Günther, Herbert

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"Kindern wird zu wenig zugetraut" 

Interview mit Herbert Günther 

 


lesepunkte: Ihr Buch "Mach's gut Lucia" beschreibt Schicksale von Kindern in aller Welt, die keine wirkliche Kindheit haben – wie haben Sie sich dem Thema genähert?

Herbert Günther: Auf vielfältige Weise. Ich bin regelmäßiger Zeitungsleser, ich schaue fern, ich bin beunruhigt über viele Dinge, die in der Welt passieren und ich habe versucht mir vorzustellen, wie das Leben von Kindern in anderen Lebenswelten ist, die uns nicht geläufig sind. Ich habe lange überlegt, ob ich das darf, Geschichten schreiben über Kinder in Ländern, in denen ich nicht gewesen bin. Ich habe am Ende doch gefunden, es wäre feige, das nicht zu tun. Vor Jahren habe ich über eine Kindsmörderin im 18. Jahrhundert geschrieben und ich habe mir gedacht, dass ich eigentlich viel mehr Möglichkeiten habe, Informationen über heutige Kinder in anderen Lebenswelten zu bekommen und dann hab’ ich mir halt wie Erich Kästner gesagt „es gibt nichts Gutes, außer man tut es“ – und so sind diese Geschichten entstanden.

lesepunkte: Sie schildern in Ihrem Buch durchaus realistisch, welchen Grausamkeiten die Kinder ausgeliefert sind, von Kinderarbeit bis hin zu Kinderprostitution. Gab es für Sie eine Grenze, was Sie Ihren Lesern zumuten wollten?

Herbert Günther: Also ich glaube, dass in allen Geschichten die Lebenskraft der Kinder im Mittelpunkt steht. Bei allen widrigen Verhältnissen bleiben doch die Träume und Wünsche der Kinder die gleichen, wie die Träume und Wünsche von Kindern unserer Weltgegend – nur die Bedingungen sind sehr anders. Es war nicht meine Absicht, eine Sammlung von Fürchterlichkeiten zusammenzustellen, sondern vielmehr aufzuzeigen: wie leben Kinder in andern Verhältnissen? Lebendige Kinder sind eben Kinder mit Wünschen und Hoffnungen und sie brechen sich an den Verhältnissen, in denen sie leben.
Ich finde es wichtig, Brücken zu schaffen und sich vorstellbar zu machen, wie sich das Leben anfühlt, unter diesen ganz anderen Verhältnissen. Ich möchte nicht, dass Globalisierung allein eine Frage der Wirtschaftlichkeit ist.

lesepunkte: Woher weiß man als erwachsener Autor, wie man für Kinder und Jugendliche schreiben muss?

Herbert Günther: Für Kinder muss man schreiben, wie für Erwachsene – nur besser! Ich denke, dass alle Dinge, die für Erwachsen wichtig sind, auch für Kinder wichtig sind, nur zusätzlich muss man sich verständlicher machen. Das ist die Aufgabe eines Kinderbuchautors in meinen Augen. Natürlich ist das eine Erfahrung, die sich aus vielen Jahren zusammensetzt, mein erstes Kinderbuch ist im Jahr 1974 erschienen. Wichtig sind mir vor allem auch viele Schullesungen, bei denen ich sehr viel gelernt habe, von Kindern und über Kinder und über die Frage, wie kann ich mich so ausdrücken, dass es Kinder erreicht.

lesepunkte: Sie haben sich oft mit historischen Sujets beschäftigt, nicht nur in dem Buch das Sie eben erwähnt haben über die Kindmörderin, Sie haben auch eine Biographie über Wilhelm Busch geschrieben. Über Geschichte schreiben, heißt das für Sie in erster Linie Geschichten erzählen?

Herbert Günther: Ja, zuallererst heißt es für mich Geschichten erzählen. Wenn der Punkt da ist, an dem ich denke, da ist der Funke, der mich interessiert, dann entsteht eine Geschichte. Bei Wilhelm Busch war der Berührungspunkt die Biographie, seine und meine. Er hat nämlich fünf Jahre lang in einem Dorf gelebt, nicht weit von meinem eigenen Heimatdorf entfernt. So habe ich mich immer wieder mit seinem Leben beschäftigt. Und je mehr ich gefunden habe, desto mehr hat es mich interessiert. Geschichte ist eben immer auch ein Spiegel und dieses Thema „Stadt und Land“, was ein Grundthema meiner Geschichten ist, findet sich bei Wilhelm Busch in starkem Maße. Er hat sich immer wieder in kleine niedersächsische Bauerndörfer zurückgezogen, ist da wieder ausgebrochen – und dieses Hin und Her zwischen großer und kleiner Welt ist so eine Bewegung, die mir persönlich sehr nahe ist. Das war dann der Funke, der zu dem Buch geführt hat.

lesepunkte: Sie haben auch Drehbücher fürs Fernsehen geschrieben, zum Beispiel für die Serie „Neues aus Uhlenbusch“. Was für eine Anforderung stellt ein anderes Medium wie das Fernsehen?

Herbert Günther: Ich habe in den 1980er Jahren mit der sehr engagierten Redaktion im ZDF fünf Drehbücher für „Neues aus Uhlenbusch“ geschrieben. Es war reizvoll für mich als Buchmensch, mich auf dieses Teamwork des Drehbuchschreibens einzulassen. Erst war ich sehr skeptisch gewesen, fand die Erfahrung aber dann sehr spannend, weil es damals möglich war in einer sehr engagierten Redaktion und mit interessanten Regisseuren zusammenzuarbeiten. Ich konnte Geschichten auf einem anderen Weg entwerfen, als allein am Schreibtisch. Ich bin ein wenig traurig darüber, dass diese Bedingungen des Fernseh-Machens sich so grundlegend verändert haben und dass es heute eigentlich keine Möglichkeit mehr gibt, Kinderfilme in der Art zu machen, wie sie damals entstanden sind.

lesepunkte: Meinen Sie damit, dass das Kinderfernsehen weniger gesellschaftspolitisch geworden ist?

Herbert Günther: Das Fernsehen ist mit dem Anwachsen der Privaten Fernsehsender auf eine bedenkliche Weise verflacht. Die Möglichkeiten Kinderfilme zu machen, die ja dann auch ein wenig kosten – wenn Sie eine halbe Stunde „Uhlenbusch“ rechnen, das ist ein Aufwand von etwa einem Familienhaus – damals hat man das für wert befunden. Heute macht man lieber eine Vorabendserie, bei der viele Autos kaputtgefahren werden.

lesepunkte: Wenn Sie diese Entwicklung vergleichen mit der des Marktes für Jugendliteratur, den Sie seit mehr als 25 Jahren beobachten, stellen Sie dann eine ähnliche Tendenz fest?

Herbert Günther: Ich fürchte, dass die zunehmende Kommerzialisierung des Marktes am Ende keine guten Folgen zeitigt. Zur Zeit gibt es ja eine große Fantasy-Welle und alles was Fantasy ist, wird verlegt – ob es gut ist oder nicht. Ich denke, es wird zu wenig an die Kinder gedacht und daran, was notwendig für sie ist. Schreiben ist immer ein Sortieren von Wichtigem und Unwichtigem. Was man für wichtig hält, muss man so schreiben, dass es von Kindern angenommen wird. Was der Marktbetrieb hervorbringt, ist oft allein orientiert am Gefallenwollen. Also ich finde, es wird den Kindern zu wenig zugetraut. Ich merke zum Beispiel bei den Geschichten, die ich geschrieben habe, dass sie querliegen zum Markt. Ich versuche auf eine Realität zu sprechen zu kommen, die natürlich nicht schön ist, aber wem nutzt es, an der Realität vorbeizusehen?
Ich finde es sehr ermutigend zu sehen, dass Kinder, wenn man sie nur lässt, sehr genau hinhören und auch ein gutes Gespür haben, die Widersprüche unserer Welt zu erkennen. Geschichten sind eine gute Möglichkeit, sich auch in fremde Realitäten einzufühlen, und zu begreifen, dass wir nicht allein auf der Welt sind.

lesepunkte: Sie sind auch Übersetzer – haben jetzt im April für die Übersetzung von David Almonds Buch "Feuerschlucker" den Katholischen Jugendbuchpreis gewonnen – was macht denn den Reiz des Übersetzens aus?

Herbert Günther: Also, ich übersetze zusammen mit meiner Frau. Das klappt, weil viele Bücher auch etwas Dialogisches haben. Das Übersetzen zu zweit ist auch deshalb spannend, weil man in die Geschichte eines anderen Autors sehr genau hineinsteigt und dann im Gespräch Möglichkeiten des Übersetzens findet, die man alleine am Schreibtisch vielleicht nicht finden würde. Es reizt mich, bei Geschichten sehr genau hinzuschauen. David Almonds „Feuerschlucker“ war ein Buch, das wir sehr gerne übersetzt haben. Es war spannend, den sehr genauen Sätzen zu folgen und eine vielschichtige Geschichte zu übersetzten, die viele Geschichten in einer vereinigt, die aber eben sehr geschickt und genau mit einander verbunden sind. Das war eine sehr schöne Erfahrung. Ein zweites Buch von David Almond, das im Frühjahr 2007 im Hanser Verlag erscheinen wird, hat uns auch sehr viel Freude beim Übersetzen gemacht.

lesepunkte: Hat die englische bzw. angloamerikanische Jugendliteratur einen eigenen Stil, eine eigene Thematik nach Deutschland gebracht?

Herbert Günther: Na ja, seit Harry Potter gibt sie den Ton an. Unser Markt vollzieht das nach. Aber die angloamerikanische Jugendliteratur ist vielfältig. Neben Harry Potter gibt es eben Autoren wie David Almond oder auch zum Beispiel Alyssa Brugman, eine junge australische Autorin, deren Bücher wir für den Hanser Verlag übersetzt haben. Eine Autorin realistischer Bücher, mit einem sehr frischen Ton, die – wie viele andere – abweicht von dem Trend der Fantasy-Literatur.

lesepunkte: Wenn Sie auf Ihre eigene Schulzeit zurückblicken, hat die Ihnen das Lesen verleidet oder die Leselust gefördert?

Herbert Günther: Ich war ein Kind vom Land und hatte als Kind eigentlich keine Bücher. Meine Großmutter hat ab und zu ein Buch mitgebracht, das ich in die Ecke gelegt habe, weil ich die Vorstellung hatte, Lesen ist sehr anstrengend. Ich verdanke vor allem einem Lehrer sehr viel, einem Biologielehrer, der in Fortsetzung immer zehn Minuten vor dem Klingeln ein Buch vorgelesen hat – „Die Heiden von Kummerow“ von Ehm Welk – das für mich das richtige Buch zur richtigen Zeit war. Das war das erste Buch, das ich entdeckt habe und wo ich gemerkt habe, dass in Geschichten ein Leben steckt, ein ganzer Kosmos. Und seitdem bin ich ein Buch nach dem anderen zum Leser geworden. Also ich verdanke der Schule letztendlich doch viel.

(Interview: Jochen Pahl) 

Empfohlene Zitierweise

Interview mit Herbert Günther: "Kindern wird zu wenig zugetraut". Probeausgabe (2006), Nr. 0, in: lesepunkte, URL: http://www.lesepunkte.de/no_cache/persistent/artikel/3583/

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Erstellt: 03.05.2006

Zuletzt geändert: 03.05.2006

Kurzbiographie

Herbert Günther wurde 1947 in Göttingen geboren. Zunächst arbeitete er als Buchhändler und Lektor von Kinder- und Jugendbüchern, seit 1988 als freier Schriftsteller. Er hat zahlreiche Bücher für Kinder, Jugendliche und Erwachsene verfasst sowie Drehbücher fürs Fernsehen. Ausgezeichnet wurde er mit dem Daniel-Wunderlich-Preis und dem Friedrich-Bödecker-Preis. Zusammen mit seiner Frau Ulli hat er mehr als 70 Kinder- und
Jugendbücher aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt. „Feuerschlucker“ von David Almond (Hanser Verlag 2005) wurde mit dem Katholischen Kinder- und Jugendbuchpreis 2006 ausgezeichnet, mit Sonderpreis für die Übersetzer Ulli und Herbert Günther. Dasselbe Buch wurde auch für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2006 nominiert. Herbert Günther lebt mit Frau, Sohn und Hund in Friedland/Reckershausen bei Göttingen.

Bibliographie (Auswahl):

Leo der Familienhund, Oetinger-Verlag 2001; Leo, ein Hund für alle Fälle, Oetinger Verlag 2003; Leo der Ferienhund, Oetinger-Verlag 2005; Ole und Okan, Verlag Die Schatzkiste 2001; Luftveränderung. Aus einer Kindheit 1957, BoD 2005; Vermutungen über ein argloses Leben, Erich Goltze Verlag 1997; Der Versteckspieler – Die Lebensgeschichte des Wilhelm Busch – Verlag Beltz & Gelberg 2002; Mach’s gut, Lucia! Ein Geschichtenbuch über Kinder der Welt, dtv 2006.