Herden, Antje

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„Das Modeln könnte ich nicht mehr machen. Da muss man immer so flott aussehen und da habe ich gar keine Lust mehr zu.“ 

Antje Herden über Zeitreisen, das fantasievolle Kind in ihr und ihre beruflichen Umwege zur Kinderbuchautorin 

 


lesepunkte (Yasmin): Wir sind Emilie und Yasmin vom Max-Ernst-Gymnasium in Brühl und werden heute ein Interview mit Antje Herden zu Ihrem Buch Letzten Mittwoch habe ich die Zukunft befreit führen. Würden Sie selbst einmal gerne in die Zukunft oder in die Vergangenheit reisen? Und wenn ja, in welches Jahr?

 

Antje Herden: Ich würde wahnsinnig gerne mal in die Vergangenheit reisen, weil ich die Vergangenheit ganz spannend finde. Und ich glaube, ich würde dann tatsächlich in das Jahr 1895 reisen, weil ich die Zeit unglaublich toll finde. Ich würde nicht gerne in die Zukunft reisen. Dann hätte ich Angst, dass ich das Leben nicht mehr so schön fände, weil ich dann schon wüsste, was passiert.

lesepunkte (Yasmin): Warum haben Sie für die Handlung ausgerechnet das Jahr 1895 gewählt?

 

Antje Herden: Das ist eine Zeit, in der ganz viel passiert ist. Es gab plötzlich ganz viele neue Erfindungen und die Leute haben sich vorgestellt, mit einem Heißluftballon zum Mond zu fliegen. Außerdem gab es ganz viele geheimnisvolle Sitzungen, bei denen man dachte, man könne Geister beschwören. Es war eine Mischung aus ganz vielen neuen Ideen und Geschichten. Das finde ich ganz spannend.

lesepunkte (Yasmin): Welche Figur aus dem Buch mögen Sie am liebsten?

 

Antje Herden: Ich mag die drei inzwischen alle total gerne! Ich habe sie mir ausgedacht, und jeder der drei hat irgendetwas von meinen Kindern oder von mir. Ich kann nicht sagen, wen ich am liebsten mag. Inzwischen mag ich die einfach alle drei ganz furchtbar gerne, weil sie mich schon so lange begleiten.

lesepunkte (Yasmin): Bis jetzt schrieben Sie sieben Bücher. Fiel es Ihnen immer leicht, für jedes einzelne Buch passende Ideen zu finden, oder gab es auch Zeiten, in denen Ihre Fantasie aussetzte?

 

Antje Herden: Ich habe ganz großes Glück, dass ich noch nie einen Ideenstau hatte oder meine Fantasie aussetzte – im Gegenteil. Ich würde manchmal gerne zehn Bücher auf einmal schreiben. Oder noch besser: Ich hätte gerne, dass ein Port erfunden wird, der vom Rechner direkt ins Gehirn geht, damit ich nur zu denken bräuchte. Aber das gibt es leider nicht.

lesepunkte (Yasmin): Sie sind hauptberuflich Kinderbuchautorin und haben selbst zwei Kinder. Haben Sie die Ideen zu Ihren Bücher von Ihren eigenen Kindern und deren Fantasie?

 

Antje Herden: Nicht von deren Fantasie, aber ich habe einige Charaktereigenschaften meiner Kinder mit eingebaut. Ich frage sie auch manchmal, wie man bestimmte Dinge in deren Sprache sagt, ob man jetzt „cool“ oder „prima“ oder „abgefahren“ sagt. Meine Kinder beeinflussen und inspirieren mich, aber die Geschichten kommen aus dem Kind, das noch in mir steckt.

lesepunkte (Yasmin): Wären Sie bereit, auch einmal Bücher für Erwachsene zu schreiben, oder möchten Sie weiterhin nur Bücher für Kinder verfassen?

 

Antje Herden: Ich habe mit zwei Büchern für Erwachsene angefangen, bevor ich überhaupt ein Kinderbuch geschrieben habe. Das hat mir auch viel Spaß gemacht. Im Moment schreibe ich noch einen Dreibänder, den ich erst fertigstellen muss, bevor ich mir etwas Neues einfallen lassen kann. Aber ich glaube, ich hätte Lust, demnächst auch mal wieder einen Roman für Erwachsene zu schreiben.

lesepunkte (Emilie): Wollten Sie schon von klein auf Autorin werden und haben Sie schon als Kind Geschichten geschrieben?

 

Antje Herden: Nein. Ich wollte nicht Autorin werden, ich wollte nicht schreiben. Ich wollte, als ich ganz klein war, Haiforscherin und Tiefseetaucherin werden. Dann wollte ich Ärztin werden, bis mir mein Papa auf dem Gelände der medizinischen Akademie in Magdeburg gezeigt hat, wo die Leichen im Keller liegen, an denen die Medizinstudenten rumschneiden müssen. Das fand ich eklig und wollte das dann lieber doch nicht machen. Mit 15 wollte ich Modedesignerin werden. Dann habe ich zuerst Chemie studiert und wollte Wissenschaftsjournalistin werden, was ja schon etwas mit Schreiben zu tun hat. Dann wollte ich Architektin werden. Und dann bin ich zufällig Autorin geworden.

lesepunkte (Emilie): Sie haben Architektur studiert und gemodelt. Wie kam es dazu, dass sie nicht Architektin, sondern Autorin geworden sind?

 

Antje Herden: Zum Modeln muss man ja ganz jung sein. Ich habe mit 15 angefangen, dann mein Abitur gemacht und etwa 20 Jahre gemodelt – immer nebenher, um Geld für die Familie zu verdienen. Architektur habe ich studiert, weil es mich interessiert hat. Ich wollte Wissenschaft und Kreativität verbinden. Dass ich dann anfing zu schreiben, war ein Zufall. In der Zeit, als ich gemodelt habe, habe ich Tagebuch geschrieben, weil man da oft ganz alleine in großen Städten war, in denen man keinen kannte. Dann wollte ich mal einem Freund etwas mitteilen, habe es ihm aufgeschrieben und vorgelesen. Und er fand das total lustig und meinte, dass ich das ganz vielen Leuten vorlesen könne, die das alle lustig fänden. Das habe ich dann auf einer großen Bühne bei einem Poetry Slam gemacht. Da habe ich den ersten Text vorgelesen, und es hat so vielen Leuten gefallen, die alle sehr lachen mussten, sodass ich dachte: Hey, ich kann scheinbar was.

lesepunkte (Emilie): 2003 waren Sie Finalistin beim German National Poetry Slam. Gab Ihnen das den nötigen Zuspruch und war das der Zeitpunkt, dem Sie Autorin werden wollten?

 

Antje Herden: Das gab mir auf alle Fälle ganz viel Zuspruch, weil ich gemerkt habe, dass das, was ich schreibe, den Leuten gefällt und dass ich das nicht nur heimlich in mein Tagebuch schreiben muss. Damals habe ich aber noch Architektur studiert und dachte nicht, dass ich jetzt eine große Autorin werde. Das ist erst passiert, als ich einen Autor kennenlernte, mit dem ich drei Jahre zusammen lebte und mit dem ich zusammen das erste Buch geschrieben habe.

lesepunkte (Emilie): Haben Sie den Poetry Slam 2003 gewonnen?

 

Antje Herden: Nein, da habe ich nicht gewonnen. Aber das wäre auch der Knüller gewesen. Ich bin da eigentlich nur so reingerutscht und habe es vorher nie geplant oder geübt. Ich hatte auch nur fünf Texte, die ich dort vorgelesen habe. Damals sind knapp 90 Poeten aus Deutschland, der Schweiz und Österreich dort aufgetreten. Ich bin unter die ersten zehn gekommen, und das war für mich schon ein Riesen-Knüller und genug der Ehre.

lesepunkte (Emilie): Könnten Sie sich vorstellen, einen Ihrer früheren Berufe, z.B. das Modeln, wieder auszuüben?

 

Antje Herden: Darüber habe ich mir noch gar keine Gedanken gemacht. Ich glaube, das Modeln könnte ich nicht mehr machen. Da muss man immer so flott aussehen und da habe ich gar keine Lust mehr zu. Ich müsste immer zum Friseur gehen, mir immer die Nägel machen, erst mal zehn Kilo abnehmen, Faltencreme benutzen und einen Riesen-Aufwand betreiben. Ich müsste außerdem ganz viel Sport machen und ganz gesund essen, was nicht so gut mit meinem Hobby Kochen und Backen zusammenpassen würde.

lesepunkte (Emilie): Würden Sie denn eher wieder modeln oder Architektin werden?

 

Antje Herden: Das ist eine ganz schwierige Frage, die ich dir so gar nicht beantworten kann. Wenn mir jemand die Pistole auf die Brust setzen würde und ich mich entscheiden müsste, würde ich vielleicht sagen: von montags bis mittwochs Architektin und donnertags und freitags Model.

lesepunkte (Emilie): Sie arbeiten immer wieder als freie Redakteurin und führen einen Blog über Kultur, Kunst, Literatur und mehr. Warum tun Sie das?

 

Antje Herden: Das macht mir ganz großen Spaß. Wenn ich für Kinder schreibe, ist das ja ganz speziell für diese Zielgruppe, und ich kann da nicht alles reinschreiben, was mich interessiert. Ich kann auch nicht jedes Wort benutzen, das ich als erwachsene Frau benutzen würde. Darum bietet mir der Blog die Möglichkeit, ganz eigene Texte zu schreiben, die nicht für Kinder sind. Genau so ist es als Redakteurin. Da kann ich über andere Themen schreiben, z.B. nicht für Kindern, sondern über Kinder oder über Kultur, Stadt und urbanes Geschehen. Das sind Themen, die mich auch total interessieren, die aber in meinen Kinderbüchern keinen Platz haben.

lesepunkte (Emilie): Sie sind in Ihrem Leben viel gereist und haben längere Zeit an vielen verschiedenen Orten gelebt, z.B. Kalifornien und Sydney. Welchen Grund hatte das?

 

Antje Herden: Ich habe ganz doll Fernweh. Ich sage manchmal Fernsucht, weil es ein bisschen mehr ist als Fernweh. Ich möchte mir die ganze Welt anschauen. Darum möchte ich immer unterwegs sein. Als ich die Kinder bekommen habe, ging das ja nicht mehr. Ihr kennt das ja. Man kann nur in den Schulferien wegfahren. Ich bin furchtbar gerne unterwegs und schaue mir die Welt an.

(Interview: Emilie K. und Yasmin D.) 

(Foto: © Antje Herden)

 

 

Empfohlene Zitierweise

Interview mit Antje Herden (Yasmin D. und Emilie K.). In: lesepunkte 10 (2015), Nr. 1, URL: http://www.lesepunkte.de/no_cache/persistent/artikel/10761/

Bitte setzen Sie beim Zitieren dieses Beitrags hinter der URL-Angabe in runden Klammern das Datum Ihres letzten Besuchs dieser Online-Adresse.



Erstellt: 31.03.2015

Zuletzt geändert: 31.03.2015

Kurzbiographie


Antje Herden, Jahrgang 1971, hat erst über mehrere Umwege zum Beruf der Kinderbuchautorin gefunden. Diese Wege führten Sie als Kind aus der DDR nach Darmstadt und später als Fotomodell nach Wien, Kapstadt, Miami, London und Barcelona. Auch das Architekturstudium ließ sie nicht zur Ruhe kommen, und so lebte Antje Herden zeitweise in Kalifornien, Sydney und San Diego.

Im Jahr 2003 gab ihr die Teilnahme an einem Poetry Slam den Anstoß, sich als Autorin zu versuchen - mit Erfolg. Heute schreibt Antje Herden neben Büchern für Kinder und Erwachsene einen Kultur-Blog, arbeitet als freie Redakteurin und lebt mit ihren beiden Kindern wieder in Darmstadt.

Hier findet ihr weitere Infos zur Autorin und ihrem aktuellen Buch:

Antje Herden bei Facebook

"Letzten Mittwoch..." bei Tulipan

Fotos von der lit.Kid.Cologne