Corbi, Inez

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„Mich reizt es, auf dem Papier ein anderes Leben zu führen.“ 

Inez Corbi über andere Zeiten und ferne Länder 

 


lesepunkte: „Die roten Blüten von Whakatu“ ist Ihr erster Jugendroman. Warum haben Sie sich dazu entschieden, jetzt einmal ein Buch aus der Perspektive eines jungen Mädchens zu schreiben?

 

Inez Corbi: So viele historische Romane für Jugendliche gibt es ja gar nicht, aber ich habe als Jugendliche selbst immer gerne solche Bücher gelesen und dachte, ich probiere es einfach, und es hat ja dann ja auch geklappt. Ich wollte schon immer mal gerne etwas für jüngere Leser schreiben, und „Die roten Blüten von Whakatu“ war mein erster Versuch. Ich schreibe ja historische Romane für Erwachsene und da lag es nahe, auch einmal etwas in diesem anderen Genre zu probieren

 

lesepunkte: Wie unterscheidet sich das Schreiben für junge Leser von dem für Erwachsene? Sie müssen sich ja doppelt einfühlen – in eine andere Zeit und in ein anderes Alter – macht es das schwerer, so ein Buch zu schreiben?

 

Inez Corbi: Wirklich schwer fand ich es nicht, ich bin ja durch das Schreiben der Erwachsenen-Romane daran gewöhnt, mich in andere Zeiten und entsprechend auch in die Protagonisten einzufühlen. Und jung waren wir schließlich alle mal, auch ich. Ich musste mich vielleicht ein bisschen bremsen, was Themen anging, die im Jugendbuch vielleicht nicht ganz so passend wären – nicht so viel Sex and Crime, sag ich mal. Ich habe auch gemerkt, dass man viel über das Schreiben lernt, auch, was Erwachsenenbücher angeht. Ich neige nämlich dazu, zu komplizierte Gedankengänge zu haben und habe gemerkt, dass ich das in einem Jugendbuch so nicht schreiben konnte. Ich habe dann vieles runtergebrochen, nicht simplifiziert, aber einfach so geschrieben, dass es besser zu verstehen ist, und das habe ich auch für das Schreiben von Erwachsenenbüchern mitnehmen können. Es war also sehr hilfreich, das eigene Tun mal von einem anderen Blickwinkel aus zu sehen.

 

lesepunkte: Die fünfzehnjährige Lina und ihre kleine Schwester Rike nehmen große Strapazen auf sich, um am anderen Ende der Welt, in Neuseeland, die Chance auf ein besseres Leben zu erhalten  – hätten Sie sich das in Linas Alter selbst zugetraut?

 

Inez Corbi: Das ist natürlich eine Frage – man muss natürlich immer mit heutigen Augen sehen, und heute würde ich natürlich sagen, nein, auf keinen Fall. Wenn ich natürlich damals in Linas Lage gewesen wäre, in dieser wirklich aussichtslosen Situation, und dann so eine Chance bekommen hätte, die sich am Anfang ja auch wirklich gut anließ, dann vielleicht durchaus. Wobei ich jetzt nicht unbedingt sehr viel Ähnlichkeit mit Linas Charakter habe, ich würde mich da fast eher in Rikes Richtung einfühlen. Aber, ja, wer weiß.

lesepunkte: Man merkt ja, dass Ihnen das Fernweh im Blut liegt: Ihr erster Roman spielte in Irland, der zweite in Australien und Ihr aktuelles Buch in Neuseeland. Was fasziniert Sie daran, sich in Ihren Büchern nicht nur in andere Zeiten, sondern auch in ferne Länder zu versetzen?

 

Inez Corbi: Mich reizt es, auf dem Papier ein anderes Leben zu führen, wie die meisten Schriftsteller, und ein gewisses Fernweh ist auch dabei, das will ich gar nicht leugnen. Das aber auch gerne von der sicheren Heimat aus. Dabei kam es tatsächlich mehr oder weniger zufällig, dass alle meine Bücher in anderen Ländern angesiedelt sind. Mein erster Roman spielt ja in Irland, und durch die Recherche, was mit den irischen Rebellen geschah, habe ich herausgefunden, dass die alle nach Australien deportiert wurden. Damit fing das Interesse an australischer Geschichte an, und als ich dann schon mal da unten war, habe ich mir gedacht, kann ich auch direkt noch nach Neuseeland. Das hat sich so nach und nach ergeben, und dann habe ich gemerkt, dass das da unten ja eine unglaublich interessante Ecke ist.

lesepunkte: Genau das habe ich mich auch gefragt: ob der Zufall eine Rolle gespielt hat – denn Lina kommt ja eher zufällig, durch einen Zeitungsartikel, auf die Idee, nach Neuseeland auszuwandern.

 

Inez Corbi: Beim Schreiben spielt der Zufall oft eine große Rolle. Manchmal findet man etwas, nachdem man nicht direkt gesucht hat und merkt dann, wow, das ist ja wie eine Initialzündung, und daraus ergeben sich dann die tollsten Geschichten.

lesepunkte: Sie recherchieren immer viel für Ihre Bücher und schaffen eine historische Kulisse, in der auch die Einzelheiten stimmen. Gibt es für die Charaktere auch echte, historische Vorbilder?

 

Inez Corbi: Sie meinen zum Beispiel für die Hauptfiguren? Nicht direkt. Ich habe mich zwar an dem einen oder anderen historischen Lebensweg orientiert, aber es gibt da keine Eins-zu-Eins-Entsprechungen. Ich verwende aber gerne echte historische Randfiguren, zum Beispiel Appo Hocton, das war der erste chinesische Auswanderer in Neuseeland, den gab es wirklich, oder auch Pastor Heine, und sogar der Gefängniswärter ist halbwegs echt. Und ganz wichtig: Die Figur des Hannes Seip, dieser Bösewicht, der geht fast eins zu eins auf einen echten historischen Widerling zurück. Da musste ich bis auf den Namen fast nichts ändern, aber fast alles, was dieser Mann den Siedlern angetan hat, ist auch in Wirklichkeit passiert, bis hin zur versuchten Lynchjustiz der Frauen, die versuchen, ihn zu steinigen.

lesepunkte: Diese Frage hören Sie bestimmt öfter: Waren Sie schon einmal selbst in Neuseeland?

 

Inez Corbi: Nein, leider noch nicht, obwohl es mich wirklich sehr reizen würde. Aber das ist ja einen ganzen Tacken weit weg, und dazu fehlt mir zum einen das Geld und fast noch mehr die Zeit, denn ich muss ja auch Bücher schreiben, und man fährt ja auch nicht einfach mal so hin. Zur Zeit bin ich wirklich sehr in Europa verwurzelt, weiter als bis nach Irland im Norden und nach Malta und Sizilien im Süden bin ich noch nicht gekommen.

lesepunkte: Haben Sie bei der Recherche denn auch mit Nachfahren deutscher Einwanderer in Neuseeland gesprochen?

 

Inez Corbi: Das nicht direkt, aber ich habe viel gelesen und mich mit Erfahrungsberichten deutscher Auswanderer beschäftigt, und ich habe in alten Zeitschriften gestöbert. Aber direkt gesprochen habe ich dort mit niemandem.

lesepunkte: Auch die Beschreibung der Maori und ihrer Kultur ist sehr genau und detailreich. Ist das alles aus eigener Recherche-arbeit entstanden oder hat Ihnen dabei jemand geholfen – vielleicht ja sogar ein Maori?

 

Inez Corbi: Das ist ne klasse Frage, schön wär's, darüber hätte ich mich sehr gefreut, aber dazu ist es leider nicht gekommen.

lesepunkte: Auf der Buchmesse in Frankfurt ist dieses Jahr Neuseeland das Gastland. Freuen Sie sich darauf? Und werden Sie auch dort sein?

 

Inez Corbi: Ich freue mich riesig drauf, denn die Buchmesse ist immer etwas ganz Besonderes, und ich persönlich bin auf jeden Fall da. Aber ob mein Buch da sein wird, weiß ich noch nicht, das wird der Verlag entscheiden. Schön wär’s in jedem Fall, und ich habe es auch schon auf einer Titelliste entdeckt, wo es um Bücher ging, die Neuseeland zum Thema haben –   man kann also hoffen.

lesepunkte: Zur Buchmesse sind ja viele neuseeländische Autoren erstmals ins Deutsche übersetzt worden. Haben Sie einen neuseeländischen Lieblingsautor oder eine Lieblingsautorin?

 

Inez Corbi: Da muss ich leider passen, aber vielleicht kann die Buchmesse da helfen. Die Einzige, die ich anführen könnte, wäre Jane Campion, die Drehbuchautorin und Regisseurin ist und auch den Film „Das Piano“ gemacht hat. Der Film spielt ja auch um dieselbe Zeit, in der meine Geschichte in Neuseeland spielt.

lesepunkte: Ihr nächstes Buch ist ja wieder ein Erwachsenen-Roman, die Fortsetzung der „Australien-Saga“. Werden Sie auch weitere Jugendbücher schreiben, vielleicht auch eine Fortsetzung von „Die roten Blüten von Whakatu?“

 

Inez Corbi: Ich will und ich werde ganz sicher weitere Jugendbücher schreiben! Das hat mich jetzt richtig gepackt, und am liebsten würde ich mich sofort dran setzen, aber das geht leider nicht so schnell. Wir sind mit dem Verlag aber schon im Gespräch über neue Themen. Es wird keine Fortsetzung von „Die roten Blüten von Whakatu“ geben, das ist ein Einzeltitel gewesen, aber ich will und ich werde weiter Jugendbücher schreiben. Aber erst muss ich noch ein Buch für den anderen Verlag abliefern.

lesepunkte: Sie haben Deutsch und Englisch studiert und leben jetzt ganz vom Schreiben und haben auch ordentlich zu tun – war es schon immer Ihr Wunsch, hauptberuflich Schriftstellerin zu sein?

 

Inez Corbi: Ja, auf jeden Fall, ungefähr seit ich zehn Jahre alt war und die ersten Geschichten verfasst habe ist bei mir der Entschluss gereift – das war also in der Tat so.

lesepunkte: Haben Sie diesen Weg immer  konsequent verfolgt oder mussten Sie auch Umwege gehen?

 

Inez Corbi: Umwege gab es natürlich, denn natürlich setzt sich keiner hin und sagt „Ich bin Schriftsteller“ und verdient dann auch gleich toll. Ich habe erstmal „normal“ gearbeitet, ich habe aber immer geschrieben und das mit dem Ziel, das Schreiben zum Beruf zu machen. Es gab ein paar Umwege in meinem Lebensweg, aber insgesamt war mein Leben schon darauf hin ausgerichtet.

lesepunkte: Was würden Sie denn jungen Leuten raten, die auch gerne einmal Schriftsteller werden möchten?

 

Inez Corbi: Das ist wirklich ein schwieriger Weg, und ganz sicher gibt es einfachere Methoden, sein Geld zu verdienen. Man muss mit vielen Rückschlägen und Enttäuschungen rechnen, aber wenn man es wirklich will und es nicht nur hobbymäßig mal versucht, würde ich sagen: Viel, viel lesen, auch querbeet und nicht nur das, was einem sowieso liegt, und versuchen, das zu analysieren, was man da liest: Wie schreibt der Autor, wie erzeugt er Spannung, wie baut er einen Roman auf. Selbst viel schreiben und den kritischen Austausch suchen, zum Beispiel in Schreibgruppen. Im Internet gibt es da ganz tolle Sachen. Möglichst die eigenen Werke nicht nur der Familie vorlegen, denn die finden immer alles toll, was man so verzapft. Vielleicht auch ein bisschen kleiner anfangen, nicht gleich mit dem großen Roman. Ich habe zum Beispiel auch, bevor ich meinen ersten Roman veröffentlicht habe, an Kurzgeschichtsausschreibungen teilgenommen, und dadurch kriegt man zum Teil auch tolle Kontakte. Ich bin so zum Beispiel mit meiner ersten Lektorin in Kontakt gekommen. Und wie gesagt, üben, üben, üben – es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen.

lesepunkte: Werden Sie eines Tages auf die andere Seite der Welt ziehen?

 

Inez Corbi: Das ist unwahrscheinlich, ich bin doch stark hier verwurzelt. Bisher sieht es nicht so, aus, aber man weiß ja nie, was kommt. Also, das will ich mal offen lassen.

Interview: Ulrike Schmitz 

 

Empfohlene Zitierweise

Interview mit Inez Corbi (Ulrike Schmitz) . lesepunkte 7 (2012), Nr. 2, in: historicum.net, URL: http://www.lesepunkte.de/no_cache/persistent/artikel/9543/

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Erstellt: 15.06.2012

Zuletzt geändert: 15.06.2012

Kurbiographie

Schon als Kind schrieb Inez Corbi (geboren 1968) wilde Geschichten über Zeitreisen und Vampire. Nach ihrem Studium in Frankfurt am Main, das sie mit einem Magisterabschluss in Germanistik und Anglistik abschloss, ging sie jedoch erst einmal ganz normalen Berufen nach, bis sie schließlich umsattelte und jetzt ganz für das Schreiben lebt.
Nach einigen erfolgreich veröffentlichten Kurzgeschichten erschien ihr ersten Roman, „Die irische Rebellin“ beim Fischer Verlag, der zweite, „Das Lied der roten Erde“ beim Ullstein Verlag. Bei cbj ist mit „Die roten Blüten von Whakatu“ nun ihr erster Jugendroman erschienen.

Hier geht es zur Homepage von Inez Corbi

Inez Corbi: Die roten Blüten von Whakatu, München: cbj 2012, ISBN 978-3-570-15330-7