Blazon, Nina

  / lesepunkte.de / Archiv / Autor im Profil / Blazon, Nina

„Es macht Spaß, ins Schwarze zu treffen und zu sehen, dass die Leute genau so etwas lesen wollen.“ 

Nina Blazon über Trends in der Jugendliteratur und ihren eigenen Schreiballtag 

 


lesepunkte: Seit 2003 veröffentlichen Sie Krimis, Fantasy-Romane und historische Romane – wenn ich auf Ihrer Homepage richtig gezählt habe, sind es mittlerweile 18 Titel, dazu kommen noch Beiträge in Anthologien. Drei Bücher pro Jahr ist ja eine enorme Zahl von Veröffentlichungen, wie schafft man das überhaupt?

 

Nina Blazon: Ich komme zum einen aus dem Journalismus und habe gelernt, schnell zu schreiben. Für einige der historischen Titel hatte ich auch nicht mehr allzu viel Recherchezeit nötig, weil ich mich im Studium intensiv mit den Themen beschäftigt hatte. Was die russische Geschichte angeht zum Beispiel mit Katharina der Großen oder Zar Peter. Außerdem muss man auch sehen, dass ein Jugendroman nicht so umfangreich ist, wie ein vergleichbarer Erwachsenenroman im historischen Bereich. Wenn man als bekanntes Beispiel einen Roman von Ken Follet nimmt: Der ist winzig klein gedruckt auf tausend Seiten. Da passen locker drei bis vier Jugendbücher hinein. Deshalb klingt das vielleicht eindrucksvoll, wenn Sie drei Bücher pro Jahr nennen; aber Autoren, die Erwachsenenromane schreiben, schaffen die gleiche Menge. Es ist dann eben nur ein Buch.

lesepunkte: Sie bewegen sich ja auch in vielen verschiedenen Jahrhunderten, Ihre Stoffe spielen im 13., 16., 17. und 18. Jahrhundert. Und das Historische ist in Ihren Büchern nicht nur Kulisse, Sie steigen ja richtig in die Recherche ein. Das ist doch dann auch ein erheblicher Zeitaufwand, denn Sie betreiben müssen?

 

Nina Blazon: Ja, aber da kann ich dann einem Faible nachgehen. Zum Beispiel für meinen Roman „Der Spiegel der Königin“ bin ich nach Schweden gereist. Und da ich Schweden und Stockholm liebe, hatte ich dann Gelegenheit, mich hinein zu versenken und habe den Urlaub mit der Recherche zu einem Roman verbunden.

lesepunkte: Sie schreiben in vielen verschiedenen Genres, vom Krimi über Fantasy bis hin zum historischen Roman. Welche unterschiedlichen Erwartungen muss man da als Autorin bedienen?

 

Nina Blazon: Es gibt natürlich immer Grunderwartungen im jeweiligen Genre, es gibt sozusagen Spielregeln, an die man sich hält. Es gibt auch Trends und, wenn man Glück hat, kann man sie erspüren. Gerade im Fantasybereich ist das möglich. Die Vampirwelle ist dafür ein Beispiel oder „Gestaltwandler“ – oder der nächste Trend: „Engel“. Manchmal hat man Glück und trifft einen solchen Trend und es macht auch Spaß ins Schwarze zu treffen und zu sehen, dass die Leute genau so etwas lesen wollen.

lesepunkte: Ihr Vampirbuch „Die Totenbraut“ ist aber doch viel historischer als die Biss-Reihe von Stephenie Meyer. Sie beschäftigen sich dort ja eher mit dem Urmythos vom Vampir, der nicht viel mit den gängigen Dracula-Klischees zu tun hat.

 

Nina Blazon: Ja – und das war auch ein Projekt, das tatsächlich schon seit ein paar Jahren geplant war mit Ravensburger. Innerhalb von drei, vier Jahren sollte ich unter anderem auch einen historischen Vampirroman schreiben. Umso mehr habe ich mich gefreut, dass das Buch dann so gut zusammengetroffen ist mit dem Interesse an Vampiren.

lesepunkte: Spürt man das auch an den Verkaufszahlen?

 

Nina Blazon: Oh ja, allerdings. Ich denke, viele greifen dazu, weil sie sich über die historische Seite und diesen etwas anderen „Urvampir“ informieren wollen. Von den historischen Hintergründen handelt auch mein Nachwort in dem Roman und viele Leser schreiben mir, dass sie zwar „Edward“ von Stephenie Meyer lieben und auch die klassische Dracula-Figur, es für sie aber sehr spannend war, etwas über den „Urahn“ zu erfahren.

lesepunkte: In Ihren anderen historischen Romanen, in denen berühmte Persönlichkeiten wie Katharina die Große oder Kristina von Schweden auftauchen, stellen Sie diesen Figuren anonyme, erfundene Figuren als Protagonisten zur Seite. Liegt das daran, dass man als Autor Hemmungen hat, diese berühmten historischen Gestalten zur Hauptfigur zu machen?

 

Nina Blazon: Es kommt darauf an, welche historische Gestalt das ist. Bei diesen Herrschergestalten hatte ich tatsächlich ein bisschen Hemmungen, weil ich mich da in eine Interpretation hinein begeben würde. Deshalb nehme ich als Reflektorfigur eine jüngere Figur, das passt auch besser zum Jugendbuch. Dann habe ich die Möglichkeit, die authentische historische Figur anhand ihrer eigenen Zitate lebendig zu gestalten. Das habe ich sowohl bei Katharina als auch bei Kristina von Schweden versucht; das, was ich ihnen in den Mund lege, ist sehr dicht angelehnt an eigene Aussprüche, Tagebucheinträge und Aphorismen. Bei anderen Figuren, von denen nicht so viel bekannt ist, habe ich mich das eher getraut, zum Beispiel bei der italienischen Renaissance-Malerin Sofonisba Anguissola. In „Die Königsmalerin“ habe ich mir, ausgehend von den Berichten der Zeitgenossen über ihren Charakter, eine Interpretation zugetraut und daher aus ihrer Ich-Perspektive geschrieben.

lesepunkte: Sie sind jetzt gerade hier in Köln auf einer Promotion-Tour für Ihr neues Buch „Schattenauge“. Wie viel Zeit verbringt man denn als Autorin mit diesen ganzen Extras, mit Promotion, Lesungen, Messen und so weiter?

 

Nina Blazon: Die Messen sind ja entweder in Frankfurt oder Leipzig, das ist ungefähr eine Woche im Jahr. Bei Lesungen hängt es davon ab, wie groß die Nachfrage ist, bei mir sind es im Jahr etwa 40 bis 50 Lesungen. Promotionsveranstaltungen finden hauptsächlich um die Buchmessen herum oder zum Erscheinungstermin von Büchern statt. Das hält sich also in Grenzen.

lesepunkte: Ist das Schriftstellerdasein weniger romantisch, als man sich das als Leserin oder Leser vorstellt?

 

Nina Blazon: Ich kann da nur für mich sprechen: Bei mir ist es sehr bürokratisch. Ich komme morgens ins Büro und sitze alleine den ganzen Tag da und schreibe. Ich mache eine Mittagspause, gehe abends nach Hause und recherchiere dann noch weiter. Solche Ereignisse wie Lesungen sind eher die Ausnahmefälle dazwischen. Ansonsten ist es sehr unromantisch.

lesepunkte: Was hilft Ihnen weiter, wenn Ihnen an einem Schreibtag nichts mehr einfällt?

 

Nina Blazon: Ich kann zum Beispiel auf die Recherche ausweichen oder auf einen älteren Teil eines Textes. Ich habe auch jeden Tag Korrespondenz, die ich erledigen muss. Oder ich schreibe als Journalistin einen Artikel zu einem ganz anderen Thema für Zeitschriften oder Zeitungen. Das hilft, weil es die Gedanken in eine andere Richtung bringt.

lesepunkte: Sie haben eine sehr gut gepflegte eigene Homepage. Das hilft Ihnen mit Ihren Lesern in Kontakt zu treten – hat das Internet auch Ihr Schreiben verändert?

 

Nina Blazon: Ich hoffe nicht… Nein, das Schreiben nicht, vielleicht die Aufmerksamkeitsspanne, wenn ich etwas im Internet lese. Mir ist das Buch immer noch lieber. Das liegt wohl am Medium Internet, bei dem man immer auf einen Bildschirm gucken muss und nicht so viel Geduld hat, zu scrollen und weiter zu lesen.

lesepunkte: Wie entwickeln Sie die Themen Ihrer Bücher? Ist das eine Sache, die zusammen mit den Verlagslektoren geschieht, mit Agenturen – oder machen Sie das doch ganz alleine?

 

Nina Blazon: Es kommt ganz darauf an. Bei meinem aktuellen Buch „Schattenauge“ war es tatsächlich so, dass ich die Idee zusammen mit meiner Lektorin ausgesponnen habe, weil wir beide Fans von uralten Schwarz-weiß-Horrorfilmen sind. Der Film „Cat People“ aus dem Jahr 1942 hat uns inspiriert; ein sehr düsterer Film, der von „Katzenmenschen“ handelt. Diese Stimmung wollten wir in eine Großstadt transportieren. Manchmal ist es aber auch so, dass ich zum Beispiel im Urlaub etwas Spannendes sehe und mich frage, was dahinter steckt. Zum Beispiel bei dem Buch „Der Maskenmörder von London“ war mir das Theater von Georg Friedrich Händel aufgefallen. Das ist also immer ganz unterschiedlich.

lesepunkte: Sie schreiben auf Ihrer Homepage, dass „Schattenauge“ kein „Romantasy-Roman“ sei. Dieses Genre war mir neu – fällt da genau die „Biss-Reihe“ von Stephenie Meyer darunter?

 

Nina Blazon: Ja (lacht), ich denke, das ist ein neues Sub-Genre, das sich innerhalb der „Urban Fantasy“ ausgebildet hat. Ich würde es mal so umschreiben: Frau von heute trifft romantisch-gefährlichen Unbekannten, der entweder ein Werwolf, ein Vampir, ein Engel – oder wer weiß, was als nächstes kommen wird – ist. Es geht dann hauptsächlich um diese Liebesgeschichte.

lesepunkte: Fantastische Elemente fesseln Sie aber auch, wenn Sie historische Romane schreiben. Das magische Denken in vormodernen Zeiten, zum Beispiel der Aberglauben hat es Ihnen irgendwie angetan?

 

Nina Blazon: Ich finde das sehr spannend, weil es viel darüber aussagt, wie Menschen ticken und wie Hysterie funktioniert, wie Hexenjagden entstehen können. Diese psychologische Interaktion, die mit Aberglauben und Mystizismus zusammenhängt, finde ich aufschlussreich, sie zeigt, wie Vorurteile wirken können, wenn sie an feste Glaubenssätze gekoppelt sind.

lesepunkte: Sie haben sicherlich schon wieder neue Projekte in Arbeit, was wird nach dem „Schattenauge“ kommen?

 

Nina Blazon: Ich sitze gerade wieder an einem klassischen Fantasy-Roman. Er knüpft ein bisschen an „Faunblut“ an, spielt in der gleichen Welt, ist aber keine Fortsetzung. Ich kann auch gleich sagen, dass es nicht um Engel gehen wird, auch wenn diese Figuren gerade sehr in Mode sind… Es ist ein Buch, das sich sehr stark mit dem Thema „Tod“ auseinandersetzen wird.

(Interview: Jochen Pahl) 

 

 

Empfohlene Zitierweise

Interview mit Nina Blazon (Jochen Pahl). lesepunkte 5 (2010), Nr. 1, in: lesepunkte, URL: http://www.lesepunkte.de/no_cache/persistent/artikel/7500/

Bitte setzen Sie beim Zitieren dieses Beitrags hinter der URL-Angabe in runden Klammern das Datum Ihres letzten Besuchs dieser Online-Adresse.



Erstellt: 27.02.2010

Zuletzt geändert: 27.02.2010

Kurzbiographie

Nina Blazon, geboren 1969 in Koper bei Triest, aufgewachsen in Neu-Ulm, las schon als Jugendliche mit Begeisterung Fantasy-Literatur. Selbst zu schreiben begann sie während ihres Germanistik-Studiums – Theaterstücke und Kurzgeschichten – bevor sie den Fantasy-Jugendroman „Im Bann des Fluchträgers“ schrieb, der 2003 mit dem „Wolfgang-Hohlbein-Preis“ und 2004 mit dem „Deutschen Phantastik-Preis“ ausgezeichnet wurde. Sie lebt und arbeitet in Stuttgart und ist als freie Journalistin, Autorin und Texterin tätig. Nina Blazon liebt historische und fantastische Geschichten.

Quelle: Verlag

Totenbraut, Ravensburger Buchverlag 2009, ISBN 978-3-473-35304-0

Die Königsmalerin, Ravensburger Buchverlag 2008, 978-3-473-35278-7