Nielsen, Maja

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"Wissen muss wie frische Brötchen serviert werden" 

Maja Nielsen über Menschen, die an ihre Grenzen gehen und das Abenteuer, Kinder für Geschichte zu begeistern. 

 


lesepunkte: Wie haben Sie denn selbst den Zugang gefunden zu diesen großen Entdeckern und Abenteurern?

 

Maja Nielsen: Also, ich war ja früher Schauspielerin. Als ich dann Kinder bekommen habe, hing ich ein bisschen in der Luft, weil Schauspielberuf und Familie sich nicht so gut vereinbaren ließen. Dann bin ich irgendwann auf die Idee gekommen, einen Roman zu schreiben. Ich hatte erst ein Kinderbuch im Sinn, das möglichst weit weg spielen sollte. Dadurch bin ich auf die Wüste „Takla Makan“ gestoßen, das heißt „Wüste ohne Wiederkehr“ – da dachte ich „klasse Ort für einen Roman“. Und dann wollte ich auch jemanden treffen, der mal durch diese Wüste gewandert ist. Auf diese Weise entstand mein erstes Abenteuer-Feature für den Hessischen Rundfunk in einer ganz kurzen Version von vielleicht 16 Minuten. Als es dann gesendet wurde, kam es so gut an, dass mehrere Zuschauer angerufen haben und meinten: „Mehr davon!“ Dann konnte ich im Kinderradio vier von diesen Abenteuer-Features veröffentlichen. Auf einmal lief diese Schiene so gut, dass ich dann den Umweg über die Hörbücher und Sachbücher gemacht habe. Und jetzt – sieben Jahre nach dem ersten Gedanken an einen Roman – habe ich die Möglichkeit, den ersten Roman zu veröffentlichen.

lesepunkte: Sind Sie denn selbst ein abenteuerlustiges Kind gewesen?

 

Maja Nielsen: Ich glaube eher nicht. Ich habe immer schon Abenteuergeschichten geliebt und ich bin unheimlich gerne draußen. Aber das spielt sich alles in sehr engen Bahnen ab. Ich bin mal über die Alpen gewandert oder habe Nachtwanderungen gemacht - aber ganz bestimmt haben meine Abenteuer keinen Expeditionscharakter. 

lesepunkte: Was stand denn bei den ganzen Features, die Sie geschrieben haben mehr im Mittelpunkt: der Abenteurer und der Forscher selbst, oder eher das Abenteuer an sich?

 

Maja Nielsen: Ich gehe immer von dem modernen Abenteurer aus, das ist für mich das A und O. Das ist natürlich eine ganz großartige Gelegenheit, diese Leute mit Fragen löchern zu können und zu verstehen und so ein historisches Abenteurer, das daran gekoppelt ist, auch besser zu verstehen.

lesepunkte: Sie haben da ja einen ganz tollen Stilmix gefunden aus Augenzeugenbericht und eigener Erzählung. Dabei behandeln Sie ein breites Spektrum, von historischen Themen über Archäologie und Weltraumtechnik bis hin zum Bersteigen. Wie eignen Sie sich selbst dieses Wissen an?

 

Maja Nielsen: Seitdem ich mit dem Gerstenberg Verlag zusammenarbeite, erhalte ich unheimlich viel Unterstützung. Auf die meisten Themen komme ich selbst, wenn ich mal was höre, was mich interessiert, und ich der Sache auf den Grund gehen will. Das finde ich dann selbst auch spannend und lese sehr viel und habe so dann auch einen guten Zugang. Ein bisschen schwieriger wurde das zum Beispiel bei dem Thema Kosmonauten, wo es um Weltraumtechnik geht, wovon ich keinen blassen Schimmer hatte. Da bekomme ich dann Unterstützung durch meine Lektorin, die mir Texte kopiert und mich vor allem mit Experten zusammenbringt. Das ist für mich das Schönste, wenn sie so jemanden findet, in dem konkreten Fall zum Beispiel Andreas Schütz vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt, den durfte ich so oft ich wollte anrufen. Durch ein Gespräch verstehe ich Sachverhalte am besten, auch Technik. Man muss sie eben nur vernünftig erklären – aus Büchern würde ich die wahrscheinlich nicht so schnell verstehen.

lesepunkte: Also eigentlich ist das dann auch eine Art Entdeckerfreude, die sich bei Ihnen entwickelt?

 

Maja Nielsen: Ja, es ist Entdeckerfreude und es ist Inspiration. Es geht ja gar nicht immer nur um die Reise durch Afrika oder den Flug ins Weltall. Da spielen ja auch viele andere Dinge eine große Rolle: Warum geht er durch Afrika und warum hält er durch? Wovon wird er angetrieben? Das hat ganz viel damit zu tun, dass Menschen die Aufgabe finden, warum sie auf der Welt sind. Also es reißt ganz viele andere Fragen dann an. Beim Flug ins Weltall geht es natürlich auch um Technik. Aber der stärkste Augenblick ist für mich, wenn meine Augenzeugen – in diesem Fall Thomas Reiter und Sigmund Jähn – mir erzählen, was sie erleben wenn sie aus dem abhebenden Raumschiff zurück auf die Erde gucken und was für Gefühle das in ihnen auslöst. Das ist für mich dann etwas, was uns alle berührt.

lesepunkte: Wenn Sie tief drin stecken in der Arbeit an einem Feature, kommen Sie sich dann auch selbst manchmal vor wie auf einem Piratenschiff oder einem Raumschiff?

 

Maja Nielsen: Ich tauche ziemlich ab in diese Geschichten und mein Mann hat kürzlich fast einen Herzstillstand bekommen, als ich schreiend aufgewacht bin, weil ich im Traum in eine Auseinandersetzung zwischen Indianern und Weißen gekommen war. Das ist jetzt mein aktuelles Buch, an dem ich gerade arbeite. Wir hatten vor ein paar Wochen gerade Besuch von Henry Red Cloud. Das ist ein Nachfahre des historischen Häuptlings Red Cloud, der die Lakota-Indianer im 19. Jahrhundert ins Reservat führen musste. Was der geschildert hat, nimmt mich regelrecht mit, das muss ich zugeben.

lesepunkte: Was glauben Sie eigentlich, warum die großen Entdecker und Abenteurer hauptsächlich Männer sind?

 

Maja Nielsen: Na, ich bin ja auch Mutter und meine, dass auf die Frauen im echten Leben das größere Abenteuer wartet, und das ist das Kinder-erziehen. Für den Luxus von Abenteuern haben Sie keine Zeit, aber das ändert nichts daran, dass es Spaß macht, sich damit zu beschäftigen.

lesepunkte: Was macht denn die Faszination aus von diesen Leuten, die wirklich alles aufs Spiel setzen?

 

Maja Nielsen: Genau das ist die Faszination. Mich interessieren Menschen, die an ihre Grenzen gehen und vielleicht sogar darüber hinaus. Und das sind dann auch wieder Punkte, die jeden betreffen, weil jeder sich die Frage stellt: Ich habe ein Lebensziel, wie gehe ich vor um es zu verwirklichen? Um nix anderes geht es ja bei Expeditionen: Ich will auf den höchsten Berg der Welt – wie komme ich dahin und was bin ich bereit, dafür einzusetzen? Jeder hat seinen eigenen Traum, aber die Frage mit welcher Haltung er versucht, seinen Traum zu verwirklichen, das finde ich sehr spannend.

 

lesepunkte: Also diese Unbedingtheit, die könnte man dann auch in seinen eigenen Alltag mitnehmen?

 

Maja Nielsen: Ja, manchmal ist es die Unbedingtheit. Aber manchmal sind es ja auch Geschichten, wo sich jemand etwas vornimmt, und dann scheitert. Trotzdem bleibt dann unterm Strich, dass er ein sehr erfülltes Leben gelebt hat. Und dass er auf dem Weg, seine Träume zu verwirklichen, sehr viel erlebt hat. Also, dass es schon einen Wert hat, sich in Bewegung zu setzen.

lesepunkte: Mit Ihrem neuen Projekt – das sind Abenteuerromane, die im Erika Klopp Verlag erschienen sind, das erste heißt das „Das Geheimnis der Pirateninsel“, das zweite „Das Rätsel der schwarzen Mumie“ – sind Sie ja weg vom reinen Sachfeature, warum jetzt hin zur Fiktion?

 

Maja Nielsen: Es war eigentlich umgekehrt. Ich wollte ja eigentlich immer einen Roman schreiben. Durch die Recherche für den Roman bin ich dann zu den Hörfeatures und Sachbüchern gekommen. Ich liebe eben Bücher, bei denen man etwas lernen kann. Auch meine Romane sind minutiös recherchiert. Alles was darin steht – bis auf den fliegenden Koffer, auf dem mein Abenteuerteam zu den Orten fliegt, wo das Abenteuer spielt – könnte tatsächlich passiert sein. So zum Beispiel bei der schwarzen Mumie. Da ist der Opa Archäologe im Tal der Könige, das es ja tatsächlich gibt, und macht dort Ausgrabungen. Ich gehe da eben auch so vor, dass ich mich ganz genau informiere und dann mit Situationen spiele, die so passieren könnten.

lesepunkte: Ihre Bücher und ihre Hörspiele sind ja gute Beispiele für Produkte, die in den Jugendbuchmarkt fallen, aber eigentlich doch alle Generationen ansprechen.

 

Maja Nielsen: Ganz genau. Das ist genau mein Ziel. Ich bin auf die Idee gekommen, das so zu machen, weil man ja als Familie auch öfter mal im Auto fährt und es viel zu wenige Themen gibt, die alle gemeinsam interessieren. Ich formuliere die Features so, dass Kinder sie verstehen können, aber dass ein Kind sich mit seinem Opa darüber austauschen kann und der Opa eben auch sagt: Das interessiert mich und ich höre es mir bis zum Ende an.

lesepunkte: Haben Sie auch schon die Erfahrung gemacht, dass konzentriertes Zuhören für Jugendliche durchaus noch anstrengender sein kann, als ein dickes Buch zu lesen?

 

Maja Nielsen: Nee, das glaub ich überhaupt nicht. Genau das Gegenteil ist der Fall. Ich höre immer wieder – auch gerade von Kindern „Ich hab Dein Hörbuch mehr als 20 Mal gehört. Und das liegt eben auch an der Emotionalität, die eben nur ein Hörbuch leisten kann, an den Geräuschen, Stimmen und an den Musiken.

lesepunkte: Wie suchen Sie denn die passenden Geräusche zu den Features aus. Machen Sie das selbst, oder gibt es dafür Vorlagen?

 

Maja Nielsen: Ich arbeite ja mit Theresia Singer vom headroom Verlag zusammen, die die Regie zu den Hörbüchern macht. Die ist mit allen Wassern gewaschen und kann das einfach. Manchmal arbeiten wir aber auch mit den Abenteurern selbst zusammen. Beim Dschingis Khan-Hörbuch zum Beispiel, da wollten wir die Geräusche der Steppe drin haben. Die sind aber sehr schwer im Tonstudio nachzumachen oder als Konserve zu finden. Da habe ich dann Nasanbayar Bodigerel, das ist mein Gesprächspartner in diesem Hörbuch, mein Aufnahmegerät erklärt und er hat das dann mit in die Steppe genommen. Nasanbayar hat dann einen Tag lang bei seinen Verwandten, die noch als Nomaden in der mongolischen Steppe leben, alle Geräusche aufgenommen. Da sind dann Geräusche dabei, wie nachts um zwölf Wölfe in die Schafsherde eindringen, wie der Wind Sand auf die Jurte weht oder wie Feuer in der Jurte prasselt und Menschen dabei singen oder reden. Also lauter Geräusche, an die wir hier nicht kommen könnten. Das war natürlich eine unheimliche Bereicherung, dadurch hat man das Gefühl, wirklich in der Steppe zu sein.

lesepunkte: Sie sprechen ja mit großer Faszination von Ihren Themen. Sie haben ja jetzt wohl selbst noch Kinder, die zur Schule gehen?

 

Maja Nielsen: Ja, meine Jungs sind zehn und zwölf Jahre alt. 

lesepunkte: Wenn Sie aus Sicht der Mutter die Schule betrachten, fehlt Ihnen da die Faszination bei der Wissensvermittlung?

 

Maja Nielsen: Absolut, das bekommt man mit. Es ist auch teilweise eben so, dass meine Kinder mit Schulbüchern nach Hause kommen, die zwölf Jahre alt sind. Ich meine, Wissen muss wie frische Brötchen serviert werden. Das geht einfach nicht, dass in einem Mathebuch immer noch D-Mark-Beträge stehen. Ich glaube auch, dass es sinnvoll ist, wenn Menschen von ihren Erfahrungen erzählen, dass Menschen ihr Wissen mitteilen sollten und nicht alles nur über Bücher läuft. Das halte ich auch für eine ganz wichtige Sache.

lesepunkte: Hochgelobt von der Kritik und preisgekrönt – Sie haben ja wirklich einen Nerv getroffen, mit diesem Mix aus aktuellen und historischen Abenteurern.

 

Maja Nielsen: Ja, aber ich glaube, das muss auch so sein. Mir ist das mal aufgefallen, als wir mit unseren Kindern nach Rom gefahren sind. Ich dachte, die müssten ausflippen vor Begeisterung, weil Asterix und Obelix ja nun um die Ecke schauen könnten. Die haben aber nur gegähnt, bei all den alten Kirchen und den alten Säulen, das hat die nicht die Bohne interessiert. Ich glaube, wenn man Kinder für Geschichte begeistern möchte, muss man einen aktuellen Bezug schaffen. Kinder gucken immer eher nach vorne, in die Zukunft. Wir Erwachsene, wir schauen zurück und fragen uns, wie die Geschichte eigentlich gelaufen ist und interessieren uns für historische Fragen. Das interessiert Kinder gar nicht, die wollen wissen, wie die Zukunft aussieht. Und das ist, glaube ich, ein bisschen das Geheimnis des Erfolges, dass Zukunft und Vergangenheit in den Hörfeatures und Sachbüchern miteinander verbunden werden.

(Interview: Jochen Pahl) 

 

 

Empfohlene Zitierweise

Interview mit Maja Nielsen (Jochen Pahl). lesepunkte 2 (2007), Nr. 2, in: lesepunkte, URL: http://www.lesepunkte.de/no_cache/persistent/artikel/5000/

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Erstellt: 18.04.2007

Zuletzt geändert: 18.04.2007

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Das Interview zum Hören:

Teil 1 (3,7 MB)
Teil 2 (5,9 MB)

Kurzbiographie

 

Maja Nielsen, 1964 in Hamburg geboren, absolvierte ihr Schauspielstudium an der Hamburger Hochschule für Musik und Darstellende Kunst. Später übernahm sie Theaterengagements in Hamburg, München, Stuttgart, Tübingen und Kassel.
1998 begann Maja Nielsen, als Autorin für den Hörfunk zu arbeiten (HR, WDR, MDR, BR) und veröffentlichte ihre ersten Kinderbücher.

Für ihre Reihe Abenteuer & Wissen befragt Maja Nielsen heute lebende Forscher und Experten. Die Abenteuergeschichten erscheinen als Hörbuch bei headroom sound production und als Sachbuch beim Gerstenberg Verlag. Im Frühjahr 2007 sind außerdem die ersten beiden Bände der neuen Roman-Reihe "Das Abenteuerteam" im Klopp Verlag erschienen.

Maja Nielsen Sachbuch "Mount Everest - Spurensuche in eisigen Höhen" ist für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2007 nominiert worden.

www.majanielsen.com