Farin, Klaus

  / lesepunkte.de / Archiv / Autor im Profil / Farin, Klaus

„Ihr müsst Scheiben einschmeißen, dann werdet ihr zur Kenntnis genommen.“ 

Klaus Farin über schlechten Journalismus und den abgebrochenen Dialog zwischen den Generationen. 

 


lesepunkte: Vor 21 Jahren ist Ihr Buch „Krieg in den Städten“ erstmals erschienen. Was gab damals den Anstoß, das Buch zu schreiben?

 

Klaus Farin: Eberhard Seidel und ich hatten schon länger zu dem Thema jugendliche Gangs aus Milieus jeglicher Art recherchiert, und es gab einfach keine gute Literatur zu dem Thema. Es gab dafür sehr viele Klischees und sehr viele dumme Vorurteile, und auf so was reagiere ich gelegentlich, indem ich mit einem Buch zurückschlage.

lesepunkte: Wie lief die Recherche damals ab? War es schwierig, mit den Jugendlichen in Kontakt zu kommen?

 

Klaus Farin: Eigentlich nicht. Man kommt mit allen Leuten ins Gespräch. Es ist nur die Frage, wie man auf jemanden zugeht – wir sind einfach zu den Jugendlichen hingegangen und haben mit ihnen geredet, und wir haben immer Gesprächspartner gefunden. Man sollte nicht oberlehrerhaft sein, man sollte wirklich neugierig sein und etwas erfahren wollen und den Jugendlichen nicht schon vorher sagen, warum sie blöd sind.

lesepunkte: Wie waren damals die Reaktionen auf „Krieg in den Städten“, die der Öffentlichkeit und die der Jugendlichen, die im Buch vorkamen?

 

Klaus Farin: Die Reaktionen waren sehr unterschiedlich: Die Wissenschaft hat es erst gar nicht ernst genommen, es hieß nur „Das sind nur irgendwelche Journalisten, die irgendwas schreiben.“ Bis dann plötzlich der Spiegel acht Seiten aus dem Buch veröffentlicht hat. Dann haben Wissenschaftler, die noch drei Monate vorher sagten, dass „Krieg in den Städten“ total unwissenschaftlich sei, das Buch zum Uni-Thema gemacht. Ansonsten gab es ganz unterschiedliche Reaktionen. Wichtig ist, es wurde viel diskutiert, was übrigens bei der Neuauflage nicht der Fall ist.

lesepunkte: Die Neuauflage wird also gar nicht wahrgenommen?

 

Klaus Farin: Es findet so gut wie keine inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Buch statt, was viel über die Entwicklung des Journalismus aussagt. Damals gab es in allen großen Medien Auseinandersetzungen und Diskussionen, Redaktionen haben Streitgespräche zum Buch organisiert und, und, und. Kritische Rezensionen gibt es heute auch weniger, stattdessen gibt es Buchpräsentationen oder dergleichen.

lesepunkte: Haben Sie eine Idee, woran das liegen könnte?

 

Klaus Farin: Wir stellen diese Entwicklung generell bei Themen wie Jugendgewalt, Rassismus und so weiter fest. Die Medien sind tendenziell schlicht heruntergekommen und erfüllen den Anspruch der kritischen Aufklärung der Öffentlichkeit nicht. Sie tragen auch keine Diskurse mehr in die Öffentlichkeit. Ich merke es auch hier im Archiv der Jugendkulturen: Viele Journalisten, die bei uns nach Interviews oder Gesprächspartnern anfragen, wissen eigentlich schon vorab, was das Ergebnis sein soll: Es muss sensationell sein. Die Berichte beginnen häufig mit Phrasen wie „Immer mehr“, „Immer jünger“, „Immer gewalttätiger“, und dann sucht man allenfalls noch Gesprächspartner, die das bestätigen. Aber selbst Erkenntnisse zu gewinnen und differenzierte Erkenntnisse zu vermitteln ist im Journalismus inzwischen eine große Ausnahme.

lesepunkte: Also hat sich auch das, was Sie in „Krieg in den Städten“ ganz besonders angeprangert haben, nämlich dass Widersprüche und Konflikte überhaupt nicht differenziert betrachtet werden, noch verschlimmert?

 

Klaus Farin: Es hat sich verschlechtert, ja. Die Berichterstattung ist in der Menge deutlich klischeehafter geworden, sie reitet auf bestimmten Themen, die gerade angesagt sind, wie das Feindbild „fundamentalistische Muslime“ oder „Autonome“ oder dergleichen, ohne wirklich hinter die Kulissen zu blicken.

lesepunkte: Damals haben Sie das Thema Jugendgangs in den Mittelpunkt gestellt, heute ist das Thema überhaupt nicht in den Nachrichten präsent. Liegt es daran, dass die Medien einfach nicht darüber berichten oder dass sich auch die Zustände gewandelt haben?

 

Klaus Farin: Gangs im klassischen Sinne, wie es sie damals gab, gibt es heute nicht mehr. Das hat sich ausdifferenziert. Natürlich gibt es eine rechtsextreme Szene, die ja auch ständig Thema ist. Aber die differenzierten Probleme werden meistens nur Anhand politischer Vorgaben behandelt. Heute geht es zum Beispiel ständig um Muslime, das war damals überhaupt kein Thema! Da ging es um „türkische“ oder „arabische“ Jugendlichen, aber das Thema Religion und Islamismus tauchte in der Berichterstattung damals so gut wie nicht auf. Wenn Medien heutzutage über männliche, migrantische Jugendliche berichten, gibt es kaum einen Beitrag, in dem nicht das Stichwort „Islamismus“ auftaucht, obwohl nach wie vor überhaupt nur eine Minderheit der Jugendlichen religiös orientiert ist. Offenbar kann man das Phänomen nicht mehr einfach als soziales Phänomen wahrnehmen.

lesepunkte: Das heißt, gesellschaftliche Ängste werden von den Medien einfach auf immer wieder neue Phänomene projiziert?

 

Klaus Farin: Ja, und die Berichterstattung ist stromlinienförmiger geworden, entsprechend der Agenda, die die Politik und die großen Leitmedien setzen. Wenn zum Beispiel der Spiegel eine große Coverstory zum Thema „Die Gefahr des Islamismus“ bringt, vollzieht ein Großteil der Medien das nach. Und auch die politischen Vorgaben werden unkritischer übernommen. So hat zum Beispiel der Verfassungsschutz enorme Macht bezüglich der Themensetzung.

lesepunkte: Sie sagen also, der Verfassungsschutz gibt vor, welche Themen in den Medien behandelt werden?

 

Klaus Farin: Naja, durch die Themenbereiche, die er untersucht, also Linksextremismus, Rechtsextremismus, Islamismus und selbst Scientology. Dabei ist es völlig absurd, dass der Verfassungsschutz sich um Scientology kümmert. Und trotzdem stellen wir fest, dass diese Sekte in den Berichten des Verfassungsschutzes immer noch über zig Seiten auftaucht, und jedes Mal gibt es dann in der Folge Medienberichte über die „Gefahr Scientology“, obwohl das völlig absurd ist.

lesepunkte: Was würden Sie sich denn wünschen: Welche Themen sollten gerade in Bezug auf Jugendliche mehr in den Vordergrund gerückt werden?

 

Klaus Farin: Ich wünsche mir, dass Journalisten wieder mehr daran interessiert sind, Realität zu erkunden, auch die Realitäten von Jugendlichen. Das ist ja auch im konservativen Sinne der Beruf des Journalisten: Man beobachtet Wirklichkeit. Heute ist das kaum noch so. Das kann man natürlich auch auf die Strukturen und die schlechten Bedingungen der heutigen Medienwelt schieben, aber generell sind Journalisten heute keine „neugierigen Menschen“ mehr, die sich die Wirklichkeit aneignen und erobern und darüber differenziert berichten. Journalisten brauchen einen ethnographischen Blick, um die Wirklichkeit wahrzunehmen, und den haben Journalisten heute allenfalls noch beim Kaninchenzüchterverein.

lesepunkte: Wird denn das Angebot angenommen, das Sie mit dem Archiv der Jugendkulturen machen? Sie bieten ja eine gute Anlaufstelle für alle, die wirklich an Jugend und Jugendkultur interessiert sind.

 

Klaus Farin: Ja, es wird schon viel recherchiert, aber die Ergebnisse sind wieder ein anderes Ding. Als Quelle wird es viel genutzt, denn es gibt keine andere Einrichtung, die sich so fundiert und vielseitig mit Jugendkulturen beschäftigt, deswegen landen Journalisten immer bei uns. Im Prinzip geben wir so acht bis zehn Interviews pro Woche, zu allen möglichen Themen – das geht von „Wie sieht die Emo-Szene in Osnabrück aus?“ bis zu Rechtsextremismus, Gewalt, Alkohol, Drogen, Konsumorientierung. Soziale Netzwerke wie facebook sind auch ein ständiges Thema.
Ich finde es übrigens interessant, dass viele Anfragen zuerst an uns gehen. Das ist natürlich gut, denn wir sind ja auch Experten und Expertinnen, aber es gibt oft kuriose Fälle wie den eines Lehrers, der anrief und fragte: „Im April haben die Schülerinnen und Schüler in meiner Klasse alle schwarze Armbinden getragen. Ist das eine neue Sekte, wissen Sie darüber etwas?“

lesepunkte: Und, konnten Sie da weiterhelfen?

 

Klaus Farin: Ich sagte: „Warum haben Sie nicht die SchülerInnen gefragt?“ „Na, die haben wir natürlich nicht gefragt“, war die Antwort. Ein Blick in den Kalender hätte ihm auch geholfen: Das war nämlich der Todestag von Kurt Cobain (Sänger der Band Nirvana, die stilprägend für die Musikrichtung Grunge war, d. Red.) und die SchülerInnen, GymnasiastInnen der Oberstufe, haben dieses Datum auf ihre Art zelebriert, weil sie offensichtlich Nirvana-Fans waren.

lesepunkte: Ist es ein generelles Phänomen, das Jugendliche mehr als Objekte betrachtet werden und weniger als Ansprechpartner?

 

Klaus Farin: Ja, Objekte, mit denen man nicht selber redet.

lesepunkte: Warum nicht?

 

Klaus Farin: Es hat einmal damit zu tun, dass man Experten lieber glaubt als den Betroffenen. Oft spielen auch unberechtigte Ängste eine Rolle – es ist ja nicht so, dass man direkt was auf’s Maul bekommt, wenn man eine Schülerin oder einen Schüler etwas fragt. Jugendliche sind sehr offen, wenn man selber offen auf sie zugeht, und sie sind oft völlig überrascht, dass Erwachsene sich überhaupt für sie interessieren. Denn wenn Erwachsene normalerweise auf sie zugehen, wollen sie sie ändern. Dass jemand sich einfach für ihre Lebenswelt interessiert, ohne zu sagen „Das darfst du nicht!“, ist für Jugendliche ein sehr seltenes Erlebnis. Das zeigt eigentlich, dass der vielbeschworene „Dialog“ von der Elterngesellschaft abgebrochen wurde, die sich großflächig verweigert, mit Jugendlichen zu reden oder sich für deren Lebenswelten zu interessieren.

lesepunkte: Gerade im Hinblick auf diesen nicht stattfindenden Dialog und die Medienberichterstattung: Sie haben in „Krieg in den Städten“ auch geschrieben, das 80 Prozent der Berichterstattung über Jugendliche negativ ist, und Sie fassen die Medienlandschaft von taz bis BILD als „Koalition der Denkfaulen“ zusammen. Wenn sich Jugendliche nun aber über die Welt informieren wollen, geht das ja zu einem großen Teil nur über Medien. Was würden Sie Jugendlichen für den Umgang mit Medien denn raten?

 

Klaus Farin: Nicht nur Jugendlichen würde ich das raten; generell sollte man einen kritischen Umgang mit Medien pflegen: Nicht nur ein Medium auswerten, sondern sich mit vielen widersprüchlichen Meinungen und Positionen auseinandersetzen. Und natürlich gibt es etwas seriösere Medien und eindeutig unseriöse Medien. Zeitungen mit wenig Inhalt und großen Buchstaben sind in der Regel unseriöser, und öffentlich-rechtliches Fernsehen ist immer noch ein Stück weit seriöser als Privatfernsehen. Das Thema Internet ist sowieso schwierig, denn im Internet gibt es ja alles. Andererseits sind Jugendliche auch ein Stück medienkompetenter als Erwachsene, was sich Erwachsene nicht gern sagen lassen. Die Erwachsenengeneration besteht überwiegend aus Passiv-Konsumenten. In dieser Generation haben nur ganz wenige selber Medien gemacht, also Schülerzeitung, Schülerradio oder was auch immer. Jugendliche dagegen sind zu hohen Anteilen aktive Medienmacher, weil sie sich in Online-Medien selber präsentieren, z.B. in Blogs oder bei facebook. Und dort, in diesen kommunikativen Medien, stellen sie sich auch immer selber dar. Der zwölfjährige, dicke, pickelige Knabe wird dann ein 16-jähriger, blonder, einsachtzig großer DJ. Man stellt sich dar, und das, was man darstellt, entspricht oft nicht der Realität. Daraus folgern Jugendliche ganz logischerweise: „Warum soll das, was bei Spiegel online steht, denn dann die Wahrheit sein?“ So lernt man Medienkritik und Kompetenz durch Selbermachen.

lesepunkte: Das heißt, Sie würden sich nicht in den Chor derjenigen einreihen, die die facebook- und Blogbewegung als Niedergang der Medien abtun würden und meinen, es gäbe keine Orientierung mehr, weil jetzt jeder seine Meinung sagen kann?

 

Klaus Farin: Nein, im Gegenteil. Jugendliche haben noch nie soviel kommuniziert wie heute. Früher saßen Jugendliche auch irgendwo am Bahnhof auf der Mauer und haben sich angeschwiegen und geraucht und Musik gehört. Heute kommunizieren sie nebenbei ständig übers Handy oder online über facebook. Internetkommunikation ist eine sehr schnelle, man muss ständig reagieren, das heißt das Gehirn ist immer aktiv. Da geht es ja nicht um die Inhalte, die reden über das, worüber Jugendliche schon immer geredet haben, „Ey hast du Paula gesehen? Ist die mit meinem Freund unterwegs?“ oder „Findest du den und den süß?“ oder was auch immer. Aber eine ständige interaktive Kommunikation ist anregend, und dadurch lernt man sehr viel.

lesepunkte: Wie sehen Sie heute das Potential für echten Protest? Beschränkt sich das Protestieren heute darauf, bei facebook etwas zu liken? Oder ist mehr dahinter?

 

Klaus Farin: Protest hat zwei Ebenen. Wie viele Leute gehen zu Demonstrationen, die ja eine ganz traditionelle Form des Protests sind? Das sind heute doppelt so viele wie bei den berühmten 68ern. 10 % aller Jugendlichen sagen in Umfragen, ja, ich gehe demonstrieren. Das ist viel. Und dann gibt es noch andere Formen des Protests. Es hat stark zugenommen, dass man nicht die Gesellschaft als Ganzes im Blick hat, sondern den eigenen Freundeskreis. Zum Beispiel wehren sich viele gegen Nazis in ihrer Nachbarschaft. Das hängt damit zusammen, dass Jugendliche den Eindruck haben, dass sie die Gesellschaft als solche sowieso nicht verändern können. Die 68er sind auf eine letztendlich sehr offene Gesellschaft getroffen, die eigentlich reformbedürftig war, sonst hätte das nie funktioniert, denn diese berühmten 68er waren nur 3-5% der Generation und haben doch sehr viel bewegt. Heute ist die Gesellschaft sehr dicht. Das heißt, man kann gegen fast alles protestieren, aber es hat keine Wirkung. Also zieht man sich in seinen eigenen Bekanntenkreis zurück, wo man was verändern kann.

lesepunkte: Aber es ist doch auch sehr politisch, das eigene Lebensumfeld zu verändern.

 

Klaus Farin: Eben, es ist hochpolitisch. Das haben ja auch die 68er schon gesagt: „Das Private ist politisch“, und Jugendliche sind in ihrem Bekanntenkreis heute sehr politisch. Natürlich nicht die ganze Jugend, wir leben in einer Konsumgesellschaft, und da ist die Mehrheit aller Menschen konsumtrottelig und unpolitisch, das ist das Prinzip der Gesellschaft. Wir reden immer von Minderheiten, die sich engagieren. Aber die Minderheiten sind gewachsen. Wer bei Protesten fehlt, sind die über 30jährigen. Auch lebensweltliche Themen wie „vegan leben“ sind extrem jugendliche Themen. Was früher politisch gefordert wurde, z.B. Mülltrennen, Umweltbewusstsein, das ist für viele Jugendliche heute völlig selbstverständlich.

lesepunkte: Also kann man durchaus sagen, dass das politische Bewusstsein bei Jugendlichen gewachsen ist?

 

Klaus Farin: Da muss man differenzieren. Wenn man Jugendliche fragt, ob sie politisch seien, dann sagen sie nein. Denn Politik bedeutet für Jugendliche heute Parlamentarismus und Parteien, und das bedeutet Korruption, Langeweile, Ineffektivität. Aber: Der gleiche Jugendliche, der sagt, er sei unpolitisch, geht regelmäßig zu Anti-Nazi-Demonstrationen. Und dann sagt er, das sei nicht politisch, sondern das habe damit zu tun, wie er mit Menschen umgehe.

lesepunkte: Also bevorzugen viele Jugendliche eine Art außerparlamentarische Politik?

 

Klaus Farin: Genau, Politik wird anders definiert. Als Begriff ist das bei Jugendlichen durch, denn mit Politik im klassischen Sinne wollen sie nichts zu tun haben, aber sie haben oft sehr politische Lebenseinstellungen und Haltungen.

lesepunkte: Zurück zum Buch: Im Nachwort von 2011 schrieben Sie, dass der Staat Jugendliche als potentielle Bedrohung sieht. Die lesepunkte-Leser, die ja oft einen eher bildungsbürgerlichen Hintergrund haben, werden diese Aussage wahrscheinlich befremdlich finden. Können Sie dazu etwas sagen?

 

Klaus Farin: Die Wahrnehmung der Jugend als Bedrohung ist ja nicht neu. Jugendliche werden sowieso nur wahrgenommen, wenn sie auffällig sind. Deswegen werden auch die Jungen mehr wahrgenommen. Die Mädchen, die gewalttätig gegen sich sind, die sich ritzen, die suizidgefährdet sind, nimmt kein Mensch wahr. Die Jungs, die randalieren, nimmt man zur Kenntnis, und das ist ja schon eine Verfremdung des Blicks. Die Wahrnehmung von Jugendlichen als Bedrohung nimmt auch dann zu, wenn Erwachsene sich bedroht fühlen. Jugendliche sind immer eine Zielgruppe für Ängste. Was wir im Nachwort auch feststellen, ist eine Entsolidarisierung der bürgerlichen Mitte, also der 30-55jährigen. Wir nehmen eine Forcierung des Sozialdarwinismus und schwindendes Engagement wahr. Die Grundhaltung, dass alles, was arm ist, was schwach ist, was krank ist, was uns nicht nützt, weg muss, wird stärker, und gleichzeitig schwindet die Bereitschaft, sich für sozial Schwache zu engagieren.

lesepunkte: Sie geben ja keine einfachen Antworten oder Erklärungen, aber was Sie in „Krieg in den Städten“ immer wieder kritisch bemerken, ist, dass Jugendliche in der Gesellschaft jenseits des Konsums keinen Platz haben, und dass es für Jugendliche, die in irgendeiner Form extrem sind, keine Ansprechpartner und keine Rückzugsräume gibt. Welche Entwicklung sehen Sie da?

 

Klaus Farin: Zum Teil sehen wir da eine Entwicklung zum Schlechteren. Nach der Wende sind Jugendarbeit und Jugendclubs in den neuen Bundesländern massenhaft aufgegeben worden. Auch im Westen ist abgebaut worden, aber im Osten ist es ganz dramatisch. Dann ist die Kopplung von Jugendarbeit an Ganztagsschulen zwar sinnvoll, aber es hat den Nebeneffekt, dass in einigen Bundesländern die offene Jugendarbeit nicht mehr gefördert wird. Nach dem Motto, wenn es Ganztagsschulen gibt, brauchen wir keine offene Jugendarbeit mehr. Dümmer geht’s nicht. Gleichzeitig wird an Schulen die Jugendsozialarbeit oft nur über Modelle gefördert, die irgendwann auslaufen. Und so was ist skandalös. Es dürfte eigentlich keine große Schule geben, die nicht mindestens ein kleines Team von Jugendsozialarbeitern und Freizeitpädagogen hat.

lesepunkte: Und warum wird immer Dialog gefordert, dann auf der anderen Seite aber bei Einrichtungen für Jugendliche gespart?

 

Klaus Farin: Weil Jugend keine Lobbygruppe hat. Sie ist nicht mächtig, sie ist eine schrumpfende Gruppe. Selbst die deutsche Waffenlobby ist stärker und hat mehr Einfluss auf den Bundestag als die Jugend.

lesepunkte: Was könnten Jugendliche tun? Geht es darum, sich die Räume zu erkämpfen?

 

Klaus Farin: Eigentlich ja. Die böse Formulierung ist: „Ihr müsst Scheiben einschmeißen, dann werdet Ihr zur Kenntnis genommen.“ Da ist zynisch, aber so funktioniert es natürlich. Wenn Jugendliche Stress haben, und das haben sie, denn es sind ja schwierige Zeiten, dann interessiert das niemanden. Erst wenn sie Stress machen, kriegen sie Aufmerksamkeit. Es gibt ja auch viele Klagen darüber, dass die Jugend zu brav ist. Eigentlich muss man sich wundern, dass Jugendliche noch so brav sind – eigentlich müssten Jugendliche viel mehr Stress machen, um zur Kenntnis genommen zu werden.

(Interview: Ulrike Schmitz) 

 

 

Empfohlene Zitierweise

Interview mit Klaus Farin (Ulrike Schmitz). lesepunkte 7 (2012), Nr. 3, in: historicum.net, URL: http://www.lesepunkte.de/no_cache/persistent/artikel/9623/

Bitte setzen Sie beim Zitieren dieses Beitrags hinter der URL-Angabe in runden Klammern das Datum Ihres letzten Besuchs dieser Online-Adresse.



Erstellt: 12.09.2012

Zuletzt geändert: 12.09.2012

Kurzbiographie

Klaus Farin, Jahrgang 1958, lebt und arbeitet seit 1980 in Berlin. Dort gründete er 1998 das „Archiv der Jugendkulturen“, welches Zeugnisse der deutschen Jugendszenen sammelt und der Öffentlichkeit zugänglich macht. Dem Archiv ist ein Verlag angeschlossenen, bei dem Farin auch selbst Bücher über Themen wie Skinheads, Fußballfans und Neonazis publiziert.
Das Schreiben begann er schon als Jugendlicher, gab mit 15 eine Schülerzeitung heraus und veröffentlichte mit 18 sein erstes Buch. Heute reist Farin regelmäßig durch Deutschland, um vor allem mit jungen Menschen über Probleme, wie sie in seinem Buch „Krieg in den Städten“ beschrieben werden, zu diskutieren.

 

Weitere Informationen findet ihr unter www.klaus-farin.de und www.jugendkulturen.de

 

 

Klaus Farin und Eberhard Seidel: Krieg in den Städten. Jugendgangs in Deutschland, Berlin: Verlag des Archivs der Jugendkulturen 2012, ISBN 978-3-940213-67-9