Baltscheit, Martin

  / lesepunkte.de / Archiv / Autor im Profil / Baltscheit, Martin

„Wenn mir nach drei Tagen dort jemand einen Job angeboten hätte, hätte ich sofort angefangen.“ 

Martin Baltscheit über die Atmosphäre im Bundeskanzleramt und seine Leidenschaft fürs Zeichnen 

 


lesepunkte: Der Wahl-Sommer 2009 ist jetzt doch noch ziemlich sonnig geworden. Warum sollten Jugendliche Ihr Buch lesen – und nicht doch lieber ins Schwimmbad gehen?

 

Martin Baltscheit: Die sollen ja ins Schwimmbad gehen! Aber am Abend ist ja auch Zeit, ein Buch zu lesen. Und es ist ja auch ganz angenehm, im Schatten zu sitzen und Bücher zu lesen. Grundsätzlich wollte ich ein Buch schreiben, das unterhaltsam zu lesen ist und von dem man Sachen erfährt, die man vorher nicht wusste, die aber eigentlich wichtig sind, wenn man in unserem Land lebt. Nach meinen ersten Lesungen habe ich dann erfahren, dass sich die Schüler für das Thema Politik überhaupt nicht interessieren und mir auch sagten, dass sie dieses Buch nie von alleine gelesen hätten. Da war ich ein bisschen traurig, dachte mir aber, dass es bei guten Sachen oft so ist, dass man darauf gestoßen werden muss. Und es gibt ja einen Grund, warum sich Jugendliche nicht für Politik interessieren. Die erste Hürde ist natürlich hoch. Alles was mit Politik zusammenhängt, wird oft von den Medien so transportiert, dass „da oben“ lauter Vollidioten arbeiten und im Grunde genommen ein großer Affenzirkus herrscht. Mein Buch erzählt von einer anderen Erfahrung, die ich gemacht habe.

lesepunkte: Und wie sieht die aus? Ihr Buch handelt ja von einer fiktiven Figur, der 14-jährigen Jasmin Behringer, die ein Praktikum im Bundeskanzleramt macht. Wie lief da Ihre Recherche ab?

 

Martin Baltscheit: Zum einen habe ich auch eine Tochter, die in diesem Alter war und ein Praktikum machen wollte. Und ich wollte selbst als Kind immer Bundeskanzler werden. Ich weiß gar nicht warum – und das ist auch sicher kein Beruf für mich… Aber an Politik interessieren mich die Reden, wie Wahlkampf gemacht wird, aber auch die Gesetzgebung. Dann habe ich zu meiner Tochter gesagt: „Mein Gott, geh doch mal da hin. Guck doch, ob Du Bundeskanzlerin werden kannst…“. Und da hat sie mir gesagt: „Mach Du doch“ – und da hatte sie natürlich Recht, das war mein Thema. Und so konnte ich mit dieser Vorstellung ins Kanzleramt gehen, ich wäre noch einmal 14 oder 15 - wir tragen ja alle die verschiedenen Lebensalter in uns. Recherchiert habe ich auf ganz normalem Weg. Übers Netz zum Beispiel, unter www.bundeskanzlerin.de kannst Du ja wirklich alles erfahren, was Du wissen willst. Und dann kannst Du ja auch hinfahren und das Kanzleramt besuchen, was ich auch gemacht habe. Im Rahmen einer sehr freundlichen Betreuung hatte ich dann die Möglichkeit, das Haus zu sehen und einen etwas tieferen Einblick zu bekommen. Das war aber nichts, was der Normalbürger nicht auch erhalten könnte.

lesepunkte: Ist es denn wirklich so, dass Jugendliche sich heute weniger für Politik interessieren als etwa zu Ihrer Jugendzeit?

 

Martin Baltscheit: Das weiß ich nicht, ich bin da kein Statistiker.

lesepunkte: Und wenn Sie an sich selbst denken, haben Sie sich mit 14 Jahren für Politik interessiert?

 

Martin Baltscheit: Also ich hab‘ mich nicht dafür interessiert. Ich hatte Mädchen im Kopf. Das war das vorherrschende Ding für mich. Ich denke, dass in den Siebziger Jahren, zu Zeiten von Willy Brandt etwa, Politik deshalb so beliebt war, weil sie eine Möglichkeit des Aufbegehrens gegen die Eltern war. Das heißt: Politik war eigentlich ein Thema der Jugendlichen das mit einem pubertären Impetus bespielt werden konnte. Da waren Neuerungen angesagt, Revolution und „anders sein als die Alten“. Darum geht es heute nicht mehr. Heute geht es oft nur darum: „Wie komme ich an die Macht, wie erhalte ich meine Macht, wie bekomme ich Anerkennung“. Das, was Politik kann, nämlich Leben gestalten, kommt gar nicht mehr durch. Wir lesen nur noch von „Dienstwagenaffären“ – was total traurig ist, weil es nichts mit wirklicher Politik zu tun hat. Bescheißen, betrügen und betricksen und eigene Vorteile für sich und seine Kumpels ausnutzen: Das kommt überall vor, in jedem Beruf. Ob das jetzt Journalisten oder Lehrer sind. Aber das sollte nicht ständig das Thema sein.

lesepunkte: Und wie sah der alltägliche Betrieb im Kanzleramt aus?

 

Martin Baltscheit: Das war phänomenal. Ich bin ja auch mit der Vorstellung hingegangen, dass da lauter eitle Fatzkes sitzen, die auf selbstverliebte Art ihre Arbeit machen. Was ich da drei Tage lang gesehen und erlebt habe, war ganz anders. Wenn mir nach den drei Tagen dort jemand einen Job angeboten hätte, hätte ich sofort angefangen. Leider gibt es dort keine Jobs für freiberufliche Schriftsteller. Die Atmosphäre war ruhig und konzentriert – man hatte die ganze Zeit das Gefühl: Hier arbeiten die Besten. Und zwar nicht, weil die Leute nur so getan haben, sondern weil die gearbeitet haben und alles, was gesagt wurde, Hand und Fuß hatte.

lesepunkte: Also war es dann doch begeisternd und nicht ernüchternd, wie man vielleicht denken könnte: Redenschreiber und Referenten, die nur Papiere hin und her schubsen?

 

Martin Baltscheit: Ja, die schieben natürlich Papiere hin und her. Die wissen aber auch, dass wir 80 Millionen Bundesbürger sind, eine große Wirtschaftskraft haben und ein ganz außergewöhnliches Land sind. Auch vor dem Hintergrund unserer Geschichte. Wir sind eine außergewöhnliche Demokratie. Und es ist überhaupt nicht selbstverständlich, dass das alles so bleibt. Ich habe mal einen Hauptschullehrer bei der Verabschiedung seiner zehnten Klasse gehört, der sagte: „Ihr müsst immer besser werden, um gut zu bleiben.“ Und das gilt eigentlich für uns alle. Wir müssen immer die besten Leute in den richtigen Positionen haben, um diesen Standard halten zu können. Deine Einflussnahme als Bürger ist ja ganz gering. Du kannst alle paar Jahre wählen und denkst: „Ich sehe ja nur Gesichter auf Plakaten.“ Und die Broschüren, die Du liest, sind alle mehr oder weniger gleich… Da ist der Frust natürlich groß und man sagt schnell „die da oben“. Aber wenn Du in diesem Amt warst oder dieses Buch oder viele andere klugen Bücher ein bisschen gelesen hast, hast Du das Gefühl: „Ja, da sitzen Menschen wie Du und ich und die machen diesen Job. Und wenn’s mir nicht passt, muss ich hingegen und mich zeigen.“ Dafür ist dieses Buch da, es geht darum, dass Du Dich nicht hinstellst und sagst „diese Arschlöcher bestimmen über meinen Kopf hinweg“. Das tun sie nämlich nicht. Wir leben in einer Demokratie und müssen das nicht empfinden.

lesepunkte: Jetzt sind es noch gut vier Wochen bis zur Bundestagswahl, aber so richtig spannend bringen die Politiker Ihre Themen nicht rüber. Zumindest nicht für Jugendliche. Warum schafft die Politik das selbst nicht, sich spannender nach außen zu vermitteln?

 

Martin Baltscheit: Ich habe da eine kleine Theorie, auch durch die Arbeit am Buch. Ich stelle mir manchmal vor, es gäbe einen Kinder- und Jugendminister. Und ein Wahlrecht ab 12. Warum soll sich denn ein 16-Jähriger für Politik interessieren, wenn er nicht wählen darf? Er ist ja überhaupt keine Zielgruppe. Ein 10-Jähriger ist ja überhaupt keine Zielgruppe. Meine Theorie ist, wenn wir das Wahlrecht ab 12 hätten, müssten die Parteien ihre Programme so schreiben, dass Kinder die verstehen. Das würde vielleicht dazu führen, dass auch der Rest sie begreift, weil sie anders geschrieben werden müssten. Aber es würde auch dazu führen, dass Kinder und Jugendliche eine andere Bedeutung bekämen. Ich weiß nicht, ob diese Theorie stimmt – aber ich könnte es mir gut vorstellen.

lesepunkte: War es denn schwierig, für ein Buch mit politischem Thema wie der Idee vom Kanzleramtspraktikum, einen Verlag zu finden?

 

Martin Baltscheit: Bei diesem Buch war es einfach. Das hat zwei Gründe: Zum einen ist die Idee witzig, die Geschichte liegt vielleicht auf der Hand, hat aber so auch noch niemand umgesetzt. Und es ist Wahljahr, in dem jeder Verlag gerne ein politisches Buch im Programm hat. Die Verlage denken ja in Programmen und nicht in einzelnen Büchern. Ich hatte dann die Auswahl zwischen mehreren Verlagen und habe mich dann für Boje entschieden.

lesepunkte: Sie schreiben nicht nur Bücher, sie zeichnen und illustrieren auch. Bislang aber eher für ein jüngeres Lesealter. Ist es denn so, dass die eigenen Ideen mitwachsen und reifen – oder war es eine große Umstellung, sich an ein älteres Zielpublikum zu richten?

 

Martin Baltscheit: Ich komme ja ursprünglich von der Zeichnung her und gar nicht vom Schreiben. Mein Schreiben ist ein bisschen mit meiner Tochter mitgewachsen. Als sie klein war, habe ich Bilderbücher gemacht, dann fing ich an Hörspiele zu schreiben und mein Zielpublikum wurde auch immer erwachsener. Aber ich habe daneben auch Romane und Drehbücher und Theaterstücke geschrieben, die sich nicht an Kinder und Jugendliche richteten. Eine Herausforderung ist natürlich, so zu schreiben, wie eine 14-Jährige schreibt. Das kann eigentlich nicht gelingen. Das habe ich auch nicht versucht. So wild kann ich ja gar nicht werden. Ich muss etwas finden, was die Geschichte erzählt und darf nicht Jugendsprache nachahmen – die verändert sich ja nun wirklich alle vier Wochen. Ich muss eher auf einer Ebene von jugendlichem Erkennen bleiben, einer bestimmten Neugier und bestimmten Frechheit. Ansonsten finde ich in der Sprache natürlich den Ausdruck, der mir gefällt, was Klarheit und Rhythmus betrifft.

lesepunkte: Gibt es denn eine Ausdrucksform, in der Sie sich besonders wohl fühlen?

 

Martin Baltscheit: Ich fühle mich als Zeichner total sicher. Beim Zeichnen habe ich nie die Angst, dass etwas herauskommt, was nicht gut ist. Das mache ich jetzt seit dreißig Jahren und da gibt es so eine Art schlafwandlerische Sicherheit. Und es gelingt mir immer wieder, neue Sachen auszuprobieren und eine Qualität zu finden, die mich begeistert. Beim Bilderbuchmachen erlebe ich auch einen besonderen Zauber, weswegen ich das wahrscheinlich immer weitermachen werde. Das Schreiben finde ich weitaus schwieriger. Ich ackere jetzt seit fünf Jahren intensiv am Schreiben, lese und analysiere und schaue, dass ich besser werde. Ich empfinde das eher als schleppenden Prozess – das liegt aber auch daran, dass man wohl 10 bis 15 Jahre braucht um eine Kunst vollständig zu beherrschen, vorausgesetzt, man hat Talent und Disziplin. Ich habe jetzt also noch 10 Jahre, bis ich sagen kann, dass ich mich auch beim Schreiben rundum sicher fühle.

lesepunkte: Und so ein Praktikum im Kanzleramt wäre auch etwas für Sie gewesen?

 

Martin Baltscheit: Ja, das wär was für mich gewesen und ich würde da auch gerne arbeiten, ich weiß nur nicht, als was. Aber als Praktikant - das gibt’s leider nicht, man kann kein Praktikum im Kanzleramt machen.

lesepunkte: Sie könnten ja als Redenschreiber für die Kanzlerin arbeiten.

 

Martin Baltscheit: Das ist ein ziemlich harter Job. Das ist etwas, was mir nicht so entspricht, weil ich ein fauler Hund bin. Ich habe zwar viel Fantasie, aber da brauchst Du viel Sachkenntnis. Du musst auf der einen Seite ein sehr schlauer Fuchs sein und dann, wie der Onkel von Jasmin im Buch sagt, auch schreiben wie die Kanzlerin. Du musst Dich also in diese Frau hineinversetzen, und da fehlt mir oft das Visionäre und der Witz. Aber vielleicht ist unsere Kanzlerin nur im Beruf nicht witzig, ich habe sie ja schließlich nicht persönlich kennen gelernt.

(Interview: Jochen Pahl) 

 

 

Empfohlene Zitierweise

Interview mit Martin Baltscheit (Jochen Pahl). lesepunkte 4 (2009), Nr. 4, in: lesepunkte, URL: http://www.lesepunkte.de/no_cache/persistent/artikel/7252/

Bitte setzen Sie beim Zitieren dieses Beitrags hinter der URL-Angabe in runden Klammern das Datum Ihres letzten Besuchs dieser Online-Adresse.



Erstellt: 01.09.2009

Zuletzt geändert: 02.09.2009

Kurzbiographie

Martin Baltscheit, geboren 1965 in Düsseldorf, studierte an der Folkwang-Hochschule Essen, wo er 1996 seinen Diplom-Abschluss als Kommunikations-Designer machte. Von 1986-1992 war er Mitglied des Theaters „Junges Ensemble Düsseldorf“. Sein Debüt gab er als innovativer Comic-Zeichner, danach widmete er sich vor allem dem Schreiben und Illustrieren von Bilderbüchern. Außerdem entstanden zahlreiche Hörspiele und Trickfilme. Als Moderator und Autor gehörte er zum Team der WDR 5-Kinderradiosendung „Bärenbude“ Seit 1997 arbeitet er außerdem als Sprecher in Hörspiel- und Werbeproduktionen. Literaturförderpreis der Stadt Düsseldorf für den Debütroman „Die Zeichner“ (Alibaba Verlag, Frankfurt am Main 2000). Martin Baltscheit ist Vater von einer mittlerweile erwachsenen Tochter und einjährigen Zwillingen. Er lebt in Düsseldorf.

Quelle: Boje Verlag

Bibliographie (Auswahl) 

Ich und die Kanzlerin (Jasmin Behringer), Boje Verlag 2009, ISBN 978-3-414-82225-3

Link-Tipp: Blog zum Buch

Major Dux oder der Tag, an dem die Musik verboten wurde, Boje Verlag 2007, ISBN 978-3-414-82033-4

Die Geschichte vom Löwen, der nicht schreiben konnte, Beltz & Gelberg 2009 (3. Auflage), ISBN 978-3-407-76056-2