Gottschalk, Maren

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„Ich glaube nicht, dass es sinnvoll ist, nach Vorbildern zu suchen, die helle, strahlende und perfekte Figuren sind.“ 

Maren Gottschalk über das Schreiben von Biographien und den Schritt von „Faction“ zu „Fiction“ 

 


lesepunkte: Sie haben vor allem Biographien geschrieben. Von dem französischen Historiker Marc Bloch gibt es das Bonmot, Historiker seien „Menschenfresser“. Sie sind selbst auch Historikerin – ist das auch Ihre Herangehensweise, dass Sie sich Menschen einverleiben?

 

Maren Gottschalk: Ich finde Menschen sind das Spannendste, was es überhaupt gibt auf dieser Welt – und warum mich Geschichte fasziniert, hat genau damit zu tun. Geschichte wird von Menschen gemacht und man kann Sie auch nur verstehen, wenn man Menschen und Ihre Beweggründe versteht. „Einverleiben“ ist da ein ganz passendes Wort. Man kommt als Biographin den Menschen manchmal näher, als es einem angenehm ist. Man erfährt ziemlich viel und muss sich dann auch wieder von diesen Menschen befreien, weil sie einen sonst nämlich umgekehrt auffressen. 

lesepunkte: Ihre Biographien sind bei Beltz & Gelberg in einer Reihe erschienen, die sich ganz konkret an Jugendliche richtet – muss man da anders schreiben, verständlicher und einfacher? 

 

Maren Gottschalk: Überhaupt nicht. Eigentlich richtet sich die Reihe an junge Leser und Erwachsene. Das einzige Zugeständnis, das ich mache und worin sich meine Bücher von einer „Erwachsenenbiographie“ unterscheiden ist nicht der Ton. Ich erzähle nicht anders, als ich es selbst gerne lesen würde. Ich schreibe nicht kindlicher oder jugendlicher. Ich bringe allerdings Hintergründe zur Sprache, die man bei anderen Verlagen vielleicht als bekannt voraussetzen würde. Ich erkläre, was der Kommunismus in Mexiko bedeutete, wenn ich über Frida Kahlo schreibe – oder wenn ich über Mandela schreibe, gehe ich darauf ein, wie die Weißen überhaupt nach Südafrika kamen und wie sich das System der Apartheid entwickelte. Diese historischen Hintergründe sind manchmal das Schwierigste beim Schreiben, weil ich ja die Figur und deren Geschichte nicht aus den Augen verlieren darf; die Leser wollen wissen, wie es weitergeht. Die Hintergründe müssen also kurz und knapp sein und trotzdem stimmen. 

lesepunkte: Sollen die Figuren, die Sie sich ausgesucht haben, Vorbildcharakter für die Leser haben? 

 

Maren Gottschalk: Also „Vorbild“ sind für mich immer Menschen, die nicht ideal sind. In dem Sinne, dass ich mich selbst abgrenzen kann und Menschen darstelle, die nicht perfekt sind, die Fehler gemacht haben, die sich geirrt haben und die Dinge gemacht haben, die ich selbst anders gemacht hätte. Ich glaube nicht, dass es sinnvoll ist, nach Vorbildern zu suchen, die helle, strahlende und perfekte Figuren sind. Das würde mich auch nicht interessieren und existiert vermutlich nicht wirklich. Für meine „Vorbilder“ schaue ich mir das Leben an und kann dabei für mein eigenes Leben Orientierung finden, indem ich nach Gemeinsamkeiten suche und sehe, wo ich mich abgrenze – was Aspekte sind, die ich bewundere, ablehne oder kritisiere.

lesepunkte: Es geht also nicht ums Nacheifern, sondern um Brüche, die spannend sind? 

 

Maren Gottschalk: Es geht um das Verstehen, denn dadurch, dass man ein anderes Leben versteht, versteht man das eigene Leben oder die eigenen Weichenstellungen besser. 

lesepunkte: Sie selbst leben in Leverkusen im Rheinland. Sind Sie dort sehr verwurzelt? 

 

Maren Gottschalk: Ich stamme aus Leverkusen und nachdem ich in München studiert habe, lebe ich jetzt wieder dort. Ich bin sehr gerne in Leverkusen, auch wenn es keine wirklich schöne Stadt ist. Das hat allerdings den Vorteil, dass man es überall, wo man hinkommt, schön findet. Da ich viel unterwegs bin, macht mir das sehr viel Spaß. Aber man kann in Leverkusen auch ganz gut leben. 

lesepunkte: Welche Rolle spielen denn Verwurzelung und Heimatgefühl beim Annähern an andere Leben? Haben Sie dadurch einen Ruhepol? 

 

Maren Gottschalk: Ich glaube Historiker sollten nicht zu verwurzelt sein. Ich bin zwar aus Leverkusen, aber meine Eltern stammen nicht von dort. Als ich in München studierte habe, bewunderte ich die Bayern für ihre tiefe Verwurzelung mit der bayerischen Geschichte. Das fehlt mir komplett, ich habe keine tiefreichenden Wurzeln im Rheinland. Das ist aber auch nicht schlecht, denn es öffnet einem den Blick für dieses Phänomen in anderen Leben. 

lesepunkte: Bei der Recherche zu Ihren Biographien konnten Sie sich zum Teil mit Weggefährten und Verwandten der Figuren treffen, die Sie skizziert haben. Waren dies für Sie die eindrücklichsten Momente bei der Recherche? 

 

Maren Gottschalk: Nicht unbedingt, manchmal aber schon. Die Tochter von Astrid Lindgren in Astrid Lindgrens Wohnung zu treffen, die sich seit deren Tod nicht verändert hat, war ein besonders bewegender Moment – auch weil die beiden Frauen sich ähnlich sehen. Bei Pablo Neruda war das Beeindruckendste, seine Häuser zu sehen, die da noch stehen. Bei Nelson Mandela war es das Township, in dem er gelebt hat. Das ist ganz unterschiedlich: Es kann eine Landschaft sein. Bei Astrid Lindgren haben mich die Naturparks im Småland sehr beeindruckt. Man hat das Gefühl, zu verstehen, warum Ronja Räubertochter entstanden ist, denn die Geschichte kann nur in einer solchen Landschaft entstehen. Manchmal sind es natürlich auch die Menschen, die diese Person noch gekannt und berührt haben und für mich eine Zwischenstellung haben. 

lesepunkte: Vor Ort zu sein, und zu sehen, wie diese Menschen gelebt haben, ist also ein wichtiger Teil Ihrer Arbeit? 

 

Maren Gottschalk: Das ist ganz wichtig. Wenn es irgendwie geht, muss man auf jeden Fall in das Land fahren, in dem die Person gelebt hat. Ich muss in die Häuser, Straßen, Parks und Schulen gehen. Ich finde, ich muss das Essen essen, das die Personen gegessen haben und die Cocktails trinken, die sie gerne mochten. Das Wetter dort oder das Meer bei Neruda – ich möchte das alles erleben, es gehört alles dazu. Man muss alle Sinne ansprechen.  

lesepunkte: Als Biografieschreiberin muss man also eine Balance schaffen zwischen dem Einfühlen und der korrekten Fußnote, die man aus der Literatur zieht?

 

Maren Gottschalk: Ganz genau. Ich darf keine Sachen erfinden, sondern nur Dinge erzählen, die wirklich so waren. Manchmal ist es möglich, die Phantasie spielen zu lassen, indem ich Begegnungen beschreibe, die zwar stattgefunden haben, aber von denen ich nicht genau weiß, wer was zu wem gesagt hat. Ich fühle mich dann in die Situation ein und überlege, wie es gewesen sein könnte. Das sage ich dann auch dazu. Die Verbindung der Inspiration durch die sinnlichen Eindrücke vor Ort mit dem, was die „trockenen“ Quellen mir liefern, ist das Spannende am Schreiben. 

lesepunkte: Sie arbeiten hauptsächlich als Hörfunkjournalistin. Hilft Ihnen das „Schreiben fürs Hören“, das Sie beherrschen, auch beim Schreiben von Biographien, um beim Leser Bilder im Kopf entstehen zu lassen? 

 

Maren Gottschalk: Das hoffe ich, aber Kritiker können das natürlich besser beurteilen. Das Schreiben für den Hörfunk lehrt einen, geradeheraus zu schreiben, ohne zu viele Kapriolen zu schlagen. Ich muss beim Hörfunk darauf achten, dass mein Hörer immer dabeibleibt, dass ich ihn nicht auf die Reise schicke und ihm keine komplizierten Dinge zumute, über die er nachgrübelt und dann meine nächsten zwei Sätze nicht mehr versteht oder nicht mehr hört, weil er gerade abtaucht. So schreibe ich auch in meinen Büchern, die sich deshalb, glaube ich, gut lesen lassen. 

lesepunkte: Ihre letzte Produktion ist ein Feature darüber gewesen, was Schüler im Deutschunterricht lesen. Waren Sie davon überrascht, wie junge Leute heute ihre Schullektüre beurteilen? 

 

Maren Gottschalk: Ich fand das sehr spannend, zu diesem Thema auf die Reise zu gehen. Die Schüler haben mir sehr Unterschiedliches erzählt. Toll fand ich, wie viel Spaß sie an den sogenannten „Dritten Aufgaben“ in der Klausur haben. Aufgaben, die es bei uns noch nicht gab, wie zum Beispiel „Schreib aus der Sicht von Iphigenie einen Brief an Orest“ oder „Schreib einen Tagebucheintrag aus der Sicht von Effi Briest“. Dass ihnen das Spaß macht, darin stimmten die Schüler überein. Mir gefällt die Möglichkeit, sich diesen Texten anders zu nähern.  

lesepunkte: Der Kanon, der in den Schulen gelesen wird, ist aber überschaubar. In den letzten 60 Jahren hat sich hier erstaunlich wenig getan. 

 

Maren Gottschalk: Na ja gut – was die Klassiker betrifft, muss der Kanon ja so sein, denn die sind nun mal lange geschrieben und gehören dazu. Es wird zwar gewechselt, aber ich finde es zum Beispiel skandalös, dass Goethes „Faust“ nicht verpflichtender Bestandteil des Kanons ist. Was die neue Literatur betrifft, da finde ich es schlimm, dass ab den 1950er Jahren fast nichts mehr auf der Liste vertreten ist. Und selbst Titel wie „Kassandra“ (1983) von Christa Wolf fallen den Schülern schwer. Man sollte lieber aktuelle Literatur aufnehmen, denn das wünschen sich die Schüler. 

lesepunkte: Und das, was die Schüler und Schülerinnen wirklich freiwillig lesen, wie z.B. die „Biss…“-Reihe von Stephenie Meyer – sollten solche Titel auch ihren Platz in der Schule haben? 

 

Maren Gottschalk: Das ist abhängig von den Lehrern und Schülern. Deswegen kritisiere ich auch diese Listen, weil es Gruppen nicht mehr möglich ist, dieses oder ein anderes Buch zu lesen. Alles wird über einen Kamm geschoren. In meiner Schulzeit durften wir Titel vorschlagen und haben Arno Schmidt oder Erich Kästners „Drei Männer im Schnee“ gelesen. Das spiegelte unsere Interessen wider. Darauf sollte bzw. muss ein Lehrer eingehen können. Diese Freiheit sollte er haben, hat er aber durch die Listen eigentlich nicht mehr.

lesepunkte: Sie haben im Jahr 2010 den Sprung von „Faction“ zu „Fiction“ gemacht und ihren ersten Roman geschrieben. Ist das ein großer Sprung? 

 

Maren Gottschalk: Ja. Ein großer und schöner Sprung, der mir sehr viel Spaß gemacht hat und der sich in vielen kleinen Sprüngen vollzogen hat, weil ich an diesem Roman schon seit vielen Jahren gearbeitet habe. Immer nebenbei und in kleinen Abschnitten, bis ich ihn schon vor ein paar Jahren zusammengesetzt und zu einem fertigen Buch überarbeitet habe. Es hat mir viel Spaß gemacht, weil ich schon immer etwas ohne Fußnoten schreiben wollte, in dem ich endlich meiner Phantasie freien Lauf lassen kann. Ich habe aber festgestellt, dass das auch begrenzt ist, denn in dem Moment, wo die Figuren da sind, kann man sie nicht frei durch die Gegend laufen und irgendwas sagen lassen. Das muss zu den Figuren passen – und so unterliegt man auch schon wieder einer Beschränkung.  

lesepunkte: Reizt Sie als Historikerin der Historische Roman als Kampfschauplatz? 

 

Maren Gottschalk: Bei meinem ersten Roman war das nicht so. In meinem zweiten werde ich eine Zeitreise beschreiben, insofern geht es in die Richtung eines Historischen Romans. Aber der reine Historische Roman, der ausschließlich in der Vergangenheit spielt, reizt mich überhaupt gar nicht. Ich finde es viel spannender, mit meinem Bewusstsein von heute oder mit einer Figur mit einem heutigen Bewusstsein in die Vergangenheit zu reisen. Und dann zu sehen, wie sie sich dort zurechtfindet – das ist ja letztlich auch das, was ich in meiner journalistischen Arbeit tue. 

Interview: Jochen Pahl 

 

Empfohlene Zitierweise

Interview mit Maren Gottschalk (Jochen Pahl). lesepunkte 6 (2011), Nr. 1, in: lesepunkte, URL: http://www.lesepunkte.de/no_cache/persistent/artikel/8413/

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Erstellt: 26.01.2011

Zuletzt geändert: 26.01.2011

Kurzbiographie

Maren Gottschalk wurde 1962 in Leverkusen geboren, nach dem Abitur studierte sie in München Geschichte und Politik. Während der Promotion in Mittelalterlicher Geschichte entschied sie sich dafür, nicht nur zu forschen, sondern ihre Begeisterung für Geschichte auch weiterzugeben.
Sie zog zurück ins Rheinland und begann, für den Westdeutschen Rundfunk zu arbeiten. Seit 14 Jahren schreibt und spricht sie dort Radiosendungen über Geschichte, Kultur und Wissenschaft. Für die Sendung WDR-Zeitzeichen verwandelt sie historische Fakten in lebendige Geschichten, egal, ob es um berühmte Persönlichkeiten oder namenlose Dienstmädchen geht.
Diese Fähigkeit setzt sie auch bei Ihrer schriftstellerischen Arbeit ein. Bei Beltz & Gelberg veröffentlichte sie zuletzt die vielfach gerühmten Biographien "Der geschärfte Blick. Sieben Journalistinnen und ihre Lebensgeschichte" sowie "Die Morgenröte unserer Freiheit. Die Lebensgeschichte des Nelson Mandela" und "Es brennt das Leben. Die Lebensgeschichte des Pablo Neruda".
Die Autorin lebt mit ihren drei Kindern in Leverkusen.

Quelle: Verlag

Die Farben meiner Seele. Die Lebensgeschichte der Frida Kahlo, Beltz & Gelberg 2010, ISBN 978-3-407-81060-1

Jenseits von Bullerbü. Die Lebensgeschichte der Astrid Lindgren, Beltz & Gelberg 2008, ISBN 978-3-407-80970-4

Königinnen. Fünf Herrscherinnen und ihre Lebensgeschichten, Beltz & Gelberg 2008, ISBN 978-3-407-81019-9

"Die Morgenröte unserer Freiheit". Die Lebensgeschichte des Nelson Mandela, Gulliver 2007, ISBN 978-3-407-74025-0

Die Symmetrie der Liebe, LangenMüller 2010, ISBN 978-3-7844-3215-1