Günter, Mirijam

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„Statt nach mehr Kindern zu schreien, sollten wir uns vielleicht erst Mal um die kümmern, die da sind“ 

Mirijam Günter über die Einsamkeit beim Schreiben und im Stich gelassene Jugendliche. 

 


lesepunkte: Ihr erster Roman „Heim“ handelt von dem Leben einer Teenagerin – einer Schwererziehbaren, die von einem Heim ins andere durchgereicht wird. Das jüngste Buch „Ameisensiedlung“ spielt in einem sozialen Brennpunkt, wo die 15-jährige Conny mit ihrer alkoholkranken Mutter lebt. Wie kommen Sie auf diese Themen?

 

Mirijam Günter: Zum einen gehe ich mit offenen Augen durch die Gesellschaft und dann dachte ich auch, dass es mal gut ist, nicht nur die Horrorgeschichten aus den Zeitungen zu lesen, wenn mal etwas ganz Schlimmes passiert ist. Dass da Lebensgeschichten dahinter stecken und wie solche Lebensgeschichten aussehen könnten, das habe ich in meinen Romanen beschrieben.

lesepunkte: Kommen denn diese Themen, kommt dieser Teil der Gesellschaft Ihrer Meinung nach zu kurz in der Jugendliteratur?

 

Mirijam Günter: Ja – es gibt vielleicht zu wenige Leute, die eine untypische Biographie haben und aus dieser Perspektive auch berichten können.

lesepunkte: In Ihren Romanen stehen sich oft zwei Gruppen gegenüber, die sich eigentlich nichts zu sagen haben. Das sind die Lehrer und Sozialarbeiter auf der einen Seite und die Jugendlichen auf der anderen, die irgendwie schon alle Hoffnung aufgegeben haben. Ist das überzeichnet oder einfach die Realität?

 

Mirijam Günter: Also ich finde nicht, dass die Jugendlichen alle Hoffnung aufgegeben haben. Ich denke, dass „meine“ Jugendlichen ziemliche Kämpfer sind. Wir haben in Deutschland aber leider verschiedene Welten – das ist nun mal so. Ich kann sagen, dass ich das nicht akzeptiere, aber ich habe auch die Chance dazu.

lesepunkte: Freundschaften sind ein ganz wichtiges Thema in Ihren Büchern.

 

Mirijam Günter: Wenn die Familie nicht funktioniert, dann ist ja Freundschaft auch das einzige, was noch bleibt.

lesepunkte: Die Geschichte der Helden in den Büchern lässt aber auch wenig Auswege, aus hoffnungslosen Situationen herauszukommen?

 

Mirijam Günter: Was ich immer ganz vielen Schülern erkläre, ist dass meine Bücher zwar irgendwie enden, aber das Leben ja dann nicht vorbei ist. In „Heim“ kommt das Mädchen mit 15 in ein neues Heim und es kann sich ja noch alles ändern. Und in der „Ameisensiedlung“ ist es genauso, die Jugendlichen sind 16, 17. Da hat man noch alle Chancen der Welt, dass sich noch einiges verändern kann. Die Hoffnung habe ich. Und das heißt, dass das Ende des Buches nicht auch das Ende der Hoffnung ist.

lesepunkte: Wie kommen die Bücher an bei Jugendlichen?

 

Mirijam Günter: Sehr gut, würde ich mal sagen. Ich war kürzlich im Gefängnis auf einer Lesung, in der JVA Iserlohn. Da haben einige Jungs zu mir gesagt: „Das ist das erste Buch, das ich mir freiwillig in meinem Leben kaufe.“ Ich habe auch viel Fanpost von Jugendlichen, die mir sagen, dass sie das sehr gut finden, was ich schreibe und dass ich weitermachen soll.

lesepunkte: Bei diesen Fragerunden nach den Lesungen, kommt da oft die Frage, ob das autobiographische Geschichten sind?

 

Mirijam Günter: Ja, das wird eigentlich immer gefragt. Obwohl ich vor meinen Lesungen sage, dass es nicht autobiographisch ist, wird es meistens doch gefragt. Dann antworte ich immer: „Nee, meine Autobiographie schreibe ich, wenn ich Achtzig bin. Dann kommt ein Sammelband raus.“

lesepunkte: Jetzt mal zu Ihrem Weg in die Schriftstellerei. Mit ihrem ersten Buch „Heim“ haben Sie ja gleich einen Preis gewonnen, den Oldenburger Jugendliteraturpreis. Das sieht aus wie ein Start von Null auf Hundert. War das so?

 

Mirijam Günter: Ja, das könnte man so sagen. Ich habe durch den Preis meinen Verlag gefunden, der sich sehr intensiv um mich kümmert. Er hat mich auch sehr bei meinem zweiten Buch unterstützt und die glauben eben an mich – dass ich eine gute Schriftstellerin bin. Ich gehöre als Autorin eben noch zur alten Garde, für die es wichtig ist, dass der Verlag den Schriftsteller liebt. Da gibt es ja so Geschichten aus den 1920er Jahren, wo der depressive Schriftsteller während der Wirtschaftskrise in seiner zugemüllten Wohnung bei schlechtem Rotwein sitzt und seine Geschichten schreibt. Und der einzige, der vorbeikommt, ist der „Herr vom Verlag“, der ihn immer wieder aufbaut. So was finde ich sehr romantisch.

lesepunkte: Ist das Schreiben für Sie ein einsames Geschäft oder tauschen Sie sich viel aus, während ein Buch entsteht?

 

Mirijam Günter: Für mich als Mirijam Günter ist es schon so, dass ich als Person und mit meinen ganzen Gedanken sehr einsam bin. Deswegen macht die Einsamkeit des Berufes mir auch nichts aus. Ich bin halt einsam in der Masse. Ich habe aber auch viele Bekannte und Freunde. Bei mir klingelt regelmäßig das Telefon und ich bekomme auch viele E-Mails – aber man kann ja trotzdem einsam sein.

lesepunkte: Hat Sie denn der Preis irgendwie blockiert – die Erwartungshaltung, dass Sie als preisgekrönte Autorin ein zweites Buch vorlegen müssen?

 

Mirijam Günter: Nö, da habe ich ehrlich gesagt gar nicht dran gedacht. Mit solchen Gedanken beschäftige ich mich nicht.

lesepunkte: Und wie ist das zweite Buch aufgenommen worden?

 

Mirijam Günter: Die 'Ameisensiedlung' ist auch sehr gut aufgenommen worden. Es gab gute Kritiken. Bei den vielen Lesungen, die ich mache, sind die Jugendlichen ganz begeistert. Die Erwachsenen auch – obwohl viele die Geschichte auch schockierend finden.

lesepunkte: Gibt es Kritik an der krassen Sprache oder an den Schicksalen, die die Jugendlichen erleiden? Es wird geklaut, es gibt Drogentote, Selbstmorde kommen vor…

 

Mirijam Günter: Es kommt darauf an, wo ich bin. Wenn ich bei Schülern lese, die eher aus der „heilen Welt“ kommen – die manchmal eben nur nach außen die „heile Welt“ ist und der Horror sein kann – dann finden die es gut, dass ich aus dieser anderen Welt berichte. Und umgekehrt sind Leute, denen diese Welt nicht fremd ist, total stolz, dass mal jemand über ihre Realität schreibt.

lesepunkte: Können Sie denn mittlerweile von Ihren Büchern leben?

 

Mirijam Günter: Uff… ja geht schon. Wie das halt so ist. An manchen Tagen gibt es Champagner und an manchen Tagen ALDI-Milch.

lesepunkte: Und wenn Sie nicht schreiben oder Champagner beziehungsweise ALDI-Milch trinken, womit beschäftigen Sie sich dann noch?

 

Mirijam Günter: Ich bin jetzt im Sommer über in allen Jugendgefängnissen von Nordrhein-Westfalen. Also in Wuppertal, Herford, Heinsberg, Ossendorf, Siegburg und Iserlohn. Ich mache da mit den Jugendlichen Literaturwerkstätten. Die können dort Gedichte und Kurzgeschichten, Biographisches und Briefe schreiben. Ich bringe denen bei, wie sie ihre Wut, ihre Trauer und auch Träume in Wörter und Sätze packen können. Und diese Texte möchte ich gerne nächstes Jahr zur Lit.COLOGNE ausstellen.
Ich war jetzt schon in zwei Gefängnissen, in Wuppertal und Iserlohn. Ab kommender Woche bin ich dann in Heinsberg und im Mädchengefängnis in Ossendorf. Das ist für mich wichtig, zu den Jugendlichen zu gehen, die vergessen worden sind. Zu denen zu gehen und zu sagen: „Ihr seid mir das wert und ich bringe Euch bei, wie Ihr Euch anders als mit Gewalt ausdrücken könnt.“

lesepunkte: Haben Sie das Gefühl, dass die Öffentlichkeit diese Jugendlichen in einem stärkeren Maß vergessen hat als früher?

 

Mirijam Günter: Ich würde sagen, dass wir Erwachsenen selbst sehr viele Probleme haben. Und wenn diese Jugendlichen hinter Mauern sind, dann sehen wir sie nicht mehr und es ist leichter, sie im Stich zu lassen. Dieses Gefühl habe ich schon. Ich habe mich jetzt eine Woche lang um Mädchen gekümmert, die alle in der 5. und 6. Klasse waren. Mit denen bin ich herumgezogen und habe viele Sachen gemacht, die kein Geld kosten, wie zum Beispiel in die Bücherei gehen. Die haben mir dann gesagt, dass sie sich noch nie so mit einem Erwachsenen unterhalten konnten wie mit mir. Das war für mich einerseits ein sehr großes Lob – aber auch sehr traurig. Ich habe mir dann gedacht: Was ist mit diesen Kindern, die 12, 13 Jahre alt sind, wo sind die Erwachsenen, mit denen sie sich unterhalten können?

lesepunkte: Muss da die Gesellschaft einspringen? Wie kann man das ändern?

 

Mirijam Günter: Das muss jeder selbst entscheiden, ich mache das eben auf meine Weise. Man sollte genau hinschauen und auf die Jugendlichen zugehen. Sie nicht im Stich lassen und sich mit ihnen unterhalten. Ein Lehrer steht vor einer Klasse mit knapp 30 Schülern, der hat gar keine Chance, sich mit allen intensiv auseinander zu setzen. Wenn die Eltern dann auch Probleme haben und selbst keinen Kopf und die Zeit, sich mit ihren Kindern zu beschäftigen, dann geben die sich vielleicht irgendwann mit Leuten ab, die nicht gut sind für sie. Statt nach mehr Kindern zu schreien, sollten wir uns vielleicht erst Mal um die kümmern, die da sind.

lesepunkte: Sie haben jetzt auch schon ein drittes Buch geschrieben, das wohl im kommenden Jahr erscheinen wird. Worum wird es gehen?

 

Mirijam Günter: Das Buch handelt von einem Mädchen, das aus einer Migrations-Familie kommt und sich alleine in Deutschland durchschlägt.

lesepunkte: Sie bleiben also weiter dran an den gesellschaftskritischen Themen?

 

Mirijam Günter: Also ich schreibe auch andere Sachen, zum Beispiel politische Texte. Ich bin ein sehr politischer Mensch, lese sehr viele Tageszeitungen und Magazine. Ich möchte wissen, was mit dieser Gesellschaft los ist und wie sie sich entwickelt. Ich finde das wichtig, dass man sich als Schriftsteller damit auseinandersetzt. Wenn mir irgendwann mal jemand ein Mikrofon unter die Nase hält und ich etwas zur aktuellen politischen Lage in Deutschland sagen soll, dann möchte ich gerne etwas mehr sagen können als „weiß ich grade nicht.“

(Interview: Jochen Pahl) 

 

 

Empfohlene Zitierweise

Interview Mirijam Günter (Jochen Pahl). lesepunkte 2 (2007), Nr. 4, in: lesepunkte, URL: http://www.lesepunkte.de/no_cache/persistent/artikel/5483/

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Erstellt: 16.08.2007

Zuletzt geändert: 16.08.2007

Kurzbiographie

Mirijam Günter, 1972 geboren, ist in Köln aufgewachsen. Bis zu ihrem 16. Lebensjahr hat sie bereits in sieben verschiedenen Heimen gelebt und etliche Schulen besucht. Nach turbulenten Jahren fand sie zum Schreiben. Ihr Debütroman "Heim" wurde mit dem Oldenburger Kinder- und Jugendbuchpreis 2003 ausgezeichnet. Der Roman ist nicht autobiographisch, aber die Autorin ist mit der Materie bestens vertraut. Für ihren Roman "Die Ameisensiedlung" erhielt sie 2004 ein Arbeitsstipendium für Literatur des Landes Nordrhein-Westfalen. Mirijam Günter lebt heute in Köln-Ehrenfeld.

Quelle: Verlag

 

Bibliographie

Heim, dtv 2004, ISBN 978-3-423-70884-5

Die Ameisensiedlung, dtv 2006, ISBN 978-3-423-78212-8