Dübell, Richard

  / lesepunkte.de / Archiv / Autor im Profil / Dübell, Richard

„Wir stehen immer noch mit einem Bein im Mittelalter!“ 

Der Autor Richard Dübell spricht über seine Faszination für das Mittelalter und seinen ersten Jugendroman „Löwenherz" 

 


lesepunkte: Herr Dübell, die „ältere“ Leserschaft kennt und schätzt Ihre historischen Romane und Kriminalgeschichten wie die „Tuchhändler-Reihe“, die „Teufelsbibel“-Trilogie oder „Die Pforten der Ewigkeit“. Heute haben Sie vor einem jüngeren Publikum bei der lit.kid.Cologne Ihr Buch „Löwenherz“ vorgestellt. Worum geht es in dieser Geschichte?

 

Richard Dübell: Die Geschichte spielt im Jahr 1189. Die Geschwister Edith und Robert de Kyme versuchen ihren im Heiligen Land verschollenen Vater wiederzufinden. Dazu versichern sie sich der Hilfe des frisch gekrönten Königs Richard Löwenherz und sie stellen fest, dass um ihren Vater ein Geheimnis besteht, das sie vorher nicht kannten. Dieses Geheimnis bringt sie am Ende selbst ins Heilige Land und dazu, zu erkennen, wem man im Ernstfall folgen soll: der Stimme der Pflicht oder der Stimme des Herzens.

lesepunkte: Was hat Sie dazu bewegt, nach den zahlreichen erfolgreichen Werken für Erwachsene nun ein Jugendbuch zu verfassen?

 

Richard Dübell: Ich habe selbst als Jugendlicher angefangen zu schreiben und bei Kurzgeschichten-Wettbewerben mitgemacht. So habe ich meine ersten Gehversuche in der Literatur gestartet. Ich dachte mir seit langem schon, dass ich gerne einmal versuchen würde, ein Buch für Jugendliche zu schreiben. Da hat es sich ganz gut ergeben, dass der Ravensburger Verlag auf mich zukam und mich fragte, ob ich mir vorstellen könnte, ein Jugendbuch zu schreiben. So sind dann der Impuls von außen und der eigene Wille zusammengekommen und haben letztlich zu „Löwenherz“ geführt.

lesepunkte: War es eine besondere Herausforderung, sich etwa vom Schreibstil her auf diese andere Zielgruppe einzustellen?

 

Richard Dübell: Ja, es war tatsächlich eine Herausforderung. Ich würde zwar nicht sagen, dass es mir schwer gefallen ist, aber ich habe im ersten Drittel des Romans sehr viele Dinge bei der Überarbeitung wieder heraus geschmissen. Beim Schreiben für die Erwachsenen baut man Atmosphäre auf, man bringt historische Daten und Fakten, die beim historischen Roman für den Leser immer interessant sind, die aber die Jugendlichen nicht unbedingt interessieren. So musste ich mich in das Ganze rein arbeiten, um zu verstehen, dass es hier viel mehr um die Geschichte geht und viel weniger um die Atmosphäre als in einem historischen Erwachsenenroman. Natürlich sind trotzdem die wichtigsten Details enthalten, ich musste aber schauen, dass ich diese noch stärker in die Geschichte hinein verwebe.

lesepunkte: Sie bieten auch Schreibwerkstätten für die Verfassung historischer Romane an. Wie muss man sich einen solchen Workshop vorstellen und was bringen Sie Ihren Teilnehmern dort bei?

 

Richard Dübell: Ich versuche, den Teilnehmern zunächst einmal beizubringen, wie man dramaturgisch schreibt und Geschichten erzählt. Es geht nicht ums Schreiben an sich, sondern ums Geschichtenerzählen. Ein Autor schreibt die Geschichten auf, ein Filmemacher erzählt sie mit seinen Filmen, ein Photograph mit seinen Bildern: Wir sind alle Geschichtenerzähler. Und ich versuche, den Teilnehmern beizubringen, wie man Geschichten erzählt, wie man die Akte aufbaut, wie die Struktur einer Geschichte funktioniert, welche Archetypen es gibt – von der Heldenreise bis zur Abenteuergeschichte –, was gehört da rein und wie erzählt man so eine Geschichte, dass jeder sie hören will. Ich bringe den Teilnehmern aber auch bei, wie man seine Manuskripte so aufbereitet, dass man sie einem Verlag vorstellen kann, wie man mit Agenten und Verlagen zusammenarbeitet und wie man liest. Bei mir ist auch so ein kleiner Schauspielkurs mit dabei, wie man bei einer Lesung seine Geschichte am besten vorträgt.

lesepunkte: Richten sich diese Workshops nur an fortgeschrittene Autoren oder werden auch Schüler von Ihnen in die Kunst des Romanschreibens eingeführt?

 

Richard Dübell: Beides. Ich habe verschiedene Kurse auf Lager. Meine normale Schreibwerkstatt richtet sich an alle, die sich fürs Schreiben interessieren, die aber auch schon eine gewisse Idee vom Schreiben mitbringen sollten, die schon einmal herumprobiert haben oder sich bereits die ein oder andere Theorie angeschaut haben. Mehr Vorkenntnisse sind nicht nötig. Ich biete aber auch mit der Lübbe Academy Schreibwerkstätten über den historischen Roman an, die sich nur an fortgeschrittene Autoren richten.

lesepunkte: Als Vorlage für Ihre Charaktere dienen Ihnen oft reale Schauspieler, z.B. Emma Thompson als Vorbild für die Figur Jana Dlugosz aus dem „Tuchhändler“. Wie kamen Sie auf diese ungewöhnliche Methode?

 

Richard Dübell: Das ist eigentlich ein Trick, den Drehbuchautoren anwenden. Damit sie „in character“ bleiben, stellen sie sich einen Schauspieler vor und schreiben dem die Rolle auf den Leib. Die Schauspieler stehen immer für bestimmte Charaktere, sie wissen, wie die reagieren und was die sagen würden. Und so kann es nicht passieren, dass man einen Charakter völlig widersprüchlich schildert. Ich habe auch Drehbücher geschrieben und habe das übernommen, weil ich es für einen tollen Trick halte. Bevor ich anfange zu schreiben, habe ich immer für alle wichtigen Personen einen Schauspieler „gecastet“, habe dessen Bilder auf dem PC und schaue sie mir auch immer mal wieder an, um eben auch „in character“ zu bleiben.

lesepunkte: 2013 ist auch Ihr Kriminalroman „Allerheiligen“ erschienen, der im Landshut unserer Zeit spielt. Auf den ersten Blick entfernen Sie sich damit vom Genre der historischen Literatur, aber dann trifft der aufmerksame Dübell-Leser auf einen bekannten Namen: Peter Bernward lautet der Name des ermittelnden Polizeihauptkommissars. Hat der Protagonist Ihrer „Tuchhändler“-Reihe, der Kaufmann und Detektiv aus dem 15. Jahrhundert eine Zeitreise gemacht?

 

Richard Dübell: Nein, er hat keine Zeitreise gemacht. Aber er hat tatsächlich etwas mit dieser Geschichte zu tun. Es gibt ja jede Menge Regionalkrimis, so auch im niederbayerischen Raum, aber es gibt noch keine, die in Landshut spielen. Dieses Feld habe ich jetzt hoffentlich für mich abgesteckt. Aber ich wollte es etwas anders machen als die übrigen Regionalkrimis: Da man mich als Autor von historischen Romanen kennt, wollte ich den Vergangenheitsbezug herstellen. Mit Peter Bernward ist es so: Eine Nebenfigur, der Vater des Hauptkommissars Peter Bernward, behauptet, dass sie einen Vorfahren im 15. Jahrhundert hatten, der auch schon Polizeiarbeit geleistet hat. Doch der heutige Peter Bernward kann damit gar nichts anfangen. So entsteht immer ein Streit zwischen Vater und Sohn und für mich ist es ein schöner Rückgriff auf die mittelalterlichen Krimis, die ich mit Peter Bernward geschrieben habe. Und der Leser, der die „Tuchhändler“-Romane kennt, fühlt sich ein wenig zuhause und fällt nicht in etwas völlig Neues hinein.

lesepunkte: Ort der Handlung ist Ihre Heimatstadt Landshut. Dort bieten Sie auch Erlebnisstadtführungen, Mittelalter-Krimi-Dinner oder eine Konzert-Version Ihrer „Teufelsbibel“-Trilogie mit der Band Totus Gaudeo an. Was fasziniert Sie so am Mittelalter und an der Geschichte „Ihrer“ Stadt?

 

Richard Dübell: Die Geschichte meiner Stadt ist insofern faszinierend, als Landshut 300 Jahre lang die wichtigste Stadt Bayerns und eine der wichtigsten Handelsstädte des Reichs war. Wenn man die Stadt jetzt ansieht – mit 65.000 Einwohnern, mit sehr schöner Architektur, ansonsten eher verschlafen – kann man sich nicht vorstellen, dass sie einmal so wichtig war. Mich interessiert dieser Bruch, der im 16. Jahrhundert eingetreten ist und nachdem Landshut zur Bedeutungslosigkeit herabgesunken ist.

Am Mittelalter fasziniert mich, dass damals unsere heutige europäische Kultur entstanden ist. All unsere Moralbegriffe von Ritterlichkeit und Ehre, aber auch von Rache und Vergeltung stammen aus dem Mittelalter. Der christliche Glaube mit seinen zwei Konfessionen stammt aus dem Mittelalter. Wir stehen irgendwie immer noch mit einem Bein im Mittelalter, es hat einen wahnsinnigen Einfluss auf die europäische Kultur. Und das ist es, was mich daran interessiert: Dass wir uns im Mittelalter selbst wiederfinden.

lesepunkte: Dienen Ihnen die historischen Ereignisse nur als romantische Kulisse für die kurzweilige Unterhaltung oder möchten Sie auch über Geschichte informieren?

 

Richard Dübell: Ich denke, die meisten historischen Romane haben einen gewissen pädagogischen Anspruch, damit man dem Leser etwas über die Zeit erzählen kann. Für mich ist es immer wichtig, dass meine Romane das Mittelalter eben gerade nicht als romantischen Hintergrund nehmen, sondern meine Geschichten sind immer in der Epoche, in dem Ort und in dem Thema, über das ich schreibe, fest verdrahtet. Das passt alles zusammen. Für mich ist extrem wichtig, dass das alles ein Stück ist. Eine beliebige Geschichte ins Mittelalter zu versetzen, nur weil das Mittelalter gerade „in“ ist, finde ich Betrug am Leser. Wenn man einen historischen Roman schreibt, dann muss man auch eine Geschichte schreiben, die nur zu dieser Zeit und nur an diesem Ort passieren konnte.

lesepunkte: Wie wichtig sind dabei eine gründliche Recherche und die Kenntnis historischer Fachliteratur? Und wie gehen Sie bei der Recherche vor?

 

Richard Dübell: Recherche ist extrem wichtig! Nach mittlerweile 16 Büchern habe ich bereits ein bestimmtes Wissen über das Mittelalter und muss mir keine Basisrecherche mehr antun. Ich spreche aber auch immer mit Archivaren und Historikern und ich besuche alle Orte, an denen meine Geschichten spielen, um die Atmosphäre einzufangen und mir vorzustellen, wie es gewesen sein könnte, im Mittelalter dort gelebt zu haben. Ich halte die Vorortrecherche für extrem wichtig, denn ich halte nichts von Romanen, die einen Ort beschreiben und bei denen man dann feststellt, dass der Autor den Ort nur per Google Earth besucht hat. Ich bin immer überall dort gewesen.

lesepunkte: Sie sprechen die Absicherung der Fakten an: Sie haben bei einem großen Online-Versandhandel selbst zu einer Leserrezension über „Löwenherz“ Stellung genommen, in der Ihnen eine ungenaue Darstellung der historischen Figuren und Ereignisse unterstellt wurde. Ärgert Sie ein solcher Vorwurf oder sehen Sie in Online-Foren eine gute Möglichkeit, auch über solche Fragen direkt mit den Lesern zu diskutieren oder ihnen bestimmte Aspekte genauer zu erläutern?

 

Richard Dübell: Ich finde die Online-Foren toll! Ich bin z.B. bei LOVELYBOOKS, der Histo-Couch und im Lübbe-Forum stark vertreten und diskutiere mit den Lesern. Ich freue mich, wenn mir jemand einen Hinweis darauf gibt, dass ich einen Fehler gemacht habe oder etwas besser machen könnte. In dem Fall, den Sie schildern, wurde aber ganz klar, dass die Rezensentin den Roman nicht gelesen haben konnte. Sie hatte in Ihrer Kritik noch Fehler, die ich dann richtiggestellt habe. Daraus hat sich ein Schlagabtausch entwickelt, den ich dann abgebrochen habe. Mich ärgert eine Kritik, die nicht fundiert ist. Wenn jemand aus Halbwissen oder Faulheit einen meiner Romane meint kritisieren zu müssen, weil er den Klappentext gelesen hat und das vielleicht nicht mal richtig, geht mir das schon unter die Haut.

lesepunkte: Wie wichtig ist die Kommunikation mit den Lesern über die neuen Medien für Autoren, insbesondere für Kinder- und Jugendbuchautoren?

 

Richard Dübell: Ich finde das extrem wichtig! Man sitzt als Autor ja trotz allem Kontakt zu den Verlagen oder Lektoren alleine im Kämmerchen und schreibt. Und genau mit den Leuten, für die man schreibt, hat man während des Schreibens keinen Kontakt und danach kaum, außer man ist auf Lesereise. Deswegen sind Online-Foren so eine tolle Möglichkeit, mit den Lesern direkt zu kommunizieren, einmal hinter die Kulissen blicken zu lassen und kennenzulernen, was meine Leser gerne möchten, was sie enttäuscht und was gefreut hat. So kann ich mich selbst als Autor weiterbilden.

lesepunkte: In einem Online-Portal – nämlich auf lesepunkte.de – werden Ihre Werke mit Sicherheit noch das ein oder andere Mal besprochen, falls Sie auch in Zukunft Jugendbücher verfassen. War „Löwenherz“ nur ein kurzer Ausflug in die Jugendbuchwelt oder dürfen sich unsere jungen Leser auf weitere Romane von Richard Dübell freuen?

 

Richard Dübell: Ich freue mich sehr, dass es keine Eintagsfliege bleiben wird. Ich habe bereits einen Vertrag mit Ravensburger für einen weiteren Jugendroman unterschrieben, allerdings keine Fortsetzung. Es wird eine ganz eigenständige Geschichte, die auch in einer anderen Epoche spielt. Außerdem habe ich einen Vertrag mit dem Baumhaus Verlag über Kinderbücher, also die Generation der Zehn- bis Zwölfjährigen, die ab dem nächsten Jahr einen Kinderroman von mir lesen können. Ich hoffe, dass das so weitergeht, weil es mir unheimlich Spaß macht, für Jugendliche und Kinder zu schreiben.

(Interview: Philipp Scherber) 

 

 

Empfohlene Zitierweise

Interview mit Richard Dübell (Philipp Scherber). In: lesepunkte 8 (2013), Nr. 3, URL: http://www.lesepunkte.de/no_cache/persistent/artikel/10077/

Bitte setzen Sie beim Zitieren dieses Beitrags hinter der URL-Angabe in runden Klammern das Datum Ihres letzten Besuchs dieser Online-Adresse.



Erstellt: 27.08.2013

Zuletzt geändert: 27.08.2013

Kurzbiographie


Richard Dübell, Jahrgang 1962, begann zwar schon in früher Jugend mit dem Schreiben, doch erst 1995 nahm er sich vor, sein Hobby zum Beruf zu machen. Seitdem hat der Niederbayer über ein dutzend historischer Romane und Krimis geschrieben. Bekannt wurde Dübell durch seine "Tuchhändler"-Reihe und die "Teufelsbibel"-Trilogie. Mit "Löwenherz" brachte der Autor nun seinen ersten historischen Jugendroman auf den Markt. Außerdem veranstaltet Dübell in seiner Heimatstadt Landshut lebendige und authentisch kostümierte Stadtführungen und bringt Nachwuchsautoren auf Workshops das Schreiben historischer Romane näher.

Weitere Infos über Richard Dübell und seine Arbeit findet ihr auf seiner Homepage.

Eine Leseprobe seines ersten Jugendromans "Löwenherz" findet ihr hier.