Bruder, Karin

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„Unsere Demokratie sollte nicht so fett und träge werden, dass sie nicht mehr den Wert einer freien Presse schätzt.“ 

Karin Bruder über eine Jugend in Rumänien und die Tücken der Ich-Perspektive 

 


lesepunkte: In Ihrem aktuellen Jugendbuch „Zusammen allein“ schreiben Sie über die Geschichte von Agnes, die als Teenagerin die letzten vier Jahre des rumänischen Ceaușescu-Regimes erlebt. Wie sind Sie zu diesem Thema gekommen?

 

Karin Bruder: Es werden zwar vier Jahre beleuchtet, aber die ersten zwei Jahre nur im Zeitraffer. Der Vater und die Mutter verlassen Rumänien – auf Seite drei sind diese zwei Jahre dann schon vergangen und Agnes wird 16 Jahre alt. Bis zu ihrem 18. Geburtstag, bis zum Jahr der Revolution 1989, begleite ich sie dann. Ich hatte eine junge Frau als Figur im Kopf, die auf eine ältere Frau (Agnes Oma „Puscha“) prallt. Diese beiden lernen voneinander und beschreiten ein Stück gemeinsamen Lebenswegs. Eine Buchidee entwickelt sich bei mir relativ langsam. Oft recherchiere ich für ein Buch jahrelang, bevor ich wirklich weiß, was ich damit machen will und wie es aufgebaut sein soll. Kronstadt als Ort der Handlung ergab sich eher zufällig. Das ist vielleicht nicht professionell, aber ich lasse mich da auch von Gefühlen lenken. Es war wahrscheinlich Zeit für mich, nachdem ich so viele Jahre nicht in meiner alten Heimat Rumänien war, dass ich wieder hinfahre und mit Zeitzeugen rede. Um eigene Wurzeln freizulegen und mich auch mit der politischen Situation dort zu beschäftigen. 

lesepunkte: Agnes gehört zu der deutschsprachigen Minderheit der Siebenbürger Sachsen in Rumänien – wie Sie selbst ja auch. Aber Agnes ist im Buch elf Jahre jünger als Sie es sind. Außerdem sind Sie bereits im Alter von zehn Jahren in den Westen geflohen. Wo gibt es Parallelen zur Romanfigur? 

 

Karin Bruder: Für mich war es weniger interessant, über mich selbst zu schreiben. Ich kenne mich, das ist für mich langweilig. Spannend war, eine Figur kennen zu lernen, die fiktiv ist, aber so existiert haben könnte. Ihr Schicksal ist meinem zwar ähnlich, aber die Zeit Ende der 1980er in Rumänien war mir unbekannt. Damals war ich in Deutschland hochschwanger mit meinem zweiten Kind. Im Fernsehen habe ich zwar ein bisschen mitbekommen, was dort abgeht, nachdem die Medien wieder frei waren und Kameras direkt in dieses Land hineingekommen sind. Durch Recherchearbeit für ein Buch wollte ich diese Zeit für mich entdecken und aufarbeiten.  

lesepunkte: Sie versetzen sich ja auch wieder in die Gedankenwelt eines siebzehnjährigen Mädchens zurück. War das denn ein schwieriger Sprung für Sie? 

 

Karin Bruder: So etwas mache ich ja laufend. Ich schreibe auch für Kinder ab sechs Jahren und versuche herauszuhören und zu fühlen, wie sie denken und sprechen. Ein Kinderbuch ist überhaupt nicht schnell geschrieben. Natürlich war ich auch einmal sechs Jahre alt, aber ich habe damals anders gesprochen, als die Kinder in meinen Büchern. Da muss ich heute zum Beispiel auch mal in der Straßenbahn ganz genau hinhören. Schön ist natürlich, dass ich eigene Kinder im Haus gehabt habe, die ich beobachten konnte – die sind jetzt ausgezogen. Das Gefühl „Ich bin 16“ verliert man aber auch nicht; man muss nur noch mal reinkommen in die Sprache und in die neuen Medien. Heute einen Jugendlichen ohne Handy zu beschreiben, ist ein Unding, das gibt es kaum.

lesepunkte: Die Agnes in Ihrem Roman lebt ja in den Achtziger Jahren, also in einer historischen Situation. 

 

Karin Bruder: Da habe ich mit der Agnes sicher keine Probleme gehabt, weil sie in einem altmodischen Umfeld gefangen ist, mit einem offiziellen Fernsehkanal, auf dem nur Propaganda läuft. Ich musste da nichts an den Haaren herbeiziehen, was ich selbst nicht kenne. Ich könnte zum Beispiel keinen heutigen Jugendlichen in Deutschland beschreiben, der viel fernsieht, weil ich das selbst nicht mache. Ich müsste mich zwingen, die Kanäle zu sehen, die ich nur vom Hörensagen kenne. 

lesepunkte: Sind Sie selbst auch noch so drin im Deutsch der Siebenbürger Sachsen, dass Sie das ins Buch einfließen lassen konnten? 

 

Karin Bruder: (spricht einen Satz im Siebenbürger Dialekt) Es ist meine Muttersprache, die aber keine Schriftsprache ist und deshalb nirgends gelehrt wird. Nach wie vor unterhält man sich in der Familie in dieser Sprache, wobei meine Kinder sie nicht sprechen, weil mein Mann sie nicht spricht. Das Siebenbürgische Sächsisch wird verloren gehen – aber so lange es da ist, ist es eine schöne Erfahrung für mich. Ich bin manchmal zu Tränen gerührt, wenn jemand in der Straßenbahn Siebenbürgisches Sächsisch spricht. 

lesepunkte: War es auch ein Anliegen von Ihnen, das konfliktreiche Zusammenleben von Siebenbürger Sachsen und rumänischer Mehrheitsgesellschaft zu schildern? 

 

Karin Bruder: Man darf nicht vergessen, dass die Verhältnisse für das gesamte rumänische Volk desolat waren. Zu den Minderheiten gehörten auch Ungarn und „Zigeuner“, wie wir damals sagten. Die hatten es vielleicht noch ein bisschen schlechter. Der normale Rumäne hatte aber keinen Zugang zu besseren Nahrungsmitteln oder Heizstoffen, als wir.  

lesepunkte: Sie schildern aber auch, wie sich die Siebenbürger Sachsen nach außen abgeschottet haben und lieber unter sich blieben. 

 

Karin Bruder: Das hat immer etwas mit dem Status der Minderheit zu tun – und das habe ich meinen Mitmenschen auch übel genommen, dass sie auf Rumänen zum Teil herabgesehen haben. Ich habe als Kind mit Ungarn und Rumänen gespielt; es gab aber auch Familien, die das verboten haben. Das finde ich schade, man sollte eine Mischung immer als Bereicherung empfinden. 

lesepunkte: Auf Ihrer Homepage schreiben Sie ein bisschen lakonisch, dass Ihre Eltern Sie mit zehn Jahren in den Westen „verschleppt“ und „zur Assimilation gezwungen“ hätten. Ist das überspitzt oder haben Sie das damals so empfunden? 

 

Karin Bruder: Es ist überspitzt. Aber für ein Kind ist die Freude tatsächlich zwiespältig: Man will in den Westen, weil es da die tollen Waren gibt – aber man muss auch alles aufgeben, was einem lieb und teuer war. Und zur Assimilation habe ich mich selbst gezwungen. Ich habe das Hochdeutsch gepflegt und geschaut, dass ich nicht auffalle. Ich fand es nicht schick, Rumänien als Geburtsort anzugeben.

lesepunkte: Sie leiten in Baden-Württemberg auch Schreibworkshops. Haben Sie auch einen anderen Blick auf Ihr eigenes Handwerk, reflektieren Sie Ihr Schreiben stärker? 

 

Karin Bruder: Man sollte vor den „Schülern“ ja immer einen Schritt voraus sein. Schüler in Gänsefüsschen, weil es sich ja zum Teil um Erwachsene handelt. Alles, was ich mir autodidaktisch beigebracht habe, musste ich noch einmal durchleuchten und schauen, dass ich nicht nur aus dem Bauch heraus etwas über das Schreiben vermittle. 

lesepunkte: So eine Entscheidung, wie zum Beispiel die Wahl einer Ich-Erzählerin, kommt das bei Ihnen automatisch – oder haben Sie mehrere Optionen erwogen und dann wieder verworfen? Das Buch hätte ja zum Beispiel auch aus mehreren Perspektiven geschrieben sein können. 

 

Karin Bruder: Das muss man am Anfang durch Experimente herausbekommen. Das kann oft bis zu einem Drittel des Buchmanuskripts dauern. Ich sage das auch meinen Schreibkollegen, wenn Sie mich fragen: „Probiert das aus; redet mit dem Spiegel in der Ich-Person, erzählt Euch etwas über die Figuren. Und irgendwann merkt Ihr, was passen könnte.“ 

lesepunkte: Muss die Identifikation mit der Figur größer sein, wenn man aus der Ich-Perspektive erzählt? 

 

Karin Bruder: Sie ist größer. Aber man kann so nicht alles erklären und manchmal behindert es auch, dass man in dieser Perspektive bleiben muss. Die Figur der Großmutter Puscha tritt zum Beispiel nur in den Dialogen zu Tage und in ihrem Handeln. Ich schreibe sehr gerne Dialoge, deshalb macht mir das nichts aus. Für jemanden, der das nicht gerne tut, ist die Ich-Perspektive tödlich. 

lesepunkte: Zehn Prozent aus dem Erlös des Buchverkaufs wollen Sie der Organisation „Reporter ohne Grenzen“ spenden. Wie kam es zu dieser Idee? 

 

Karin Bruder: Ich habe mit „Zusammen allein“ in Österreich 2007 den „FrauAva Literaturpreis“ gewonnen. Mit einem der Jurymitglieder, mit Pater Udo, habe ich politisch hitzig über den Osten diskutiert. Dieses Gespräch war der Anstoß für die Idee. Einen Teil des Preisgeldes habe ich also an „Reporter ohne Grenzen“ gespendet – und als das Buch fertig war, wollte ich es damit genauso machen. Es ist mir einfach wichtig, dass unsere Demokratie nicht so rund und fett und träge wird, dass sie nicht mehr den Wert einer freien Presse schätzt. Und es ist mir vor allem wichtig, dass Menschen, die ihren Mund auch in Diktaturen aufmachen, herausgeholt werden und zum Beispiel zur Buchmesse eingeladen werden, um gestärkt in ihr Heimatland zurückzukehren. Oder dass sie besser aus dem Exil heraus arbeiten können. Das ist leider damals mit Rumänien nicht geschehen. Es gab keine Meinungsfreiheit und das Bild, das in Westdeutschland ankam war: „Ceauşescu wurschtelt eben vor sich hin“. Die Wahrheit über das Regime wurde nicht geschrieben. 

lesepunkte: Was sagen denn Ihre Schreibkursteilnehmer zu Ihren Bücher? 

 

Karin Bruder: Es ist immer schwierig, jemanden zu kritisieren, von dem Sie normalerweise selbst kritisiert werden. Das ist dann oft sehr vorsichtige Kritik. Aber dieses Buch ist durchweg gut angekommen, es gab unglaublich viel Lob. 

(Interview: Jochen Pahl) 

 

Empfohlene Zitierweise

Interview mit Karin Bruder (Jochen Pahl). lesepunkte 5 (2010), Nr. 4, in: lesepunkte, URL: http://www.lesepunkte.de/no_cache/persistent/artikel/7993/

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Erstellt: 27.10.2010

Zuletzt geändert: 27.10.2010

Kurzbiographie

Karin Bruder, 1960 in Kronstadt/Rumänien geboren, lebt seit 1970 in Deutschland. Sie leitet unter anderem Schreibwerkstätten an Schulen und beim Bildungszentrum für politische Bildung Baden-Württemberg. Für das Manuskript zu „Zusammen allein“ erhielt sie den Frau Ava Literaturpreis 2007. Karin Bruder lebt in Waldbronn.

Quelle: Verlag

Zusammen allein, dtv (Reihe Hanser) 2010, ISBN 978-3-423-62450-3

Die Erben der Pharaonin, Ueberreuter 2004, ISBN 978-3-8000-5103-8