Mawil

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„Der Mirco ist genauso ein kleiner Schisser, wie ich früher war oder noch bin.“ 

Der Comicbuchautor und Zeichner Mawil über den Protagonisten seiner neuen Graphic Novel und die Parallelen zu seiner eigenen Kindheit in der DDR 

 


lesepunkte: Ich begrüße auf der Frankfurter Buchmesse den Comicautor und -zeichner Markus Witzel, besser bekannt unter seinem Künstlernamen Mawil. Er hat seinen mit dem Max-und-Moritz-Preis ausgezeichneten Comic „Kinderland“ über den Ostberliner Siebtklässler Mirco Watzke im Gepäck, dem ein Tischtennisturnier wichtiger ist als der Mauerfall am 9. November 1989. Die wichtigste Frage zuerst: Beherrschst du die „Angabe des Todes“?

 

Mawil: Die „Angabe des Todes“ ist streng geheim! Ich darf darüber keine Auskunft geben.

lesepunkte: Na gut. Aber wie hättest du denn bei dem Tischtennisturnier an der Tamara-Bunke-Oberschule abgeschnitten? Warst du ein ebenso passionierter Tischtennisspieler wie Mirco?

 

Mawil: Ja, ich habe sehr gerne, sehr leidenschaftlich und oft Tischtennis gespielt und dadurch auch einigermaßen gut. Es gab natürlich immer andere, die besser waren. Aber das Geile an Tischtennis ist, dass du in dieser eher unpopulären Sportart mit ein bisschen Geschick und Training Leute besiegen kannst, die dich in anderen Sportarten niedermachen würden.

lesepunkte: Du hast auch deine ganz eigene Theorie, wie Kinder an ihrer Schule die Entscheidung für Fußball oder Tischtennis als Hobby fällen. Wie lautet diese Theorie?

 

Mawil: Es ist vielleicht ein bisschen klischeehaft, aber mir kam es früher so vor, als wenn die Jungs ohne Brille Fußball und die Jungs mit Brille und die Mädchen Tischtennis gespielt haben. Das ist zwar etwas platt ausgedrückt, aber trifft zumindest auf mich zu.

lesepunkte: Einige deiner vorherigen Comics sind autobiographisch. Da ist Mawil auch der Hauptprotagonist. Die Gemeinsamkeiten von Markus Witzel und Mirco Watzke, dem Protagonisten aus „Kinderland“, gehen wohl auch über die Ähnlichkeit der Namen hinaus, oder?

 

Mawil: Ein kleines bisschen, ja. Die Namen sind ähnlich und genauso auch die Figuren. Der Mirco ist genauso ein kleiner Schisser, wie ich früher war oder noch bin. Ich habe deswegen in meiner Kindheit nicht sehr viel erlebt, weil ich als vorsichtiger Mensch allen möglichen riskanten Situationen aus dem Weg gegangen bin. Darüber hätte man natürlich kein spannendes Buch machen können. Deswegen musste ich das Ganze durch Fiktion und Abenteuer, die ich mir ausgedacht oder so ähnlich von Freunden erzählt bekommen habe, etwas aufpeppen. Das habe ich auch getan, indem ich Mirco die Figur Torsten an die Seite gestellt habe, diesen etwas unheimlichen neuen Jungen an der Schule, der Mirco in ein paar Geschichten verwickelt, die ein bisschen schwierig werden.

lesepunkte: Erwartet den Leser eher eine Coming-of-Age-Geschichte oder ein Historiencomic über die DDR?

 

Mawil: Es ist eine Coming-of-Age-Geschichte, normale Alltagserlebnisse, das Heranwachsen, das Älterwerden. Und am Rand poppen immer hier und da historische Themen und Ereignisse auf: Gorbatschow taucht auf, irgendwann fällt die Mauer, aber das berührt diese Kinder noch nicht so sehr, wie es vielleicht einen Erwachsenen berührt hätte. Es war bei uns auch so: Wir waren daran interessiert, uns die Westprodukte kaufen zu können, die wir aus dem Westfernsehen kannten, welches man in Berlin zum Glück empfangen konnte. Aber für die ganzen politischen Sachen haben wir uns noch nicht so interessiert.

lesepunkte: Du stellst also eine normale Kindheit dar, die man auch in der DDR führen konnte. Der Comic erweckt dennoch nicht den Anschein einer Relativierung nach dem Motto „Es war nicht alles schlecht im Osten!“ Ist das richtig?

 

Mawil: Genau! Ich hatte mir vorher überlegt, in welche Richtung es gehen könnte. Ich wollte auf keinen Fall zeigen, dass im Osten alles super war. Ich wollte aber auch nicht zeigen, dass im Osten alles schlecht war. Die Menschen sind eben Lebewesen, die sich auch in den komischsten Situationen anpassen können. Egal in welchem politischen System sie sich befinden, können sie ähnliche soziale Bindungen aufbauen.

lesepunkte: Hast du dir im Entstehungsprozess der Geschichte Gedanken gemacht, das System der DDR offener kritisieren zu müssen, um dich nicht dem Vorwurf der „Ostalgie“ auszusetzen? Und kam der Vorwurf überhaupt?

 

Mawil: Der kam bisher noch nicht, ich war auch überrascht. Zehn Jahre früher hätte es vielleicht noch anders ausgesehen. Jetzt ist es mittlerweile so lange her, dass es zumindest unter den jüngeren Lesern „verjährt“ ist. Sie kennen ohnehin keinen Unterschied mehr zwischen Westen und Osten. Ich weiß, dass jeder, der fünf oder zehn Jahre älter ist als ich, unter diesem Land viel mehr gelitten hat. Als jugendlicher Mensch willst du aufbegehren, du willst raus und Sachen erleben, da wäre auch mir dieses Land zu eng geworden. Ich hatte das Glück, dass dieses Land nur so lange existiert hat, wie ich noch Kind war und in einer behüteten, altmodischen Welt wohnte. Als es dann drohte, zu eng zu werden – mit 12, 13 oder 14 – da ging es mit diesem Land zu Ende, und die Welt stand mir offen.

lesepunkte: Das meinst du wahrscheinlich damit, wenn du sagst, dass der Mauerfall genau zum richtigen Zeitpunkt für dich kam.

 

Mawil: Genau!

lesepunkte: Du warst wie Mirco 13 Jahre, als die Mauer fiel. Weißt du noch, was du bei deinem ersten Ausflug in den Westen gemacht hast? Hast du wie Mirco als erstes einen Tischtennisschläger gekauft?

 

Mawil: Genau! Das Buch ist wie gesagt nicht autobiographisch, aber der erste Westbesuch von Mirco und seinen Eltern ist ziemlich genau so dargestellt, wie es bei uns in der Familie war.

lesepunkte: Du wurdest von einigen Zeitungen als der Woody Allen der deutschen Comicszene bezeichnet, der unscheinbare Außenseiter zu seinen Protagonisten macht. Warum werden wir in einem Mawil-Comic nie einem Superhelden begegnen, wie wir sie aus den DC- und Marvel-Universen kennen?

 

Mawil: Wenn überhaupt, dann aus dem Marvel-Universum [lacht]. Aber nein, Superhelden liegen mir nicht. Das ist mir zu unrealistisch. Ich kann mich da nicht hineinversetzen, weil es zu unlogisch aufgebaut ist. Der eine hat diese Superkräfte, der andere hat wiederum andere Superkräfte. Aber es gelten keine physikalischen Regeln, mit denen man sich ausrechnen kann, was passiert, wenn die beiden sich treffen. Da wird die Logik immer so zurecht gebogen, damit es passt, was für mich nicht nachvollziehbar ist.

(Interview: Philipp Scherber) 

 

 

Empfohlene Zitierweise

Interview mit Mawil (Philipp Scherber). In: lesepunkte 9 (2014), Nr. 4, URL: http://www.lesepunkte.de/no_cache/persistent/artikel/10618/

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Erstellt: 16.12.2014

Zuletzt geändert: 16.12.2014

Kurzbiographie


Markus Witzel wurde 1976 in Ost-Berlin geboren und studierte nach dem Abitur Grafikdesign. Bereits zu dieser Zeit veröffentlichte er seine Comics auf eigene Faust oder bei kleinen Verlagen. Wie es sich für einen Comiczeichner gehört, legte er sich auch einen Künstlernamen zu: Mawil ist seither sein Pseudonym sowie der Protagonist einiger halb-autobiographischer Werke.

Sein neues Buch "Kinderland" handelt von dem Siebtklässler Mirco Watzke, welcher ebenfalls einige Parallelen zum Autor aufweist. Im Ost-Berlin des Jahres 1989 kann Mirco sich weniger für die Pioniere aber umso mehr für ein geplantes Tischtennisturnier begeistern.

Auf dem Internationalen Comic Salon Erlangen wurde "Kinderland" als bester deutschsprachiger Comic 2014 ausgezeichnet.