Hollatko, Lizzy

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„Ich hatte das Bedürfnis, mir mit dem Buch einen Kindheitsort zu schaffen, zu dem ich immer wieder zurückkehren kann.“ 

Die in Südafrika aufgewachsene Autorin Lizzy Hollatko über Kindheitserinnerungen und deren Verarbeitung in ihrem Roman „Der Sandengel“

 


lesepunkte (Carla): Wir sind Carla, Laura und Edda, und wir fühlen uns sehr geehrt, mit Ihnen heute dieses Interview zu führen. Wie kamen Sie darauf, ein Buch wie der „Sandengel“ zu schreiben und nicht etwa einen Fantasyroman?

 

Lizzy Hollatko: Zum einen bin ich mir natürlich bewusst, dass das, was ich in meiner Kindheit während der Apartheid erlebt habe, in der Zwischenzeit Geschichte geworden ist. Es ist wichtig, über solche Dinge zu schreiben und zu erzählen, damit man sie nicht vergisst. Zum anderen bin ich selber dort geboren und aufgewachsen. Nach Südafrika kehrt man aber so schnell nicht zurück, da es sehr weit weg ist. Ich hatte irgendwie das Bedürfnis, mir mit dem Buch einen Kindheitsort zu schaffen, zu dem ich immer wieder zurückkehren kann.

lesepunkte (Carla): Wieso hat der Sandengel eine so große Bedeutung, dass er zum Titel des Romans wurde?

 

Lizzy Hollatko: Wenn ich zu schreiben beginne und eine Idee für ein Buch habe, beginnt das meistens mit einem Bild. Ich sah ein Bild vor mir von der Bloekomstraße, der Böschung, den Eisenbahnschienen und einer sehr diffusen Figur, von der ich nicht wusste, ob es Mann oder Frau war, und die sich auf den Eisenbahnschienen rückwärts Richtung Township bewegte. Der Zug kam aus der Township und fuhr in die Stadt. Dieses Bild hat mich nicht mehr losgelassen. Ich habe aber gewusst, dass ich diese Figur so nicht in das Buch einbauen kann oder möchte. Daher habe ich mir überlegt, was stattdessen passen könnte, und das war für mich der Sandengel, den es in Österreich oder Deutschland nur als Schneeengel gibt.

lesepunkte (Carla): Sie haben selbst in Südafrika gelebt. Wie viel von Ihrem eigenen Leben steckt in der Geschichte?

 

Lizzy Hollatko: Die Menschen, Straßen und Orte, die im Buch vorkommen, hat es alle gegeben. Aber wie ich letzten Endes diese Dinge zusammengefügt habe, ist mein Kunstwerk als Autorin, ist Fiktion, ist ein Roman.

lesepunkte (Laura): Das Buch dreht sich um ganz verschiedene Themen: Rassismus, das gute Verhältnis zwischen Geschwistern, Armut und Freundschaft. Welches Thema lag Ihnen besonders am Herzen und warum?

 

Lizzy Hollatko: In erster Linie wollte ich ein Buch über Menschen schreiben. Es geht um Menschen und wie sie im Leben mit allen möglichen Themen fertig werden. Das lag mir am Herzen. Im Grunde genommen ist es egal, welche Hautfarbe die Menschen haben, ob sie arm oder reich sind. Es geht immer um den Umgang miteinander.

lesepunkte (Laura): Sie selbst haben an ganz verschiedenen Orten gelebt: in Südafrika, Deutschland, Österreich und Griechenland. Wo fühlen Sie sich am meisten zuhause?

 

Lizzy Hollatko: Ich kenne dieses Gefühl von Zuhause eigentlich nicht. Ich glaube, das wird auch nicht mehr so richtig werden. Zuhause fühle ich mich dort, wo die Menschen sind, die mir wichtig sind.

lesepunkte (Laura): Sie können dann wahrscheinlich auch sehr viele verschiedene Sprachen. Auf welcher Sprache denken und sprechen Sie am meisten?

 

Lizzy Hollatko: Das ist sicher Deutsch.

lesepunkte (Edda): Sie arbeiten nicht nur als Autorin, sondern auch als Tanzpädagogin. Wie hat man sich den Beruf der Tanzpädagogin vorzustellen?

 

Lizzy Hollatko: Früher habe ich Tanztheater auf der Bühne aufgeführt. Jetzt unterrichte ich zeitgenössischen, modernen Tanz – kein klassisches Ballett, auch kein Hip Hop oder Jazz. Es geht immer um einen modernen, künstlerischen Tanz. Das nennt sich auch kreativer Kindertanz.

lesepunkte (Edda): Würden Sie sich eher als Autorin oder als Tanzpädagogin bezeichnen?

 

Lizzy Hollatko: Ich wollte immer schon schreiben, schon als Kind. Deshalb bin ich tief drinnen immer die Autorin.

lesepunkte (Edda): Möchten Sie weiterhin Romane schreiben und haben Sie schon Ideen?

 

Lizzy Hollatko: Ich überarbeite gerade eine Erzählung, die dieses Mal in Griechenland spielt, und habe noch einige weitere Ideen. Mal sehen, welche wirklich ein Buch werden.

lesepunkte (Edda): Haben Sie Tipps für jüngere Autorinnen? Wie schafft man es, einen Roman zu schreiben?

 

Lizzy Hollatko: Man muss Ausdauer haben. Man muss sich Zeit lassen, damit man wirklich gute Ideen hat. Sich mit Sprache zu beschäftigen ist etwas sehr Schönes, aber es braucht Zeit. Man muss diese Bilder und Visionen in Sprache umsetzen. Das ist ein Arbeitsprozess, der eine Herausforderung darstellt. Man darf nicht so schnell aufgeben.

lesepunkte (Carla): Wir nähern uns dem Ende, und da Sie in Ihrem Buch an manchen Stellen Afrikaans verwenden, wollte wir gerne fragen, was „Tschüss“ auf Afrikaans heißt.

 

Lizzy Hollatko: „Bye bye!“ „Tot ziens“ kann man auch sagen.

lesepunkte: Tot ziens!

 

(Interview: Carla Gesell, Edda Haberkorn-Butendeich und Laura Santos) 

(Foto: © Lizzy Hollatko privat)

 

 

Empfohlene Zitierweise

Interview mit Lizzy Hollatko (Carla Gesell, Edda Haberkorn-Butendeich und Laura Santos). In: lesepunkte 10 (2015), Nr. 1, URL: http://www.lesepunkte.de/no_cache/persistent/artikel/10783/

Bitte setzen Sie beim Zitieren dieses Beitrags hinter der URL-Angabe in runden Klammern das Datum Ihres letzten Besuchs dieser Online-Adresse.



Erstellt: 31.03.2015

Zuletzt geändert: 31.03.2015

Kurzbiographie


Als Lizzy Hollatko 1971 als Tochter österreichischer Eltern in Südafrika geboren wurde, herrschte dort noch die Apartheid. Die Erinnerung an ihre Kindheit und die Erfahrungen mit der Rassentrennung in Südafrika verarbeitete sie in ihrem Roman "Der Sandengel".

Vor ihrer Karriere als Autorin arbeitete Lizzy Hollatko als Tanzpädagogin. Ihr Lebensweg führte sie von Südafrika nach Deutschland, Griechenland und Österreich, wo sie zurzeit lebt.

Weiter Informationen zur Autorin und ihrem Buch findet ihr hier:

"Der Sandengel" beim Jungbrunnen Verlag

Rezension zu "Der Sandengel"

Fotos von der lit.Kid.Cologne

v.l.n.r.: Carla Gesell, Edda Haberkorn-Butendeich, Lizzy Hollatko, Laura Santos

(Fotos: lesepunkte)