Frank, Astrid

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„Ich will zeigen, dass Tiere Gefühle haben.“ 

Astrid Frank über Tierprozesse im Mittelalter und das Genre „Pferdebuch“. 

 


lesepunkte: Sie wohnen hier in Köln nicht weit weg vom Fühlinger See. Dort hat vor gerade mal zwei Wochen ein großes „Mittelalter Spectaculum“ stattgefunden. Schauen Sie sich so was zusammen mit Ihren Söhnen an?

 

Astrid Frank: Sehr gerne. Dieses Mal waren wir leider nicht da, weil wir in Urlaub waren. Aber im Vorjahr schon. Das Mittelalter hat mich schon immer interessiert, und mein großer Sohn ist acht Jahre alt, der ist natürlich ganz heiß auf Ritterspiele.

lesepunkte: Ihr aktuelles Buch „Das Pferd des Teufels“ spielt ja im Kölner Spätmittelalter bzw. in der Frühen Neuzeit. Darin geht es um die 15-jährige Anna, die als Waise bei ihrer Großmutter lebt. Ihr Leben gerät aus den Fugen, als ihr geliebtes Pferd Christopherus den Marktmeister verletzt und als vom Teufel besessen angeklagt und eingesperrt wird. Schließlich steht sogar Anna selbst unter Hexereiverdacht. Wie kommen Sie auf diese ungewöhnliche Verbindung von Pferdebuch und historischem Mittelalter-Roman?

 

Astrid Frank: An dieser ungewöhnlichen Verbindung lag gerade der Reiz. Ich habe ja schon Pferdebücher geschrieben, die in verschiedenen Epochen spielen. Grundsätzlich interessieren mich Tiere und Tiergeschichten, und gerade im Mittelalter haben Tiere und vor allem Pferde eine große Rolle gespielt. Sie waren nicht nur Freunde, wie heute, sondern als „Arbeitsgeräte“ enorm wichtig und existentiell. Es war reizvoll zu zeigen, wie man früher mit Tieren umgegangen ist. Und vor allem diese Tierprozesse sind ja eine Tatsache, die heutzutage nicht mehr bekannt ist. Die wenigsten wissen, dass nicht nur vermeintliche Hexen vor Gericht standen, sondern auch tatsächlich Tiere vor Gericht zitiert und verurteilt wurden. Über diese Tierprozesse zu schreiben war die grundlegende Idee des Buches. Das habe ich dann an dem Fallbeispiel des Pferdes aufgezogen.

lesepunkte: Das Pferdebuch als Genre steht ja ein bisschen im Verruf, „leichte Kost“ zu sein. Wertet die Verbindung mit dem historischen Setting das Genre auf?

 

Astrid Frank: Das hoffe ich. Aber das liegt nicht nur am historischen Setting. Ich denke, dass ich mit meinen anderen Pferdebüchern auch schon den Beweis angetreten habe, dass das Pferdebuch nicht einfach nur billige Unterhaltung sein muss. Wobei es mir auch Spaß macht, das Genre zu bedienen. Wenn man an der Zielgruppe vorbeischreiben würde, dann würde niemand das Buch lesen und die Informationen, die vielleicht auch darin versteckt sind, würden niemanden erreichen.

lesepunkte: Wie sieht denn die Zielgruppe aus, sind das Mädchen im Teenager-Alter?

 

Astrid Frank: Ja, aber ich stelle auch immer wieder fest, wie erstaunlich jung die Leserinnen sind. Die sind nicht nur im Teenager-Alter. Bei „Das Pferd des Teufels“ geht es ja ordentlich zur Sache, das ist vielleicht wirklich erst ab zwölf Jahren geeignet. Aber bei den anderen Büchern habe ich gemerkt, dass auch Neun- und Zehnjährige diese Geschichten lesen.

lesepunkte: Werden die Pferdebücher in diesem „Coming-of-Age“-Alter dann also in einer ganz frühen Phase gelesen? Es geht ja in Pferdebüchern meist um eine unschuldige Liebe zum Tier. Interessiert das die Mädchen vor allem in einem Alter, in dem Sexualität noch gar keine Rolle spielt?

 

Astrid Frank: Die Verbindung habe ich noch gar nicht so gesehen. Also mein Buch „Schwarzer Mustang“ richtet sich ja schon an Achtjährige, da spielt Liebe tatsächlich keine große Rolle. Liebe kann aber Thema sein. „Roter Blitz“ hat zum Beispiel eine Liebesgeschichte, die aber aus männlicher Sicht erzählt wird. Das ist dann auch wieder untypisch für ein Pferdebuch: ein männlicher Protagonist, der wirklich gelebt hat. Mir fällt jetzt aber, ehrlich gesagt, gar nicht so was wahnsinnig Kluges dazu ein…

lesepunkte: Es ist aber nicht so, dass die Mädchen das Pferdebuch zur Seite legen, wenn sie in die Pubertät kommen und dann eher zu „Freche Mädchen“ greifen?

 

Astrid Frank: Nicht unbedingt. Die eine oder andere sicherlich, aber nicht alle. Gerade meine Pferdebücher werden nicht nur von Jugendlichen gelesen, sondern auch viel von Erwachsenen. Resonanz bekomme ich dann tatsächlich auch oft von Erwachsenen. Da passt dann wohl die neue Bezeichnung „All-Age-Books“.

lesepunkte: In Ihrem Buch „Das Pferd des Teufels“ wird ja schön deutlich, dass in anderen Zeiten eine andere Einstellung zu Tieren herrschte. Was hat denn die Beziehung Mensch-Tier insbesondere im Mittelalter ausgemacht?

 

Astrid Frank: Die große Abhängigkeit. An Annas Fall wird das besonders deutlich. Ohne ihr Pferd kann sie ihre Arbeit auf dem Feld nicht bewerkstelligen und ohne Arbeit ist ihre Existenz bedroht. In vielerlei Hinsicht sind wir Menschen früher natürlicher mit den Tieren umgegangen und die Tiere hatten noch eine andere Funktion für uns. Ob es den Tieren heute immer so viel besser geht, sei dahingestellt. Der Stellenwert, den Tiere etwa in der Massentierhaltung haben, ist problematisch. Bei der Recherche habe ich aber festgestellt, dass es sogar heutzutage noch Fälle von Tierprozessen und Tierverurteilungen gibt. Im Jahr 1998 wurde in Afrika, in Tansania, ein Hund zum Tode verurteilt. Das ist dann natürlich eigentlich eine Strafe für den Besitzer – aber das Tier ist der Leidtragende.

lesepunkte: In so einer fernen Epoche wie dem Spätmittelalter oder der Frühen Neuzeit spielt ja das magische Denken noch eine große Rolle. Wie versetzt man sich als Autor in so ein Denken hinein?

 

Astrid Frank: Durch Recherche. Es ist ja nicht schwierig, etwas über das Mittelalter herauszufinden. Trotzdem zählt jedes Wort und man steht vor der Herausforderung, dass die Beschreibungen historisch authentisch sein müssen. Es hat aber viel Spaß gemacht, sich in diese mystische Denkweise einzulesen, aber auch in das Alltagsleben. Gab es Fenster? Gab es Brillen? Wie wurde gekocht? Mit welchen Utensilien wurden die handwerklichen Tätigkeiten erledigt? Das alles spielt da mit rein. Ich denke, dass aber auch der große Gottesglaube, der damals noch häufiger anzutreffen war, im Buch spürbar ist.

lesepunkte: Mir ist bei der Lektüre aufgefallen, dass einige der männlichen Figuren als recht lüstern beschrieben werden. Die Protagonistin Anna fühlt sich oft den männlichen Blicken ausgesetzt. Ist das Mittelalter-Atmosphäre, oder holen Sie die jungen Mädchen in ihrem Alltag ab, in dem sie plötzlich feststellen, dass sie als Objekt der Begierde wahrgenommen werden?

 

Astrid Frank: Vielleicht beides. Das ist sicher etwas, das junge Mädchen auch heute erfahren: Plötzlich zu merken, dass sie eine Wirkung haben und sich dann zu fragen, wie sie damit umgehen sollen. Das war damals wie heute sicherlich gleich. Die Art, wie man mit Sexualität umgegangen ist, war im Mittelalter aber sicher eine andere als heute. Man war wohl viel freizügiger, und die Rechte der Frauen waren sehr viel beschnittener als heute. Die Frauen mussten sich wahrscheinlich mehr gefallen lassen. Insofern berührt es also beides, es verschafft Mittelalter-Atmosphäre, betrifft aber auch Mädchen heute. Daran erinnere ich mich auch noch selbst. Dass es Phasen im Leben gibt, in denen man merkt, dass plötzlich andere Dinge eine Rolle spielen.

lesepunkte: Sie haben selbst schon anklingen lassen, dass Tierschutz und die Achtung vor dem Tier immer wieder eine Rolle in Ihren Büchern spielt. Spielt diese Thematik auch eine Rolle in Ihrer eigenen Biographie?

 

Astrid Frank: Ich habe da kein traumatisches Erlebnis. Aber Tiere waren mir immer sehr wichtig und ich war wohl auch ein Kind, das unbedarft auf alle Tiere zugelaufen ist. Heute finde ich es immer wieder erstaunlich, wie oft wir Menschen gedankenlos mit Tieren umgehen. Ob das jetzt Tierversuche in der Wissenschaft sind oder das Fleisch, das wir auf dem Teller haben. Tiere werden oft wie ein Produkt behandelt. All meine Bücher zielen letztendlich darauf ab, dem Leser oder der Leserin die Gelegenheit zu geben, über das eigene Verhalten nachzudenken. Und dann vielleicht als Erwachsene reflektierter mit anderen Lebewesen umzugehen.

lesepunkte: Sie haben auch eine Ausbildung als Zoobegleiterin gemacht?

 

Astrid Frank: Ausbildung ist ein hochtrabendes Wort. Während des Biologiestudiums hatten wir als Studenten die Gelegenheit, im Zoo zu arbeiten. Nach einem Lehrgang über einige Monate mit Abschluss und Klausur konnten wir dann als Zoobegleiter im Kölner Zoo arbeiten. Ich habe da aber eine ganze Menge gelernt und auch einen Zugang zu Wildtieren gefunden.

lesepunkte: In Ihrem Buch versetzen Sie sich sogar hin und wieder in das Pferd Christopherus hinein und erzählen aus dessen Perspektive. Das sind oft besonders gefühlsbetonte Stellen, in denen das Tier leidet. Welche Wirkung wollen Sie damit erreichen?

 

Astrid Frank: Ich will zeigen, dass Tiere Gefühle haben. Egal, ob jetzt Pferd, Hund, Katze, Maus – oder ein Insekt. Das ist natürlich gefühlsbetont, die Gedanken eines Tieres zu interpretieren. Und das ist schwierig. Aber davon auszugehen, das jedes Tier genauso wie wir Menschen auch Schmerz oder Einsamkeit empfindet ist meine Überzeugung, mit der ich auch nicht alleine dastehe. Das ist natürlich eine besondere Herausforderung bei allen Tierbüchern: Nicht zu vermenschlichen, sondern wirklich zu versuchen, aus der Sicht des Tieres zu beschreiben und sich auf das Spektrum zu beschränken, welches das Tier vermutlich wahrnimmt.

lesepunkte: Wie entstehen Ihre Bücher überhaupt? Arbeiten Sie zuerst an den Figuren, am Plot, oder wächst die Geschichte mit jedem Schreibtag?

 

Astrid Frank: Sowohl als auch. Die Handlung steht im Großen und Ganzen natürlich fest. Der Dreh- und Angelpunkt ist in allen meinen Büchern immer das Tier. Die Figuren, die ich brauche für die Geschichte des Tieres konzipiere ich vorher. Bei meiner Krimireihe „L.O.T.T.A. ermittelt“ gibt es eine andere Gewichtung, aber gerade bei meinen Pferdebüchern ist der tierische Protagonist immer die Hauptfigur.

lesepunkte: Sie haben sich ja sogar in Ihrem Studium mit Tieren in der Literatur beschäftigt. Der Titel Ihrer Examensarbeit lautet „Tiere im zeitgenössischen erzählenden Kinderbuch“. Wie kommen die Tiere denn im Kinderbuch weg?

 

Astrid Frank: Als ich das damals als Examensarbeit geschrieben habe, stellte ich fest, das die Kinder- und Jugendliteratur mit Tieren oft Märchen- und Fabelcharakter hat. Wir haben also viele sprechende Katzen und detektivische Hunde. Das ist auch okay und ich habe damit kein Problem. Mein Sohn mag das auch und wir haben gerade erst ein wunderschönes Buch zusammen gelesen, in dem ein Hamster Sachen macht, die Hamster normalerweise nicht können. Aber darüber hinaus sollten Kinder auch die Möglichkeit haben, zu erfahren, wie Tiere tatsächlich funktionieren. Und das versuche ich mit meinen Büchern zu zeigen, die da vielleicht so etwas wie ein Gegenpol sind. Bei dieser Examensarbeit ist mir auch bewusst geworden, dass das ein Manko in der deutschen Kinder- und Jugendliteratur ist.

lesepunkte: Könnten Sie sich auch vorstellen, einen Roman komplett aus der Tierperspektive zu schreiben?

 

Astrid Frank: Ich glaube, dass das so nicht funktionieren würde. Man müsste dann doch wieder zu stark vermenschlichen. Das gibt es ja schon, Literatur, in der Menschen nur eine ganz kleine Rolle spielen. Das ist möglich, interessiert mich aber auch gar nicht so wahnsinnig. Was mich am meisten interessiert ist diese zwischenmenschlich-zwischentierische Beziehung: Was machen wir mit den Tieren, oder was machen die Tiere mit uns Menschen. Diese Bruchstelle zwischen den Arten ist das, was mich eigentlich am meisten reizt.

(Interview: Jochen Pahl) 

 

 

Empfohlene Zitierweise

Interview mit Astrid Frank (Jochen Pahl). lesepunkte 3 (2008), Nr. 4, in: lesepunkte, URL: http://www.lesepunkte.de/no_cache/persistent/artikel/6076/

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Erstellt: 22.08.2008

Zuletzt geändert: 22.08.2008

Kurzbiographie

Astrid Frank wurde 1966 in Düsseldorf als Tochter des Schriftstellers Karlhans Frank geboren, wodurch sie sich schon in frühester Kindheit mit dem Verlagswesen konfrontiert sah. Trotzdem führte sie ihr Weg bereits während ihres Studiums der Germanistik, Biologie und Pädagogik in die gleiche Richtung: Sie war als Lektorin und Rezensentin in mehreren und für mehrere deutsche Verlage tätig und machte außerdem eine Ausbildung zur "Zoobegleiterin des Kölner Zoos". Nach dem Studium arbeitete sie für ein halbes Jahr in einer Buchhandlung und beleuchtete das Medium Buch damit von einer weiteren Seite. Seit 1996 ist sie freie Lektorin und Übersetzerin, seit 1998 schreibt sie Geschichten für Kinder und Jugendliche. Astrid Frank lebt mit Mann und zwei Söhnen in Köln.

(Quelle: Verlag

Bibliographie (Auswahl):

Das Pferd des Teufels, Thienemann Verlag 2008, ISBN 978-3-522-17883-9
>> Leseprobe

Roter Blitz, Thienemann Verlag 2006, ISBN 978-3-522-17781-8

AMAL - Tochter des Windes, Thienemann Verlag 2005, ISBN 978-3-522-17736-8

Weitere Infos und vollständige Bibliographie:

Homepage der Autorin