Fritsche, Olaf

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"Ideen kann man nicht zwingen, auf die muss man warten" 

Olaf Fritsche über Rätsel der Vergangenheit und rätselhaften Kinderhumor. 

 


lesepunkte: Sie sind ja von Haus aus Naturwissenschaftler. Ist denn da was dran an dem Klischee, dass die sich nur für Formeln interessieren und nicht sehr kommunikativ sind?

 

Olaf Fritsche: Ich interessiere mich ja nicht nur für Formeln, ich schreib ja auch Kinderbücher! Man muss als Naturwissenschaftler neugierig sein und Sachen herausfinden wollen, auch neue Sachen. Und gerade das kann man ja eigentlich auch auf anderen Gebieten als nur der Naturwissenschaft. Diese Neugierde hat mich dann auch dazu gebracht, über verschiedene Zeiten Geschichten zu schreiben und davon zu erzählen, was da passiert ist und wie die Leute gelebt haben. Also: Neugierig muss man sein als Naturwissenschaftler, aber sonst sind das Menschen wie zum Beispiel Lehrer, Polizisten oder Klempner auch. Nur manche sind aber dann vielleicht doch ein bisschen wie Albert Einstein, ein bisschen seltsamer.

lesepunkte: Sie haben früh angefangen zu schreiben und hatten Freude an spannenden Geschichten, waren Sie da ein Exot als Naturwissenschaftler?

 

Olaf Fritsche: Während meiner Zeit als Naturwissenschaftler habe ich noch nicht solche Geschichten geschrieben. Sondern eher Erklärungen von wissenschaftlichen Vorgängen, so dass man die dann auch verstehen kann. Es gibt aber durchaus viele Naturwissenschaftler, die auch Geschichten schreiben, manchmal auch Gedichte. So richtig als Hauptberuf macht das aber selten jemand.

lesepunkte: Und wie sind Sie vom Labor zum Wissenschaftsjournalismus gekommen?

 

Olaf Fritsche: Das liegt an der Neugierde. Sachen selbst rauszufinden ist 'ne ganz schön mühselige Angelegenheit. Da muss man sehr hartnäckig auf immer dem gleichen Gebiet Experimente machen. Ich war dafür zu neugierig und wollte eher mehr wissen. Und später als Journalist musste ich mich auf das beschränken, was andere herausgefunden haben. Schließlich haben die Naturwissenschaften alleine mir auch nicht mehr gereicht und jetzt bin ich eben bei den Kinderbüchern gelandet und mache momentan auch geschichtliche Themen.

lesepunkte: Eines Ihrer erster Kinderbücher war ein Mitmachkrimi mit dem Titel „Aufgepasst, zugefasst!“ – haben Sie denn auch eine Vorliebe für das Rätsellösen und solche Detektivgeschichten?

 

Olaf Fritsche: Ich hab vor allen Dingen eine Vorliebe dafür, dass man Sachen mitmachen kann. Also nicht nur Geschichten liest und sich vorstellt, dass man da drin steckt, sondern wenn’s irgendwie geht, das auch spielen kann. Und bei Detektivgeschichten geht das sehr schön. Mit einem Wassertropfen und ein bisschen durchsichtigem Plastik kann man eine tolle Lupe basteln, die eine Vergrößerung hinkriegt, wie man sie so nicht beim Optiker bekommt. Man kann Fingerabdrücke nehmen, oder sich kleine Guckkästen bauen, mit denen man um die Ecke schauen kann und viele Sachen mehr. Das Selbstmachen ist es mehr als die Rätsel.

lesepunkte: Auf der Verlagshomepage liest man, dass Ihr Vater Polizist war. Hat das auch Ihren kriminalistischen Spürsinn beflügelt?

 

Olaf Fritsche: Beflügelt nicht, aber ich hatte dadurch jemanden, bei dem ich gut nachfragen konnte. Es sind in diesem Buch auch viele Informationen drin. Zum Beispiel, wie man eigentlich Detektiv wird oder wo das kleinste und das größte Gefängnis in Deutschland stehen. Da war ich manchmal ganz froh, wenn ich meinem Vater fragen konnte.

lesepunkte: Jetzt dreht sich in Ihrer neuen Reihe „Der geheime Tunnel“ alles um Geschichte. Die drei Freunde Albert, Lilly und Magnus begeben sich auf Zeitreisen. Wie ist die Idee dazu entstanden?

 

Olaf Fritsche: Da muss ich mal kurz nachdenken ... Sie hatten mit Ihrer Frage eben wohl doch mehr recht, als ich im ersten Moment gedacht hatte. Die Rätsel locken auch ziemlich. Und gerade von vielen Begebenheiten der Vergangenheit wissen wir gar nicht, wie es genau gewesen ist.
Also zum Beispiel, ob Leonardo Da Vinci seine Erfindungen, von denen wir noch Zeichnungen haben, auch selbst gebaut und ausprobiert hat. Zum Beispiel die Flugmaschine, die Leonardo erfunden hat: Vor ein paar Jahren haben Techniker unserer Zeit seine Pläne nachgebaut – und die flog tatsächlich. Und Leonardo hat auch den Fallschirm erfunden – der im Nachbau auch funktioniert hat.
Den Schatz von Troja hat Heinrich Schliemann gefunden, ein deutscher Kaufmann und Archäologe, der aber fünf oder sechs verschiedene Orte angegeben hat, wo der Schatz angeblich gelegen haben soll. Es weiß nun keiner, wo der tatsächliche Fundort ist.
Bei lauter solchen kleinen Geheimnissen, die noch völlig in der Luft liegen, kann man sich fragen, wie es gewesen ist. Wenn man dann einen Tunnel hat, der in die Vergangenheit führt, gibt es nichts Näherliegendes, als mal „hinzugehen“. Diese kleinen Geheimnisse zu lösen, das ist mein Antrieb, und auch das, was die Kinder dann dazu verleitet, einfach mal nachzuschauen in der Vergangenheit

lesepunkte: Als Sie so alt waren wie Ihre Helden Albert, Lilly und Magnus gab’s noch kein Handy, keinen Computer und auch nur drei Fernsehprogramme mit Sendeschluss. Wären Sie lieber heute Kind oder sind Sie froh, dass Ihnen diese Technik damals erspart geblieben ist?

 

Olaf Fritsche: Das ist ganz schwer zu sagen. Die Kindheit, die ich früher hatte, ist ganz bestimmt anders, als die Kindheit, die Kinder jetzt haben. Die haben ganz große Vorteile, wenn Sie zum Beispiel im Internet etwas herausfinden wollen oder mit dem Computer spielen. Meine Generation hat möglicherweise mehr gebastelt, die Generation meiner Eltern hat früher noch draußen barfuss gespielt, auch wenn es schon Herbst war. Alles hat seine Vor- und Nachteile. Also ich bin froh, dass ich mal Kind war, aber manchmal auch froh, dass ich es nicht mehr bin. Es ist wohl am besten, wenn man sich ein bisschen von seiner Kindheit erhält, egal in welchem Lebensalter.

lesepunkte: Wenn man Kinderbücher schreibt, ist ja die Kunst, sich in die Kinder hineinzuversetzen, die das mal lesen werden. Haben Sie Testleser oder auch Kinder, mit denen Sie sich über Ihre Bücher unterhalten?

 

Olaf Fritsche: Ja. Testleser, die sich das anschauen. Und wenn ich etwas vorlese, achte ich sehr darauf, an welchen Stellen die Kinder lachen, wo sie besonders konzentriert mitgehen oder was eher langweilig rüberkommt. Es ist nicht immer so, dass die Kinder an den Stellen lachen, wo ich das erwartet hätte. Dafür amüsieren sie sich irgendwo köstlich, wo ich mich hinterher frage: was war da jetzt eigentlich komisch? Kinder haben einen anderen Humor als Erwachsene. Da müssen wir als Kinderbuchautoren dafür sorgen, dass wir das schreiben, was die Kinder spannend und lustig finden – und nicht immer so erwachsen denken.

lesepunkte: Das Internet spielt eine wichtige Rolle bei den Abenteuern im Zeittunnel – Wie informieren Sie sich denn?

 

Olaf Fritsche: Auch im Internet. Außerdem besorge ich mir noch Bücher über die betreffenden Themen und Zeiten. Denn man kann wohl im Internet sehr viel finden. Aber: Es stimmt nicht alles, was drin steht, und alles findet man auch nicht. Da ist es dann doch besser, wenn man sich noch ein paar Bücher anschaut.

lesepunkte: Haben Sie Ihren Geschichtsunterricht gerne gehabt?

 

Olaf Fritsche: Das hing vom Lehrer ab. Ich fand Geschichte teilweise ganz große Klasse. Ich habe mir sogar mal ein Schulbuch besorgt, da war ein Stadtplan vom alten Rom drin. Ich habe mir eben gedacht: Wenn ich mal irgendwann durch einen komischen Zufall ins alte Rom versetzt werde, dann ist es praktisch, wenn ich einen Stadtplan dabei habe. Das Buch habe ich immer noch. Ich bin aber bisher immer noch nicht ins alte Rom versetzt worden. Das müssen jetzt Magnus und Lilly machen.

lesepunkte: Wenn Sie selbst in diesen Tunnel dürften, in welche Zeit würden Sie dann reisen?

 

Olaf Fritsche: Ich würde nicht nur in eine Zeit reisen. Da ist wieder die große Neugierde. Ich würde das so wie Lilly, Magnus und Albert machen und mir viele verschiedene Zeiten angucken. Denn eigentlich lebe ich am liebsten in der jetzigen Zeit. Die vergangenen Zeiten hatten vielleicht manchmal Vorteile, aber eben auch ganz schöne Nachteile.

lesepunkte: Sie sind ja nicht nur Kinderbuchautor, sondern auch Wissenschaftsjournalist und ein sehr produktiver Autor. Sie haben zuletzt zum Beispiel wieder das Buch zur sat1-Wissensshow „clever!“ geschrieben und auch viele andere mathematische Rätselgeschichten für erwachsenere Leser. Erfordert das eine große Disziplin, so viel zu schreiben?

 

Olaf Fritsche: So viel zu schreiben erfordert eine große Ordnung und gute Zeitplanung. Das Schwierigste ist, von einem wissenschaftlichen Text für Erwachsene auf einen Kindertext mit Abenteuern zu wechseln. Das ist ein deutlicher Sprung, denn für Kinder muss man sehr viel lockerer schreiben und darf auch eine lustigere Sprache verwenden. Da muss ich mich immer erst mal einen Tag lang eingewöhnen. Da lese ich dann irgendwelche anderen Kindergeschichten, um wieder richtig für Kinder schreiben zu können.

lesepunkte: Gibt es für Sie noch so etwas wie die Angst vorm weißen Blatt?

 

Olaf Fritsche: Es gibt manchmal Tage, wo ich vor dem Computer sitze und es läuft einfach nicht. Dann muss ich weg vom Computer. Entweder Musik hören, Spazieren gehen oder etwas anderes lesen. Jedenfalls mit den Gedanken ganz woanders hin. Dann kommen die Ideen wieder ganz von selbst. Die kann man nicht zwingen, auf die muss man warten.

lesepunkte: Wie geht es denn weiter mit dem geheimen Tunnel?

 

Olaf Fritsche: Spannend! Es wird im November der dritte Band kommen, in dem Lilly und Magnus auf Reisen nach Amerika mit Christoph Kolumbus sind. Da ist das Rätsel, dass niemand genau weiß, auf welcher Insel vor Amerika Kolumbus zuerst gelandet ist. Es gibt zwar ein paar, die von sich behaupten, die erste Insel zu sein, aber es kann ja nur eine gewesen sein, und das wollen Lilly und Magnus herausbekommen. Dummerweise setzt Magnus dabei die Santa Maria auf Grund, da fehlt dann auf einmal ein Schiff – aber wie die beiden aus dieser Klemme kommen, will ich noch nicht verraten.
Außerdem wird Albert in der Jetzt-Zeit sehr viel zu tun bekommen. Da tritt nämlich eine dunkle Gestalt auf, die erst sehr freundlich wirkt, sich dann aber als doch nicht so nett herausstellt, wie das auf den ersten Blick aussah. Und im kommenden Jahr reisen Lilly und Magnus zum schwarzen Ritter ins Mittelalter. Eigentlich nicht freiwillig, denn sie stellen fest, dass ein anderer mit dem Geheimtunnel in die Vergangenheit gereist ist, und sie müssen hinterher, um die Kontrolle über den Tunnel wieder zu erlangen.
Und rechtzeitig zu den Olympischen Spielen wird es dann im Sommer 2008 einen Band geben, in dem die drei Kinder Abenteuer mit den antiken Olympischen Spielen und den ersten Spielen der Neuzeit erleben.

lesepunkte: Hängt es denn auch vom kommerziellen Erfolg ab, ob so eine Reihe weiterläuft?

 

Olaf Fritsche: Ja, total.

lesepunkte: Da müssen Sie sich aber jetzt keine Sorgen machen – oder kann man da noch nichts sagen, weil die ersten Bände erst im März erschienen sind?

 

Olaf Fritsche: Ja, da kann man noch nichts sagen. Wir haben noch keine Verkaufszahlen. Wir wissen, wie viele ausgeliefert wurden, aber nicht, ob die Bücher noch in den Regalen der Buchhändler stehen. Das ist jetzt nach zweieinhalb Monaten noch zu früh.

lesepunkte: Wäre es ein Traum, wenn die Idee vom Zeitreisetunnel in einem anderen Medium umgesetzt würde, etwa in einem Film?

 

Olaf Fritsche: Ich habe tatsächlich mal ein bisschen davon geträumt. Ich glaube, ein Kinofilm wäre wohl nicht ganz geeignet. So eine kleine Fernsehserie, wo die Kinder jedes Mal in einer Folge in eine Vergangenheit reisen, das wäre sehr schön. Das ist ja das Besondere, dass sie viele verschiedene Zeiten besuchen. Das in einen Film reinzuquetschen wäre wohl schwierig. Aber eine Serie, das würde sehr gut funktionieren.

lesepunkte: Was machen Sie, wenn Sie nicht schreiben? Zeitreisen oder mit Formeln tüfteln?

 

Olaf Fritsche: Schlafen (lacht). Ich habe auch relativ viele Hobbys, die ich alle immer nur ein bisschen ausüben kann. Ich fahre gerne Fahrrad, ich spiele Querflöte – aber nicht so gut, dass ich irgendwas vorspielen könnte. Ich male gerne. Dann kommen noch die Sachen hinzu, die man eben so als Erwachsener machen muss: Sauber machen, einkaufen und den Garten pflegen und so weiter. Und ich spiele gerne mit Kindern.

(Interview: Jochen Pahl) 

 

 

Empfohlene Zitierweise

Interview Olaf Fritsche . lesepunkte 2 (2007), Nr. 3, in: lesepunkte, URL: http://www.lesepunkte.de/no_cache/persistent/artikel/5082/

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Erstellt: 13.06.2007

Zuletzt geändert: 13.06.2007

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Das Interview zum Hören:

Teil 1 (6,4 MB)
Teil 2 (5,7 MB)

Kurzbiographie

Olaf Fritsche wurde 1967 in Lübeck geboren. Er hat an der Universität Osnabrück Biologie studiert, versehen mit ein paar zusätzlichen Vorlesungen in Chemie und Physik. Seine Diplom- und Doktorarbeit hat Fritsche in der Abteilung Biophysik angefertigt - einem Gebiet, in dem die drei klassischen Naturwissenschaften aufeinander treffen. Schon während der Zeit an der Uni schreibt er nebenbei Artikel für verschiedene Zeitungen und experimentiert mit Radio und Film.
Von Juli 1997 bis November 2000 war Olaf Fritsche als Online-Redakteur bei "Spektrum der Wissenschaft" tätig. Seit Dezember 2000 arbeitet er als freier Journalist und Autor. Artikel von ihm wurden unter anderem in Astronomie heute, c't, Frankfurter Rundschau, Geolino, Handelsblatt, Photon, Science, Spektrum der Wissenschaft, Stuttgarter Zeitung, taz, Westdeutsche Zeitung und Wissenschaft Online veröffentlicht.
In den letzten Jahren traten schließlich immer mehr die Bücher in den Vordergrund - Sachbücher für Erwachsene und Abenteuerbücher für Kinder. Olaf Fritsche lebt in der Nähe von Heidelberg.

 

Bibliographie (Auswahl):


Kinderbücher:

Aufgepasst, zugefasst! Spuren sichern, kombinieren, Fälle lösen - ein Mitmach-Krimi für clevere Kids, rororo rotfuchs 2005, ISBN 3-499-21333-8

Der geheime Tunnel - Leonardo auf der Flucht, rororo rotfuchs 2007, ISBN 3-499-21383-4

Der geheime Tunnel - Jagd auf den Schatz von Troja, rororo rotfuchs 2007, ISBN 3-499-21384-2

 
Bücher für Erwachsene:

Die Macht der Formeln - und was man mit Formeln macht, Rowohlt Taschenbuch Verlag 2006, ISBN 3-499-62129-0

Zusammen mit Richard Mischak und Thorsten Krome: Verflixt und zugeknobelt - Mehr mathematische Rätselgeschichten von Wissenschaft Online, Rowohlt Taschenbuch Verlag 2007, ISBN 3-499-62190-8

 
Homepage:

http://www.wissenschaftwissen.de/