Hintze, Olaf und Krones, Susanne

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Wenn man ein Musikstück aus dieser Zeit hört, das man bis dahin nicht mehr angerührt hat, ist das, als wenn man in einem Tagebuch liest.

Der in der DDR geborene Olaf Hintze war 25, als er vor 25 Jahren während eines Urlaubs in Bulgarien über Ungarn nach Österreich flüchtete und schließlich eine Wohnung und einen Job im Saarland fand. Die Lektorin und Literaturwissenschaftlerin, Dr. Susanne Krones, hat diese Geschichte nun mit ihm zusammen in dem Buch „Tonspur. Wie ich die Welt von gestern verließ“ aufgeschrieben. 

 


lesepunkte: Ich begrüße Sie beide herzlich hier auf der lit.Cologne! Herr Hintze, Ihre Flucht gelang nur wenige Wochen vor dem Mauerfall, nämlich Ende August 1989. Haben Sie damals gedacht „Diese Strapazen und Gefahren hätte ich mir wirklich ersparen können?“

 

Olaf Hintze: Ich habe danach natürlich oft darüber nachgedacht, aber aus der Sicht von damals habe ich richtig gehandelt und ich finde es auch heute noch gut, dass ich geflohen bin. Zum einen war der Mauerfall nicht absehbar, sondern es sah eher so aus, dass weitere Grenzen für uns geschlossen werden. Wir durften nicht mehr nach Polen reisen, nachdem dort die Solidaność gestreikt hatte; nach Ungarn gelangten wir nur noch mit einem Visum; später wurde auch die ehemalige Tschechoslowakei für uns gesperrt. Das heißt, es war eher absehbar, dass sich die Situation verschärft, sodass ich aus der damaligen Situation heraus vollkommen richtig gehandelt habe. Ich finde, auch aus der heutigen Sicht war es gut für die weitere Entwicklung, weil es besser ist, wenn man aktiv in das Neue hineingeht, als wenn die Änderungen passiv auf einen zukommen. Für mich war es einfach der bessere Weg, das umzusetzen, was ich vorhatte.

lesepunkte: Haben Sie mit dem Gedanken gespielt, nach dem Mauerfall wieder nach Erfurt zurückzukehren?

 

Olaf Hintze: Mit diesem Gedanken habe ich nie gespielt, weil ich mir Tag für Tag ein neues Leben aufgebaut habe. Es hat alles ganz gut geklappt und ich konnte meine Pläne Schritt für Schritt umsetzen. Deswegen hatte ich auch nie das Bedürfnis zurückzukehren. Ich habe natürlich meine Freunde und meine Eltern vermisst, die ich nach dem Mauerfall regelmäßig besuchte. Meine Eltern besuchten mich gleich am ersten Tag nach Öffnung der Grenzen. In der Anfangszeit war die Trennung natürlich schwer, aber für mich war es einfach wichtig, ein neues Leben aufzubauen und meine Träume zu verwirklichen.

lesepunkte: Ihr Buch heißt nicht umsonst „Tonspur“. Welche Bedeutung hatte die Musik für Ihr Leben und für die Entscheidung zur Flucht?

 

Olaf Hintze: Die Musik war sehr zentral und wichtig. Musik war in der DDR sehr schwer zu beschaffen, wir konnten sie nur über die Westmedien bekommen, und das auch nur, wenn man Westradio empfangen konnten. Es war außerdem sehr schwierig, Musik aufzunehmen und zu speichern. Die Musikkassetten waren sehr teuer und sehr selten. Da musste man sich schon überlegen, wie man das anstellt; also überhaupt nicht vergleichbar mit der heutigen Situation, wo man die Musik einfach im Onlineshop downloaden kann und sie für wenig Geld verfügbar ist. Für uns war das einfach eine Herausforderung in jeder Beziehung. Für mich war Musik wie für viele Jugendliche sehr wichtig und sie spielte auch eine wichtige Rolle für die Flucht, aber sie war nicht entscheidend. Entscheidend war letztendlich die Situation, dass ich in der DDR nur einen Studienplatz bekommen hätte, wenn ich in die Partei eingetreten wäre; dass meine beruflichen Aussichten sehr eingeschränkt waren; dass ich immer wieder angeeckt bin; dass wir nicht die Möglichkeit hatten, in die Länder zu reisen, in die wir wollten; dass wir keine freie Meinungsäußerung hatten; dass es verboten war, Schrifttum aus der Bundesrepublik in der DDR zu lesen; dass wir nur ganz wenige Bücher von wichtigen Autoren bekamen und diese zensiert wurden – das waren die ausschlaggebenden Faktoren für die Flucht.

lesepunkte: Nicht nur Musik, sondern auch Literatur begleitete Sie maßgeblich, war für Sie „lebenswichtig“, wie Sie sagen, und nimmt daher einen prominenten Platz in Ihrer Biographie ein. Welches Buch meinen Sie damit genau und wie hat es Sie beeinflusst?

 

Olaf Hintze: Für mich war „Die Welt von gestern“ von Stefan Zweig ein ganz zentrales Buch, weil darin die persönliche Freiheit und der Freiheitsbegriff sehr gut herausgearbeitet wurden. Das Buch war auf ganz vielen Ebenen für mich sehr wichtig: Es hat mir zum einen gezeigt, wie wichtig Freiheit ist, außerdem zeigte es mir die ganze Entwicklung zu der Situation, in der wir uns im geteilten Deutschland befanden. In dem Buch kann man nachvollziehen, wie es überhaupt so weit kommen konnte, dass wir damals zwei deutsche Staaten hatten, die durch eine Mauer geteilt waren. Zum anderen war es für mich ein sehr zentrales Buch, weil es zeigte, wie Stefan Zweig mit der gesamten Kunstwelt verbunden war. Er kannte sehr viele Autoren, Musiker und Künstler aus ganz unterschiedlichen Gebieten, mit denen er sehr enge Brieffreundschaften gepflegt hat. Er war also verbunden mit den ganzen Geistesgrößen seiner Zeit. Für mich war das gewissermaßen ein Portal in die ganze Literaturwelt des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts. Ich hatte damit praktisch eine ganze Welt vor mir liegen, es war faszinierend.

lesepunkte: Sie haben beschrieben, dass Sie bei den Recherchen zum Buch viele Ihrer alten Kisten zum ersten Mal wieder geöffnet haben. Hatten Sie zuvor komplett mit Ihrem „ersten Leben“ in der DDR abgeschlossen?

 

Olaf Hintze: Abgeschlossen in dem Sinne nicht, sondern ich habe es nur nicht mehr angerührt. Ich war so mit dem Alltag in der Bundesrepublik beschäftigt und musste erkunden, wie diese Gesellschaft funktioniert, wie ich mein Leben aufbaue und welche Prioritäten ich setze. Ich habe voll in der Gegenwart gelebt und ein bisschen in der Zukunft. Das Jetzt und Hier war sehr spannend und faszinierend, da es jeden Tag neue Dinge, Überraschungen, Entdeckungen und Erlebnisse gab. Daher setzte ich mich nicht mehr so sehr mit der Vergangenheit auseinander, führte diese Dinge zwar noch mit mir, schloss also nicht komplett mit ihnen ab, aber bearbeitete sie auch nicht mehr weiter. Das kam erst wieder mit der Arbeit am Buch.

lesepunkte: Gab es denn besonders schöne und besonders schwierige Momente bei der Recherche, als vergessene Momente und Erinnerungen neu geweckt wurden?

 

Olaf Hintze: Ja, dieser Prozess ist natürlich nicht einfach, weil die ganze Zeit noch einmal neu entsteht. Man geht alles gedanklich noch einmal neu durch, was eine große Herausforderung darstellt, weil man viele Sachen noch einmal neu durchleidet und es einfach so lebendig wird. Wenn man ein Musikstück aus dieser Zeit hört, das man bis dahin nicht mehr angerührt hat, ist das, als wenn man in einem Tagebuch liest.

lesepunkte: Wie ist es, eine Biographie über sich selbst zu lesen, die jemand anderes verfasst hat? Haben Sie beim Lesen manchmal vergessen, dass Sie es selbst sind, der dort beschrieben wird?

 

Olaf Hintze: Das habe ich nicht. Es war sehr berührend, weil es im Buch noch einmal so fixiert ist, und es ist sehr nah, weil es ja die eigene Geschichte ist.

 


lesepunkte: Wie haben Sie sich kennengelernt und wie sind Sie, Frau Krones, auf die Geschichte von Herrn Hintze aufmerksam geworden?

 

Susanne Krones: Ich bin heute Lektorin im Luchterhand Literaturverlag, damals vor inzwischen gut zehn Jahren war ich noch Lektorin bei dtv und habe mich in dieser Funktion nach historischen, gegenwärtigen und zeitgeschichtlichen Stoffen umgeschaut, aus denen man Bücher machen könnte. So arbeiten ja Lektoren: Man schaut, was wichtig zu verarbeiten wäre, wo die richtigen Menschen dafür sind und wie man das kombinieren kann. Zuerst bin ich auf den Stoff nur aus einer Unterhaltung heraus gestoßen, da wir beide uns aus dem Studium kannten. Ich wusste, dass er diesen Ost-Hintergrund hat, aber kannte nur sehr knapp die äußeren Parameter der Fluchtgeschichte. Dann habe ich es mir erst noch einmal nur erzählen lassen, ohne es systematisch anzugehen, und habe dabei zweierlei gemerkt, was an dieser Geschichte ganz außerordentlich ist: Das eine ist, dass es eine prototypische Geschichte für diese Fluchtbewegung ist; das andere ist die Bedeutung der Musik und der Literatur sowie der Adoleszenz, für die Musik und Literatur eine wichtige Rolle spielen. Anschließend sind wir die Sache systematischer angegangen mit Interviews und Recherchen.

lesepunkte: Wie wichtig waren die Dokumente in den lange verschlossenen Kisten? Dienten sie nur der Faktensicherung oder als Ergänzung der persönlichen Erinnerungen?

 

Susanne Krones: Die waren ganz enorm wichtig, sowohl für den Inhalt der Geschichte als auch für die Form, die dieser biographische Roman dann letztlich gefunden hat. Inhaltlich waren sie wichtig, weil ich in den Interviews gemerkt habe, wie sehr sich seine Antworten unterscheiden und dass es Momente gibt, die die Erinnerung überhaupt nicht fassen kann; z.B. die Dauer, die er alleine auf dem Campingplatz in Sopron war. Das variierte wirklich zwischen zwei Tagen und einem Monat und wir hätten es ohne die Daten in den Dokumenten nie fixieren können. Das Visum und der Aufnahmeantrag der Bundesrepublik halfen uns, das abzustecken. Das andere sind die Dokumente, die mit der eigentlichen Fluchtgeschichte gar nichts zu tun haben. Das sind hunderte beschriftete Kassetten mit Westmusik, sehr viele Fotos und einzelne Briefe, die uns enorm geholfen haben, sein Bewusstsein und das, was er damals gedacht und gefühlt hat, zu rekonstruieren. So wie das Buch jetzt gebaut ist, gibt es dem auch genau Ausdruck, dass nämlich diese Songtexte – die er damals auch nicht ganz verstanden hat, da sie in einer für ihn fremden Sprache waren, nämlich in Englisch, was ja nicht Schulsprache war – zu ihm gedrungen sind und einen wichtigen Eingang gefunden haben, genau wie das Buch von Stefan Zweig, das für ihn diese zentrale Rolle hatte.

lesepunkte: Fühlten Sie sich als Autorin bei der Recherche manchmal als eine Art Eindringling in die Privatsphäre von Herrn Hintze?

 

Susanne Krones: In dem Fall nicht. Ich glaube, das wäre mir eher bei einem Verstorbenen so gegangen, dessen Dokumente ich mit einer Art Allmacht in der Hand gehabt, und nicht gewusst hätte, was er eigentlich damit möchte. Hier war es anders, weil wir immer in einem Gesprächsprozess waren, die Dokumente zusammen ausgewertet haben und ich immer eine genaue Rückmeldung von ihm bekommen habe, was Eingang ins Buch finden soll. Das war ein sehr gleichberechtigter Prozess.

(Interview: Philipp Scherber) 

(Fotos: © dtv/Heike Bogenberger) 

 

 

Empfohlene Zitierweise

Interview mit Olaf Hintze und Susanne Krones (Philipp Scherber). In: lesepunkte 9 (2014), Nr. 2, URL: http://www.lesepunkte.de/no_cache/persistent/artikel/10423/

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Erstellt: 03.07.2014

Zuletzt geändert: 03.07.2014

Kurzbiographie


Olaf Hintze wurde 1964 in Erfurt in der DDR geboren. Da ihm wegen seiner Weigerung in die SED einzutreten ein Studium der Tontechnik verwehrt blieb, entschied er sich zur Flucht. Während eines Urlaubs in Bulgarien floh er über Ungarn und Österreich in die Bundesrepublik.

Dort fand er im Saarland eine Wohnung und einen Job und baute sich so ein neues Leben auf. Auch nach dem Mauerfall kehrte er nicht in seine alte Heimat zurück. Stattdessen arbeitete er in München als Nachrichtenrechniker im Staatsdienst, studierte Literatur- und Buchwissenschaft an der LMU München und arbeitet heute für ein großes IT-Unternehmen.

 

Susanne Krones, Jahrgang 1979, studierte an der Humboldt-Universität in Berlin Literatur- und Politikwissenschaft und promovierte im Anschluss an der LMU München. Dort lente sie Olaf Hintze und seine Fluchtgeschichte kennen, die sie nun mit ihm zusammen in dem Buch "Tonspur" aufgearbeitet hat.

Heute arbeitet Krones als Lektorin des Luchterhand Literaturverlags und lehrt außerdem an der Universität Regensburg und der LMU München.

Weitere Infos:

Homepage zum Buch

Unterrichtsmaterial zum Buch

Das "Tonspur"-Special bei dtv

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