Giordano, Mario

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"Ich denke immer daran, was ich persönlich gern lesen würde oder gern gelesen hätte." 

Mario Giordano über geraubte Bilder und Filme im Kopf. 

 


lesepunkte: Sie schreiben unter anderem Kinder- und Jugendbücher über Kunst und Künstler. In Ihrem neuesten Buch "Bilderräuber" erzählen Sie über die größten Kunstdiebstähle. Eignet sich ein "Krimi für Kleine" besonders gut, um junge Menschen an Kunst heranzuführen?

 

Mario Giordano: "Bilderräuber" ist zwar kein Krimi, aber er spielt natürlich auf das lustvoll Unheimliche an, was gute Krimis und auch die Vorstellung von großen Diebstählen haben. Bei "Bilderräuber" bin ich aber vor allem von mir selbst ausgegangen. Mich persönlich haben Kunstdiebstähle immer sehr fasziniert. Warum gerade dieses eine Bild? Wo befindet es sich jetzt? Wer schaut es an? Wird es jemals wieder auftauchen?

lesepunkte: Sie bringen Kindern auf sehr kreative, verspielte und fantasievolle Art und Weise Kunst näher – ob als Buch über Kunstraub oder als Tierbilderbuch ("Der Löwe im Atelier. Tiere in der Kunst"). Von wo holen Sie sich die nötige Inspiration?

 

Mario Giordano: Puschkin hat gesagt: "Ich schreibe für mich, ich drucke für Geld." Ich denke immer daran, was ich persönlich gern lesen würde bzw. gern gelesen hätte. Man schreibt, um ein Vakuum zu füllen.
Inspirieren lasse ich mich dabei von überall her, von Menschen, Bildern, Büchern, Filmen, Reisen... Bei den Kunstbüchern lagen die Themen bislang sozusagen auf der Straße.

lesepunkte: Wie kamen Sie dazu, Bücher für ein junges Publikum zu verfassen?

 

Mario Giordano: Ich wollte schon immer schreiben und habe mir schon immer Geschichten ausgedacht. Als der Punkt kam, wo ich mir selbst beweisen musste, dass ich auch in der Lage wäre, ein ganzes Buch zu schreiben, wusste ich plötzlich nicht, für wen ich eigentlich schreiben will. Im Grunde wollte ich einfach drauflos fabulieren. Das habe ich dann auch getan und eine Piratengeschichte für Kinder geschrieben. "Die Wilde Charlotte", mein erste Buch. Ich fühle mich sehr wohl mit Kinderbüchern. Dann kamen Jugendbücher wie "Der aus den Docks", und irgendwann hab ich verstanden, dass ich alt genug für einen Roman für Erwachsene wäre. So ist dann mein Psychothriller "Das Experiment - Black Box" entstanden.

lesepunkte: Haben Sie selbst auch Kinder?

 

Mario Giordano: Nein.

lesepunkte: Sie verfassen ja auch Drehbücher, unter anderem für den „Tatort“. Sind für Sie Ihre Bücher auch kleine "Filme im Kopf", gemäß dem Motto: Lesen ist Fernsehen im Kopf?

 

Mario Giordano: Ja. Bevor ich schreiben kann, brauche ich eine ungefähre szenische Vorstellung vom Ablauf. Das ist dann fast wie ein kleiner Film. Manchmal jedoch entsteht dieser Film erst beim Schreiben. Das ist dann wunderbar.

lesepunkte: Die Wochenzeitung DIE ZEIT beschrieb Ihre Kinderbilderbücher über Kunst als "Kleine Kulturschule des Sehens". Gibt es ein Kriterium, nach welchem Sie die Bilder auswählen?

 

Mario Giordano: Für die Kunstbuchreihe habe ich ein Konzept entwickelt. Ich wollte Lust am Bildergucken machen, die Bilder sollten im Vordergrund stehen, begleitet von knapper, aber für Kinder interessanter Sachinformation, z.B. eben auch Picassos Leibgericht. Da die Bücher sich vor allem an "Kunstanfänger" richten – und die tatsächlich auch viel von Erwachsenen gelesen werden – wollte ich vor allem weltberühmte Künstler und Werke porträtieren. Die kommen in unserer Welt tausendfach als Zitate vor. Raphaels zwei kleine Putti, zum Beispiel - millionenfach auf T-Shirts und Kaffeetassen. Dabei sind diese kleine Engel nur ein kleines ironisches Detail am unteren Rand eines riesigen Marienbildes. Ich finde, Kinder sollten das Original kennen lernen.

lesepunkte: Und wie schaffen Sie es, die Bilder so kurz und pointiert zu kommentieren?

 

Mario Giordano: Ich fange lang an und kürze dann immer weiter. Ein schwieriger Prozess und manchmal schmerzhaft. Aber am Ende freue ich mich immer, dass es auch so kurz geht.

lesepunkte: Leonardo da Vinci, Emil Nolde, Paul Klee und Pablo Picasso – alles sehr geheimnisvolle Künstler, die auf ihre Weise Traumwelten schaffen. Haben Sie gerade deshalb diese Künstler gewählt, weil Sie derartige fantastische "Bildwelten" so faszinieren?

 

Mario Giordano: Diese Künstler sind vor allem weltberühmt und haben Werke geschaffen, die zum Kulturerbe der Menschheit gehören. Das sollte man kennen. Unsere Welt, so wie sie ist, wäre undenkbar ohne diese Genies. Aber die besondere Magie dieser Bilder erreicht eben vor allem auch Kinder. Diese Künstler und Werke haben mich als Kind sehr magnetisiert, und ich vertraue darauf, dass das für Kinder heute ebenso gilt.

lesepunkte: In Ihren Büchern stehen begleitend zum Text meist Zitate des vorgestellten Künstlers. Wie wichtig sind Ihnen die Worte der berühmten Personen?

 

Mario Giordano: Die Zitate sind Teil des Konzepts. Ich will die Bilder nicht interpretieren. Das fand ich als Kind schon nervig. "Schau mal hier, das kühle Blau - und dort, das warme Rot...". Die Bilder sollen für sich sprechen, die Texte sollen informativ, knapp und unterhaltsam sein. Nur die Künstler selbst sollen in Zitaten über sich und ihr Werk Auskunft geben dürfen. Wenn ich keine geeigneten Künstlerzitate finde, suche ich welche von berühmten Zeitgenossen, die vielleicht interessant sind.
Künstlerzitate sind aber vor allem auch sehr inspirierend und können einem die Augen öffnen. Wenn Picassso sagt: "Ich suche nicht, ich finde.", dann bringt er den kreativen Prozess damit auf die einfachste Formel. Oder Klee: "Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern macht sichtbar." Wundervoll! Alles gesagt!

(Interview per E-Mail: Valentina Baldauf) 

 

 

Empfohlene Zitierweise

Interview mit Mario Giordano (Valentina Baldauf). lesepunkte 3 (2008), Nr. 2, in: lesepunkte, URL: http://www.lesepunkte.de/no_cache/persistent/artikel/5809/

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Erstellt: 15.04.2008

Zuletzt geändert: 15.04.2008

Kurzbiographie

geboren 1963 in München, studierte Psychologie in Düsseldorf und lebt seit 2005 als Autor von Romanen, Kurzgeschichten, Kinder- und Jugendbüchern sowie Drehbüchern und Hörspielen in Köln. 2001 erhielt er den Bayerischen Filmpreis für das Drehbuch nach seinem Roman "Das Experiment". Vier seiner zahlreichen Titel wurden bislang verfilmt: "Karakum", "Der aus den Docks", "Olivers Spiel" und "Black Box".

Bibliographie (Auswahl):

Bilderräuber. Die größten Kunstdiebstähle, Aufbau Verlag 2007, ISBN 978-3-351-04079-6

Emil Nolde für Kinder, DuMont 2006, ISBN 978-3-8321-7586-3

Leonardos Katze. Kunst und Geheimnisse des Leonardo da Vinci, Aufbau Verlag 2006, ISBN  978-3-351-04069-7

Der Mann mit der Zwitschermaschine. Augenreise mit Paul Klee. Aufbau Verlag 2006 (5. Aufl.), ISBN 978-3-351-04019-2

Pablos Geschichte. Picassos Leben. Für Kinder erzählt mit Bildern aus der Sammlung Berggruen, Aufbau Verlag 2005 (3. Aufl.), ISBN 978-3-351-04009-3

Der Löwe im Atelier. Tiere in der Kunst, Aufbau Verlag, Berlin 2003, ISBN 978-3-351-04044-4