Noller, Ulrich

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„Ich freue mich über Kritik, auch wenn sie mich manchmal grummeln macht.“ 

Ulrich Noller über unterhaltsame Wissensvermittlung und das Lesen in schlaflosen Nächten. 

 


lesepunkte: Sie haben zusammen mit Stephanie Busch ein Jugendsachbuch geschrieben, das sich „Haus-Buch“ nennt. Ein bisschen augenzwinkernd, wie ich vermute, wird im Untertitel behauptet, dass dieses Haus das ganze Wissen der Welt versammelt. Wie funktioniert das Buch?

 

Ulrich Noller: Das Buch funktioniert so, dass wir über das Haus, das dieses Buch darstellt, in die Welt hinausblicken. Oder auch von außen in das Haus hineinblicken, wo sich das Wissen der Welt spiegelt. Also der Gedanke dahinter war, dass man in einem Haus verschiedene Lebensbereiche hat. Die werden durch die verschiedenen Zimmer repräsentiert – auch über verschiedene Zeiten hinweg. Auf diese Art und Weise kann man an so einem Haus zeigen, was in der Welt so passiert – und passiert ist in den vergangenen Jahrhunderten.

lesepunkte: Was sind denn interessante Wissensgebiete, die unbedingt ins Haus hinein gehören?

 

Ulrich Noller: Wir haben ja übrigens geschrieben „Hier wohnt das Wissen der Welt“, und nicht „das ganze Wissen“. Das wäre dann doch vermessen, das ganze Wissen der Welt in ein Haus stopfen zu wollen. Wir wollten aber eben doch zeigen, dass man die Welt spiegeln kann in einem Haus. Und da waren dann ganz viele Themen und Wissensgebiete interessant. Wir haben einerseits versucht ernsthaftes Wissen abzubilden. Also zum Beispiel im Badezimmer haben wir über die Kulturgeschichte des Bades etwas geschrieben, aber auch über Bakterien und über den Erfinder des Siphons. Wir haben aber auch versucht Lustiges und Skurriles zu bieten. Zum Beispiel gibt es im Haus einem „geheimen Raum“, dort wird unter anderem die Geschichte des Voodoo behandelt, wie sie sich überraschender Weise in Deutschland abgespielt hat. Verbindendes Glied war immer wieder, dass das, was wir vermitteln wollten oder auch selbst entdeckt haben, einen Aha-Effekt auslösen soll. Wir wollen also Wissen transportieren über die Unterhaltung und das Erstaunen und so die Lust am Wissenserwerb wecken.

lesepunkte: Das, was Sie gefunden und entdeckt haben und was schließlich ins Haus-Buch kam, hat Sie dann auch selbst immer wieder erstaunt und überrascht?

 

Ulrich Noller: Schon. Meine Co-Autorin Stephanie Busch – die auch im wahren Leben meine Partnerin ist – und ich saßen immer wieder zusammen und haben überlegt, welche Themen reinkommen und wo wir recherchieren können. Wir haben meistens in verschiedenen Büros gearbeitet und dann immer wieder telefoniert und Mails geschrieben, weil wir immer wieder spannende Sachen entdeckten, von denen wir nicht gedacht hätten, dass sie existieren. Die haben wir dann mit großer Freude ins Buch hinein transportiert.

lesepunkte: Da gibt es dann so kuriose Dinge, wie etwa unter „ausgestorbene Berufe“ den „Ameisler“, der im Mittelalter Ameisenlarven sammelte, um sie als Vogelfutter zu verkaufen. Wie kommt man auf so was?

 

Ulrich Noller: Ja, da könnte man jetzt denken, dass wir einfach nach vergessenen Berufen „gegoogelt“ haben; das stimmt aber nicht. Wir haben in der Bibliothek des Westdeutschen Rundfunks ein altes Fachbuch aus den Sechziger Jahren entdeckt, in dem über die Entwicklung und Verfasstheit von Berufen berichtet wird. Dort ging es dann auch um Berufe, die seit langer Zeit nicht mehr existent sind, aber noch in verschiedenen Ausprägungen weiter wirken. Ameisler gibt es heutzutage natürlich nicht mehr. Aber Hutmacher zum Beispiel ist ein Beruf, der zwischendurch ausgestorben schien und den es mittlerweile wieder gibt. Junge Leute machen in den großen Städten wieder verrückte und hippe Hüte. So versuchen wir immer wieder Wege zu zeigen, wie die Vergangenheit und vergessenes Wissen in der Gegenwart fortbestehen.

lesepunkte: Wenn man ein Buch zu zweit schreibt, gibt es dann eine Arbeitsteilung – so dass man sagt: Du machst mehr die historischen Themen, ich suche eher die kuriosen Geschichten?

 

Ulrich Noller: Nicht wirklich. Es gibt natürlich Arbeitsteilung, wenn der eine etwa nebenher mal mehr arbeiten muss. Wir haben aber schon verschiedene Interessenschwerpunkte. Stephanie Busch ist Psychologin, kommt aus einer Arztfamilie und hat auch lange als Krankenschwester gearbeitet. Entgegen dem Klischee, dass Frauen nicht so sehr naturwissenschaftlich interessiert sind, hat sie sehr stark das Wissenschaftliche und Forschungsmäßige mit hineingebracht. Ich komme eher aus der literarischen Ecke und beschäftige mich viel mit Literaturkritik und da vor allem mit Kriminalromanen. Mir geht es stärker um Unterhaltung und darum, wie man Wissen und Inhalte auf eine Art und Weise verpacken kann, dass es Spaß macht, darüber zu lesen. Wir haben also unsere Schwerpunkte, haben aber doch beide alles gemacht.

lesepunkte: Sie haben es gerade selbst erwähnt, Sie haben sich vor allem als Krimikritiker einen Namen gemacht. Was sind denn die wichtigsten Kriterien, wenn Sie über Bücher urteilen?

 

Ulrich Noller: Ich versuche nicht über Bücher zu urteilen, sondern Bücher so vorzustellen, dass die Leser sich selbst ein Urteil bilden können. Meistens sind es Hörer, weil ich viel Radio mache. Das Urteil fällt man als Kritiker gewissermaßen schon vorab durch die Auswahl der Bücher, die man bespricht. Ich empfehle in der Regel Bücher, die durchaus komplex sind, weil das unserer Lebensrealität entspricht. Wir leben nicht in einfachen Zeiten. Es geht darum, dass sie der globalisierten Gesellschaft gerecht werden. Andererseits soll man aber auch Vergnügen daran haben, diese Geschichten zu lesen. Ein Buch, das diese Bedingungen kombiniert und darüber hinaus vielleicht noch ambitioniert ist und kritisch im besten Sinne – daran habe ich Spaß und das empfehle ich dann gerne weiter.

lesepunkte: Gibt es denn trotzdem Punkte, die man als Kritiker immer wieder abklopft? Etwa wie die Figuren entwickelt sind, ob der Plot überzeugend ist...

 

Ulrich Noller: Natürlich. Es gibt schon handwerkliche Kriterien, um die es geht. Die Figuren müssen plausibel sein, der Plot sollte durchdacht sein und keine Schwächen haben. Es ist ja so, dass wir in einer Welt leben, die voll von Büchern und Literatur ist. Wir werden regelrecht überschüttet damit. Ich finde es geht dann darum, die Bücher auszuwählen, die einerseits solides Handwerk bieten und einen nicht auf den Arm nehmen. Und andererseits auf der Basis dieses Handwerks vielleicht Kunststatus erreichen – manchmal sogar große Kunst sind, dann ist es ein besonders großes Vergnügen, diese Bücher zu lesen.

lesepunkte: Sie haben jetzt die Seiten gewechselt vom Kritiker zu Autor. Das „Haus-Buch“ ist jetzt aktuell erschienen. Außerdem das Buch „Ohne Angst zum Kinderarzt“, das sich eher an Eltern richtet. Und im kommenden März 2008 wird mit „Bolle und die Bolzplatzbande“ eine Jugendbuchreihe von Ihnen bei Bloomsbury starten. Wie gehen Sie denn selbst mit Kritik um?

 

Ulrich Noller: Oh. Muss ich darüber öffentlich sprechen? Ich denke, ich muss mich an den Kriterien messen lassen, die ich selber aufgestellt habe in meinen Kritiken in den letzten Jahren. Deswegen bibbere ich auch vor der Veröffentlichung der „Bolle“-Kriminalromane… Nein – tatsächlich versuche ich, mit Kritik gelassen umzugehen. Ich arbeite sehr stark im Team. Das ist beim Hörfunk grundsätzlich so. Aber eben auch das „Haus-Buch“ und auch die „Bolle“-Geschichten sind im Team entstanden. Das ist also ein ständiger Kommunikationsprozess, in dem man sich befindet. Da ist man automatisch manchmal uneinig in gewissen Punkten und äußert Verbesserungsvorschläge. Ich denke mir, dass Kritik im besten Falle das Produkt voran bringen kann, im schlechtesten Fall ist sie höchstens überflüssig. Das habe ich aber nur selten erlebt.
Gerade in der Hörfunk-Arbeit, wo man immer im Team arbeitet, mit Redakteuren und Technikern etwa, bin ich immer durch die Kritik vorangekommen. Das Feature oder der Beitrag, ist dann letztlich auch wirklich besser geworden dadurch. Und deswegen freue ich mich über Kritik, auch wenn sie mich manchmal natürlich ein bisschen grummeln macht.

lesepunkte: Und wenn man selbst immer stärker als Autor hervortritt, verändert das dann auch die Arbeit als Kritiker? Bekommt man dann einen anderen Blick auf Bücher?

 

Ulrich Noller: Schon. Man weiß, welche Mühe dahinter steckt – egal wie gut ein Buch ist. So ein Buch auf zwei- dreihundert Seiten hinzubekommen ist eine große Mühe, hinter der komplexe Arbeitsprozesse mehrerer Menschen stehen. Also man bekommt schon so eine gewisse Achtung vor dem Produkt. Andererseits sind es zwei Seiten einer Medaille. Es bleibt die Beschäftigung mit Geschichten und Wissen – insofern ist das eigentlich kein Seitenwechsel, sondern eher ein Ausfallschritt zur Seite, um zu schauen, ob man da auch stehen kann.

lesepunkte: Wie schaffen Sie als Vielleser überhaupt den ganzen Wust an Neuerscheinungen, den Sie rezensieren müssen? Haben Sie da auch Strategien?

 

Ulrich Noller: Also meine Grundstrategie ist, zwischen den Verzweiflungsanfällen einen kühlen Kopf zu bewahren. Man denkt schon regelmäßig, dass das alles gar nicht zu schaffen ist. Alleine schon die bürokratischen Vorgänge, die man erfüllen muss: alles sichten, die Bücher bestellen, Belegtexte verschicken und so weiter… und dann auch noch Texte schreiben und noch wichtiger: die Bücher lesen. Man muss eben gucken, dass man jedes kleine Zeitfenster zum Lesen nutzt. Und man muss sich darauf einstellen, dass man mit wenig Schlaf zu Rande kommt.
Erleichtert wird das Ganze aber, wenn man sich speziell mit unterhaltender Literatur beschäftigt. Bei packenden Texten wird es dann manchmal ganz leicht, Nachtarbeit zu leisten. Kürzlich habe ich das neue Buch von Thomas Glavinic gelesen „Das bin doch ich“. Das war so lustig, dass ich mich nachts um halb drei im Bett gekugelt habe vor Lachen. Davon ist meine Freundin aufgewacht und als ich ihr daraus vorgelesen habe, hat sie mitgelacht, obwohl sie völlig schlaftrunken war. Das sind dann Erlebnisse, die einen über die vielen Mühen in der Ebene hinweg treiben.

lesepunkte: Und hilft es beim Schreiben, zusammen mit Co-Autoren zu arbeiten?

 

Ulrich Noller: Das ist Zufall, würde ich sagen. Ich bin ein Freund der Teamarbeit und finde, dass sie eine Antwort ist auf die heutigen Lebensumstände. Die „Bolle“-Krimis habe ich zusammen mit Christina Bacher aus einer Zufallslaune heraus für den Hessischen Rundfunk ausgedacht. Natürlich schreiben wir jetzt auch die Romane zusammen. Die Idee zum „Haus-Buch“ haben Stephanie Busch und ich zusammen auf einer Zugfahrt entwickelt. Als wir durch eine triste Gegend fuhren, irgendwo zwischen Berlin und Köln. Da war es sehr platt auf dem Land und wir haben Häuser beobachtet, von denen wir uns gar nicht vorstellen konnten, wie die von innen aussehen könnten. So hat sich die Teamarbeit eher zufällig ergeben, auch wenn ich gerne so arbeite. Es werden aber sicher noch Projekte kommen, wo ich alleine auftrete.

(Interview: Jochen Pahl) 

 

 

Empfohlene Zitierweise

Interview mit Ulrich Noller (Jochen Pahl). lesepunkte 2 (2007), Nr. 6, in: lesepunkte, URL: http://www.lesepunkte.de/no_cache/persistent/artikel/5633/

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Erstellt: 13.12.2007

Zuletzt geändert: 13.12.2007

Kurzbiographie

Ulrich Noller, geboren 1966, lebt mit seinen beiden Kindern in Köln. Er hat Literaturwissenschaft, Philosophie sowie Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft
studiert. Als Journalist, Lektor und Moderator arbeitet Noller vor allem für den Westdeutschen Rundfunk. Er gestaltet und moderiert literarische Events. Er berät Verlage, Hörfunk- und Fernsehredaktionen in Fragen der Stoffentwicklung und Projektumsetzung. Zudem schreibt er Geschichten für Kinder und Jugendliche. 

Bibliographie

(Zusammen mit Stephanie Busch, illustriert von Monika Horstmann): Das Haus-Buch. Hier wohnt das Wissen der Welt, Bloomsbury 2007, ISBN: 978-3-8270-5236-0

>> Leseprobe (PDF)

(Zusammen mit Stephanie Busch) Ohne Angst zum Kinderarzt. So nehmen Sie Ihrem Kind die Angst vor Arzt und Krankenhaus, Oberstebrink/Eltern-Bibliothek 2007, ISBN 978-3-9343-3329-1

März 2008:
(Zusammen mit Christina Bacher): Bolle und die Bolzplatzbande, Bloomsbury 2008
Band 1: Die Fahrradleiche, ISBN 978-3-8270-5250-6
Band 2: Der Elefantencoup, ISBN 978-3-8270-5251-3