Gens, Josef

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Wenn man ein Muster freilegt, das 2000 Jahre niemand mehr gesehen hat, dann nimmt man plötzlich seine Umwelt nicht mehr wahr.

Der Entdecker und Ausgräber des Poblicius-Grabmals Josef Gens über das „Grabungsfieber“ und sein gleichnamiges Buch 

 


lesepunkte: Bei einem Besuch des Römisch-Germanischen Museums in Köln hinterlassen vor allem zwei Exponate einen bleibenden Eindruck: das Dionysosmosaik und das Poblicius-Grabmal. Noch beeindruckender wird Letztgenanntes, wenn man erfährt, dass dieses 2000 Jahre alte und 15m hohe Relikt vor fast 50 Jahren durch einen Zufall in einem Keller in der Kölner Südstadt gefunden und anschließend in einer geheimen Aktion von sieben jungen Leuten ausgegraben wurde. Einer von ihnen ist heute unser Autor im Profil: Herzlich willkommen Josef Gens.

 

 

Sie haben diese Quader im Keller Ihres Elternhauses gefunden und wussten dann, dass dies ein römisches Grabmal ist. Sie haben das Museum informiert, daraufhin aber ein Ausgrabungsverbot erhalten. Was war das für ein Gefühl, nach den ersten spektakulären Funden nun ein Grabungsverbot von der Stadt bzw. dem Museum zu erhalten? 

 

Josef Gens: Wir waren erst einmal ein wenig enttäuscht, weil die ersten drei Quader, die wir geborgen haben, so tolle Muster zeigten und direkt unter diesen weitere Quader zum Vorschein kamen. Wir hofften eigentlich, weiter graben zu können.Aber die Enttäuschung hat nicht lange angehalten, denn sehr schnell verschafften wir uns dann über entsprechende Fachliteratur die Kenntnisse, die notwendig waren, um erste Rückschlüsse über unseren Fund ziehen zu können.

lesepunkte: Was dann folgte, klingt nach dem reinsten Filmstoff. Und tatsächlich beschreiben Sie, dass der Film „Sieben goldene Männer“, den man vielleicht als einen Vorgänger von Steven Soderberghs Ocean‘s Eleven beschreiben kann, Sie zu Ihrem weiteren Vorgehen inspirierte. Wie haben wir uns das vorzustellen?

 

Josef Gens: Ich ging damals nach dem Grabungsverbot mit einem Freund, der mich ein wenig ablenken wollte, in diesen Film. Ich hatte ursprünglich gar keine Lust, mir diesen Film anzusehen. Aber da sah ich dann, wie ein Team aus sieben Leuten einen Bankraub in Zürich plante: Die sieben jungen Leute gruben sich unter einer Straße hindurch auf den Banktresor zu und das gab bei mir die Initialzündung: Über diese Idee hatten wir plötzlich eine Möglichkeit in unserem Fundamentgraben einen Tunnel einzubauen und die Grabung heimlich fortzuführen.

lesepunkte: Und das haben Sie dann auch getan...

 

Josef Gens: Das haben wir getan! Wir führten nach diesem Film die Planungen durch und bauten an vier Wochenenden in den drei Meter tiefen Graben einen zwei Meter hohen Tunnel ein. Am ersten Wochenende legten wir eine Betonplatte, an den beiden folgenden Wochenenden mauerten wir die Seitenwände mit Öffnungen hoch, um von dort aus weitere Tunnel graben zu können. Am vierten Wochenende legten wir dann auf diese Wände eine Balkendecke auf, darüber verfüllten wir mit Lehm und unseren Eltern sowie dem Römisch-Germanischen Museum erzählten wir, wir hätten diese Fundstelle zugeschmissen, was sie auch rein optisch war. Über einen Nebenkeller hatten wir allerdings Zugang zu diesem Tunnel, der jetzt unter der Fundstelle lag.

lesepunkte: Haben Sie nicht zwischenzeitlich befürchtet, dass das ganze Haus einstürzen und Sie und Ihre Freunde unter sich begraben könnte?

 

Josef Gens: Nein. Sie müssen eins wissen: Wir hatten zwei Fachleute dabei, die sich mit Statik auskannten. Das war einmal mein Freund Bernhard Strässer, der Architektur studierte; und ich habe Maschinenbau studiert. Wir beide haben im Studium sehr viele Statikkurse belegt, um die statischen Berechnungen für das Haus machen zu können. Denn es war uns klar, als wir die Grabung begonnen haben: Wir mussten archäologisch fachkundig und statisch sicher graben.

lesepunkte: Das Wissen um die Statik des Hauses war also aufgrund Ihrer Studienfächer nicht das Problem. Aber wie konnten Sie sicherstellen, dass Sie bei Ihren Grabungen auch den archäologischen Standards entsprechen würden?

 

Josef Gens: Archäologisch fachkundig zu graben, war eine der Voraussetzungen, um diese Grabung durchführen zu können. Ich war damals 22 und habe mir einen jungen Archäologen gesucht. Im Kölner Museum gab es nur alte Herren über 65, mit denen man schwerlich reden konnte. Heute sehe ich das etwas anders, weil ich selbst schon dieses Alter erreicht habe [lacht]. Aber damals suchte ich mir einen jungen Archäologen in einem Landesmuseum, den ich begeistern konnte, mein Mentor zu werden. Er hat mich mit den entsprechenden Fachbüchern und dem Fachwissen versorgt. Daher habe ich ihm sehr viel zu verdanken.

lesepunkte: War es eine große Überwindung, während der Grabung niemandem von den Funden zu erzählen?

 

Josef Gens: Nein. Es war ein Team aus zunächst fünf und später sieben jungen Leuten. Wir haben diese Grabung ganz bewusst geheim gehalten. Über ein halbes Jahr haben wir es geschafft, sie gegenüber unseren Eltern geheim zu halten, denn die hatten ja das Grabungsverbot unterschrieben. Wir waren uns darüber klar: Wenn einer etwas ausgeplaudert hätte, hätte das sofort zu einem Stopp der Grabungen geführt. Und das wollte keiner von uns.

lesepunkte: Wie reagierten Ihre Eltern, als sie Ihren geheimen Grabungen auf die Schliche gekommen waren?

 

Josef Gens: Dazu gibt es eine wunderschöne Geschichte: Meine Mutter stand diesen ganzen Tätigkeiten im Keller, die wir mit einem Partykellerbau begründet hatten, recht skeptisch gegenüber. Dann als nach einer Zeit dieser Partykeller überhaupt keinen Fortschritt zeigte, wir aber permanent in den Kellerräumen herum wuselten, hat sie uns doch erwischt, als wir unsere geheime Kommode verließen. Wir hatten eine Kommode so präpariert, dass man von dort aus in den Grabungsbereich hinein konnte. Dort erwischte sie einen unserer Freunde, als er aus der Kommode stieg, und sah, was wir dort machten. Wir hatten zu diesem Zeitpunkt schon 19 römische Quader im Keller deponiert. Unsere Mutter war total begeistert, aber am nächsten Tag mussten wir auch noch unseren Vater informieren. Auch der stimmte dann zu, dass wir diese Grabungen fortführen konnten.

lesepunkte: Der Titel Ihres Buchs „Grabungsfieber“ bezieht sich auf einen von Ihnen während den Arbeiten bemerkten Geisteszustand, den Sie mit „Faszination und Gefahr“ umschreiben. Was haben wir uns unter diesem „Fieber“ vorzustellen?

 

Josef Gens: Man kann das ganz einfach erklären: Es hat ja hier in Köln in den letzten vierzig Jahren immer wieder Grabräuber gegeben, die römische Relikte ausgegraben haben und teilweise dabei verschüttet wurden und zu Tode gekommen sind. Aber erst als wir merkten, dass bei unserer Grabung auch so etwas passierte – nämlich eine Einschränkung der Wahrnehmungsfähigkeit – hat uns das zu denken gegeben. Wenn man einen Quader ausgräbt und Stück für Stück das Muster freilegt, dann nimmt man plötzlich seine Umwelt nicht mehr wahr. Das ist so, als wenn man ein spannendes Buch liest. Das wird jedem schon einmal passiert sein, das ist sozusagen das Lesefieber. Man liest, der Partner spricht einen an, aber man nimmt ihn nicht wahr. Und erst wenn man angefasst wird, kommt man aus dieser Faszination wieder heraus. So muss man sich das auch beim Graben vorstellen. Wenn man Stück für Stück Lehm wegnimmt und ein Muster erschließt, dass 2000 Jahre lang niemand gesehen hat, und man sich darüber bewusst wird, dann ist man so auf dieses Tun fixiert, dass man gar nicht mehr merkt, dass die Erdhöhle zu groß wird, in der man arbeitet. Als wir das erkannt haben, haben wir immer einen Aufpasser in entsprechender Entfernung zum Grabenden platziert, der aufpassen musste, dass der andere keinen Unsinn macht. Dann wurde er gestoppt. Das ist dieses Grabungsfieber: die Einschränkung der Wahrnehmungsfähigkeit. Damit setzt man sich selbst einer Gefahr aus, die derjenige, der gräbt, gar nicht mehr erkennt.

lesepunkte: Der gesamte Fund ging schließlich für etwa 500.000 DM an das Römisch-Germanische Museum. Sie haben auch deutlich höhere Angebote aus dem Ausland, etwa den USA erhalten. Warum steht das Grabmal heute trotzdem in Köln?

 

Josef Gens: Weil wir nicht des Geldes wegen gegraben haben. Wir waren damals so fasziniert von der Kölner Geschichte und von dem, was wir dort tun konnten. Über Geld dachten wir nur insofern nach, dass unsere Konten wegen der Baumaterialbeschaffung immer leerer wurden. Aber die hat uns unser Vater dann auch wieder aufgefüllt. Aber an Geld und den Verkauf an die Stadt Köln dachten wir, solange wir dort gegraben haben, überhaupt nicht. Als wir dann mit der Grabung fertig waren, kamen plötzlich Leute, die uns sagten, dass die Funde einen hohen Wert haben. Dann kamen auch Angebote aus Amerika: Alleine für die Poblicius-Statue gab es ein Angebot über eine Million DM. Aber wir sagten uns: „Dieser Fund ist für Köln so wichtig. Wir haben ihn nicht ausgegraben, um ihn verstreut über die ganze Welt irgendwo in Privatbesitz zu sehen, sondern wir wollen ihn hier im Römisch-Germanischen Museum sehen.“ Und das haben wir geschafft.

lesepunkte: Wie kommt es, dass Sie oder Ihre Freunde nach dem Fund nicht Ihr Maschinenbau- oder Architekturstudium geschmissen und stattdessen auf Archäologie umgesattelt haben? Sind Sie dem Motto gefolgt: Man soll aufhören, wenn es am schönsten ist?

 

Josef Gens: Könnte man so sagen. Aber ich war damals mit dem Studium fertig und hatte sehr lukrative Angebote in mehreren Firmen. Ich ging dann zur Klöckner-Humboldt-Deutz AG, wo ich vierzig Jahre berufstätig war. Das hat mich sehr ausgefüllt. Aber parallel habe ich Kölner Stadtgeschichte und Archäologie zum Hobby gehabt, was immer ein sehr schöner Ausgleich war und heute noch ist.

lesepunkte: Nun haben Sie ein Buch mit dem Titel „Grabungsfieber“ geschrieben. Erwartet den Leser ein archäologisches Sachbuch oder eine Abenteuergeschichte im Stile von Indiana Jones?

 

Josef Gens: Das wird wahrscheinlich von der subjektiven Einschätzung des Lesers abhängen. Ich habe drei Dinge in dem Buch deutlich gemacht: Einmal die Entdeckungsgeschichte, zum anderen die Grabungsgeschichte und als letztes die Forschungsgeschichte. Ich habe ja schon während der Grabung sehr intensiv mit der Forschung zum Poblicius-Grabmal begonnen. Wir sahen damals durch einen Zufallsfund eine kleine Statue im Schaufenster des Verkehrsamtes, mit der damals für die Ausstellung „Römer am Rhein“ geworben wurde. Wir hatten einen kleinen Kopf gefunden und damit ging ich am nächsten Tag zum Verkehrsamt und fragte, ob ich diesen Kopf auf die Statue setzen dürfte. Die Statue war schon 1884 gefunden worden – den Kopf fanden wir 1967. Der Kopf passte millimetergenau in die Bruchstelle und damit war klar, dass schon 1884 Quader des Grabmals gefunden worden waren. Dem ging ich dann nach und konnte durch Schriftverkehr mit dem Landesmuseum Bonn klären, dass vierzehn weitere Quader zum Poblicius-Grabmal vorhanden waren. Damit war der Aufbau als dreidimensionales Bauwerk hier im Museum gesichert. Damals hat diese Forschungsgeschichte begonnen. In meinem Buch sind also drei Teile zu finden: die Entdeckungs-, die Grabungs- und die Forschungsgeschichte.

lesepunkte: Ist für Sie die Publikation Ihres Buches eine Art Abschluss des Themas Poblicius oder gibt es für Sie weiterhin ungeklärte Fragen, denen es nachzuforschen gilt? Oder anders gefragt: Packt Sie heute noch manchmal das Grabungsfieber?

 

Josef Gens: Zum Poblicius-Grabmal kann ich Folgendes sagen: Ich war Anfang dieser Woche in einem Außendepot des Römisch-Germanischen Museums. Dort habe ich das getan, was ich schon 2009 hier im Dombunker unter dem Römisch-Germanischen Museum getan habe, wo in einem Depot alle Quader lagern, die nicht gezeigt werden können. Ich habe in diesem Außendepot 21 Quader von ihren Mustern und Abmessungen her selektiert. Als ich am nächsten Tag den Fundort und das Funddatum von Römisch-Germanischen Museum zurückgespielt bekam, war z.B. ein Quader dabei, der 1986 – also praktisch 20 Jahre nach unserem Grabungsende – beim Neubau des Hauses am Chlodwigplatz gefunden worden ist. Das wussten aber weder mein Bruder noch ich. Ich habe diesen Quader gesehen und direkt gesagt: „Der ist ja hochinteressant!“ Einer konnte direkt zugeordnet werden, bei den weiteren bin ich im Augenblick in der Abklärung. Zehn Quader musste ich schon aussortieren, aber vielleicht bleiben am Ende drei oder vier übrig, das wäre schon wieder ein weiterer Erfolg.

 

(Interview: Philipp Scherber) 

 

 

Empfohlene Zitierweise

Interview mit Josef Gens (Philipp Scherber). In: lesepunkte 8 (2013), Nr. 4, URL: http://www.lesepunkte.de/no_cache/persistent/artikel/10211/

Bitte setzen Sie beim Zitieren dieses Beitrags hinter der URL-Angabe in runden Klammern das Datum Ihres letzten Besuchs dieser Online-Adresse.



Erstellt: 07.02.2014

Zuletzt geändert: 07.02.2014

Forum


Josef Gens beantwortet im Forum eure Fragen rund um seine Ausgrabungen in Köln, das Poblicius-Grabmal und sein Buch "Grabungsfieber".

Kurzbiographie


Josef Gens, Jahrgang 1943, konnte sich schon als Kind für die Kölner Stadtgeschichte begeistern. Vor allem die römischen Relikte, die noch immer in großer Zahl im Kölner Boden schlummern, weckten sein Interesse. Im Zuge des geplanten Um- bzw. Neubaus des Elternhauses am Chlodwigplatz stießen Gens und sein Bruder 1965 auf römische Steinquader, die sich später als das Grabmal des Veteranen Lucius Poblicius herausstellen sollten. Aufgrund eines offiziellen Grabungsverbots entschieden sich die beiden Brüder, mithilfe einiger Freunde die Grabungen im Geheimen weiter zu führen. Dazu errichteten sie einen Tunnel unter der Fundstelle, welchen sie über einen versteckten Zugang im Keller erreichen konnten. Auf diese Weise gruben die sieben Freunde bis 1967 über 70 Reliefquader und dazugehörige Statuen aus. Das Poblicius-Grabmal ist heute eine Hauptattraktion im Römisch-Germanischen Museum in Köln.

Beruflich weilte Josef Gens nach seinem Maschinenbaustudium seit 1970 bei der Klöckner-Humboldt-Deutz AG. Seitdem er sich im Ruhestand befindet, beschäftigt er sich wieder intensiv mit seinen Hobbys, Stadtgeschichte und Archäologie, und vor allem mit der weiteren Erforschung des Poblicius-Grabmals.

Im September 2013 erschien sein Buch "Grabungsfieber", in dem er die nahezu filmreife Grabungsgeschichte mit der Forschungsgeschichte und Funddokumentation zum Poblicius-Grabmal zu einer unterhaltsamen Erzählung verbindet.

 

Weitere Infos zum Buch und zum Poblicius-Grabmal findet ihr hier:

www.kiwi-verlag.de

www.poblicius.com