Kreitz, Isabel

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„Das Image des Comics hat sich gewandelt, weil neue Themen über das gängige Klischee hinausgehen.“ 

Isabel Kreitz über den Erfolg der Graphic Novel und faszinierende Funde auf alten Dachböden 

 


lesepunkte: Ist dieses Atelier hier in Hamburg Ihr täglicher Arbeitsraum?

 

Isabel Kreitz: Ja – ich sitze hier jeden Tag, also jeden Arbeitstag, so neun bis zehn Stunden. Und am Wochenende auch ein bisschen.

lesepunkte: Spielt Hamburg als Stadt auch eine große Rolle in Ihrer Arbeit? Hier spielt ja auch Ihre Graphic Novel (dt. „Comicroman“) „Die Entdeckung der Currywurst“ (nach einer Novelle von Uwe Timm).

 

Isabel Kreitz: Ja, auf jeden Fall. Ich war eigentlich immer der Meinung, dass man am besten Geschichten über Dinge erzählt, die man kennt, und über Räume, in denen man sich bewegt. Damit das dann authentischer aussieht. Mit dem letzten Buch „Die Sache mit Sorge“ bin ich jetzt zum ersten Mal von dieser Linie abgewichen.

lesepunkte: Sie leben nun auch schon seit über zehn Jahren mit dem Etikett, die „beste Comiczeichnerin Deutschlands“ zu sein…

 

Isabel Kreitz: Ja, weil immer einer von dem anderen abschreibt. Es muss irgendwann mal ein Journalist etwas sagen, was ganz toll klingt, und dann liest man das zehn Jahre lang. Bedeuten muss das dann aber auch nicht viel.

lesepunkte: Hilft es trotzdem, wenn man bei Verlagen anklopft?

 

Isabel Kreitz: Natürlich freuen sich Verlage über Label, die sie aufkleben können, die beim Verkauf helfen. Insofern ist es sicher nützlich. Aber es ist eben so, wie bei Labels auf Waschmittelpackungen. Es hilft natürlich immer, wenn da „sauberer“, „frischer“ und „weißer“ draufsteht.

lesepunkte: Wie sieht es überhaupt mit dem Renommee von Comics aus – hat sich da in den vergangenen Jahren etwas verändert? Ihre letzte Graphic Novel „Die Sache mit Sorge. Stalins Spion in Tokio“ ist ja zum Beispiel in den Kulturteilen aller großen Zeitungen ausführlich besprochen worden.

 

Isabel Kreitz: Das hängt sicher mit dem allgemeinen Phänomen zusammen, dass sich die Graphic Novel plötzlich durchgesetzt hat. Die Stoffe lagen schon länger in der Luft, es gab aber noch nicht die Bereitschaft der Verlage, diese Sachen zu publizieren. Nun gibt es diese Bereitschaft eher und es wird mehr publiziert. Dadurch ändert sich das Image des Comics ein bisschen, weil die neuen Themen über das gängige Klischee vom Comic hinausgehen. Und über diese Themen ist es einfacher geworden, die Graphic Novels in den Buchläden zu platzieren.

lesepunkte: Was unterscheidet denn die Graphic Novel vom „normalen“ Comic, ist sie nur eine Spielart?

 

Isabel Kreitz: Ganz profan gesagt, ist sie einfach dicker. Durch die größere Seitenzahl kann man komplexere Geschichten erzählen, dadurch ändern sich auch die Inhalte der Comics. Vorher gab es eben das Korsett der „Alben“ mit 46 oder 64 Seiten. In diesem Format kann man eben nicht viel Story unterbringen.

lesepunkte: Das ist das klassische Format, das man von „Asterix und Obelix“ oder „Tim und Struppi“ her kennt?

 

Isabel Kreitz: Genau, das „Album-Format“, das aus dem franko-belgischen Raum stammt. Ich denke, dass der Manga geholfen hat, das aufzubrechen. Es gibt ja auch einige sehr gute Mangas, die nicht im Kinder-Segment stattfinden. Zum Beispiel „Barfuss durch Hiroshima“ oder am Anfang auch „Akira“. Das hat mit den Weg bereitet für die Graphic Novel, die selbst ja eigentlich aus Amerika kommt.

lesepunkte: Und die Graphic Novel bearbeitet meist literarische Stoffe?

 

Isabel Kreitz: Nicht nur. Es gibt auch viele Biographien, die in diesen Büchern Ihren Platz finden. Einer der Bestseller in meinem Verlag, bei Carlsen, ist die Biographie über Johnny Cash von Reinhard Kleist. Ich glaube, der erste Erfolg bei Carlsen war eine Lizenz aus den USA, der Titel „Berlin“ von Jason Lutes. Eine historische Trilogie, die in der Weimarer Republik spielt und von der gerade der dritte Teil entsteht.

lesepunkte: Wie sind Sie auf die Geschichte von Richard Sorge gestoßen?

 

Isabel Kreitz: Das war während einer Reise nach Japan im Jahr 2000. Da wurde ich zusammen mit einem befreundeten japanisch-deutschen Pärchen eingeladen, in Osaka, der Partnerstadt Hamburgs, eine Ausstellung zu gestalten. Auf dieser Reise habe ich alle möglichen Themen eruiert, weil mich Japan sehr fasziniert hat. Auch, wie man Japan aus deutscher Sicht darstellen kann. Da kam dann schnell die Rede auf die Figur des Dr. Sorge, der als Deutscher im Japan der 1940er Jahre diese Sicht ermöglicht.

lesepunkte: Welchen Anteil hat in Ihrer Geschichte Fiktion und welchen das historisch Authentische?

 

Isabel Kreitz: Meine Motivation war natürlich in erster Linie, eine gute Geschichte zu erzählen. Die sollte aber auch so glaubhaft sein, dass sie auf Fakten beruhen musste. Ich denke, der von mir ausgedachte Anteil besteht eher darin, dass ich Fakten zusammengezogen habe oder ein bisschen dramatisiert habe, um visuell erzählen zu können.

lesepunkte: Wenn Ihnen so etwas begegnet wie die Geschichte von Richard Sorge, denken Sie dann auch sofort in Bildern?

 

Isabel Kreitz: Ja, schon. Es springt einen ja manchmal so an, wenn man Bücher über Zeitzeugen liest. Da kommen neben den ganzen Zahlen und Fakten immer auch Anekdoten auf den Tisch, die einem das Ganze visuell erscheinen lassen. Damit fängt es dann an, man strickt mehr Fleisch herum und irgendwann ist es eine ganze Geschichte.

lesepunkte: Es gibt da ja zwei Ebenen, die Bilder erzählen eine Geschichte und der Text auch. Was ist bei Ihnen zuerst da?

 

Isabel Kreitz: Das ist schwer zu beschreiben, weil es bei mir persönlich parallel funktioniert. Ich versuche, keine Doppelungen aufkommen zu lassen. Also Elemente, die man im Bild erzählen kann, sollten nicht noch einmal im Text verbraten werden. Ich lege sehr großen Wert darauf, dass Ortswechsel nicht durch irgendwelche Hilfsmittel, wie zum Beispiel Textkästen, ersetzt werden. Mein Anspruch ist da ein filmischer Anspruch.

lesepunkte: Und die Inspiration für die Bildkomposition kommt dann auch sehr stark vom Film?

 

Isabel Kreitz: Eigentlich schon. Was aber auch damit zusammenhängt, dass man sich als Quelle oft auf Schwarz-Weiß-Fotos bezieht. Das führt dann dazu, dass sich diese Schwarz-Weiß-Fotos oft zu einer Art filmischen Sequenz verdichten.

lesepunkte: Wie lange arbeiten Sie an einer Seite?

 

Isabel Kreitz: Das kommt ganz darauf an. Manche Seiten sind sehr recherchelastig. Wenn es etwa um Stadtviertel in Tokio geht, von denen auch keine Fotos existieren, dann sitze ich fast länger an der Recherche zu der Seite als an der eigentlichen Umsetzung. Aber ich rechne ungefähr einen Tag pro Seite, alles inklusive: Vorzeichnung, Reinzeichnung und so weiter…

lesepunkte: Bei „Die Sache mit Sorge“ arbeiten Sie in einem sehr plastischen Stil; in den Bleistiftzeichnungen spielen Sie viel mit Licht und Schatten. Ist das Ihr persönlicher Stil oder könnten Sie sich auch vorstellen, von Buch zu Buch den Stil zu variieren? Sie hatten vorhin ja die franco-belgischen Comics angesprochen – dort hat man ja auch die „Ligne Claire“, einen flächigen Stil mit präzisen Konturen, der fast auf Plastizität verzichtet.

 

Isabel Kreitz: Das hängt natürlich auch mit der Repro-Technik zusammen. Die ist mittlerweile so ausgefeilt, dass es möglich geworden ist, mit subtileren Mitteln zu arbeiten. Also z.B. mit Bleistift oder mit Texturen in den Bildern. In meinem Fall war das so, dass ich mit ganz blockartigen Schwarz-Weiß-Zeichnungen angefangen habe, weil eben meistens über Fotokopierer publiziert wurde. Da war der Richtspruch noch: „Repro denken“ – also auch mit schlechtem Zeitungspapier und mit einem schlechten Druck das Maximum herausholen. Das hat sich inzwischen komplett geändert, darauf muss man keine Rücksicht mehr nehmen. Deshalb macht es mir großen Spaß, mir neue Stile auszudenken.

lesepunkte: Der Plot von „Sorge“ ist ja historisch anspruchsvoll: Ein deutscher Spion, der während des Zweiten Weltkriegs in der deutschen Botschaft in Tokio für die Sowjetunion spioniert. Woher kommt Ihr historisches Interesse?

 

Isabel Kreitz: Das lässt sich nicht so einfach beantworten, da gibt es viele Facetten, die dazu führten. In meiner Schulzeit habe ich mich überhaupt nicht mit Geschichte beschäftigen wollen. Das kam erst langsam durch die Lektüre historischer Romane und die Arbeit an den ersten Comics, die in der Hamburger Vergangenheit spielten. Und auch durch den wunderbaren Dachboden bei meinen Eltern, auf dem Koffer zu finden waren, mit alten Berliner Illustrierten aus den Kriegsjahrgängen und andere alte Dinge.

lesepunkte: Packt Sie dann da eine sinnliche Faszination für alte Objekte?

 

Isabel Kreitz: Ja auch. Aber ich sehe auch leidenschaftlich gerne alte Filme oder Stummfilme. Durch diese Schwarz-Weiß-Dramaturgie und die Optik wird eine besondere Stimmung erzeugt, die mich dann einfängt. Ich sammle auch Bildbände mit Schwarz-Weiß-Fotos und bin manchmal ganz überwältigt von den Lichtstimmungen und habe dann sofort Lust, das in einer Zeichnung umzusetzen.

lesepunkte: Wissen Sie denn, wer Ihre Leser sind?

 

Isabel Kreitz: Nein, das weiß ich nicht. Ich hoffe aber bei jedem Buch, dass Leser dazu kommen, die sich für die Themen begeistern, obwohl sie vorher kein Interesse an Comics hatten.

lesepunkte: Mal die ganz grundsätzliche Frage: Kann man von den Comics leben?

 

Isabel Kreitz: Alleine von den Büchern kann man nicht überleben, weil die Auflagen doch relativ klein sind. Mit einem Mix von Arbeiten geht das ganz gut: Zeitungsarbeit, Illustration von Magazinen und Kinderbüchern…

lesepunkte: Sie zeichnen in diesem Jubiläumsjahr der Bundesrepublik Deutschland auch eine Serie für die Frankfurter Rundschau, die jeden Samstag erscheint. Das ist so eine Art Bilderrätsel, das auch in dem Stil Ihrer Graphic Novel gezeichnet ist, allerdings koloriert.

 

Isabel Kreitz: Diese Rätselidee ist einfach dazu da, um die Geschichte nicht chronologisch herunterzuerzählen, sondern mischen zu können. In der einen Ausgabe wird mal eine Episode in den Neunzigern angesiedelt, in der anderen in den Fünfzigern. Dabei wird der Leser dann gefragt, wann sich das Ereignis zugetragen haben mag.

lesepunkte: Gibt Ihnen die Redaktion die Jahre und Ereignisse vor, von denen die Zeichnungen handeln?

 

Isabel Kreitz: In diesem Fall lässt mir die Redaktion – Gott sei Dank und vielen Dank! – sehr viel freie Hand. Ich kann also selbstständig planen, wann welche Episode stattfindet. Ich habe einen Jahresübersichtsplaner an der Wand hängen, wo für jeden Samstag eine Folge angedacht ist und versuche die Zeiten nach dem Zufallsprinzip zu mischen.

lesepunkte: Lesen Sie sich jetzt dann auch richtig in die Geschichte der Bundesrepublik ein und bleiben ständig am Ball, um Jahr für Jahr abzuarbeiten?

 

Isabel Kreitz: Ich sammle natürlich über das ganze Jahr hinweg Themen. Wenn ich ein Thema länger durchleuchte, was ich ja muss, um daraus eine kleine Story zu machen, bin ich immer über meine Wissenslücken überrascht. Viele Sachen arbeite ich sozusagen für mich selber auf und das ist in diesem Jahr auch ein großer Lerneffekt. Aber die Serie ist sicherlich keine historisch bedeutende Abhandlung über die Geschichte der Bundesrepublik, sie soll einfach nur kleine Schlaglichter werfen, vielleicht auch auf Themen, die ein bisschen neben der Spur liegen.

(Interview: Jochen Pahl) 

 

 

Empfohlene Zitierweise

Interview mit Isabel Kreitz (Jochen Pahl). lesepunkte 4 (2009), Nr. 3, in: lesepunkte, URL: http://www.lesepunkte.de/no_cache/persistent/artikel/7019/

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Erstellt: 16.06.2009

Zuletzt geändert: 17.06.2009

Kurzbiographie

Isabel Kreitz wurde 1967 in Hamburg geboren. Sie besuchte die dortige Kunsthochschule und die Parssons School in New York. Sie lebt und arbeitet in Hamburg.

Auszeichnungen

1997 erhielt Kreitz den 1. Deutschen Comicpreis beim Comic-Festival Hamburg. 2008 wurde ihr beim Comic-Salon Erlangen der „Max-und-Moritz-Preis“ in der Kategorie "Beste deutschsprachige Comic-Publikationen für Kinder und Jugendliche" verliehen. Im selben Jahr erhielt sie den „Sondermann-Preis“ in der Kategorie Comic-Eigenpublikation (national) für ihre Graphic Novel "Die Sache mit Sorge. Stalins Spion in Tokio" (Carlsen 2008).

Weitere Arbeiten

"Ohne Peilung" (Carlsen 1995), "Ralf lebt!" (Zwerchfell Verlag 1995), "Die Entdeckung der Currywurst" (Carlsen 1996), "Waffenhändler" (Carlsen 1998), "Der 35. Mai – als Comic" - nach dem Kinderbuch von Erich Kästner (Cecilie Dressler Verlag 2006).
In der Frankfurter Rundschau erscheint 2009 jeden Samstag ihr „Deutschland Comic“. 60 Jahre nach Gründung der Bundesrepublik und 20 Jahre nach dem Mauerfall erzählt Isabel Kreitz Geschichten aus der jüngeren deutschen Geschichte.

Quelle: Frankfurter Rundschau / Carlsen Verlag

Link

Special des Carlsen Verlag zur "Graphic Novel"