Blobel, Brigitte

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„Länder, denen es so gut geht wie Deutschland, haben die Verpflichtung, den Schutzlosen Schutz zu gewähren.“ 

Brigitte Blobel über Flüchtlinge, Rechtsextremismus und die ganz alltäglichen Probleme von Jugendlichen 

 


lesepunkte: Hallo, Frau Blobel! Wir sind Sarah und Ann-Kathrin, zwei Schülerinnen des Max-Ernst-Gymnasiums in Brühl. Wir befinden uns hier auf dem Literaturschiff der lit.Cologne und haben gerade eine Lesung zu Ihrem neuen Buch „der rechte weg“ gehört. Dazu möchten wir Ihnen nun ein paar Fragen stellen.

 

Brigitte Blobel: Sehr gerne!

lesepunkte: Ich habe gelesen, dass Sie eine Finca auf Mallorca haben. Entstehen dort die Ideen für Ihre Geschichten?

 

Brigitte Blobel: Meine Ideen entstehen dort nicht. Wenn ich hinaus gucke, sehe ich auf der einen Seite Orangenbäume und auf der anderen Seite Olivenbäume, und dazwischen gehen unsere Gänse Gustav und Daisy spazieren. Da entstehen keine Ideen über jugendliche Probleme. Aber ich kann dort sehr gut schreiben, weil ich konzentriert bin. Ideen sammle ich in Hamburg, wo wir auch eine Wohnung haben. Da bin ich unter Menschen, fahre mittags mit der U-Bahn hin und her und schnappe alles auf, was auf mich einströmt.

lesepunkte: Hat sich Ihr Leben mit dem Beginn des Schreibens verändert?

 

Brigitte Blobel: Das kann ich gar nicht sagen, weil ich schon geschrieben habe, als ich noch gar nicht lesen konnte. Das heißt, ich habe es immer schon gemacht. Mit sechs Jahren war ich verliebt und habe schon mein erstes Gedicht verfasst. Damals habe ich immer mit einem Jungen Tischtennis gespielt und dazu gedichtet: „Kleine, runde, weiße Bälle / Fliegen übers Netz so schnelle / Ping Pong, Ping Pong.“

lesepunkte: In Ihrem neuesten Buch „der rechte weg“ geht es um das Thema Rechtsextremismus. Wie kamen Sie darauf?

 

Brigitte Blobel: Ich glaube, dass das im Moment ein großes Thema ist. Ganz aktuell ist in Brandenburg ein Bürgermeister zurückgetreten, weil er vor der rechten Szene kapituliert hat, die abends vor seinem Privathaus demonstrierte, weil er 40 Flüchtlinge in dem Ort aufnehmen wollte. So etwas löst immer große Empörung aus. Aber dennoch bleibt es dabei, dass es immer mehr nationalistisch denkende Leute gibt, die irgendwelche Werte verteidigen wollen, die nach unserem gesellschaftlichen Verständnis gar keine Werte mehr sind.

lesepunkte: Das Thema ist ja nicht gerade einfach. Wieso haben Sie sich dennoch dafür entschieden?

 

Brigitte Blobel: Ich habe festgestellt, dass auch die anderen Themen nicht einfach waren. Mein letztes Buch „Blind Date“ handelt von einem Mädchen, das mit zwölf Jahren blind geworden ist und trotzdem versucht, ein gutes, erfülltes und selbstbestimmtes Leben zu führen. Das war auch hochkompliziert, weil ich mich in die Seele und Gefühlslagen einer Blinden hineinversetzten musste. Mich interessieren Probleme.

lesepunkte: Was wollen Sie Jugendlichen mit der Geschichte nahebringen?

 

Brigitte Blobel: Aufmerksamkeit. Ich möchte, dass die Jugendlichen nicht immer nur an sich und ihre Probleme denken: „Wie sehe ich aus?“ oder „Was für einen Scheiß kann ich heute Nachmittag machen?“ Ich möchte, dass sie auch aufeinander aufpassen, dass sie einander beobachten und Veränderungen und Strömungen registrieren. Aufmerksam sein ist ganz wichtig. Und das ist gerade in der Pubertät schwierig, weil man so wahnsinnig mit sich selbst beschäftigt ist.

lesepunkte: Haben Sie selbst schon einmal Erfahrungen mit Rechtsextremismus gemacht?

 

Brigitte Blobel: Ja, ich kam einmal von einer Lesung zurück und musste auf dem Weg von Berlin nach Hamburg in Wittenberge umsteigen. Als ich durch den Tunnel ging, um auf den anderen Bahnsteig zu kommen, haben gerade zwei Jugendliche einen Schwarzen zusammengeschlagen. Ich bin empört dazwischen gegangen und habe gerufen: „Was seid ihr denn für Idioten!“ Die haben tatsächlich aufgehört, aber das hätte auch anders ausgehen können.

lesepunkte: Um ein Buch zu solch einem Thema zu verfassen, benötigt man bestimmt viele Informationen. Wie haben Sie sich darauf vorbereitet?

 

Brigitte Blobel: Das war ganz schwierig. Der Staat muss ja seine Bürger schützen und hat daher eine Internetkontrolle. Wenn man im Internet über Neonazis recherchiert, dann gelangt man immer nur auf Aussteigerseiten und dergleichen. Wenn man aber wissen möchte, was in der Szene tatsächlich vor sich geht, dann kommt man überhaupt nicht auf diese Seiten. Ich habe dieses Buch letztes Jahr in Afrika geschrieben und vorher Interviews geführt. Ich habe einen Freund, der früher in der Kommunistischen Partei war und schon vor zwanzig Jahren die rechte Szene studiert hat. Der kannte ein paar Tricks. Mein Mann ist Journalist beim SPIEGEL und hat mich mit dem Dokumentaristen verbunden, der mich wiederum mit Informationen versorgt hat. Aber das war hochgradig kompliziert.

lesepunkte: Sind Sie für die Recherche also auch nach Afrika geflogen?

 

Brigitte Blobel: Nein, dort habe ich den Winter verbracht, weil wir dort gerade einen Film drehten, zu dem ich das Drehbuch verfasst habe.

lesepunkte: Sie haben schon mehrere Bücher über Tabuthemen veröffentlicht. Was war der Grund für das Schreiben dieser Geschichten?

 

Brigitte Blobel: Ich habe am Anfang der Lesung von den Verletzungen erzählt, die ich in meiner Kindheit erlebt habe. Das hat mich in einem gewissen Alter für diese Themen sensibilisiert.

lesepunkte: Die Hauptperson in dem Buch „der rechte weg“ ist das Mädchen Linda. Wie würden Sie sie beschreiben?

 

Brigitte Blobel: Ich würde Linda als ein Mädchen beschreiben, das komplett normal ist, aus der alles werden kann, die alle Anlagen und Talente hat. Aber ich stelle immer wieder fest, dass Mädchen und Jungen in der Pubertät wie in einem Cocon leben. Sie können ihre Handlungen und deren Folgen selbst gar nicht ermessen. Alles ist auf den Augenblick und auf ihr Gefühl fixiert. Sie brauchen ständig Selbstbestätigung, weil sie mit sich so sehr hadern und im Selbstzweifel sind. Ich würde sagen, sie ist ein absoluter Durchschnittsmensch.

lesepunkte: Linda wird von ihrem Schwarm Hannes in den Rechtsextremismus hineingezogen. Wieso ist Linda am Anfang so naiv?

 

Brigitte Blobel: Ich glaube, sie ist gar nicht so naiv. Es gibt immer wieder Momente – als sie z.B. die schwarz-weiß-rote Fahne oder die Schulhof-CDs sieht – in denen ihr das bewusst ist. Sie verdrängt es aber, weil sie diesen Schmerz über ihren Freund erlebt hat, der sie verlassen hat und jetzt mit einer Türkin zusammen ist. Sie will sich auch an Dennis rächen. Ganz toll wäre es, wenn sie ganz schnell einen neuen Freund hätte. Dann hätte sie erstens keine Verlustschmerzen mehr und würde zweitens Dennis möglicherweise wütend machen. Weil sie das so gerne möchte, verdrängt sie alles, was kritisch sein könnte und wo sie eigentlich misstrauisch werden müsste.

lesepunkte: Am Ende wird Linda erneut mit dem Rechtsextremismus konfrontiert. Wie wird sie damit umgehen?

 

Brigitte Blobel: Besser. Erwachsener. Sie wird ein paar Antworten haben auf Fragen, die sie vorher nie gestellt hat. Als sie das erste Mal sieht, wie integriert die rechte Szene in der Gesellschaft ist, ist sie empört und geschockt. Damit hat sie nicht gerechnet. Aber sie wird es nicht zulassen. Sie wird dagegen kämpfen. Ihr Bewusstsein ist geweckt.

lesepunkte: Glauben Sie, dass sie Angst hat, dort wieder hineinzurutschen?

 

Brigitte Blobel: Nein. Das halte ich für ausgeschlossen.

lesepunkte: Sie haben es eben schon angesprochen: Inwiefern halten Sie Rechtsextremismus momentan für aktuell?

 

Brigitte Blobel: Es hat natürlich etwas damit zu tun, dass es so viele Krisengebiete auf der Welt gibt. Da, wo die Menschen Angst um ihr Leben haben, denken Väter darüber nach, wie sie ihre Familie beschützen können. Frauen denken darüber nach, wie sie ihre Kinder beschützen können. Kinder denken darüber nach, wo das Leben besser ist. Je mehr Krisen es auf der Welt gibt, desto mehr Menschen sind in Bewegung und auf der Flucht. Länder, denen es so gut geht, wie Deutschland haben die Verpflichtung, anderen Schutz zu gewähren, die schutzlos sind. Das bedeutet aber, dass es in manchen Räumen zu einer Überproportionierung kommt, zu einer unerwarteten Konfrontation mit so vielen Ausländern und Fremden. Wenn die Deutschen schlecht gebildet sind und wenig über den Kontext sprechen, werden sie dieser Sache mit Angst, Befremden und Wut begegnen. Und jetzt kommen gerade viele Flüchtlinge, was die Geschichte so aktuell macht.

lesepunkte: Schreiben Sie bereits an einem weiteren Buch und wenn ja, worum wird es darin gehen?

 

Brigitte Blobel: Ich wollte eigentlich ein Buch über einen Jungen schreiben, der mit seiner Mutter aufwächst. Diese erzählt ihm immer eine tolle Geschichte über seinen Vater, der ihre große Liebe gewesen und plötzlich verschwunden sei. Auf der Beerdigung eines Verwandten erfährt er, dass seine Mutter vergewaltigt wurde und er das Kind dieser Tat ist. Jetzt hat es aber gerade im Fernsehen einen Film mit einer ähnlichen Geschichte gegeben und mein Thema ist so gesehen weg. Im Moment schreibe ich an zwei verschiedenen Drehbüchern für Senta Berger und Julia Koschitz, mit denen ich sehr beschäftigt bin.

lesepunkte: Wie haben Sie sich gefühlt, als sie ihr erstes selbst geschriebenes Buch in der Hand gehalten haben?

 

Brigitte Blobel: Es ist einfach ein unglaublich tolles Gefühl! Man sagt ja immer: Wenn Mütter ihr Baby in der Hand halten, ist das so. Aber ich muss ehrlich sagen, dass meine Hormone nicht so angesprungen haben, als ich meine Kinder zur Welt gebracht habe, wie bei meinem ersten Buch. Es geht nicht nur darum, das Buch in der Hand zu halten, sondern darum, dass man so viele Welten schaffen kann. Man fühlt sich so reich. Gleichzeitig entwickelt man beim Schreiben eine Fähigkeit, sich selber von außen zu sehen. Als mein zweiter Mann starb und ich aus dem Krankenhaus zurückkam, bin ich in die Wohnung gekommen und habe geschrien – ganz laut. Dann habe ich plötzlich im Spiegel mein schreiendes Gesicht gesehen. In diesem Moment hat sich in meinem Kopf ein Schalter umgelegt, und ich habe erkannt: So sieht es also aus, wenn eine Frau in ihrem großen Schmerz schreit. Schreiben ist etwas ganz Spezielles, das einen bereichert und von sich selbst entfernt.

(Interview: Sarah Kamerichs und Ann-Kathrin Mießeler) 

(Foto: © Brigitte Blobel privat)

 

 

Empfohlene Zitierweise

Interview mit Brigitte Blobel (Sarah Kamerichs und Ann-Kathrin Mießeler). In: lesepunkte 10 (2015), Nr.1, URL: http://www.lesepunkte.de/no_cache/persistent/artikel/10768/

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Erstellt: 31.03.2015

Zuletzt geändert: 31.03.2015

Kurzbiographie


Brigitte Blobel wurde 1942 in Hamburg geboren, wo sie auch heute wieder lebt - wenn sie sich nicht in idyllischer Umgebung auf ihrer Finca auf Mallorca aufhält. Dort findet sie die Ruhe, die sie zum Schreiben ihrer Bücher für Jugendliche und Erwachsene benötigt.

Neben Romanen hat Brigitte Blobel einige Drehbücher für Filme geschrieben sowie als freie Journalistin und Redakteurin für die Nachrichtenagentur Associated Press gearbeitet. Auf der lit.Kid.Cologne 2015 stellte sie ihren hochaktuellen Jugendroman "der rechte weg" vor.

Weitere Informationen zur Autorin und eine Rezension zu ihrem aktuellen Buch findet ihr hier:

Homepage von Brigitte Blobel

"der rechte weg" bei cbj

Rezension zu "der rechte weg"

Fotos von der lit.Kid.Cologne