Eckes

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Nazan Eckes: Guten Morgen Abendland. Almanya und Türkei – eine Familiengeschichte, Köln: Bastei Lübbe 2012, 240 Seiten, ISBN 978-3-404-60677-1, EUR 9,99. 

 

gelesen von Charlotte Schneider, 10. Klasse
Liebfrauenschule, Köln

 

lesepunkte: ●●●○○ 

 


In dem Buch „Guten Morgen Abendland“, von Nazan Eckes, einer deutschen Moderatorin mit türkischen Wurzeln, beschreibt diese ihre Familiengeschichte im Hinblick auf die Einwanderung ihrer Eltern aus der Türkei nach Deutschland und die Erfahrungen, die ihre Familie in Deutschland gemacht hat.

Das Buch unterteilt sich in ein Vorwort und mehrere Kapitel, die  die Familiengeschichte anhand verschiedener Lebensphasen der Autorin erzählen. Außerdem zeigt Nazan Eckes eine kleine Auswahl an Familienfotos und auch zwei Interviews, die sie selber mit anderen prominenten Einwandererkindern geführt hat.

Zu Anfang des Buches schildert die Autorin erstmals ihren ganz persönlichen Eindruck des Zusammenlebens von Deutschen und Türken in Deutschland. Sie legt ihre Ansicht dar, dass die ausgewanderten Türken weder in Deutschland noch in der Türkei endgültig heimisch seien, und beginnt, ihre eigene Familiengeschichte zu erzählen, indem sie berichtet, dass ihr Vater als Gastarbeiter und ihre Mutter als seine Ehefrau nach Deutschland gekommen sind. Sie beschreibt verschiedene Situationen aus ihrem Alltag als türkisch-deutsches Kind und berichtet von Familientreffen in der Türkei. 

Gegen Ende des Buches beziehen sich ihre Erzählungen besonders auf ihren Beruf als Moderatorin und ihre Erfahrungen, die sie in ihm sammeln kann. Ein besonderer Schwerpunkt liegt hierbei wieder auf dem Dasein sowohl als Türkin als auch als Deutsche, indem sie stetige Vergleiche zwischen beiden Ländern zieht. 

Meiner Meinung nach hat Nazan Eckes mit dem Thema ihres Buches eine sehr wichtige Problematik in unserer Gesellschaft angesprochen und einige bisher ungelöste Probleme bezüglich des Zusammenlebens von Türken und Deutschen in Deutschland erkannt. Zu Anfang war ich ein wenig skeptisch, ob das gewählte Thema der Problematik der Integration in Deutschland nicht schon zu ausführlich besprochen worden sei und deswegen nur noch schon längst erkannte Probleme wiederholt werden würden. Entgegen meiner anfänglichen Skepsis merkte ich jedoch schnell, dass dieses Buch für mich doch noch einmal einen ganz neuen Blickwinkel auf die Situation eröffnen würde.

Da Nazan Eckes aus ihrer persönlichen Erfahrung sowohl als Deutsche als auch als Türkin berichtet, hat sie mein Vertrauen als Leserin nach und nach dafür gewonnen, dass sie die Problematik viel eher bewerten und analysieren kann als ein deutscher Politiker, der generell nur Erfahrungen aus einer der beiden Kulturen gesammelt hat. Sie wirkt mit dem, was sie sagt, sehr authentisch und vermittelt mir das Gefühl, dass ihre Meinung durchaus auch für eine Mehrheit der türkischen Einwanderer in Deutschland stehen kann. 

Allgemein möchte ich gerne betonen, dass mir der einfache und umgangssprachliche Schreibstil sehr gefallen hat. Er passt gut zu den Familiengeschichten und der sehr persönlichen Atmosphäre im Buch. Ich fühlte mich außerdem als Leserin besonders integriert in die Geschichte, da Nazan Eckes immer wieder die deutsche Übersetzung von türkischen Sätzen, Wörtern oder Redewendungen einbringt, was zur multikulturellen Atmosphäre des Buches beiträgt.

Inhaltlich haben mich besonders die Lebensgeschichten von Nazans Eltern fasziniert. Sie werden sehr emotional geschildert, was ihren gemeinsamen Lebensweg als Gastarbeiterpaar noch eindrucksvoller und bewundernswerter macht. Ich denke, es war für Nazan Eckes sehr wichtig, die Geschichte ihrer Eltern in das Buch einzubringen, da ihr Schicksal und die Schwierigkeiten, mit denen sie umgehen mussten, für viele, viele Andere die gleichen sind. Ich würde sogar so weit gehen und sagen, dass sich meine Sicht auf die Verhaltensweisen von vielen Türkinnen und Türken, denen ich im Alltag begegne und bei denen ich früher manchmal die Stirn gerunzelt hätte, nach dem Lesen dieses Buches verändert hat und ich heute mehr Verständnis aufbringen kann.

Ich muss jedoch hinzufügen, dass mir die Schilderung vieler Erlebnisse aus ihrem momentanen Leben, zum Beispiel als Moderatorin und im Zusammenhang mit ihren damit verbundenen Reisen, nicht so gut gefällt. Einerseits, weil sie in meinen Augen nicht so gut in den Gesamtzusammenhang passen und weil andererseits die Ausführungen zu einzelnen Ereignissen, wie zum Beispiel ihr Gastauftritt bei dem türkischen Moderator Beyaz, manchmal viel zu ausführlich sind und mich nach mehreren Seiten ein wenig langweilten.

Ein weiterer Aspekt, der mir nicht so gut gefallen hat, sind die unendlich langen Interviews mit dem Fußballspieler Mesut Özil und der Ministerin Aygül Özkan. Das erste umfasst ganze elf Seiten, die nur nach dem Frage-Antwort-Schema ablaufen, und das ist wirklich deutlich zu monoton. 

Gegen Ende des Buches bringt Nazan Eckes außerdem vermehrt Vorschläge für ein verbessertes Zusammenleben von Ausländern und Deutschen ein, was mir sehr gefällt. Auch wenn diese Vorschläge vielleicht nicht weltbewegend neu sind, erinnern sie mich daran, dass jeder - wann und wie auch immer - selber dafür verantwortlich ist, dass wir eine gute Gesellschaftsform haben, in der sich jeder, egal welche Nationalität er besitzt, wohlfühlt. Dadurch, dass sie aus eigener Erfahrung spricht, wirken ihre Vorschläge sehr realistisch.

Im Großen und Ganzen hat Nazan Eckes mit ihrem Buch „Guten Morgen Abendland“ in meinen Augen also eine sehr berührende und schöne Familiengeschichte geschrieben, die größtenteils sehr flüssig und interessant zu lesen ist. Sie schildert sehr anschaulich den bewegenden Lebensweg ihrer Eltern und ihre Beziehung zu ihren Geschwistern und stellt klare und verständliche Thesen zum Zusammenleben von Türken und Deutschen in Deutschland auf. 

Ich möchte dieses Buch aufgrund dieser Tatsache definitiv weiterempfehlen. Es ist meiner Meinung nach ein Buch für alle Altersklassen, da es weder zu komplex geschrieben noch zu uninteressant erzählt ist. Ich würde es sogar besonders der älteren Generation empfehlen wollen, da ich das Gefühl habe, dass dort sehr häufig noch eingefahrene und alte Vorstellungen von Ausländern in Deutschland herrschen und dieses Buch genau dieses vorverurteilende Denken deutlich einschränken kann. 

Dieses Buch erinnert mich daran, dass man, egal ob Türke oder Deutscher, nie aufhören sollte, aktiv an der Verbesserung unseres Lebensklimas in Deutschland zu arbeiten.  

(Betreut von Anne Sevenich) 

 

 

Empfohlene Zitierweise

Nazan Eckes: Guten Morgen Abendland. Almanya und Türkei - eine Familiengeschichte. lesepunkte 7 (2012), Nr. 3, in: historicum.net, URL: http://www.lesepunkte.de/no_cache/persistent/artikel/9621/

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Erstellt: 12.09.2012

Zuletzt geändert: 12.09.2012