Beckhardt, Lorenz

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„Ich habe jede letzte Quelle ausgequetscht wie eine Zitrone.“ 

Der Journalist Lorenz S. Beckhardt über die Recherchen zu seiner Familiengeschichte und seine Arbeit als Wissenschaftsredakteur 

 


lesepunkte: Der Krieg spielt in Ihrer Familiengeschichte eine zentrale Rolle: Ihr Großvater, Fritz Beckhardt, ist Kampfflieger im Ersten Weltkrieg und wird mehrfach ausgezeichnet. Die NS-Diktatur und der Zweite Weltkrieg bringen hingegen Diskriminierung, Verfolgung, Inhaftierung und englisches Exil mit sich. Welche Auswirkung hatte dies auf das Leben seiner Kinder, auf das Ihres Vaters, Kurt, und dessen Schwester, Hilde?

 

Lorenz Beckhardt: Als der Zweite Weltkrieg begann, waren mein Vater und seine Schwester bereits in England. Sie sind mit einem Kindertransport rüber gekommen. Zwischen der Pogromnacht im November 1938 und dem Kriegsbeginn wurden etwa 10.000 jüdische Kinder aus Deutschland und Österreich nach England gebracht. Insofern kann man sagen, dass, als der Krieg begann, die Nazizeit für meinen Vater und meine Tante vorbei war. Und in England haben sie den Krieg erlebt, wie alle anderen Engländer auch: Man wurde von deutschen Fliegern bombardiert. Zur Mitte des Krieges kamen dann durch großes Glück meine Großeltern nach England und die Familie wurde wieder vereint.

lesepunkte: Nach dem Krieg kehrte die Familie, bis auf Tochter Hilde, wieder nach Deutschland zurück. Was bedeutete dies für Ihren Vater, der sich in England ja sehr wohl fühlte?

 

Lorenz Beckhardt: Der war nicht so glücklich darüber, dass er wieder nach Deutschland zurückkehren musste. Sein Vater hatte ihn darum gebeten. Der wollte unbedingt zurück nach Deutschland. Das hat damit zu tun, dass er sich sein Leben lang nur in Deutschland wirklich wohl gefühlt hat und dass er ein verbissener und verbohrter Patriot war, der sich selbst von Hitler und den Nazis nicht hat abschrecken lassen, immer noch an Deutschland als seine Heimat zu glauben. Und da mein Vater ein Familienmensch ist und das Gefühl hatte, er könne seine Eltern nicht alleine lassen, ist er zurück nach Deutschland gekehrt. Er bedauert das im Rückblick, obwohl er jetzt froh ist, eine nette Familie und ein recht angenehmes Leben zu haben. Aber möglicherweise hätte sein Leben eine noch aufregendere und interessantere Entwicklung genommen, wenn er in England geblieben wäre.

lesepunkte: Auf Sie selbst hatte der Krieg ja keine unmittelbaren Auswirkungen, Sie sind nicht mehr im Krieg aufgewachsen. Aber hat die Geschichte Ihrer Großeltern und Eltern und deren Erfahrungen in Krieg und Diktatur auch Ihre Kindheit noch geprägt?

 

Lorenz Beckhardt: Meine Kindheit wurde dadurch unbewusst geprägt. Es ist natürlich so, dass Eltern aus jüdischen Familien eine Verfolgungsgeschichte mitbringen und diese schlägt sich in Ihrer Seele und in Ihrem Wesen nieder. Und daher habe ich auch eine spezifische Erziehung durch meine Eltern genossen. Doch von der Geschichte meiner Familie habe ich als Kind nichts erfahren. Mein Großvater ist kurz nach meiner Geburt gestorben und meine Eltern haben mir erst im späten jugendlichen Alter nach und nach verraten, was für eine Familiengeschichte wir haben.

lesepunkte: Im Jahr 2007 ist auf Ihre Initiative hin eine Dokumentation mit dem Titel „Der Jude mit dem Hakenkreuz“ unter der Regie von Mathias Haentjes entstanden. Sie selbst haben dabei die Recherche übernommen. Was war der Anstoß dafür, dass Sie sich plötzlich so intensiv mit Ihrer Familiengeschichte auseinandergesetzt haben?

 

Lorenz Beckhardt: Es gab zwei Anstöße: Erstmal habe ich im Alter zwischen 18 und 25 immer mehr erfahren über die Familiengeschichte und, dass da deutlich dramatischere und bewegendere Geschichten drin stecken, die auch etwas mehr mit meiner Identität zu tun haben, als ich das geahnt habe. Und dann fängt man an zu suchen, und ich habe eine Menge Stoff entdeckt. Das hat mich einfach bewegt, wissen zu wollen, wo meine Vorfahren her kommen. Das bewegt ja sehr viele Menschen und in meinem Fall war es eine spannende Familiengeschichte, die auch gleichzeitig deutsche und deutsch-jüdische Geschichte widerspiegelt. Das war das eine.

Den Anstoß zu der Dokumentation hat unser damaliger Abteilungsleiter für historische Dokumentationen im WDR gegeben, dem ich eher beiläufig von unserer Geschichte erzählt habe, speziell von der Lebensgeschichte meines Großvaters. Der war sofort der Meinung, dass man daraus eine Dokumentation machen muss. Dann hat der WDR diese Dokumentation gemacht.

lesepunkte: Wie lief die Recherche ab? Haben Sie mehr aus den Archiven erfahren oder aus Erzählungen Ihrer Verwandten?

 

Lorenz Beckhardt: Beides. Meine hauptsächliche mündliche Quelle war mein Vater. Mit dem habe ich über fünf Jahre sehr regelmäßig über einzelne Themen gesprochen und er hat versucht, so gut es ging, sich an die Dinge zu erinnern. Ein zweite kleinere mündliche Quelle war meine Mutter. Und auch mit meiner Großmutter mütterlicherseits habe ich zum Glück einige längere Gespräche geführt, die ich auch aufgezeichnet habe.

Darüber hinaus habe ich Zeitschriften aus der Weimarer Zeit und aus der Nazi-Zeit sehr intensiv über Jahrzehnte hinweg Ausgabe für Ausgabe durchgearbeitet. In erster Linie den „Schild“, das war eine Zeitung des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten, also der jüdischen Soldaten, die im Ersten Weltkrieg auf deutscher Seite gekämpft haben. Außerdem habe ich, um das Umfeld der 1920er und 30er Jahre zu verstehen, die sozialdemokratischen und vor allem auch die Nazi-Blätter aus meiner Heimat Wiesbaden und der Region gelesen, die extrem aufschlussreich sind; und auch die jüdischen Zeitungen wie das sogenannte „Jüdische Nachrichtenblatt“, das es sogar noch in der Nazi-Zeit gab, um den Juden die neuesten Anordnungen mitzuteilen. Ich würde sagen insgesamt hatten mündliche Quellen und Archiv in etwa einen Anteil von 50-50.

lesepunkte: Sind Sie denn bei dieser Recherche zu Ihrer eigenen Familiengeschichte anders vorgegangen als beispielsweise für einen Beitrag für den WDR oder Quarks und Co.?

 

Lorenz Beckhardt: Ja, klar. Ich habe natürlich ein extrem hohes persönliches Interesse. Und das führt dazu, dass man viel mehr Quellen sichtet, als man wahrscheinlich am Ende braucht. Wenn man für einen normalen Fernsehbeitrag recherchiert, ob das jetzt ein Magazinbeitrag oder ein längerer Film ist, dann arbeitet man eigentlich so lange, bis man alles für die Geschichte, die man erzählen will, weiß. Man kann sich auch tot recherchieren, aber man muss ja in einer gewissen Zeit einen vernünftigen Film rausbringen. Insofern sind z.B. in der Dokumentation, die wir 2007 gesendet haben, maximal 5% von dem drin, was in meinem Buch steht, das nächstes Jahr erscheint. Die anderen 95% habe ich teilweise noch in den Jahren nach der Dokumentation weiter recherchiert. Ich habe dann auch über das Internet Menschen aus den USA, Brasilien oder Israel gefunden, die etwas über meine Familie sagen konnten, weil die auf den verschiedenen Fluchtwegen mit ihnen in Berührung gekommen sind. Ich habe jede letzte Quelle ausgequetscht wie eine Zitrone, um irgendwo noch die allerletzte kleine Info heraus zu bekommen. Dabei ging es einerseits um mich und andererseits um das Buch.

lesepunkte: Sie selbst sind katholisch getauft worden, sind aber vor ein paar Jahren zum Judentum konvertiert. War das eine Konsequenz aus der Aufarbeitung der Familiengeschichte?

 

Lorenz Beckhardt: Ja, aber der Begriff „konvertiert“ ist nicht ganz richtig. Denn dadurch, dass ich eine jüdische Mutter habe, bin ich nach den Regeln und Gesetzen der jüdischen Religion Jude. Ob ich getauft bin oder nicht, spielt keine Rolle. Ich würde auch für die orthodoxen Juden immer Jude sein. Ich bin seit vielen Jahren Mitglied in zwei jüdischen Gemeinden, bin aber auch seit meiner Jugendzeit nicht mehr Mitglied in der Kirche. Ich musste nicht konvertieren, sondern brauchte nur meine Geburtsurkunde und die meiner Mutter bei einem Rabbiner in Köln vorlegen. Der hat mir dann gesagt „Du kannst Mitglied der Gemeinde werden.“ Ich bin kein extrem religiöser Mensch. Für mich hat die Zugehörigkeit zum Judentum mehr etwas mit der Familiengeschichte, der Identität und der Zugehörigkeit zu dieser „Schicksalsgemeinschaft“ zu tun und weniger mit der Frage, wie ich speziell jetzt an Gott glaube.

lesepunkte: Was machen Sie beruflich, wenn Sie nicht gerade Ihre Familiengeschichte aufarbeiten?

 

Lorenz Beckhardt: Ich bin seit 2006 Redakteur und Reporter in der Programmgruppe „Wissenschaft und Umwelt“ beim WDR Fernsehen. Vorher war ich 11 Jahre lang Reporter beim ARD Morgenmagazin, auch vor der Kamera. Jetzt habe ich die Verantwortung für einen Teil der Sendung „nano“, die jeden Tag um 18:30 Uhr auf 3sat läuft, ein aktuelles Wissenschaftsmagazin. Außerdem verantworte ich einen gewissen Teil der wöchentlichen Ausgabe von „Quarks und Co.“, dem Wissenschaftsmagazin im WDR, das von Ranga Yogeshwar moderiert wird. Da betreue ich insgesamt eine Gruppe von ungefähr 50 freien Mitarbeitern und Wissenschaftsautoren und kümmere mich darum, dass wir gute Themen ins Programm kriegen. Das ist eine hochspannende Aufgabe und die macht sehr viel Spaß.

lesepunkte: Ihre Interessen sind ja breit gestreut: ein Diplomchemiker, der als Reporter im Nahen Osten und auf Klimagipfeln war, nebenbei Geschichtsdokus dreht und sich für Wein und die Eintracht aus Frankfurt begeistern kann. Für welche Themen recherchieren Sie bei den Wissenschaftsmagazinen „Quarks und Co.“ und „nano“?

 

Lorenz Beckhardt: Wir sind eigentlich thematisch sehr breit aufgestellt. Die letzte Sendung bei „Quarks und Co.“ war z.B. zum Thema „Verbrechen“, davor gab es eine Sendung zum Thema „Das Huhn“; da ging es nicht nur um die Hühner, die wir essen, sondern auch um den Charakter des Huhns, sein Leben und die Geschichte des Huhns und des Menschen; ich habe Sendungen gemacht über die großen ungelösten Rätsel der Physik oder über Klima. Also wir suchen immer nach Themen, die einerseits spannende wissenschaftliche Erkenntnisse liefern, aber gleichzeitig auch eine Schnittmenge zum großen Publikum haben, und über die man gute, starke Geschichten erzählen kann. Bei „nano“ ist es etwas anders: Da müssen wir nicht auf die ganz großen Geschichten setzen, sondern da geht es mehr um Hintergrund: Was wird an den Instituten, etwa an den Max-Plack-Instituten, geforscht oder was tut sich aktuell in der Politik? Im Grunde kann man sagen, alles, was Wissenschaft, Umwelt und Klima betrifft, ist dabei einer meiner Hauptschwerpunkte, da ich auch regelmäßig auf den Klimagipfeln der UNO bin.

lesepunkte: Wissenschaft soll den Zuschauern bei Quarks und Co. unkompliziert und möglichst spannend vermittelt werden. Wie wichtig ist der Faktor Unterhaltung bei solchen Wissensformaten bzw. Wissenschaftssendungen im Fernsehen?

 

Lorenz Beckhardt: Unterhaltung ist sehr wichtig, nicht nur bei Wissenschaftsmagazinen, sondern generell bei Fernsehen. Denn Fernsehen ist in erster Linie ein Unterhaltungsmedium. Wir haben auch reine Bildungssendungen, angefangen von „Der Sendung mit der Maus“, die aber auch unterhaltend sein muss, weil sich Kinder sich sonst nicht davor setzen, aber auch sehr stark davon geprägt ist, Informationen zu vermitteln. Dann haben wir auch Sendungen wie „Planet Wissen“, die mehr Wissensvermittlung sind. Aber sobald Sie in den späten Nachmittag oder Abend gehen, dann haben sie ein Publikum, das den Fernseher anmacht, sich hinsetzt und sich immer auch ein bisschen entspannen will.

In der Zeitung können Sie einen Artikel schreiben, der im schlimmsten Fall noch nicht einmal spannend geschrieben ist, aber viele Informationen enthält. Wenn einen Leser das Thema interessiert, wird er sich die Mühe machen, den zu lesen. Aber Fernsehen muss in erster Linie unterhalten. Sie müssen den Spagat hinkriegen, dass Sie in starke, unterhaltende Geschichten, die sich jemand gerne anschaut, die optisch auch ansprechend sind und tolle Bilder haben, so viele Informationen wie möglich reinpacken. Das ist die große Herausforderung im Wissenschaftsjournalismus im Fernsehen.

lesepunkte: Haben Sie diese Konzept auch bei Ihrem im nächsten Jahr erscheinenden Buch beherzigt?

 

Lorenz Beckhardt: Ja, ganz sicher. Ich habe nach 20 Jahren Fernsehen das erste Mal einen Buchtext geschrieben und habe dabei immer im Hinterkopf gehabt, wie ein guter Film funktioniert. Mir war von Anfang an klar, dass ich Spannung erzeugen muss. Ich beende auch mal ein Kapitel mit einem sogenannten Cliffhanger, dass man denkt „Wie geht es jetzt weiter?“ Und daher habe ich auch die Hoffnung, dass ich damit ein größeres Publikum erreiche, als wenn es ein trockener Faktentext wäre.

lesepunkte: Dann freuen wir uns auf Ihr Buch, auf viele weitere informative und unterhaltsame Beiträge von Ihnen und empfehlen unseren Lesern natürlich noch einmal besonders die Dokumentation „Der Jude mit dem Hakenkreuz“, die einen Einblick in die spannende Familiengeschichte unseres Gesprächspartners gibt. Vielen Dank, Herr Beckhardt!

 

(Interview: Philipp Scherber) 

 

 

Empfohlene Zitierweise

Interview mit Lorenz Beckhardt (Philipp Scherber). In: lesepunkte 8 (2013), Nr. 2, URL: http://www.lesepunkte.de/no_cache/persistent/artikel/9968/

Bitte setzen Sie beim Zitieren dieses Beitrags hinter der URL-Angabe in runden Klammern das Datum Ihres letzten Besuchs dieser Online-Adresse.



Erstellt: 02.07.2013

Zuletzt geändert: 02.07.2013

Kurzbiographie

Lorenz S. Beckhardt ist Diplom-Chemiker und Journalist. Er arbeitete 15 Jahre als Autor und Redakteur für das ARD-Morgenmagazin und als Auslandsreporter in Europa und im Nahen Osten. Seit 2006 zeichnet sich beim WDR-Fernsehen verantwortlich für Teile von „Quarks und Co.“. Außerdem ist er Redakteur des Wissensmagazins „nano“ bei 3sat. Im Jahr 2007 erschien, basierend auf seinen langjährigen Recherchen, eine Dokumentation zu seiner Familiengeschichte seit dem Ersten Weltkrieg unter dem Titel „Der Jude mit dem Hakenkreuz“.

Weitere Informationen zu Lorenz Beckhardt und seiner Arbeit findet ihr unter:
http://blog.zdf.de/nano/author/lorenz/

http://www.wdr.de/tv/quarks/ueberuns/beckhardt2.jsp