Lange, Kathrin

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„Jungs wollen Action-Romane lesen, ganz klare Sache“ 

Kathrin Lange über mittelalterliche Forscher und Leser von historischen Romanen. 

 


lesepunkte: Sie haben mit „Die verbrannte Handschrift“ jetzt Ihr erstes Jugendbuch geschrieben. Wie sind Sie dazu gekommen, nachdem Sie ja bereits erfolgreiche Autorin von Erwachsenen-Romanen sind?

 

Kathrin Lange: Mir ist die Idee zur verbrannten Handschrift bei der Arbeit an meinem ersten historischen Roman „ Jägerin der Zeit“ gekommen. Das war einfach so ein Geistesblitz, den ich mal hatte, als ich mich mit meinem kleinen Sohn über Bücherverbrennung unterhalten habe und über die Frage, ob Bücher überhaupt brennen. Da ich mich mit „ Jägerin der Zeit“ intensiv mit dem 10. Jahrhundert beschäftigt hatte, habe ich das Buch dann auch in dieser Zeit angesiedelt.

lesepunkte: Da haben Sie sich ja gerade die dunkelste Zeit des Mittelalters ausgesucht.

 

Kathrin Lange: Das stimmt ein bisschen. Mich fasziniert die Zeit aber, weil in ihr schon ein ganz früher Beginn der Wissenschaften nachweisbar ist. In meinem Roman „ Jägerin der Zeit“ beschäftige ich mich zum Beispiel mit der Figur des Gerbert von Aurillac, und das ist einer der ersten Mathematiker im mittelalterlichen Europa gewesen.

lesepunkte: Ihr jüngst erschienenes Buch „Das achte Astrolabium“ – ein Erwachsenenroman – handelt auch wieder von dem gefährlichen Weg, den mittelalterliche Forscher gehen mussten, um gegen die Kirche zu einem wissenschaftlich korrekten Weltbild zu kommen. Ist das ein Leitmotiv in Ihren Büchern?

 

Kathrin Lange: Ich sträube mich ein bisschen gegen die allgemein verbreitete Sichtweise, dass die Kirche generell wissenschaftsfeindlich war. Denn eigentlich stimmt dieses Bild so nicht ganz. Gerade bis zum Ende des 14. Jahrhunderts war die Kirche die Institution, die Wissenschaft betrieben hat. Man konnte nur an Bildung kommen, wenn man in einem Kloster war oder in irgendeiner Form mit der Kirche zu tun hatte. Dass die Kirche sich gewehrt hat gegen wissenschaftliche Erkenntnisse, kam im Grunde erst mit Galileo. Also sehr viel später und nicht mehr im Mittelalter – insofern ist unser heutiges Bild vom wissenschaftsfeindlichen Mittelalter ein bisschen schief. Aber klar, es ist schon ein Thema, das mich sehr interessiert und umtreibt.

lesepunkte: Ihre Geschichten werden meist von weiblichen Helden getragen. Finden Sie, dass die historischen Frauengestalten in der Literatur zu kurz kommen?

 

Kathrin Lange: In der Literatur wohl nicht, eher in der Wahrnehmung der Historiker. Es ist aber auch schwierig, weil Frauen einfach in den Zeiten, in denen meine Romane spielen, nicht so extrem in den Vordergrund getreten sind. Bis auf einzelne Persönlichkeiten, wie etwa Hildegard von Bingen. Normalerweise hatten Frauen im Mittelalter nicht die Möglichkeiten, die Männer hatten und das ist eben einer der Gründe dafür, dass sie wenig in Erscheinung treten. In dieser Hinsicht sind natürlich sämtliche historischen Romane ein bisschen unrealistisch, weil Sie ganz häufig Frauenfiguren finden, die dann auch eine tragende Rolle spielen.

lesepunkte: Und das liegt wohl daran, dass hauptsächlich Leserinnen diese Bücher kaufen?

 

Kathrin Lange: Mein Verlag hat mir gegenüber einmal die Zahl 95 Prozent in den Raum geworfen. Ob das stimmt, weiß ich nicht, es erscheint mir doch sehr viel – aber die werden das wohl wissen. Also: 95 Prozent der Leser sind Frauen!

lesepunkte: Es gibt vom Verlag also auch die Vorgabe, dass der Held weiblich sein soll, weil sich das Buch sonst nicht verkauft?

 

Kathrin Lange: Genau. Es kommt auch vor dass das Lektorat mich bittet, zwei tragende Frauenfiguren zu verwenden. Das war zum Beispiel bei meinem neuen Buch „Das achte Astrolabium“ so. Und so musste ich mir eben noch eine zweite Figur ausdenken. Auch so etwas ist durchaus üblich.

lesepunkte: Und dann muss es auch auf eine Liebesgeschichte hinauslaufen?

 

Kathrin Lange: Nicht immer. Es gibt Autoren, die da eher spartanisch sind. Rebecca Gablé fällt mir spontan ein. Zumindest bei den Romanen, die ich von ihr gelesen habe, geht es meist nur am Rande um eine Liebesbeziehung. Aber mir gefällt es einfach besser und ich schreibe es gerne und deswegen taucht es in meinen Büchern eigentlich jedes Mal auf.

lesepunkte: Im Jugendbuchbereich gibt es ja dasselbe Phänomen, dass hauptsächlich Mädchen die Leser sind. Sie haben selbst zwei Söhne, durften die Ihr Manuskript testlesen?

 

Kathrin Lange: Die sind noch ein kleines bisschen zu jung dafür. Sie haben es versucht, es dann aber frustriert in die Ecke geschmissen, weil es einfach vom Thema her noch nicht für sie geeignet war. Als ich das Buch vor drei Jahren geschrieben habe waren sie zehn und acht –zu jung für die Geschichte. Abgesehen davon ist es natürlich eine Mädchengeschichte, es kommt auch eine Liebesbeziehung vor. Eine ganz zarte jedenfalls. Und das ist für meinen großen Sohn schlicht und ergreifend uncool.

lesepunkte: Was glauben Sie, wie man Jungs zum Lesen verführen kann?

 

Kathrin Lange: Ich habe dazu gerade eine ganz interessante Erfahrung gemacht. Mein großer Sohn liest im Moment sehr begeistert „Eragon“ und ich habe ihn gefragt, was ihn daran so fasziniert. Da kam die ganz klare Aussage: Das ist das Schlachtengetümmel. Und ich glaube, dass die Verlage das auch erkannt haben und in diese Richtung gehen. Also Jungs wollen Action-Romane lesen, ganz klare Sache. Hier bietet sich  eine gute Möglichkeit, sie zum Buch zu bekommen.

lesepunkte: Sie haben selbst Erfahrung sammeln können mit einer Schreib-AG der Robert-Bosch-Gesamtschule in Hildesheim. Aus dem Projekt ist dann auch ein Buch entstanden: „Lea und Patrick und die geheimnisvollen Bücher“. Wie ist es denn mit dem Schreiben gewesen, ist das den Jungs und Mädchen leicht gefallen?

 

Kathrin Lange: Also ich gestehe, ich war zunächst ein bisschen verblüfft, als ich feststellte, dass ich zwei Jungs in der AG hatte – und dann ist später im Laufe des Schuljahrs sogar ein dritter dazugekommen. Ich habe erst gedacht, „mal gucken, was dabei rauskommt“, weil ich von meinen eigenen Söhnen weiß, dass sie relativ schnell das Interesse verlieren, wenn es anstrengend wird. Und ich wusste, dass es ein anstrengendes Projekt wird. Dann war ich aber sehr verblüfft, wie begeistert und wie gut die gerade Elfjährigen bei der Sache waren. Das gilt übrigens auch für die Mädchen. Die Storys, die da herausgekommen sind, das war wirklich unglaublich. Da lagen Talente verbogen, von denen ich schwer beeindruckt bin.

lesepunkte: Skizzieren Sie doch mal so eine Story, die in der AG entstanden ist.

 

Kathrin Lange: Wir hatten am Anfang das Problem, dass wir uns nicht auf ein bestimmtes Genre einigen konnten. Wir haben uns dann herauslaviert, indem jeder seine eigene Geschichte geschrieben hat, die durch eine Rahmenhandlung verbunden werden sollte. Wir hatten zum Beispiel so unterschiedliche Stoffe, wie eine Pferdestory und eine historische Geschichte. Der obligatorische Fantasyroman mit Drachen sollte vorkommen, eine Geistergeschichte, ein Krimi, eine Abenteuergeschichte und eine mit Nixen.

lesepunkte: Sie haben ja selbst lange Jahre Erfahrungen in der Buchbranche sammeln können. Sie waren Verlagskauffrau und dann auch Buchhändlerin. Wie sind Sie denn selbst zum Schreiben gekommen?

 

Kathrin Lange: Im Prinzip hat meine Berufswahl schon auf diesem Aspekt aufgebaut. Ich schreibe Geschichten, seitdem ich vierzehn Jahre alt bin und interessiere mich schon solange ich denken kann für Bücher und das Lesen. Da lag die Berufwahl relativ nahe.

lesepunkte: Wenn Sie Ihre Stoffe konstruieren, wie versuchen Sie da Faction und Fiction zu mischen?

 

Kathrin Lange: Ich bin eine Autorin, die viel Wert auf intensive und gründliche Recherche legt. Was mich häufig auch handicapt, weil meine Geschichten dann nicht so funktionieren, wie ich es gerne hätte. Ich werde da manchmal ein bisschen gebremst, etwa vom Verlag, der mir sagt: „Du schreibst einen Roman! Bleib bei Deiner Richtung und versuch es so realistisch wie möglich zu machen, aber wenn’s nun gar nicht geht, dann benutze die Phantasie.“ Das mache ich natürlich auch. Viele Informationen bekommt man ja über manche historische Persönlichkeiten nicht. Ich habe jetzt eine Figur am Wickel, über die habe ich, wenn ich alles zusammentrage, vielleicht 2 Din-A4-Seiten Wissen. Da haben Sie natürlich dann alle Freiheiten, weil Sie nicht wissen, wann der Mann geboren ist oder wo er seine Kindheit verbracht hat. Das können Sie sich dann ausdenken und so mache ich es auch.

lesepunkte: Wenn Sie sich in Ihre historischen Themen einarbeiten, denken Sie dann auch noch gerne an Ihren Geschichtsunterricht zurück?

 

Kathrin Lange: Nein, eher nicht. Das liegt daran, dass ich in der Schule – wie interessanterweise viele Leute, die sich als Erwachsene sehr intensiv mit Geschichte beschäftigen – den Geschichtsunterricht gehasst habe. Er war mir zu trocken und zu neuzeitlich. Ich interessiere mich nicht so sehr für neuere deutsche Geschichte und das Mittelalter wurde damals ziemlich schnell abgehandelt. Danach war es für mich nicht mehr so interessant.

lesepunkte: Haben Sie denn jetzt auch wieder ein neues Jugendbuchprojekt?

 

Kathrin Lange: Ich schreibe gerade sehr intensiv an einem zweiten Jugendroman, der allerdings nicht im Mittelalter spielen wird sondern in der Renaissance-Zeit.

lesepunkte: Können Sie da schon was verraten?

 

Kathrin Lange: Es kommen zwei verschiedene historische Persönlichkeiten vor, ich bewege mich da unter anderem auch auf dem astronomischen Gebiet. Ich habe einen relativ berühmten Astronomen am Wickel, der kurz vor Kopernikus gelebt hat. Sein Name ist Regiomontanus. Er ist nicht ganz so bekannt, aber dennoch eine sehr spannende Persönlichkeit. Und es ist die Zeit, in der Heinrich Krämer den Hexenhammer geschrieben hat, und der wird auch auftauchen im Roman.

lesepunkte: Sie sind ja im kommenden März bei uns in Köln zu Gast, bei lesepunkte und der Lit.Cologne. Was ist das für eine Erfahrung, auf einer Lesereise mit Ihren Lesern Aug in Aug zu sitzen?

 

Kathrin Lange: Ich finde das sehr schön und genieße es auch sehr, direktes Feedback von meinen Lesern zu bekommen. Es macht mir einfach viel Spaß, mich mit den Menschen über das, was ich geschrieben habe, zu unterhalten. Wenn mir dann noch gesagt wird, dass die Leute meine Bücher mögen, ist das noch mal so schön, das ist ja klar. Also ich gehöre nicht zu den Autoren, die sich am liebsten in ihr Kämmerlein eingraben und nicht in die Welt hinaus möchten, ich genieße das schon sehr.

(Interview: Jochen Pahl) 

 

 

Empfohlene Zitierweise

Interview Kathrin Lange. lesepunkte 2 (2007), Nr. 1, in: lesepunkte, URL: http://www.lesepunkte.de/no_cache/persistent/artikel/4903/

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Erstellt: 13.02.2007

Zuletzt geändert: 13.02.2007

Kurzbiographie

Kathrin Lange

1969 in Goslar geboren, lebt mit ihrer Familie in der Nähe von Hildesheim; gelernte Verlagskauffrau und Buchhändlerin; freiberufliche Mediendesignerin und seit 2004 Autorin historischer Romane für Rowohlt und historischer Jugendbücher für den S. Fischer Verlag.

E-Mail: kathrin.lange(at)federwelt.de

http://www.kathrin-lange.de

Wichtigste Veröffentlichungen:

 
“Jägerin der Zeit”, historisch-astronomischer Roman, 528 S. gebunden bei Kindler 2005, als Taschenbuch bei Rowohl 2006

“Das achte Astrolabium”, historisch-astronomischer Roman, 522 S., gebunden bei Kindler 2006

“Die verbrannte Handschrift”, historischer Jugendroman, 364 S., gebunden bei Fischer Schatzinsel 2006