Hornfeck, Susanne

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„Ein Autor ist nur dann wirklich überzeugend, wenn er seine eigene Erlebniswelt anzapft“ 

Susanne Hornfeck über Freundschaft in der Fremde und die Fremdheit der chinesischen Schrift. 

 


lesepunkte: In Ihrem Buch „Ina aus China“ erzählen Sie die Geschichte des chinesischen Mädchens Yinna, das 1937 aus dem japanisch besetzten Schanghai nach Brandenburg flüchtet, wo sie dann Ina genannt wird. Wie sind Sie auf diese Geschichte gekommen?

 

Susanne Hornfeck: Ich habe fünf Jahre lang in Taipeh an der Universität Germanisten unterrichtet. In dieser Zeit habe ich dort eine ältere Dame kennen gelernt, die ein ausgesprochen akzentfreies und makelloses Deutsch gesprochen hat, wie man es eigentlich nur in der Kindheit lernen kann. Irgendwann haben wir uns angefreundet und dann habe ich Sie natürlich auch gefragt, wo Sie so gut Deutsch gelernt hat.

Sie hat mir dann nach und nach ihre Geschichte erzählt, die eben die Geschichte von „Ina“ ist, die ich in dem Buch berichte. Also dieses kleine Mädchen, das zu einer Pflegemutter nach Brandenburg kommt, weil Schanghai eben damals bombardiert wurde von den Japanern und der Vater seine Tochter vor diesem Krieg in Sicherheit bringen wollte – nicht ahnend, dass er sie damit in den nächsten Krieg hineinschickt. Die kleine Ina ist dann in Brandenburg angekommen, musste erstmal Deutsch lernen und ist dann dort in die Schule gegangen und hat eben auch die Nazi-Zeit sehr bewusst dort als eine Chinesin erlebt. Das empfand ich als sehr interessanten Aspekt.  

lesepunkte: Wie nah dran ist Ihr Buch an der wirklichen Lebensgeschichte?

 

Susanne Hornfeck: Ich habe mir natürlich die Freiheit genommen, das Buch fiktiv auszugestalten. Etwa wenn ich beschreibe, wie das Kind die politische Entwicklung beobachtet. Durch ihre Freundinnen kommt sie in Berührung mit Dingen wie dem „Bund Deutscher Mädel“ und der Hitlerjugend. Und sie erlebt das Schicksal einer jüdischen Freundin mit, die nach der „Kristallnacht“ quasi in einer Gegenbewegung mit ihren Eltern nach Schanghai emigrieren muss. Ich konnte einfach viele zeitgeschichtliche Einblicke da reinbringen. Zu den Fakten gehört, dass Ina, als 1939 der Krieg beginnt, wieder in einem Kriegsschauplatz sitzt und bis 1945 dort lebt. Sie kann im April gerade noch aus Deutschland ausreisen und geht dann in die Schweiz, wo sie ihre Schulausbildung abschließt. Sie kommt dann nach Taiwan, wo Teile ihrer Familie leben. Dieses sogenannte Heimkommen ist dann aber eigentlich wieder eine Fremdheitserfahrung, weil sie ja ganz Deutsch aufgewachsen ist und die chinesische Sprache mit ihren komplizierten Schriftzeichen nicht beherrscht.

lesepunkte: Was hat diese Lebensgeschichte, diesen Stoff so geeignet für ein Jugendbuch gemacht – Sie hätten ja auch ein Buch für Erwachsene schreiben können?

 

Susanne Hornfeck: Ich glaube, dass es auch heute noch diese Situation gibt, dass es Kinder und Jugendliche in andere Kulturen verschlägt aufgrund der politischen Verhältnisse oder von Kriegen. Das ist leider immer noch Realität. In mancher Schulklasse wird so ein Kind neben einem deutschen Kind sitzen und muss versuchen dort zurechtzukommen, Freunde zu finden und die Sprache zu lernen. Das ist also, auch wenn die Geschichte von Ina 70 Jahre zurück liegt, immer noch ein aktuelles Thema. Und gleichzeitig fand ich es wichtig, aus dieser besonderen Perspektive die Zeit des Nationalsozialismus zu beleuchten.

lesepunkte: Also sozusagen ein literarischer Kniff – mit den Augen eines fremden Mädchens die Geschichte Deutschlands der Dreißiger Jahre zu beschreiben.

 

Susanne Hornfeck: Richtig. Mit den Augen eines Kindes, das zudem aus einer deutlich anderen Kultur kommt. Für Ina ist das ja auch sehr schwierig, weil sie im nationalsozialistischen Deutschland oft als Japanerin angesehen wird. Die Japaner sind ja die Feinde ihres Heimatlandes und der Grund, warum sie von dort weg musste. Für die Deutschen sind die Japaner aber Verbündete. Das Deutsche Reich bildete ja zusammen mit den Italienern und den Japanern die sogenannten „Achsenmächte“. Insofern muss sie sich auch immer wieder fragen: „Wer sind meine Feinde, wer sind meine Freunde?“ Und es kommt noch eine historische Dimension hinzu. Denn die Verbindung der chinesischen Familie zu der deutschen Pflegemutter geht zurück auf eine Begegnung im Boxerkrieg von 1900. Da war es auch so, dass zwei Menschen, die sich eigentlich feindlich gegenüber standen – ein chinesischer Offizier und ein deutscher Offizier – Freundschaft geschlossen haben. Und darauf geht dann die Möglichkeit zurück, Ina nach Deutschland zu schicken.

lesepunkte: Ina macht die Erfahrung fremd in Deutschland zu sein. Ihre eigene chinesische Kultur bleibt ihr aber auch fremd, weil sie als siebenjähriges Mädchen die chinesische Schrift noch nicht gelernt hatte. Diese Fremdheit der Sprache ist ein Leitmotiv in Ihrem Buch.

 

Susanne Hornfeck: Ja. Ina hat in Schanghai so eine Art Vorschule besucht, wo man aber die komplizierten Schriftzeichen nur anfängt zu lernen. Das ist ja grundsätzlich eine große Gedächtnisleistung für ein Kind, sich eine nicht-phonetische Schrift anzueignen; das verkennt man hier, glaube ich. Als Ina dann nach Deutschland kommt und Deutsch lernt, merkt sie plötzlich, wie einfach es ist, wenn eine Sprache nur 26 Buchstaben hat. In dem Moment, wo sie diese 26 Buchstaben beherrscht, kann sie lesen! Also ich habe auch ganz bewusst diesen Prozess des Spracherwerbs ausführlich geschildert. Ich bin ja als Übersetzerin selbst zwischen diesen beiden Sprachen unterwegs und es war es mir auch wichtig zu zeigen, wie kompliziert dieses andere Schriftsystem ist. Ina ist aus China weggegangen, bevor sie die Schriftzeichen gelernt hat. Das hat sie natürlich abgeschnitten von ihrer eigenen Kultur. Als etwa der erste Brief vom Vater kommt, den sie herbeisehnt, muss sie erkennen, dass sie nicht lesen kann, was er ihr schreibt. Sie kann sich zwar chinesisch unterhalten, aber die Schriftzeichen sind ja stumm, sie weiß nicht, wie sie ausgesprochen werden. Ich glaube, das ist auch interessant für deutsche Jugendliche: Zu sehen, wie anders dieses Schriftsystem funktioniert.

lesepunkte: Sie sind Übersetzerin im Hauptberuf, das war Ihr erster Roman, den Sie selbst geschrieben haben. Man merkt ihm Ihre Begeisterung für Sprache an, zum Beispiel, wenn Ina die kuriosen zusammengesetzten deutschen Hauptwörter sammelt. Wie war denn Ihre eigene Erfahrung, als Sie selbst Chinesisch gelernt haben und dann nach Taiwan gegangen sind?

 

Susanne Hornfeck: Ich habe Sinologie studiert und war insofern ein bisschen vorbereitet auf diese Situation im fremden Land. Aber wie ich gerade erklärt habe: Chinesisch ist ja keine phonetische Schrift. Als Wissenschaftler geht man mit Texten um, hat aber keine Übung in gesprochener Sprache. Vor allem lernt man an der Uni nicht Dinge, die man fürs tägliche Leben braucht. Als ich dann nach Taiwan gekommen bin, konnte nicht sagen, dass ich gerne ein Netzteil hätte, das meine Elektrogeräte für 110 Volt tauglich macht … So habe ich am eigenen Leib erlebt, wie amputiert man sich in einer Umgebung fühlt, in der man sich zunächst nicht äußern kann.

lesepunkte: Sie haben Ihr Sinologiestudium in den 1970er Jahren begonnen. Was hat Sie damals an der chinesischen Kultur und an China fasziniert?

 

Susanne Hornfeck: Genau dieser Punkt einer nicht-phonetischen Schrift. Ich wollte wissen: Wenn man nicht das aufschreibt, was man spricht, was schreibt man dann auf? Viele Zeichen haben ihren Ursprung in Symbolen, aber das sprachliche Repertoire geht ja weit über das hinaus, was man abbilden kann – eine Bilderschrift kann es also nicht durchgängig sein. Das hat mich unheimlich gereizt.

lesepunkte: Also ging es erstmal los mit einem wissenschaftlichen Interesse?

 

Susanne Hornfeck: Mit einem sprachlichen Interesse ging es los. Noch während der Schulzeit habe ich einen Volkshochschulkurs gemacht und dann hat es mich nicht mehr losgelassen.

lesepunkte: China als Land ist ja in Deutschland immer als bedrohliche Macht gezeichnet worden. Als „gelbe Gefahr“, vor allem in wirtschaftlicher Sicht. Von dem Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger (1966-1969) gibt es das Zitat „Ich sage nur China, China China…!“. Hat Sie das Land auch gereizt?

 

Susanne Hornfeck: Das Land hat mich natürlich auch gereizt. Nicht die politische Ausrichtung des Landes. Es gab ja in den Siebziger Jahren auch viele Leute, die sich aus ideologischen Gründen der Sprache zugewandt haben. Das war bei mir sicher nicht der Fall. Aber mitzuerleben, wie sich dieses Land öffnet, und zu sehen, was sich dort tut, und immer wieder hinzufahren finde ich sehr spannend. Leider hat sich an diesem Negativbild immer noch nicht so viel geändert. Man liest ja in der Presse ständig, dass an allem die Chinesen schuld sind. Das reicht ja bis hin zur Milchpreiserhöhung. Ich denke, man muss da auch ein bisschen gegensteuern. Was ich erfahre, wenn ich dort hinkomme, ist sehr viel Gastfreundschaft, sehr viel Hilfsbereitschaft, Neugier und Offenheit. Umgekehrt dürfte das für einen chinesischen Besucher in Deutschland doch anders aussehen.

lesepunkte: Sie beschreiben sehr sinnlich die Erinnerungen, die Ina noch an ihre chinesische Kindheit hat. Was für sie ganz wichtig ist, sind das Essen und die Gerüche, z.B. auf den Märkten. In Brandenburg sieht es dann karger aus, dort gibt es Kartoffeln, Rüben und Gurken. Haben Sie sich selbst auch auf kulinarische Weise dem Land genähert?

 

Susanne Hornfeck: Natürlich. Vieles, was ich diesem Kind in den Mund lege, habe ich selber erfahren. Diesen Kulturkontrast habe ich am eigenen Leib erlebt. Der Zugang zum Essen und zu Lebensmitteln ist eindeutig ein anderer in China. Man isst sehr bewusst, man kauft ganz frisch und geht ganz anders mit Essen um. Essen hat einen ganz anderen Stellenwert. All diese Erfahrungen habe ich Ina mit auf den Weg gegeben. Ich glaube, dass ein Autor nur dann wirklich überzeugend ist, wenn er seine eigene Erlebniswelt anzapft. Das muss nicht eins zu eins sein, aber wenn man ähnliche Dinge erfahren hat, kann man glaubwürdiger darüber schreiben.

lesepunkte: Was hat Sie umgekehrt dabei geleitet, das Deutschland der 1930er und 1940er Jahre zu beschreiben?

 

Susanne Hornfeck: Das ist die Generation meiner Eltern, die in meinem Fall beide schon gestorben sind. Bei der Recherche zu diesem Buch hat meine Mutter aber noch gelebt und ich habe viel mit ihr über den damaligen Alltag gesprochen. Wie haben die Leute gekocht, wie eingekauft, wie hat man ohne Waschmaschine Wäsche gewaschen? Ich war sehr froh, dass wir diese Gespräche noch geführt haben. Diese Zeitzeugen sind nicht mehr lange da und wir sollten mehr mit ihnen sprechen. Natürlich habe ich auch grimmige Nachmittage im Archiv mit dem „Völkischen Beobachter“ verbracht, um diese Seite auch zu recherchieren. Das ist weniger angenehm gewesen, aber eben auch ein Teil unserer Geschichte, dem wir uns stellen müssen. Diese Geschichte aus Sicht des Mädchens im Buch zu beschreiben, fand ich wichtig.

lesepunkte: Es gibt im Buch auch die Geschichte einer Freundin von Ina, die den umgekehrten Weg geht. Inge ist „Halbjüdin“ und muss deshalb mit ihren Eltern von Brandenburg nach Schanghai fliehen. Hätten Sie diese Geschichte auch schreiben können?

 

Susanne Hornfeck: Diese Geschichte hätte ich eigentlich auch schreiben können. Ich habe mich damit beschäftigt, dass Schanghai der letzte Hafen gewesen ist, der jüdische Einwanderer noch ohne Visum und finanzielle Garantien aufgenommen hat. Es sind sehr viele deutsche Juden auf diese Weise den Konzentrationslagern entkommen. Weil die Chinesen eben offener reagiert haben als zum Beispiel Amerika, wo man auf eine Einreiseerlaubnis lange warten musste und es dann für viele zu spät war.

lesepunkte: Sind Sie jetzt mit Ihrem Buch auf den Geschmack gekommen, weiter Jugendbücher zu schreiben?

 

Susanne Hornfeck: Es hat schon sehr viel Spaß gemacht. Als Übersetzer schreibt man ja immer der Syntax eines anderen Autors hinterher. Ich formuliere da zwar auch Texte und das Endprodukt ist dann auch ein Stück von mir. Aber es ist schöner, wenn man selbst Figuren in die Welt setzen kann und sie reagieren lässt. Ab einem gewissen Punkt verselbständigt sich so eine fiktionale Figur ja auch und hat dann ihr Eigenleben. Das ist eine sehr schöne Erfahrung. Ich denke schon, dass ich auf den Geschmack gekommen bin.

lesepunkte: Welchen Weg würden Sie Jugendlichen empfehlen, um sich mit China zu beschäftigen?

 

Susanne Hornfeck: Es gibt natürlich viele Einstiege. Über das Internet kann man sicher aktuelle Einblicke finden zum Land und der spannenden Kultur. Ich glaube, Schanghai ist momentan eine der Städte, wo am meisten los ist, auch in Sachen Jugendkultur. Das ist unglaublich lebendig und pulsierend. Das wird viele deutsche Jugendliche auch faszinieren. Schanghai ist aber nicht China. Das chinesische Hinterland ist etwas ganz anderes als diese Stadt, in der es wirklich brodelt. Also ich würde, wenn ich jung wäre, mir ein Flugticket nach Schanghai kaufen.

(Interview: Jochen Pahl) 

 

 

Empfohlene Zitierweise

Interview mit Susanne Hornfeck (Autor: Jochen Pahl). lesepunkte 2 (2007), Nr. 5, in: lesepunkte, URL: http://www.lesepunkte.de/no_cache/persistent/artikel/5558/

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Erstellt: 19.10.2007

Zuletzt geändert: 19.10.2007

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Das Interview zum Hören:

(aufgezeichnet am 10.10.2007 auf der Frankfurter Buchmesse)

Teil 1 (9 MB)
Teil 2 (9 MB)

Kurzbiographie

Susanne Hornfeck, geboren 1956, studierte Sinologie, Germanistik und Deutsch als Fremdsprache. Von 1989 bis 1994 unterrichtete sie als Associate Professor an der National Taiwan University in Taipeh. Ihr chinesischer Name lautet Hong Sushan. Hornfeck ist Übersetzerin der Bücher Qiu Xiaolongs, Ha Jins und Wei Huis, sowie Autorin mehrer Sachbücher zu China-bezogenen Themen.

Bibliographie

Ina aus China oder: Was hat schon Platz in einem Koffer, dtv (Reihe Hanser) 2007, ISBN 978-3-423-62330-8

Link zur Leseprobe (Verlagshomepage)