Kleist, Reinhard

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„Der Comic kann Leuten historische Stoffe auf eine Art und Weise erfahrbar machen, auf die es ein Sachbuch nicht kann.“ 

Der Comicbuchautor und Zeichner Reinhard Kleist über Castro, Cash, einen jüdischen Boxer und ein Flüchtlingslager im Irak 

 


lesepunkte: Reinhard Kleist, herzlich willkommen auf der lit.Cologne und in Ihrer alten Heimat. Sie sind ganz in der Nähe, in Hürth, geboren, wohnen und arbeiten aber seit längerer Zeit in Berlin. Sind Sie nach Berlin gezogen, da gerade diese Stadt so viel Geschichte und Geschichten zu erzählen hat, die Sie in Ihren Comics verarbeiten können?

 

Reinhard Kleist: Ich habe in Münster Grafikdesign studiert und mir war relativ schnell klar, dass Münster schön zum studieren ist, ich aber dann in die große, weite Welt hinaus wollte. 1996 nach meinem Diplom hatte ich die Wahl zwischen einem „Zurückgehen“ nach Köln, dem zu teuren Hamburg und dem angesagten Pflaster Berlin. Was dort alles kulturell passiert, z.B. die ganze Underground-Szene, hat mich schon immer fasziniert. Nachdem ich ein paar Mal da gewesen war, war die Entscheidung, nach Berlin zu gehen, ziemlich klar. Hauptsächlich hat mich dort diese alternative Szene und die Techno-Szene, die sich in den Freiräumen breit gemacht hat, interessiert. Außerdem der ganze Wandel, der mit der Stadt nach dem Mauerfall passierte, was 1996 ja noch ganz präsent war. Dieses irrsinnige Konglomerat an Geschichten, das ist jetzt gerade ein großes Thema bei mir, weil ich für ein Berliner Stadtmagazin, die zitty, eine Geschichte mit dem Titel „Berliner Mythen“ mache, in der ich mich mit der Geschichtswelt der Stadt auseinandersetze und Geschichten erzähle, die zum Mythenschatz der Stadt gehören, aber nicht so bekannt sind.

lesepunkte: Sie haben heute auf der lit.Kid.Cologne Ihr Buch „Der Boxer“ vorgestellt. Dieses Werk hat den Deutschen Jugendliteraturpreis in der Kategorie Sachbuch erhalten. Sehen Sie Ihre Comic-Biographien eher als Sachbücher oder als Romane?

 

Reinhard Kleist: Diese Einteilung ist natürlich erst einmal etwas schwer nachzuvollziehen. Aber es ist ja eine Sachgeschichte, es beruht auf einer Biographie, die von dem Sohn des Boxers geschrieben wurde, es ist ein historisches Thema: Von daher ist es klar ein Sachbuch. Es ist aber so gemacht, dass es auch unterhält. Es war eine bewusste Entscheidung, das Buch so zu machen, dass man von der Geschichte gefesselt wird, dass man mitfiebert und wissen will, wie es ausgeht, dass man auf diesem Weg aber auch ganz viele Informationen geliefert bekommt. Man muss sich auch mit Fragen auseinandersetzen, etwa zum Thema Schuld, zu historischen Zusammenhängen oder inwiefern Dinge, die in in Vergangenheit passiert sind, ein Leben nachher noch beeinflussen. Insofern ja, es ist eigentlich ein Sachbuch, auch wenn man zuerst denkt, es ist doch ein Comic. Aber das Schöne ist, dass in der Comic-Szene unheimlich viel passiert. Gerade in Deutschland werden viele historische Stoffe ausgegraben. Der Comic ist eine Möglichkeit, Leuten historische Stoffe auf eine Art und Weise erfahrbar zu machen, auf die es ein Sachbuch nicht kann. Der Castro-Biograph Volker Skierka, der mir bei einem Projekt über Fidel Castro geholfen hat, hat einen schönen Satz gesagt: „Der Comic kann so etwas wie eine gefühlte Wahrheit vermitteln.“

lesepunkte: Die Buchvorlage des Comics stammt von Alan Scott Haft, dem Sohn des beschriebenen Boxers, Hertzko Haft. War es leicht, den Sohn davon zu überzeugen, eine Comicadaption des Buchs zu veröffentlichen, und wie stand er zu dem Medium Comic?

 

Reinhard Kleist: Das war ganz lustig und eigentlich auch recht einfach. Mein Verlag hat den amerikanischen Hausverlag kontaktiert, welcher die Anfrage an Alan weitergeleitet hat. Dieser hat sich dann wiederum gemeldet und gesagt, dass er das gut findet. In dieser Antwortmail hat er leider vergessen, den Briefverkehr zu löschen, den er mit seinem Verlag geführt hat. Und darin war in etwa der Satz: „Ich finde es zwar schön, dass die Geschichte meines Vaters noch bekannter in der Welt wird, auch wenn es nur ein Comic ist.“ Als ich das las, habe ich innerlich sehr darüber gelacht und sagte mir: „Na, dir werd ich's zeigen!“ Mittlerweile findet er es total großartig. Er hat mir bei dem Projekt auch sehr geholfen, hat mir Hintergrundinformationen geliefert und Fotos von seinem Vater geschickt. Er ist sehr begeistert davon, wie das Ganze geworden ist, auch wenn er es bis jetzt noch nicht auf englisch hat lesen können. Im Mai werde ich aber in Amerika die amerikanische Version des Buchs präsentieren und die ganze Familie ist schon sehr gespannt darauf.

lesepunkte: Haben Sie denn lediglich das Buch und den Kontakt zu Alan als Grundlage für den Comic genommen oder haben Sie noch tiefer recherchiert?

 

Reinhard Kleist: Ja, ich habe noch ein bisschen weiter recherchiert, z.B. habe ich mit einem Sportjournalisten gesprochen und mit dem Leiter einer Gedenkstätte im Konzentrationslager Flossenbürg, wo Hertzko Haft interniert war. Ich habe andere Bücher gelesen, die sich mit Fragen rund um den Holocaust beschäftigten, und ganz viel Internetrecherche betrieben, bei der ich versucht habe, Geschichten nachzuvollziehen, die ich in der Story manchmal auch zweifelhaft fand, und zu anderen Punkten, zu denen ich mehr Informationen haben musste, als im Buch enthalten waren. Ich musste die Bilderwelt drum herum erfinden, dafür brauchte ich sehr viel Input aus Bildquellen – wie sah z.B. das Lager in Flossenbürg aus – dabei hat mir die Internetrecherche sehr viel weiter geholfen.

lesepunkte: Grausame Szenen sind in Ihrem Buch natürlich auch enthalten, vor allem aus den Konzentrationslagern, oft sind sie aber auch nur angedeutet. Wollten Sie sich auf diese Art der Gefahr entziehen, als voyeuristisch oder reißerisch beschrieben zu werden, wenn Sie diese Szenen in Bildern darstellen?

 

Reinhard Kleist: Ja, absolut. Das ist ein ganz großes Problem, vor allem bei der visuellen Auseinandersetzung mit dem Holocaust. Es gibt sehr viele Comics und Filme, die sich damit beschäftigen, und in dem Moment, in dem diese zu viel zeigen, ist bei mir Schluss. Dadurch wird für mich das Grauen marginalisiert und die Illusion der gezeichneten oder gefilmten Geschichte bricht zusammen. Ich stelle mir dann vor, wie gerade Statisten den Holocaust nachspielen oder wie der Zeichner am Zeichentisch gesessen hat und ganz fein leidende Gesichter zeichnet. Das funktioniert in gewissen Szenen, aber in den wirklich schlimmen Szenen finde ich das nicht darstellbar. Damit habe ich mich auseinandergesetzt und habe Tricks angewandt wie die Andeutung einiger Szenen oder das „Unscharfstellen“ der Kamera, wodurch die Zeichnungen immer abstrakter werden. So werden die Zeichnungen noch intensiver, weil man sich vorstellen muss, was da passiert. In bestimmten Bereichen finde ich die Weglassung wesentlich aussagekräftiger, als wenn man versucht, etwas Grauenhaftes in allen Details zu zeichnen oder zu filmen, das finde ich eher kontraproduktiv.

lesepunkte: Haben Sie mit dem Gedanken gespielt, die Lebens- und Liebesgeschichte des Hertzko Haft mit einem klassischen Happy End enden zu lassen, bei dem er seine Jugendliebe nicht nur wiederfindet, sondern auch mit ihr glücklich wird, oder hatte hier die künstlerische Freiheit für Sie bestimmte Grenzen?

 

Reinhard Kleist: Nein, es war völlig klar, dass ich bei der Geschichte bleibe. Im dramaturgischen Aufbau ist das ja auch ein Moment, an dem klar wird, was mit jemandem passiert, der solch ein Schicksal durchgemacht hat. Wenn ich es glücklich hätte enden lassen, hätte das Buch eine ganz andere Aussage erhalten. Es ging ja auch darum, dass Hertzko sein ganzes Leben um sein Glück betrogen wurde und allen Grund hatte, frustriert zu sein. Er hat leider den Fehler gemacht, diesen Frust in sich zu verschließen und dann auf eine aggressive Art und Weise an seiner Umwelt auszulassen. Er hatte aber allen Grund, um sein Leben, das im weggenommen wurde, zu trauern: Er hatte keine Schulbildung, keine Jugend, seine Liebe wurde im weggenommen: Das hinterlässt Spuren. Das Faszinierende bei der Handlung war, auf der einen Seite seine Karriere in Amerika zu erzählen, aber auf der anderen Seite zu zeigen, wie die Vergangenheit das weitere Leben eines Menschen beeinflusst.

lesepunkte: Mich persönlich hat die Comic-Biographie über Johnny Cash, „Cash. I see a Darkness“, sehr beeindruckt, die 2006 im Zuge des Johnny Cash-Hypes – ein Oscar und drei Golden Globes für James Mangolds „Walk the Line“ sowie das Erscheinen des fünften Albums der „American Recordings“ – erschienen ist. Empfanden Sie diesen Zeitpunkt als Vorteil oder hatten Sie die Befürchtung, dass Ihr Buch in dem reichhaltigen Material untergeht?

 

Reinhard Kleist: Als ich mit dem Buch angefangen habe, war von dem Film noch gar nicht die Rede. Während meiner Recherche und den ersten Skizzen bin ich über den Trailer gestolpert und wollte eigentlich alles hinwerfen. Im Trailer konnte ich sehen, dass der Regisseur den gleichen dramaturgischen Kniff mit dem Folsom Prison Konzert verwendet hat, und dachte, das können wir jetzt knicken. Mein Redakteur überredete mich dann doch, es weiter zu verfolgen. Als der Film in die Kinos kam, war ich etwa in der Mitte meiner Reinzeichnungen und war schließlich beruhigt, weil der Film in eine ganz andere Richtung geht. Letztendlich hat der ganze Hype dem Buch wahnsinnig geholfen. In Frankreich beispielsweise waren die Verlage vor Erscheinen des Films überhaupt nicht interessiert an meinem Projekt und danach kamen die Verlage scharenweise zu meinem Verlag und wollten meinen Johnny Cash-Comic haben. Dieses Projekt hat mir die Türen geöffnet, da es genau zum richtigen Moment erschienen ist.

lesepunkte: Sie haben die Unterschiede zum Film benannt. Im Comic behandeln Sie auch die letzten Lebensjahre von Johnny Cash und die Produktionen mit Rick Rubin, die im Film ja ausgelassen werden. Brauchen wir diese späten Jahre, um den Menschen, Künstler und Mythos Johnny Cash als Ganzes zu begreifen?

 

Reinhard Kleist: Ich finde schon. Es zeigt, wie offen dieser Mann war und wie wichtig ihm das Musikmachen war. In der Szene am Ende ist seine Frau gerade verstorben; und am selben Tag geht er ins Studio und nimmt einen Song auf, weil er es muss. Er war derart getrieben von seinem Selbstverständnis als Musiker, dass es für ihn überhaupt keine Frage war; und er war überzeugt davon, dass sein Frau June gewollt hätte, dass er weitermacht. Das erklärt sehr viel von der Person Johnny Cash. Die Schwierigkeit lag in meinem dramaturgischen Aufbau. Ich behandele die Kindheit, seine Jugend, den Anfang seiner Karriere bis etwa zum Folsom Prison Konzert und dann höre ich auf und muss den Sprung in die Jetztzeit schaffen. Ich glaube, das ist mir ganz gut gelungen mit dem Song, den der Erzähler der Geschichte, Glen Sherley, singt. Ich lasse den Schluss etwas offen, wenn Cash sich raus in den Garten setzt und man die Bearbeitung eines meiner Lieblingssongs, „Ghostriders in the Sky“, sieht. Damit hört das Buch auf und für mich ist damit auch alles gesagt.

lesepunkte: Auch Hertzko Hafts Geschichte wird beinahe bis zum Schluss erzählt – Sie hätten sich auch auf die „Holocaust-Zeit“ beschränken können: Ist es Ihnen wichtig, ein Gesamtbild der Figuren zu erzeugen, um sie als Ganzes erfahrbar zu machen?

 

Reinhard Kleist: Ja, das war mir wahnsinnig wichtig. Der zweite Teil ist für mich eigentlich noch wichtiger als der erste. Man muss beides erzählen und beides ist im Buch in etwa gleich gewichtet. Seine Boxkarriere war wichtig, um zu zeigen, was später mit ihm passiert, seine Flashbacks und Erinnerungen, die er in sich trägt. Ich habe zuerst davor zurückgeschreckt, diese Underdog-Geschichte des Boxers, der sich nach oben boxen will, noch einmal zu erzählen, und Boxen ist auch nicht so mein Lieblingssport. Nachher fand ich es aber total super, es hat so einen Spaß gemacht, das zu zeichnen und zu recherchieren, z.B. zu den Verwicklungen der Mafia in den amerikanischen Boxsport dieser Zeit oder den beachtlichen Anteil jüdischer Boxer, die sich irgendwie behaupten mussten, nachdem sie nach Amerika kamen. Ich hatte nie einen Zugang zum Boxen, musste aber sicherstellen, dass die Szenen bei den Kämpfen oder im Boxstudio lebensecht und realistisch rüberkommen. Dazu habe ich mich in Berlin ein paar Mal mit meinem Skizzenbuch in Boxveranstaltungen hineingesetzt und beobachtet, wie sie sich bewegen und wie die Trainer mit ihren Schützlingen reden. Ich glaube, das macht so ein Buch realistischer und der Leser kriegt das auch mit, wenn sich der Autor mit dem Thema beschäftigt hat.

lesepunkte: Haft, Cash, Castro – die Protagonisten Ihrer Bücher sind keine klassischen Helden, sie sind ambivalent, auch mit dunklen Seiten. Macht gerade das den Reiz aus, diese Menschen zu beschreiben?

 

Reinhard Kleist: Ja, absolut. Bei Cash war es völlig klar, dass sich sein Drogenkonsum und die dunkle Seite seiner Persönlichkeit durch die Geschichte hindurchziehen. Bei Castro war es die Auseinandersetzung mit der Ideologie, mit den zwei Seiten – einerseits der Faszination für die Revolution und anderseits der Auseinandersetzung mit den Realitäten und der Schattenseite. Beim Boxer war es das Problem der Schuld, die er auf sich geladen hat, und die Frage, ob man sich mit ihm und seinen Taten überhaupt identifizieren kann. Man tut es tatsächlich selbst nach der Szene, als er das unschuldige Ehepaar erschießt, und verzeiht ihm. Es war auch ein Spiel, das ich mit dem Leser getrieben habe, was für einen Zeichner eine sehr große Herausforderung aber gerade das Faszinierende ist. Bei meinem neuen Projekt ist es wesentlich einfacher: Ich mache gerade eine Geschichte einer somalischen Sportlerin, die für mich eine Heldin ist. Sie wird in dem Comic auch ohne dunkle Seiten dargestellt, das Dunkle ist das, was um sie herum passiert.

lesepunkte: Im Dezember 2013 waren Sie für einen Workshop eine Woche im Irak – was haben Sie dort erlebt und wie sah das Projekt aus?

 

Reinhard Kleist: Das ist ein Projekt, welches der Fernsehsender ARTE initiiert hat und bei dem Reportagen mit Künstlern – außer mir waren ein Filmregisseur, ein Fotograf und ein Autor dabei – entstehen, die in ihrer persönlichen Weise von den Flüchtlingslagern berichten. Vorher dachte ich, dass ich als reicher Europäer in einem Hotel wohne und dann die Leute frage, was sie erlebt haben; mit dieser Situation konnte ich mich nicht wirklich anfreunden. Deswegen habe ich angeboten, mit den Kindern einen Workshop zum Zeichnen und Malen zu machen. Ich habe Material gesammelt und bin mit einer riesigen Tasche mit Wachsmalstiften, Filzstiften usw. nach Nordirak in relativ sicheres, kurdisches Gebiet gefahren, um dort zwei Tage einen Workshop zu machen. Die anderen Künstler hatten lustigerweise ganz ähnliche Ideen: Der Fotograf hat einen super Workshop zur Digitalfotografie gemacht, bei dem ganz tolle Sachen herausgekommen sind. Meine Idee war es, den Kindern einen Raum und Themen zu geben, wozu dann Bilder entstehen, die ich auch wieder für meine Comic-Reportage verwenden kann. Zur Aufgabe, etwas über das Flüchtlingslager zu zeichnen, haben sie unglaublich detaillierte Zeichnungen angefertigt, bei denen man sehen konnte, dass die Kinder genau beobachtet haben, wie alles funktioniert. In den Zeichnungen konnte man die Funktion der Wasserversorgung und der Elektrizität erkennen und die Auswirkungen von Regen im Lager.

lesepunkte: Sie schreiben in Ihrem kurzen Reisebericht auf Facebook von der kleinen Diala, die ihre Mutter verloren hat, einen schwerkranken Vater hat und mit niemandem spricht. Mit Ihnen hat sie gemeinsam gezeichnet; war das eine Bestätigung Ihrer Arbeit bzw. ein Kompliment?

 

Reinhard Kleist: Das würde ich jetzt nicht so sagen. Die war einfach lustig und ich habe sie sofort gemocht. Als ich im Lager ankam und sie dort mit ihrem lustigen Hut stehen sah, habe ich sie gezeichnet. Als sie das gesehen hat, nahm sie einen Block aus ihrem Rucksack und zeichnete mich ebenfalls. Wir haben kein Wort miteinander geredet und ich habe erfahren, dass sie Schwierigkeiten hat, mit anderen Menschen zu kommunizieren. Ich habe die Zeichnung bekommen, die sie von mir gemacht hat; die ist total süß und hängt nun an einem prominenten Platz in meinem Atelier.

lesepunkte: Die Skizzen aus dem Flüchtlingslager im Irak, eine Serie zum Thema Völkermord, Reiseskizzen aus Havanna – ist es für Sie intensiver solche Menschen, Themen und Situationen zu zeichnen als sie zu fotografieren? Sie müssen sich ja viel länger mit einem Motiv befassen, als wenn Sie nur kurz auf den Auslöser drücken.

 

Reinhard Kleist: Ja, klar. Bei den meisten Projekten mache ich auch Fotos, auf die ich mich beziehen kann, wenn ich im Atelier sitze und die Ausarbeitung mache. Das Zeichnen ist aber eine ganz andere Auseinandersetzung mit einem Objekt oder einem Menschen. Im Flüchtlingslager im Irak habe ich die Menschen immer gefragt, ob es okay ist, wenn ich eine Zeichnung von ihnen mache. Sie waren sehr kommunikativ und wollten ihre Geschichten erzählen, fanden es aber auch lustig, dass jemand da sitzt und eine Zeichnung machen will. Eine Frau war beleidigt, dass ich sie nicht richtig gut getroffen habe, was aber nicht schlimm war und worüber wir schließlich lachen konnten. In Havanna war es eine andere Erfahrung, als mit einer Kamera durch die Stadt oder ein Museum zu gehen. Andererseits ist es hart, diesen Druck zu vergessen, Bilder für ein Buch produzieren zu müssen, und es dauerte eine gewisse Zeit, bis ich freier geworden bin.

lesepunkte: Ihre Themen sind oft hoch emotional aufgeladen. Brauchen Sie diese Emotionalität, um sich voll auf ein Projekt einlassen zu können und Ihre Kraft da hinein zu investieren?

 

Reinhard Kleist: Ja, auf jeden Fall. Man beschäftigt sich ja dann ein oder anderthalb Jahre mit einem Thema und das muss natürlich auch etwas mit einem selber zu tun haben. Bei Johnny Cash war ich selber großer Fan; bei Fidel Castro habe ich diesen Kampf der Ideologien selber die ganze Zeit mit mir ausgefochten, was ich in dem Buch mit dem Erzähler auch integriert habe; „Der Boxer“ war ebenfalls sehr emotional für mich und das muss es auch sein. Der Leser bekommt es mit, wenn es eine reine Auftragsarbeit war und man selber damit gar nichts anfangen kann und distanziert ist.

lesepunkte: Sie haben gesagt, dass Sie beim Zeichnen filmisch vorgehen und vor der Zeichnung einen Film im Kopf haben. Wie wird dieser Film zum Comic?

 

Reinhard Kleist: Wenn ich mir Szenen ausdenke, läuft das in meinem Kopf ab wie ein Film. Dann mache ich eine erste Umsetzung als Skript wie ein Filmdrehbuch mit Anmerkungen zu Einstellungsgrößen, Ortsbeschreibung etc. Danach folgt die Umsetzung ins Seitenlayout, bei der ich mir die Größe und die Form der Bilder überlege, was auch immer sehr viel Aussagekraft hat. Der Leser muss über die Seite geführt werden. Ich finde, im Idealfall funktioniert ein Comic so, dass ich während des Lesens alles vergesse und es abläuft wie ein Film. Mein Lieblingscomic in dieser Hinsicht ist „Muchacho“ von Emmanuel Lepage, den ich auf einer Zugfahrt von Hamburg nach Berlin gelesen habe. Diese zwei Stunden lang war ich im Dschungel von Nicaragua. Das war super, man ist total weggeblasen von der Atmosphäre; man wicht sich Moskitos von der Stirn, obwohl sie gar nicht da sind. Ich finde es toll, wenn ein Comic so etwas hinkriegt.

lesepunkte: Sie haben keinen durchgehenden Stil in Ihren Arbeiten. Liegt das daran, dass Sie sich immer weiterentwickeln oder passen Sie den Stil den Geschichten und Stimmungen an, die Sie beschreiben?

 

Reinhard Kleist: Beides. Ich habe ja eher malerisch und experimentell angefangen, in die Richtung von Dave McKean. Dann habe ich immer mehr darauf verzichtet, den Stil in den Vordergrund zu stellen und wollte immer mehr die Geschichte transportieren. Ich will niemanden mehr beeindrucken, wie toll die Seiten aussehen, sondern die Geschichte soll durch die Zeichnungen erzählt werden. Bei „Cash“ gab es natürlich viel schwarz; beim „Boxer“ bin ich unbewusst in den Zeichenstil von Will Eisner gerutscht; bei anderen Arbeiten will ich nun wieder in andere Richtungen denken.

lesepunkte: Sie haben heute auf der lit.Kid.Cologne gelesen. Würde Sie „Der Boxer“ und Ihre anderen Werke explizit als Jugendliteratur bezeichnen oder ist es eher Erwachsenenstoff?

 

Reinhard Kleist: Für Kinder ist es natürlich nichts, dafür ist es zu hart. Das Buch ist erst einmal für ein älteres Publikum konzipiert, aber wie man heute so mitbekommen hat, können Jugendliche ab 16 mit der Story schon etwas anfangen. Der Protagonist ist am Anfang ja auch etwa 16, als er deportiert wird. Meine Idee und Wunschvorstellung bei der Geschichte mit der somalischen Sportlerin ist es, dass ich Leute für das Thema Migration sensibilisieren kann, die mit dem Thema zunächst nicht so viel anfangen können, und eben auch Jugendliche. In der Geschichte geht es ja um ein 16-jähriges Mädchen, eine Sprinterin, die sich aufmacht und zu Olympia will. Darüber kann man einen Einstieg in das Thema finden, das für viele sehr schwierig ist. Sie ist zwar nur eine von tausend, die Jahr für Jahr im Mittelmeer umkommen, nur ein einziges Schicksal von so vielen. Über sie kann man sich mit diesem Thema aber weiter auseinandersetzen.

lesepunkte: Glauben Sie, dass der Comic bzw. die Graphic Novel sich endgültig auch auf dem deutschen Buchmarkt etabliert hat und als Literatur ernst genommen wird?

 

Reinhard Kleist: Absolut. Als ich mit meiner Karriere angefangen habe, war der Comic noch in der „Schmuddelecke“, man wurde kaum im Feuilleton wahrgenommen und lag im Buchladen selten mal etwas weiter vorne; das ist jetzt Gang und Gäbe. Wir sind in Deutschland gerade auf einem wahnsinnig guten Weg, werden als Comic-Land wahrgenommen und viele ausländische Verlage gucken gezielt nach Deutschland. Das war vor ein paar Jahren auch noch nicht so. Mit „Cash“ habe ich jetzt 13 Länder abgedeckt, das ist eine ganze Menge. Jetzt stehen die Regale im Buchladen auch mal vorne und es liegt mal ein Comic im Schaufenster. Man kriegt Gott sei Dank im Feuilleton jetzt auch mal einen Verriss. Ich habe mal einen Verriss in der Süddeutschen bekommen und fand das super – nicht immer dieses freundliche Nischenprodukt-Bewerben. Der Comic ist schon immer eine ernsthafte Kunstform gewesen und er kriegt jetzt wirklich auch einmal die Bedeutung, die ihm zusteht.

lesepunkte: Sie haben Ihr nächstes Projekt über die somalische Sportlerin bereits erwähnt – haben Sie sich ganz den Biographien verschrieben und was können wir in nächster Zeit von Ihnen erwarten?

 

Reinhard Kleist: Irgendwie ja. Mich fasziniert das total und obwohl ich immer mal etwas anderes machen will, stolpere ich immer wieder über solche Geschichten. Biographien sind für mich auch ein tolles Vehikel, um mich mit Stoffen auseinanderzusetzen wie z.B. dem Holocaust. Jetzt habe ich aber die Nase voll von diesen schwierigen Stoffen wie Revolutionen, Holocaust und Migration und möchte wieder ein spielerisches Projekt machen. Deswegen komme ich wieder auf die Idee einer Comic-Biographie über einen Musiker zurück. Ich bin gerade in Verhandlungen und Gesprächen mit Nick Cave, der auch mitmachen will. Das wird wieder etwas spielerischer werden als die anderen Projekte.

(Interview: Philipp Scherber) 

 

 

Empfohlene Zitierweise

Interview mit Reinhard Kleist (Philipp Scherber). In: lesepunkte 9 (2014), Nr. 2, URL: http://www.lesepunkte.de/no_cache/persistent/artikel/10411/

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Erstellt: 20.06.2014

Zuletzt geändert: 20.06.2014

Rezensionen


Hier findet ihr die Rezensionen zu "Castro" und "Der Boxer" von Reinhard Kleist.

Kurzbiographie


Reinhard Kleist wurde 1970 in Hürth geboren und zog nach einem Grafikdesign-Studium in Münster nach Berlin. In seinem Atelier im Prenzlauer Berg entstehen Zeichnungen für Verlage, CD-Booklets, Presse, Film und Fernsehen.

Außerdem veröffentlicht er als Autor und Zeichner preisgekrönte Comics und Graphic Novels, welchen häufig eine Biographie bekannter oder weniger bekannter Persönlichkeiten zugrunde liegt. Zu seinen populärsten Werken zählen die Comic-Biographien über Fidel Castro, Johnny Cash und den jüdischen Boxer Hertzko Haft.

Die Vampirsaga "Berlinoir" zeigt wiederum, dass Kleist auch die Umsetzung eines phantastischen Stoffs hervorragend beherrscht. Für die Zukunft sind allerdings wieder zwei Comic-Biographien angekündigt.

Weitere Infos:

www.reinhard-kleist.de

Reinhard Kleist bei Carlsen