Lewin, Waldtraut

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„Wirklichkeit muss nicht platt sein.“ 

Waldtraut Lewin über ihre neue Trilogie „Leonie Lasker, Jüdin“ und ihr Faible für den „magischen Realismus“ 

 


lesepunkte: Sehen Sie sich als Schriftstellerin mittlerweile eigentlich in der Schublade „Jugendbuchautorin“?

 

Waldtraut Lewin: Ich hoffe nicht, obwohl ich sehr viele Jugendbücher in letzter Zeit geschrieben habe. Ich denke, dass es außerdem eher so genannte „All-Age-Books“ sind, die nicht auf einen Leserkreis beschränkt sind, der sich mit 20 Jahren von diesen Büchern verabschiedet – die werden ja von allen Altersgruppen gelesen. 

lesepunkte: Ihre jüngste Trilogie „Leonie Lasker, Jüdin“ wird aber schon als Jugendlektüre vermarktet – hatten Sie denn einen jugendlichen Leser vor Augen beim Schreiben? 

 

Waldtraut Lewin: Nö. Ich habe einen „normalen“ Leser vor Augen. Ich halte mich vielleicht bei stilistischen Extravaganzen ein bisschen stärker zurück und erotisiere weniger, als ich das in einem Roman für Erwachsene täte. 

lesepunkte: Bemühen Sie sich auch, mehr zu erklären, als Sie dies in einem „normalen“ Roman täten? 

 

Waldtraut Lewin: Das drückt mir mein Lektor immer auf. Es gibt so ein Geheimwort bei uns: „Jule“ – das ist die Abkürzung für „der jugendliche Leser“. Dann sagt er immer: „Das versteht Jule nicht, das musst Du erklären.“ 

lesepunkte: Und dann flickt man noch ein bisschen und baut noch etwas an? 

 

Waldtraut Lewin: Ja natürlich, dann muss man noch etwas einbauen. 

lesepunkte: Die Handlung und der Hintergrund Ihrer Trilogie sind doch auch sehr komplex für jugendliche Leser und setzen einiges voraus. Die Protagonistin Leonie Lasker lebt in einem jüdischen Kontext, der erklärt werden muss… 

 

Waldtraut Lewin: … ja sicher, das muss man vor allen Dingen, weil da doch eine beklagenswerte Unwissenheit festzustellen ist… 

lesepunkte: … und dann begeistert sich Leonie auch noch für die Theaterszene der 1920er Jahre. Das ist ja auf mehreren Ebenen eine fremde Welt für junge Leser. Was setzen Sie da überhaupt voraus? 

 

Waldtraut Lewin: Na, ich setze ein gewisses geschichtliches Grundwissen voraus, das denke ich schon. Dass man weiß, was sich zwischen den Weltkriegen abgespielt hat, wie es zum Faschismus gekommen ist, was Inflation bedeutet hat, wie diese ganze völkische Szene entstanden ist und welchen Hintergrund etwa der „Hitlerputsch“ hatte. Zumindest in groben Zügen sollte man das wissen. Aber auch erwachsene Leser waren zum Beispiel sehr erstaunt darüber, dass 1923 in Berlin schon so etwas wie ein Pogrom stattgefunden hat.

lesepunkte: Also zeigen Sie mit dieser Trilogie, dass die Nazizeit in Deutschland auch eine Vorgeschichte hat? 

 

Waldtraut Lewin: Ja, dass es eine gewachsene Angelegenheit ist. Tendenzen hat es ja schon vor dem Ersten Weltkrieg gegeben, schon seit der Jahrhundertwende. Der verlorene Krieg hat natürlich in unheimlicher Weise dazu beigetragen, die Massen für diesen braunen Unsinn zu sensibilisieren. Das Gefühl der Demütigung und des Verlorenseins, dazu noch die wirtschaftliche Not haben die Durchsetzung dieser radikalen Tendenzen begünstigt. 

lesepunkte: Dramaturgisch interessant ist ja auch, dass der Antisemitismus in der Familie Lasker selbst stattfindet. Die Familie hat jüdische Wurzeln, was der Vater, der ein strammer Deutschnationaler ist … 

 

Waldtraut Lewin: … völlig verdrängen will. Der will damit nichts mehr zu tun haben. Dafür gibt es ja reale Vorbilder. Viele deutsche Juden haben sich im Ersten Weltkrieg freiwillig gemeldet und sind stolz mit dem Eisernen Kreuz durch die Gegend gelaufen und haben sich als Deutsche gefühlt. Als Leute, die sich assimiliert haben – das ist sicher kompliziert und das muss man den Jugendlichen verständlich machen, dass bestimmte Sachen nicht eindeutig definiert sind. 

lesepunkte: Und die Heldin Leonie Lasker macht sich im Grunde auf die Suche nach ihren jüdischen Wurzeln? 

 

Waldtraut Lewin: Ja, aber Sie muss im Roman erst in die Pyrenäen zu einem Teil ihrer Verwandtschaft reisen, der diese Wurzeln lebendig gehalten hat, um darauf zu gestoßen zu werden. Dort trifft sie sozusagen ihre Ahnfrau, die Visionen vom ungeheuren Leid hat, das den Juden widerfahren wird. Sie schickt Leonie auf die Suche nach drei mysteriösen goldenen Buchstaben, die auf ihre in Berlin, Wien und Spanien lebenden Brüder verteilt wurden. 

lesepunkte: Was hat es damit eigentlich auf sich? Sie mischen hier ja die reale politische Situation der 1920er Jahre mit fantastischen Elementen – mit diesen drei goldenen Zeichen, die mit der alten Legende vom Golem zusammenhängen. Welche Idee steht dahinter? 

 

Waldtraut Lewin: Es ist generell so, dass ich es liebe, die Stile zu vermischen. Ich würde mich gerne in einer Tradition sehen, die in Deutschland vielleicht bei E.T.A. Hoffmann anfängt, der ja auch von der realen Welt in völlig magische Geschichten überwechselt, etwa in „Der goldne Topf“ oder in „Klein Zaches, genannt Zinnober“. In der lateinamerikanischen Literatur gibt es zum Beispiel den sogenannten „magischen Realismus“, von dem ich mich sehr angezogen fühle. Das sind Dinge, von denen ich mich als Schreibende sehr angezogen fühle: Dass man so minutiös und so genau wie möglich Realität beschreiben muss, dass aber in der Realität sozusagen Löcher sind für die Phantasie oder das Phantastische. Ich denke das ist auch wichtig für junge Leser, um ihnen den Blick dafür zu öffnen, dass Wirklichkeit nicht platt sein muss. Es müssen ja nicht immer gleich komplett andere Welten sein, wie Zauberschulen zum Beispiel. 

lesepunkte: Und die Geschichte mit den drei goldenen Buchstaben? 

 

Waldtraut Lewin: Diese Geschichte mit den drei Buchstaben und dem Golem ist eine alte jüdische Sage, die aus Prag stammt. Das Wort „Wahrheit“ (hebräisch „EMETh“) auf der Stirn des Golems erweckt ihn zum Leben, damit er den bedrängten Juden beistehen kann. Für mich waren diese drei Buchstaben auch ein willkommener Anlass, durch drei europäische Zentren zu hüpfen und in diesen drei Metropolen aufzuzeigen, dass der Faschismus nicht nur eine deutsche Angelegenheit war. Spanien war etwa schon völlig faschisiert. So konnte ich eben ein Panorama des Europas dieser Zeit skizzieren. 

lesepunkte: Eine europäische Kulisse dieser Zeit wieder auferstehen zu lassen bedeutet doch auch eine enorme Hintergrundarbeit für Sie? 

 

Waldtraut Lewin: Natürlich steckt da viel Recherche drin, es gibt aber mehr interessantes Material darüber, als man denkt. Gerade über das alte Wien oder das alte Berlin gibt es doch erstaunlich viele Bildbände. Vom Berliner Scheunenviertel waren ja nach dem Zweiten Weltkrieg nur noch Reste übrig. Auch über die jüdischen Theater, von denen es dort eine Vielzahl gab, findet man sehr gut recherchiertes Material. Das war also eine sehr spannende Recherche. 

lesepunkte: Denken Sie, dass sich diese Art von historischem Roman auch im Schulunterricht einsetzen lässt? Machen Sie denn bei Schullesungen die Erfahrung, dass die Schülerinnen und Schüler ihre Romane auch tatsächlich gelesen haben? 

 

Waldtraut Lewin: Zum Teil ja. Diese Trilogie ist ja nun brandneu auf dem Markt, aber meine Trilogie „Ein Haus in Berlin“ ist tatsächlich auch Schulstoff geworden. In Dresden wird von mir auch „Marek und Maria“ gelesen, weil es sich mit der Zerstörung Dresdens im Zweiten Weltkrieg auseinandersetzt. Das sind Bücher, die wirklich gelesen werden. Gestern war ich auf einer Lesung in einer Buchhandlung, in der auch vier junge Mädchen – es sind ja doch meist Mädchen, die historische Romane lesen – mit ihrem Buch ankamen und ein Autogramm wollten. Sie waren vor allem von Schlomo begeistert, das ist der Liebhaber von Leonie, der zum Ende des ersten Bandes erschossen wird. 

lesepunkte: Werden solche Romanfiguren wie Leonie Lasker lebendiger, wenn man Autobiographisches einfließen lässt – deren Begeisterung für das Theater ist ja auch Ihre eigene? 

 

Waldtraut Lewin: Das ist natürlich auch meine eigene Begeisterung, ich komme vom Theater. Je näher man an einer Geschichte dran ist, die man erzählt, umso intensiver kann man darüber schreiben. 

lesepunkte: Das trifft dann auch für die Auseinandersetzung mit dem eigenen Jüdischsein zu? 

 

Waldtraut Lewin: Ja, auch das. Das hat bei mir auch relativ spät eingesetzt, weil sich meine Familie ähnlich aufgeführt hat, wie der Vater von Leonie Lasker. 

lesepunkte: Auch so dramatisch? 

 

Waldtraut Lewin: Nein, mein Großvater hat sich einen „Ariernachweis“ gekauft und meine Familie ist während der ganzen Nazizeit in Deutschland geblieben. Erst zwei, drei Jahre nach dieser Zeit hat mir meine Mutter davon erzählt – und ich fiel aus allen Wolken. Ich habe mich dann intensiv damit beschäftigt und auch überlegt, ob ich zum religiösen Judentum konvertieren sollte. Das religiöse Bekenntnis musste es dann aber doch nicht sein, auch wenn ich mich jüdisch fühlte. Für Orthodoxe ginge das natürlich nicht, da muss es über das Religiöse definiert werden, aber da gibt es ja zum Glück auch andere Tendenzen.

lesepunkte: Sie haben ja in der DDR gelebt, wie sah denn dort die Auseinandersetzung mit dem Judentum aus? 

 

Waldtraut Lewin: Die war eigentlich mehr oder weniger nicht vorhanden. Das Judentum wurde genauso wie alle anderen Religionsgemeinschaften geduldet und man kümmerte sich nicht darum. Ich weiß aber auch, dass eine Reihe von Leuten, die nach der Migration zurück nach Deutschland gekehrt sind, das genossen haben. Die sind in die Synagoge gegangen und haben ihr Leben gelebt und waren froh, dass nicht immerzu darüber geredet wurde und nicht pausenlos gesagt wurde „Du bist doch eigentlich Jude“. Was die Auseinandersetzung mit der Schuld während der NS-Zeit betrifft, da war es offiziell einfach so, dass man sagte, die Kommunisten in der DDR waren die Guten – und die Bösen saßen jetzt in der Bundesrepublik. 

lesepunkte: Sie haben auch damals zu DDR-Zeiten Bücher geschrieben, die immer noch Dauerbrenner sind, wie zum Beispiel den biographischen Roman „Federico“ über den Hohenstaufenkönig Friedrich II. (1215-1250). Was ist das Zeitlose an diesen Büchern, das immer noch Begeisterung auslöst? 

 

Waldtraut Lewin: Zu DDR-Zeiten boten diese Bücher eine Art Flucht. Die Themen hatten nichts mit dem „sozialistischen Realismus“ zu tun, es ging also nicht darum, dass der Parteisekretär ein Verhältnis mit der Brigadechefin hatte oder um irgendwelche ideologischen Probleme. Es waren andere Welten, exotische Welten, die in meinen Büchern gezeigt wurden. Und in diesen exotischen Welten aber andererseits wieder Menschen, mit denen man atmen und leben und lachen und weinen konnte. Und das war, glaube ich, das Faszinierende an diesen Büchern. Bei der Lesung gestern kamen zum Beispiel auch wieder drei oder vier ältere Herrschaften mit einer Tasche von Originalausgaben, die ich alle signieren sollte. Die waren schon ganz vergilbt und sahen so aus, dass man dachte, „das fällt ja bald auseinander“ – das Papier in der DDR war ja sehr schlecht.  

lesepunkte: Sie haben ja neben den Büchern auch Hörspiele geschrieben und sogar „Rockopern“. 

 

Waldtraut Lewin: Ich war ja am Theater und habe unter anderem Händel-Opern übersetzt und auch inszeniert. Das Theater ist natürlich die andere Schiene auf der ich lebe und arbeite, das war für mich unheimlich wichtig. 

lesepunkte: Und wie haben Sie es geschafft, diese große Anzahl von Büchern zu verfassen – sind die am Reißbrett entstanden? 

 

Waldtraut Lewin: Überhaupt nicht. Reißbrett geht überhaupt nicht. Ich weiß, dass es Kollegen gibt, die sich wirklich tolle Pläne machen – ich kann das gar nicht. Ich habe irgendeinen Plot oder eine Figur, die mich fasziniert, und dann wächst das organisch. Wenn ich mich an mein Schreibzeug setzte, weiß ich oft nicht, wie sich die nächste Szene entwickeln wird. Das sagen mir die Figuren auch manchmal. 

lesepunkte: Wie bekommt man den dann am Ende wieder die Fäden zusammen, wenn man so impulsiv schreibt? 

 

Waldtraut Lewin: Gott sei Dank gibt es ja auch immer noch einen Lektor. Manchmal bin ich wirklich heilfroh über diese Hilfe. Im ersten Band von „Leonie Lasker“ steht deshalb auch eine Widmung für meinen Lektor Burkhard Heiland: „sensibler und unerbittlicher Lotse durch die Klippen meiner Phantasie“. Manchmal bordet das eben über und ich weiß, dass es dann noch jemanden gibt. Sehr hilfreich – manchmal aber auch sehr lästig [lacht]. 

(Interview: Jochen Pahl)

 

 

Empfohlene Zitierweise

Interview mit Waldtraut Lewin (Jochen Pahl). lesepunkte 5 (2010), Nr. 2, in: lesepunkte, URL: http://www.lesepunkte.de/no_cache/persistent/artikel/7694/

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Erstellt: 20.05.2010

Zuletzt geändert: 20.05.2010

Kurzbiographie

Waldtraut Lewin, geboren 1937, studierte Germanistik und Theaterwissenschaft in Berlin und arbeitete als Opernübersetzerin, Dramaturgin und Regisseurin zunächst am Landestheater Halle und dann am Volkstheater Rostock. Seit 1978 lebt sie als freischaffende Autorin von Romanen, Hörspielen und Drehbüchern, für die sie zahlreiche Auszeichnungen erhielt. Für den ersten Band der Trilogie „Leonie Lasker, Jüdin“ wurde sie von jugendlichen Lesern mit dem Preis der "Goldenen Leslie" ausgezeichnet.

Quelle: Verlag

Leonie Lasker, Jüdin. Die drei Zeichen (Band 1), cbj 2010, ISBN 978-3-570-40003-6

Leonie Lasker, Jüdin. Dunkle Schatten (Band 2), cbj 2010, ISBN 978-3-570-40004-3

Leonie Lasker, Jüdin. Welt in Flammen (Band 3), cbj 2010, ISBN 978-3-570-40020-3