchsvoll sind, ihre bestimmten Themen. Wenn im Buch von einem 17-Jährigen die Rede ist, der im Ersten Weltkrieg gestorben ist, ist das für den 14-Jährigen gar nicht so weit weg. Da kann dieser sich hineindenken: „Wie wäre es denn gewesen, wenn du vor hundert Jahren als 17-Jähriger unterwegs gewesen wärst? Was wäre in deinem Kopf vorgegangen?“

lesepunkte: Sie sagen, dass Sie Bücher schreiben, die Sie selbst gerne mit 15 oder 16 gelesen hätten. Helfen Ihnen die vielen Workshops, Lesungen und Veranstaltungen dabei, eine Sprache zu finden, welche die Jugendlichen von heute anspricht?

 

Nikolaus Nützel: Ob meine Sprache sie anspricht, weiß ich ja nicht. Aber klar, es hilft ganz viel, zu beobachten, wie sie sich bewegen und was sie machen, während der Workshops in die Köpfe reinzukommen, die Themen zu erfassen, die sie bewegen, den Horizont, die Orientierung und die Sprache. Es geht vor allem darum, die momentanen Themen und die Welt der Jugendlichen zu kapieren.

lesepunkte: Welche Tätigkeit macht Ihnen denn am meisten Freude: das Bücherschreiben, Ihre Tätigkeit als freier Journalist oder Ihre Lesungen, in die Sie ja auch eine Menge Energie stecken?

 

Nikolaus Nützel: Die Lesungen machen in neun von zehn Fällen wirklich sehr großen Spaß, weil man eine direkte Rückmeldung von den Leuten kriegt, die oft positiv ist. Wenn ich beim Radio ins Mikrofon spreche, kriege ich keine Rückmeldung von den Leuten, die es hören, und wenn, dann höchstens von denen, denen es nicht gefallen hat. Irgendwelche schimpfenden Mails bekommt man schon ab und zu. Die Lesungen packe ich als ein Paket zusammen mit den Büchern, bei denen das Schreiben manchmal etwas ermüdend ist. Aber ich könnte nicht sagen, dass mir das eine mehr Spaß macht und das andere weniger. Ich habe das Privileg, beides machen zu können, dass ich 70-80 % meiner Zeit als normaler Journalist verbringe und 20-30 % als Autor unterwegs bin. Ich würde keines von beiden missen wollen.

lesepunkte: Ihr müsst keine Bücher lesen“ haben Sie den Jugendlichen heute am Anfang der Veranstaltung gesagt. Wollen Sie sich selbst arbeitslos machen?

 

Nikolaus Nützel: Nein, aber ich möchte den jungen Leuten dieses schlechte Gewissen nehmen, wenn sie nicht gerne lesen. Entweder man liest gerne und nimmt das Angebot an, das in einem Buch steckt, oder man möchte das nicht annehmen. Und wenn einer das nicht annehmen möchte, dann kann ich ihm doch kein schlechtes Gewissen machen. Ich sehe in dieser Form der Leseförderung – dass man sagt „Du MUSST lesen“ – keinen Sinn. Ich wähle eher den paradoxen oder subtilen Weg, indem ich sage „Du musst nicht lesen, aber du darfst lesen, wenn du möchtest.“

(Interview: Philipp Scherber) 

 

 

Empfohlene Zitierweise

Interview mit Nikolaus Nützel (Philipp Scherber). In: lesepunkte 9 (2014), Nr. 2, URL: http://www.lesepunkte.de/no_cache/persistent/artikel/10415/

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Erstellt: 21.06.2014

Zuletzt geändert: 21.06.2014

Kurzbiographie


Nikolaus Nützel, geboren 1967 in Rothenburg ob der Tauber, ist ausgebildeter Fremdsprachenkorrespondent und Dolmetscher für Spanisch. Außerdem absolvierte er eine Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule in München sowie ein Studium der Journalistik und Romanistik an der LMU München.

Seit den 1990er Jahren arbeitet Nützel als freier Journalist, vor allem für den Bayerischen Rundfunk und den Deutschlandfunk. Weiterhin veröffentlicht er Sachbücher für Erwachsene und Jugendlich, u.a. zu den Themen Gesundheit, das menschliche Gehirn, Sprache oder WIrtschaft. Zu seinen Büchern veranstaltet er regelmäßig Lesungen.

2014 erschien sein Jugendsachbuch "Mein Opa, sein Holzbein und der Große Krieg", welches für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2014 nominiert ist.

Weitere Infos:

Homepage des Autors

Das Buch bei arsEdition